Nasenbluten beim Pferd: harmlos oder heimtückisch?

Nasenbluten beim Pferd

Nasenbluten tritt bei vielen Krankheiten auf. Ein Tierarzt sollte prüfen, was die Ursache dafür ist. (© www.galoppfoto.de)

„Das sieht meist schlimmer aus als es ist!“ Ein typischer Satz, wenn ein Mensch aus der Nase blutet. Auch beim Pferd kann Nasenbluten eine harmlose Ursache haben, es kann aber auch ein Anzeichen einer gefährlichen Krankheit sein.

Aufrecht hinsetzen, nach vorne beugen und eventuell den Nacken kühlen. So sehen die ersten Maßnahmen aus, wenn ein Mensch aus der Nase blutet. Und beim Pferd?

Es war das Aufregerthema des gestrigen Tages bei Olympia 2021 in Tokio. Der irische Springreiter Cian O’Connor ritt sein Pferd Kilkenny ohne Hindernisfehler durch den Parcours, lediglich mit einem Strafpunkt für Zeitüberschreitung wurde er am Ende Siebter in der Einzelwertung. Mit einem Beigeschmack: sein Schimmelwallach Kilkenny begann ab der dreifachen Kombination, aus der Nase zu bluten. Bis zum Ende des Parcours war schon seine Brust mit Blutsprenklern übersät. Ein Fall für die Blood Rule? Nein. Aber war es ein Risiko für die Gesundheit von Pferd und Reiter, dass O’Connor den Parcours zu Ende reiten durfte, ohne abgeklingelt zu werden?

Tierärztin Dr. Bianca Schwarz, selbstständige Pferdeinternistin sagt: „Bei einer größeren Menge Blut kann je nach Ursache auch eine Gefahr für Pferd und Reiter bestehen, daher wäre es meiner Ansicht nach im Interesse von Pferd und Reiter gewesen, den Parcours vorzeitig zu beenden.“ Und das im Zweifel eben durch das Abklingeln seitens der Richter, die womöglich einen besseren Blick auf das Nasenbluten des Pferdes hatten als der Reiter selbst.

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Die Auslöser von Nasenbluten beim Pferd können nämlich vielfältig sein. Nachfolgend ein Überblick über Ursachen und Sofortmaßnahmen, der zeigt, dass Nasenbluten zwar harmlos sein kann, aber beileibe nicht immer ist.

Nasenbluten beim Pferd: Was ist die Ursache?

Was sollte der Pferdebesitzer als erstes tun, wenn er bei seinem Pferd Nasenbluten bemerkt, und wann muss der Tierarzt kommen? „Das wichtigste im Fall von Nasenbluten ist, das Pferd ruhig zu halten (Box, ruhige Umgebung) und jegliche Aufregung zu vermeiden. Dann sollte der Tierarzt gerufen werden“, rät Tierärztin Dr. Bianca Schwarz, selbstständige Pferdeinternistin. Kleinere Blutungen hören meist von selbst auf, doch bei stärkeren Blutungen (Verlust von mehreren Litern) ist ein Tierarzt nötig, der gegebenenfalls unter dem Auge mit einem eisgefüllten Handtuch das Siebbein kühlt, die Nase auf einer Seite tamponiert oder Medikamente verabreicht und das Pferd in eine Klinik überweisen kann. Damit sich der Tierarzt schnell ein Bild von der Situation machen kann, ist es hilfreich, wenn der Pferdebesitzer ihm bereits am Telefon mitteilen kann, wie viel Blut das Pferd in etwa verloren hat, wie das Blut aussieht, wann die Blutung begonnen hat, ob sie noch anhält, ob aus beiden Nüstern Blut kommt oder ob schon früher Blutungen aufgetreten sind.

So früh wie möglich die Ursache erforschen

„Nasenbluten, das wir Mediziner Epistaxis nennen, ist keine Erkrankung, sondern ein Symptom und kann in Verbindung mit vielen Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege auftreten. Aber auch Erkrankungen, bei denen es zu Gerinnungsproblemen kommt (zu wenige Blutplättchen oder Gerinnungsfaktoren) sind als Ursache möglich“, klärt Dr. Bianca Schwarz auf.

„Da die Prognose bei vielen Erkrankungen mit dem Fortschreiten schlechter wird, empfiehlt es sich so früh wie möglich nach einer Blutung die Ursache zu ermitteln.“ Denn die Gründe für Nasen­bluten sind vielseitig und reichen von harmlosen bis heimtückischen Krankheiten: „Leider ist von außen nicht zu erkennen, welche Ursache das Nasenbluten hat, weshalb auch eine Einschätzung, ob die Blutung harmlos ist, nicht möglich ist. Es bedarf einer weiteren Abklärung mittels weiterführender Untersuchungstechniken,“, erklärt die Tierärztin. „Die wichtigsten Untersuchungsmethoden sind die Endoskopie der oberen und unteren Atemwege sowie eine Röntgenuntersuchung des Kopfes, um zu sehen, woher die Blutung kommt. Zusätzlich können Blutuntersuchungen sinnvoll sein.“

Diese Infos sind für den Tierarzt wichtig!

• Wie viel Blut hat das Pferd in etwa verloren?

• Wann hat die Blutung begonnen?

• Hält die Blutung noch an?

• Ist das Nasenbluten ein- oder beidseitig?

• Ist eine Kopfverletzung zu erkennen?

• Hatte das Pferd schon öfter Nasenbluten?

Verletzungsbedingtes Nasenbluten

Besonders häufige Ursachen für Nasenbluten beim Pferd sind Verletzungen der Nase, der Nasennebenhöhlen und manchmal auch des Hirnschädels – zum Beispiel als Folge von Trittverletzungen auf der Weide. Äußerlich sind diese Verletzungen nicht unbedingt immer zu erkennen. „Eine günstige Prognose liegt meist bei einer Verletzung der Nasennebenhöhlen vor, wenn diese nicht mit einer gleichzeitigen Schädelfraktur verbunden ist“, weiß Dr. Bianca Schwarz.

Luftsackmykose

Leichte Blutungen können harmlos sein, doch es könnte sich auch um die erste, nur harmlos wirkende Blutung einer Luftsackmykose handeln – eine heimtückische Krankheit, bei der schnelles Handeln entscheidend ist. Bei der Luftsackmykose werden die Strukturen der Luftsäcke, die sich hinter der Schädelbasis und dem ersten Halswirbel befinden (siehe Zeichnung Seite 98), durch einen Pilz geschädigt. „Der Pilz „frisst“ sich in die Schleimhaut, kann dann auch Nerven und Blutgefäße (durch den Luftsack laufen sehr viele Nerven und große Arterien) schädigen, so dass es zu lebensbedrohlichen Blutungen oder auch Nervenausfällen kommen kann.“ Das Pferd ist dann manchmal nicht mal mehr in der Lage zu schlucken.

Typisches Symptom bei dieser Krankheit ist, dass das Nasenbluten plötzlich und in der Ruhe beginnt. Meist handelt es sich um Blutungen, die immer wieder über Tage hinweg vorkommen. Zwischen der ersten, oft harmlos aussehenden Blutung und der zum Schluss stark auftretenden Blutung, bei der das Pferd verbluten kann, liegen meist nicht mehr als drei Wochen.

Betroffen von der Krankheit sind Pferde unterschiedlichster Rasse, jeden Alters und jeden Geschlechts. Einige Tierärzte berichten, dass betroffene Pferde oft aufgestallt waren und dass es vermehrt in den Sommermonaten zum Auftreten der Luftsackmykose kam. Ein direkter Zusammenhang zwischen schimmeligem Stroh oder Heu und dieser Erkrankung ist Dr. Bianca Schwarz jedoch nicht bekannt – wobei schimmeliges Futter natürlich grundsätzlich aussortiert gehört. „Bei der Luftsackmykose handelt es sich meist um Schimmelpilze (Aspergillus­arten), die überall in der Umwelt des Pferdes vorhanden sind“, erklärt die Tierärztin.

Eine Standardtherapie, wie eine Luftsackmykose behandelt werden soll, gibt es nicht – und auch eine Therapie kann immer mit lebensbedrohlichen Komplikationen einhergehen. Häufig wird eine Luftsackmykose mit Medikamenten behandelt, die den Pilz abtöten sollen, oder das Pferd wird operiert – letzteres führt oft zu einem besseren Rückgang des Pilzes als eine rein medikamentöse Therapie. Die betroffenen Arterien werden dabei chirurgisch verschlossen. Die Chance, eine Luftsackmykose zu überleben, stehen 50 zu 50 – vor einigen Jahren ist der Holsteiner Hengst Quiwi Dream, der im Parcours bis auf Viersterne-Niveau siegreich war, an der Krankheit verstorben. Etwa die Hälfte der Pferde stirbt durch Verbluten. Eine gute Prognose haben vor allem die Tiere, bei denen die Krankheit schnell entdeckt wurde und die am besten schon nach der ersten Blutung operiert wurden.

Siebbeinhämatom

Blutungen über mehrere Wochen und Monate hinweg können auf ein Siebbeinhämatom hinweisen. Die Siebbeinmuscheln liegen im Inneren des Kopfes, von vorne betrachtet etwa auf der Höhe zwischen den beiden Augen.

Typisch für Blutungen, die durch Siebbeinhämatome entstehen, ist, dass das Nasenbluten spontan auftritt und das Blut meist aus einer Nüster tropfenweise kommt – manchmal mischt sich auch Eiter dazu. Tierärzte berichten in Fachmagazinen, dass in einzelnen Fällen die Blutungen durch körperliche Belastung ausgelöst werden konnten. Auch Kopfschütteln, Scheuen und übelriechende Atemluft sind Anzeichen. Ansonsten zeigen sich die Pferde aber recht normal.

Ursache für diese Blutung ist ein langsam wachsender Tumor, der von den Strukturen des Siebbeinlabyrinths ausgeht und so groß werden kann, dass er bis in den Nasen-, Kiefer- und Stirnhöhlenbereich reicht und angrenzendes Gewebe schädigt. Mit dem Endoskop kann der Tumor gesehen werden, mittels Röntgen oder Computertomografie kann man das Ausmaß gut abschätzen. Dies ist auch hilfreich für die Therapie, denn ein Siebbeinhämatom wird chi­rurgisch entfernt – ein nicht ganz risikoloser Eingriff, da starke Blutungen auftreten können. Wenn der Tumor jedoch ganz entfernt werden konnte, können Pferde nach der Operation wieder symptomfrei sein und manche sogar wieder sportlich genutzt werden. Da der Tumor sich wiederbilden kann, wenn er zuvor sehr groß gewesen war oder nicht vollständig entfernt werden konnte, sollte alle drei bis sechs Monate eine endoskopische Kontrolle erfolgen.

Lungenbluten bei Höchstleistungen

Eine spezielle Form des Nasen­blutens tritt überwiegend bei Rennpferden auf, seltener bei Freizeitpferden beim Herumtoben auf der Weide oder etwa auf der Jagd: das belastungs­assoziierte Lungenbluten. Bei extremer körperlicher Anstrengung steigt im Lungenkreislauf der Blutdruck so stark an, dass die kleinen Blutgefäße diesem Druck nicht immer standhalten und sich Risse bilden können. Das Blut läuft bei Lungen­bluten meist schäumend-hellrot aus der Nüster. Meist ist die Blutung nicht so stark und hört recht schnell wieder auf, in seltenen Fällen ist sie sehr stark oder dauert mehrere Wochen. „Kommt eine Blutung aus der Lunge, kann dies natürlich auch Folge eines Fremdkörpers oder einer Tumorerkrankung der Lunge sein. Auch dies ist von außen nicht zu diagnostizieren sondern bedarf einer Endos­kopie“, fügt Dr. Schwarz hinzu. 

Seltenere Ursachen für Nasenbluten beim Pferd

Auch die Equine Infektiöse Anämie, eine Virus-Erkrankung, die auch ansteckende Blutarmut genannt wird und gemeldet werden muss, kann mit Nasenbluten einher­gehen. Eindeutigere Symptome der Krankheit sind jedoch im akuten Fall wie auch beim chronischen Verlauf Fieber und ein gestörtes Allgemeinbefinden des Pferdes (Teilnahms­losigkeit, schwankender Gang, Koliksymptome). Der Tierarzt muss bei Verdacht sofort einen Test machen, da betroffene Pferde  getötet werden müssen.

Wer ein Pferd besitzt, das aus dem Ausland importiert wurde, sollte im Hinterkopf haben, dass Nasenbluten auch ein Symptom der seuchenhaften, anzeigenpflichtigen Erkrankung Rotz ist. Dabei bilden sich in der Schleimhaut der oberen Luftwege und Lunge Geschwüre, die zu Blutungen führen können. In Westeuropa und Nordamerika gilt diese Krankheit als ausgerottet, in anderen Ländern z. B. Türkei oder Brasilien grassiert sie jedoch noch teilweise.

Zur Expertin Dr. Bianca Schwarz

privat

Dr. Bianca Schwarz (© privat)

Dr. Bianca Schwarz ist Europäische Spezialistin für Innere Medizin des Pferdes und arbeitet als Pferdeinternistin, mit Schwerpunkt Beratung, im Saarland.

www.pferdeinternist.de