Heu bedampfen, die beste Methode für feuchtes Heu?

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Heu zu befeuchten ist die beste­­ Möglichkeit, Staub aus dem Raufutter zu entfernen. (© Sorge)

Es könnte so schön sein, würden Pferde stets staubfreies Heu gefüttert bekommen. Doch die Realität sieht anders aus. Was tun, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist? Ist Heu bedampfen die Wunderwaffe, um es für das Pferd verträglich zu machen? Und welche Methode ist da die beste? Den zweiten Teil des großen St.GEORG Specials „Heu, Staub, Husten“ der Ausgabe 1/2022 lesen Sie hier.

„Heu nass“ – so steht es an vielen Boxen. Aber: Nass ist nicht gleich nass. Ob Heu bedampfen oder Heu wässern macht einen großen Unterschied. Im Keimgehalt, aber auch beim Fressverhalten und den Nährwerten.

Vollständig Heu zu entstauben geht nicht. Kleinste Teilchen, Pollen, Bruchstücke von Gras oder auch andere Verunreinigungen bleiben nicht aus. Was also tun?

Heu bedampfen: das bringt‘s

Heu bzw. Einstreu generell ist nur ein Faktor, der zur Staubbelastung beiträgt. Selbst gutes Heu, so Beobachtungen der Universität Leipzig, staubt vier- bis sechsmal mehr als Heupellets. Egal ob gesundes Pferd oder Atemwegspatient, Staub ist nichts für Pferdelungen. Kaum ein Stall, in dem nicht Heurationen befeuchtet werden. Entweder wird gewässert, einige sprechen von „waschen“, oder bedampft. Bedampfen hat bei allen wissenschaftlichen Untersuchungen die besten Ergebnisse geliefert. Bakterien und Pilze werden nahezu vollständig durch den 99 Grad heißen Wasserdampf vernichtet. Versuche zeigen, dass derart behandeltes Heu noch 24 Stunden nach Beenden der Bedampfung gefüttert werden kann, ohne dass der Keimgehalt wieder merklich angestiegen wäre. Die Versuche sind stets mit professionellen Geräten durchgeführt worden. Heuproben aus Apparaten „Marke Eigenbau“ wurden gleichfalls untersucht. Die Keimzahlen wurden deutlich gedrückt, die Resultate waren hier aber nicht so gut.

Heu wässern: Vor- und Nachteile

Anders sieht es beim Wässern aus, das grobe Verunreinigungen ausspült. Zieht man ein Heunetz aus einem Bottich, verrät die verbleibende dunkle Brühe, was sonst als Staub möglicherweise den Weg bis in die zarten Lungenbläschen gefunden hätte. Zehnminütiges vollstän­diges Eintauchen von Heu bei einer Wassertemperatur von 16 Grad „wäscht“ viele groben Verunreinigungen aus dem Heu heraus. Wird das feuchte Heu dann nicht direkt verfüttert, stellt die feuchte Umgebung eine Einladung für alle Keime dar, die man doch eigentlich loswerden wollte.

Studie aus 2021

Forschende aus mehreren deutschen Universitäten haben sich des Themas im vergangenen Jahr umfassender an­genommen. Sie wollten nicht nur Keim­gehalt und Nährwerte untersuchen, sondern auch wissen, inwiefern die unterschiedlich behandelten Heusorten die Pferde in ihrem Fressverhalten beeinflussen. Das Heu wurde gewässert, bedampft oder trocken verfüttert. Neben der Bestimmung des Keimmilieus bei unterschiedlichen Temperaturen, 10 und 25 Grad, sowie variabler Lagerungsdauer (sechs, zwölf und 24 Stunden) wurde auch der Umgang der Pferde mit dem Raufutter notiert: Wie sah es mit der Akzeptanz aus? Wie kauten die Tiere?

Feuchtes Heu, egal ob gewässert oder bedampft, wurde generell weniger freudig gefressen, gewässertes am wenigsten. Die Pferde kauten es am längsten – was zunächst ja positiv klingt, denkt man an Abnutzung der Zähne durchs Malmen oder Speichelbildung, gut für Magen- und Verdauung. Die Wissenschaftler von der Martin Luther Universität Halle-Wittenberg und dem Julius Kühne Institut Braunschweig meinen, dass die weichere Beschaffenheit des Futters das Kauverhalten beeinflusst hat. Noch ein Hinweis findet sich in der Zusammenfassung: Wer feuchtes, vermeintlich „sauberes“ Heu auf der Stallgasse lagert, zieht aufgewirbelten Staub förmlich an.

Eine Studie in Großbritannien ging 2014 noch einen Schritt weiter. Primär wurde betrachtet, inwiefern wasserlösliche Kohlenhydrate durch die unterschiedlichen Methoden beeinflusst werden. Aber auch der hygienische Zustand des Heus wurde begutachtet. In diesem Versuch wurde Heu zunächst bedampft, der Keimgehalt ging gegen Null. Wurde dieses Heu anschließend neun Stunden bei 16 Grad eingeweicht, explodierten die Keimzahlen.

Heu bedampfen: Nachteile bei schwerfuttrigen Pferden

Heu bedampfen und wässern verändert nicht nur den Staub- und Keimgehalt. Auch wasserlösliche Kohlenhydrate wie Zucker gehen dabei verloren. Knapp ein Fünftel dieser Kohlenhydrate verliert man beispielsweise beim Bedampfen. Für schwerfuttrige Pferde ein Wert, den man im Hinterkopf behalten sollte. Wer sich fragt, ob sein Pferd ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird, sollte das behandelte Heu untersuchen lassen und nach Absprache mit dem Tierarzt gegebenenfalls einen Blick auf die Blutwerte werfen. 

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Heu bedampfen ist die hygienischste und erfolgreichste Methode, will man es keim- und staubfrei machen. (Foto: galoppfoto.de) (© galoppfoto.de)

Es gibt noch ein feuchtes Futter für Pferde und das ist besser als sein Ruf, sagen viele Tiermediziner, die gegen die schlechte Reputation, die Silage genießt, angehen. „Zu sauer“ seien die gewickelten Ballen. Doch Heulagen mit einem Trocknungsgrad zwischen 50 bis  85 Prozent wie sie typischerweise beim Pferd gefüttert werden, haben ähnliche pH-Werte wie Heu. Pferde mit Equinem Asthma, kommen erfahrungsgemäß gut mit Heulage aus. Im Sommer sollte Heulage innerhalb eines Tages nach Öffnen des Ballens verfüttert werden, im Winter bei Kälte kann er bis zu einer Woche offen liegen.

Generell gilt für Heu und Heulagen: Wichtig ist, dass die Ballen nur aus Gras bestehen, also dass Äste und Erdboden nicht mit in den Ballen gepresst werden. Außerdem, das betonen Wissenschaftler immer wieder, muss bei der Ernte hoch genug geschnitten werden (was eine gute Heuernte auszeichnet und was dafür zu beachten ist, lernen Sie in Teil drei des Specials, der am 28. Januar online kommt).

Ist feuchtes Heu die Ideallösung für alle Asthmatiker? Eine Studie aus Frankreich hat 2018 zwei Pferdegruppen mit Atemwegsproblemen feuchtes bzw. unbehandeltes Heu zum Fressen gegeben. Nach einigen Tagen wurden die Pferde endoskopiert. Proben aus der Lunge (bronchoalveoläre Lavage-
Flüssigkeit, BALF), wurden auf Zytokine untersucht, Eiweiße, die als Botenstoffe Signale zwischen Zellen übermitteln und deren Auftreten Aufschluss über allergene Reaktionen geben können. Trockenes Heu verursachte zwar mehr Schleim, die Abwehrzellen, die in beiden Gruppen (feuchtes und „normales Heu“) nachzuweisen waren, unterschieden sich aber nicht. Fazit: Probieren geht über studieren.

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Die weiteren Teile des Specials mit den Themen „Wie man die Qualität des Heus wirklich richtig einschätzen kann“ und „Wie man gutes Heu produziert“ lesen Sie demnächst hier bei st-georg.de. Alternativ können Sie die physische Ausgabe 1/2022 mit vielen weiteren spannenden Artikeln hier versandkostenfrei bestellen.

Janne Baumann, Laura Becker, Jan Tönjes, Kerstin Wackermann, Dominique Wehrmann

  1. Michael Wenig

    Hallo zusammen,
    ob nasses oder bedampftes Heu, es geht immer doch um Staubfreiheit.
    Wäre da nicht Heulage von Anfang an besser.
    Die anderen Probleme wie Schimmel, Pilze oder dergleichen beiben die selben.
    Nur die meisten PferdebesitzerInnen haben davor Angst wie der Teufel vorm Weihwasser.
    Es wäre doch an der Zeit, die Akzeptanz von Heulage zu steigern.
    Nebenbei haben die Landwirte auch Vorteile bei der Werbung des Futtermittels.
    Herzliche Grüße
    Michael Wenig

  2. Helmold Baron von Plessen

    Die Crux ist doch, dass das Maehgut heutzutage aus betriebswirtschaftlichen Gruenden, auch wenn es vorher gezettet wurde, mittels Ballenpresse zu Hochdruckballen verschnuert wird. Oft auch, um wertvolle Blattververluste zu vermeiden, zu zeitig. Wird es dagegen auf „Schwedenreutern“ fachgerecht „abgehangen“ und danach lose eingefahren, weiterhin luftig und trocken gelagert, bevor es verfuettert wird, werden Defekte, wie sie von Wissenschaftlern bei Hochdruckballen festgestellt wurden, in sehr viel geringerem Masse auftreten. Bewaessertes oder bedampftes Heu wird von Equiden i.d. Regel nicht gut angenommen. Das Meiste landet i.d. Einstreu, was auch unwirtschaftlich und keimfoerdernd ist. Mit Heulage verhaelt es sich m.E. aehnlich. Wer also i.d. gluecklichen Lage ist, sein eigenes Futter an bauen zu koennen, um eine ueberschaubare Anzahl von Pferden zu versorgen, sollte vielleicht einmal den Versuch machen, zu den Methoden der Altvordern bei der Heuwerbung zurueck zu kehren.


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