PSSM2 beim Pferd – die Trainings-Intoleranz

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Manchen Pferden merkt man PSSM2 gar nicht unbedingt an. Sie zeigen sich nur unmotiviert oder kraftlos. (© www.slawik.com)

Unmotiviert, kraftlos, Muskeldellen oder ataktisch – PSSM2 hat viele Gesichter. Mitunter treten bei diesen Muskelkrankheiten gar keine Symptome auf, manchmal sind sie aber schwerwiegend. Viel diskutiert wird über den PSSM2-Gentest und dessen Folgen für die Zucht. Ein Beitrag eines Specials aus der St.GEORG-Ausgabe 5/2021.

Eigentlich sollte es ein nur ein kurzer Besuch zum Impfen werden, doch als Dr. Peter Richterich von der nordrhein-westfälischen Pferdepraxis Boyenstein bei seiner neuen Kundin in den Stall kommt, trifft er auf eine Pferdebesitzerin, deren Sorgen sich aktuell weniger ums Impfen drehen. Seit mehr als zwei Jahren mag ihr Wallach nicht mehr galoppieren. Durch die ganze Republik ist sie mit ihrem Pferd schon gereist und hat verschiedenste Kliniken aufgesucht. Doch auch CT, Szintigrafie und andere Diagnosemöglichkeiten brachten die Ursache nicht ans Licht.

Dr. Peter Richterich ahnt nichts von der langen Odyssee, die die Pferdebesitzerin hinter sich hat. Ihm fällt beim Impfen allerdings auf, dass das Pferd vom Aussehen her typische Anzeichen von PSSM2 zeigt. „Die Oberlinie des Wallachs war nicht schön aufgebaut, außerdem hatte er Muskeldellen im Bereich des Schulter­gürtels. Die Muskeln an der Lende waren fester als andere Muskeleinheiten und außerdem war im Bereich der Kruppe eine Art hohle Stelle zu erkennen“, erklärt der Tierarzt, der sich seit Jahren intensiv mit dem Thema PSSM2 aus­einandersetzt.

Mit den beiden Tierärztinnen Dr. Jessika Briese und Dr. Sabine König aus Berlin/Brandenburg sowie Dr. Eva-Maria Saliu, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Tierernährung an der Freien Universität Berlin, und dem Neuro­pathologen Prof. Thomas Bilser aus Lever­kusen hat er eine Arbeitsgemeinschaft gegründet, um mehr über PSSM2 heraus­zufinden – denn PSSM2 ist so vielschichtig, dass noch viele Fragen im Raum stehen.

Was ist eigentlich PSSM2?

PSSM steht für Polysaccharid Speicher Myopathie, also eine fehlerhafte Einlagerung von Zucker in den Muskeln. PSSM1 tritt vor allem bei Kaltblütern und Quarter Horses auf. Durch einen Gentest kann die Krankheit erkannt und entschieden werden, ob sich die Tiere für die Zucht eignen. Während es sich bei PSSM1 um eine einzelne Krankheit handelt, werden unter dem Begriff PSSM2 verschiedenste Muskelkrankheiten zusammengefasst. Ursache für die Probleme ist bei ihnen nicht eine fehlerhafte Zucker­einlagerung, sondern ein Defekt in der Muskel­struktur – ein besserer Begriff wäre daher Equine Myopathie.

Da der Name PSSM2 aber gängiger ist, bleibt man bei diesem Terminus. Betroffen sind alle Rassen. Aber insbesondere leicht bemuskelte, edlere und höher im Blut stehende Pferde leiden verstärkt darunter. PSSM2 wird meist in einem Alter von etwa sieben bis zehn Jahren diagnostiziert, die ersten leichten, unerklärlichen Symptome treten aber oft schon im Alter von drei bis fünf auf.

PSSM2 hat verschiedenste Symptome

Die Symptome, die mit PSSM2 einher­gehen, treten auch bei anderen Krankheiten auf. Verspannte Muskeln, Kreuzverschlag, Muskel­abbau, Muskeldellen sind nur einige der typischen Kennzeichen von PSSM2. Manche Pferde werden ataktisch oder neigen zum Hahnentritt. Bei anderen treten Auffällig­keiten auf, die mit Fütterungs- oder Trainingsproblemen in Verbindung gebracht werden. Wie zum Beispiel die „Trainings­intoleranz“, die gerade bei gut gehaltenen und trainierten Pferden vorkommt. Die Tiere machen einfach nicht mehr so mit oder haben nach einer gewissen Zeit nicht mehr genügend Kraft. Ein Pferd, das optimal gefüttert und gehalten wird, zeigt unter Umständen niemals Symptome, obwohl es betroffen ist. Von seinen drei Kolleginnen der AG hat Dr. Peter Richterich zudem gelernt, dass auch Verdauungsprobleme bei PSSM2 auftreten können. „Ich habe PSSM2 vor allem mit Bewegungsstörungen kennengelernt. Die beiden Ärztinnen hatten jedoch häufiger mit vergrößerten Mägen und Krampfkoliken zu tun.“ Aktuell sitzen die Tierärzte an einer Publikation, die sich den Folgen von PSSM2 auf den Magen-Darm-Trakt widmet. 

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Typische Symptome

● Schmerzen

● Sattelzwang

● allgemein schlecht bemuskelt (am deutlichsten an der Hinterhand)

● Muskelschwund an bestimmten Stellen, überwiegend an Hals, Schulter, Kruppe (kleine Einbuchtungen, die wie Trittspuren aussehen können)

● unklare Lahmheiten

● steifer Gang, ataktisch oder Hahnentritt

● wenig Lust vorwärts zu gehen, faul

● beim Freilaufen oft hoppelnder Galopp 

● Kreuzgalopp oder häufiges Umspringen

● Taktverlust im Schritt

● schlecht über den Rücken gehen

● bei weiter ausgebildeten Pferden: ­Probleme bei der Versammlung

● Probleme beim Schmied, die Hinterbeine hoch zu halten

● Verdauungsstörungen, Magenvergrößerung

Dem Problem auf der Spur

Die Besitzerin des Wallachs, der nicht galoppieren will, ist skeptisch, dass Dr. Peter Richterich mit bloßem Auge das Problem erkannt haben will. Dennoch willigt sie ein, einen Bluttest machen zu lassen. „Bei PSSM2 lassen sich teilweise geringgradige Abweichungen festellen. In diesem Fall war es so“, berichtet der Tierarzt. Oftmals sind bei PSSM2 allerdings keine deutlichen Veränderungen bei den Blutwerten zu erkennen. ­Einige Tierärzte wie Dr. Peter Richterich raten dann zu einem Gentest. 

Die US-amerikanische Firma EquiSeq forscht seit 2015 zu PSSM2 und hat mittlerweile mehrere Genvarianten identifiziert, die zu Defekten in der Muskelstruktur oder deren Funktion führen. In Deutschland hat die Firma Generatio GmbH/CAG (Center for Animal Genetics) die Lizenz für den von EquiSeq entwickelten Gentest gekauft. Seit 2018 kann man dort sein Pferd mit dem Myopathie-Panel auf PSSM2 testen lassen, das etwa 300 Euro kostet. Dazu müssen Mähnen-/Schweifhaare mit Wurzel eingeschickt werden, zwei bis drei Wochen später erhält man das Ergebnis. 

Im Gegensatz zu PSSM1 ist bei PSSM2 nicht nur ein Gen betroffen, es können mehrere sein. Bei Generatio testet man aktuell auf sechs verschiedene Genvarianten: MYOT, FLNC, MYOZ3, PYROXD1, COL6A3 sind die Gene, in denen die Varianten P2, P3, P4, P8 bzw. K1 zu finden sind. Um diese Genvarianten zu entdecken, haben die Forscher zunächst Vergleiche mit Gendefekten beim Menschen herangezogen. „EquiSeq führte­ eine Ganzgenomsequenzierung an einer großen Anzahl von symptomatischen Pferden durch und untersuchte spezifische Gene, die mit Muskelkrankheiten beim Menschen in Verbindung stehen“, erklärt die wissenschaftliche Leiterin von Generatio, Dr. Melissa Cox. „Die Varianten P2, P3, P8 und K1 werden alle in Genen gefunden, die für Formen von Muskeldystrophie (erblich bedingter Muskelschwund) im Erwachsenenalter beim Menschen ursächlich sind. MYOZ3, das Gen, in dem P4 vorkommt, ist noch nicht mit einer menschlichen Muskeldystrophie assoziiert, aber es ist ein Kandidatengen für sogenannte Orphan-Muskelerkrankungen. Die Px-Variante in CACNA2D3 ist mit dem wiederkehrenden Kreuzverschlag assoziiert, aber es ist noch nicht klar, warum sie das Problem bei einigen Pferden verursacht und bei anderen nicht, oder ob sie einfach mit einer Muta­tion in einem anderen Gen verbunden ist (in unmittelbarer Nähe), die das Problem verursacht.“ Dr. Cox geht davon aus, dass längst noch nicht alle Genvarianten entdeckt wurden. „Für neuromuskuläre Erkrankungen­ beim Menschen sind insgesamt über 370 Gene identifiziert worden, oft mit Mehrfachmutationen. Die jetzigen, die wir beim Pferd entdeckt haben, sind schon hilfreich, aber wir wissen, dass das noch nicht alles ist.“ 

An diesen Stellen wirken sich die Genvarianten aus

Illustration/Adobe

Wer sein Pferd auf PSSM2 testen lässt, wird mit verschiedensten Begriffen konfrontiert. Eine kurze Beschreibung, was hinter den Begriffen steht und welche Aufgaben die Gene haben, auf denen die Varianten sitzen:

MYOT (Myotilin, Variante P2), FLNC (Filamin C, Variante P3) und MYOZ3 (Myozenin 3, Variante P4) beeinflussen die kleinsten Einheiten einer Muskelfibrille, die Sarkomere. Dort werden eingehende Signale in Muskelbewegung übertragen.
Bei einer Anspannung des Muskels wird das Sarkomer kürzer, bei einer Dehnung länger. Diese drei Genveränderungen zählen zu den Myofbrillären Myopathien (MFM).

CACNA2D3 (Ca2+-Ionen, Variante Px) greift in die Regulierung der Kalzium-Konzentration im Muskel ein. Steht im Zusammenhang mit dem wiederkehrenden Kreuzverschlag (RER). Zudem verstärkt PX die Symptome der anderen Gen-Veränderungen.

PYROXD1 (Pyridinnukleotid-Disulfid-Oxidoreduktase-Domäne 1, Variante P8):
körpereigene Antioxi­–
dantien im Sarkomer, die freie Radikale einfangen und somit Gewebeschäden wie auch Entzündungen vermeiden.

COL6A3 (Kollagen Typ VI, alpha 3, Variante K1): ­Hauptprotein im Binde­gewebe, das alles zusam­menhält und für die ­Elastizität des Muskels sorgt. 

Umstrittener Gen-Test

Bevor es einen PSSM2-Gentest gab, ließ sich die Krankheit nur durch eine Muskelbiopsie diagnostizieren – und dieser Ansatz ist für manche Tierärzte immer noch der einzige Weg, denn der Gentest für PSSM2 spaltet die Lager. Es existiert eine wissenschaftliche Abhandlung aus den USA von Stephanie Valberg darüber, dass es keinen signifikanten Zusammenhang zwischen der histo­pathologischen Diagnose (Muskelbiopsien) von PSSM2-­Pferden und den kommerziellen Gentestvarianten P2, P3 und P4 bei Warmblütern und Arabern gibt. Die Autorin rät von der Verwendung der Gentests für die Selek­tion zur Zucht, die Ankaufsuntersuchung oder die Diagnose einer Myopathie ab. 

„Da es noch nicht in einer von Experten­ begutachteten Zeitschrift veröffentlicht wurde, argumentieren einige, dass die Tests nicht validiert sind. Das Wort ,Validierung‘ hat jedoch viele verschiedene Facetten“, erklärt Dr. Melissa Cox. „Die Tests wurden in mehreren Labors experimentell validiert, wobei die genetischen Varianten konsistent erkannt wurden. EquiSeq betreibt primäre Forschung, um die biochemische Validierung zu zeigen: die Auswirkungen, die jede Variante auf eine Zelle und ihre Funktionen hat. Dies nimmt viel Zeit in Anspruch, da es oft die Untersuchung der Auswirkung der Mutation in anderen Spezies und in In-vitro-Assays beinhaltet.“ Die klinische Validierung sei im Gange, sei aber alles andere als einfach, so die Genetikerin. Mehrere Gene, Umweltfaktoren wie Ernährung und Bewegung, Hormone usw. müssten alle zusammen bewertet werden. „Studien, die Biopsien und genetische Varianten in einer kleinen Anzahl von symptomatischen oder ,normalen‘ Pferden vergleichen, sind absolut unzureichend, um eine solch komplexe Frage zu untersuchen.“ Generatio arbeitet u.a. mit Tierärzten und den größten Warmblutzuchtverbänden in Deutschland zusammen, um solche Fragen zu klären. Darüber hinaus rekrutiert das Leatherdale Equine Center der Universität von Minnesota Proben von Pferden aus der ganzen Welt mit und ohne Symptomen einer Muskelerkrankung, um weitere dieser komplexen Daten zu sammeln und zu analysieren. Im März haben die Pferdezuchtverbände Holstein, Trakehner, Hannoveraner, Oldenburger und Westfalen beschlossen, umfassendes Genmaterial für Forschungszwecke einem Projekt der International Association of Future Horse Breeding (IAFH) zur Verfügung zu stellen. Die IAFH kooperiert mit Generatio. 

Dr. Richterich versteht das Dilemma um die Validierung nur zu gut. „Eine Validierung ist aus meiner Sicht schwierig, da die Datengrundlage bei PSSM2 noch nicht ausreichend ist und viele Probleme unter einem Namen zusammengefasst werden.“ Er veranschaulicht dies am Beispiel Warmblood Fragile Foal Syndrome (WFFS): „Dort kann man die Gene von eindeutig gesunden Fohlen mit kranken Fohlen vergleichen, denn die Krankheit ist sehr offensichtlich. Ob ein Pferd aber PSSM2 hat, ist nicht immer einfach zu erkennen.“ 

Kritiker des Gentests bemängeln, dass manche der Pferde, die positiv auf PSSM2 getestet wurden, keinerlei Symptome zeigen und sportlich erfolgreich sind. Das ist aus Sicht von Dr. Melissa Cox und Dr. Peter Richterich allerdings typisch für diese Krankheit. „Pferde, die die Anlage für PSSM2 in sich tragen, zeigen zum Teil keine Auffällig­keiten, andere haben leichte, manche schwere Symp­tome“, erklärt der Tierarzt. Und jede Variante wirkt sich auch anders aus. „Die Genvariante Px macht Warmblütern relativ wenig Probleme, Vollblütern hingegen schon. P3 ist in der Warmblutzucht ebenfalls weniger dramatisch, dafür aber in der Quarterzucht.“ Dr. Peter Richterich ist überzeugt davon, dass die PSSM2-Gentests dazu beitragen, betroffenen Pferden durch eine entsprechende Therapie zu helfen und auch züchterisch das Problem anzugehen. „Ich bin ein Freund von Tests“, gesteht er, „und ich war auch einer der ersten, die bei WFFS auf Gentests gedrängt haben. Meiner Meinung nach hätte man auch bei WFFS viel früher eingreifen sollen.“

Was bedeutet ein positiver Gentest für den Zuchteinsatz?

Die von Generatio deklarierten Genvarianten P2, P3, P4 und Px werden unvollständig-autosomal-dominant/semidominant vererbt: Die Krankheit tritt auf, wenn eine (n/P) oder beide Kopien des Gens (P/P) von der Variante betroffen sind. Je mehr Genvarian­ten ein Pferd in sich trägt, desto eher wird es symptomatisch und desto stärker werden die Symptome ausfallen. Bei drei bis vier Varian­ten wird das Pferd höchstwahrscheinlich sehr viele und starke Symptome haben und es ist sehr unwahrscheinlich, dass es sportliche Höchstleistungen bringt. Es gibt aber auch Pferde, die eine oder zwei Varianten in sich tragen, und hoch erfolgreich im Sport gehen.

Zuchttiere, die Genvarianten in sich tragen, sind ohne Tests meistens schon jahrelang im Zuchteinsatz. Sollten Züchter also frühzeitig testen und Pferde mit einer Variante aus der Zucht nehmen? Und damit wertvolle Hengste ausschließen? „Alle betroffenen Pferde aus der Zucht zu nehmen, ist nicht sinnvoll!“, glaubt Dr. Melissa Cox. „Wenn man ein Top-Pferd hat oder ein besonderes Tier, das zwar Anlagenträger ist, aber ansonsten gesund, so ist es nicht sinnvoll, mit diesem Tier nicht zu züchten. Man sollte dann aber darauf achten, dass man dieses mit einem Tier anpaart, das negativ getestet wurde, und aufmerksam bezüglich der Symptome sein. Hat man als Züchter zwei Tiere mit gleicher Abstammung und nur eines davon ist von PSSM2 betroffen, wäre es vielleicht richtig, eher mit dem nicht betroffenen Pferd zu züchten. So könnte man schrittweise über die Zeit weniger Genvarian­ten züchten.“ Außerdem spielt es aus Sicht der Genetikerin auch eine Rolle, von welchen und von wie vielen Varianten das Pferd betroffen ist – Px macht meistens keine größeren Probleme, ist aber ein Turbo­booster für die anderen Genvarianten. Zeigt ein Pferd Symptome, sollte mit ihm sowieso nicht gezüchtet werden, so Dr. Cox, allein aus Tierschutzgründen – egal ob Hengst oder Stute. Immer wieder werden jedoch Pferde, die unrittig sind, weil sie z. B. Hinterhandprobleme haben, zum Züchten eingesetzt. „Nun sieht man, dass auch der Nachwuchs diese Pro­bleme hat – das ist eben Genetik. Heute muss man sagen: We know better, we do better.”

Dr. Peter Richterich züchtet selbst Trakehner und erwartet dieses Jahr vier Fohlen. Ihm ist es ein großes Anliegen, dass Pferde auf PSSM2 getestet werden. Dennoch würde auch er nicht rigoros alle Pferde mit einer Genvariante von der Zucht ausschließen. „Es gibt Anlagenträger, die führen bei ihren  Nachkommen immer wieder zu den gleichen Symptomen und es gibt betroffene Zuchttiere, deren Nachwuchs gar keine Symptome hat. Zudem habe ich die Erfahrung gemacht, dass Pferde mit einem stabilen Fundament also starken Gelenken, guter Fesselung etc. eine so gute „Stoffwechselleistung“ im Muskel haben, dass sie die Probleme, die mit PSSM2 einhergehen, abpuffern können und leistungsfähig sind. Man muss sich das Gesamtpaket ansehen und nicht nur den Gentest! Uns fehlt noch die Datengrundlage, um bestimmte Anlagen­träger aus der Zucht auszuschließen.“ Er schätzt, dass etwa die Hälfte aller Warmblüter die veränderten Gene in sich tragen.  

So wird PSSM2 veerbt

Die PSSM2-Varianten P2, P3, P4 und Px werden unvollständig-autosomal-dominant/semidominant vererbt.

Autosomal bedeutet, dass sich die Veränderung des Erbguts auf einem geschlechtsunabhängigen Chromosom befindet. Dass die Krankheit dominant/semidominant vererbt wird, heißt, dass Pferde mit einem oder zwei veränderten Allelen (Genvarianten) betroffen sind.

Unvollständig bedeutet in diesem Zusammenhang, dass Tiere mit nur einer Kopie der Variation (n/P) meist eine mildere Form der Erkrankung und einen späteren Krankheitsausbruch zeigen als Tiere mit zwei Kopien (P/P).

Die Krankheit tritt auf, wenn eine oder beide Kopien des Gens (n/P oder P/P) von der Mutation betroffen sind. Pferde mit einer Veränderung (n/P) erkranken meist später und weniger schwer als Pferde mit zwei Veränderungen (P/P). Ein Pferd kann auch eine Kombination mehrerer Varianten tragen. Diese Kombinationen mehrerer Variationen führen zu einem schwereren Krankheitsverlauf und einem früheren Auftreten der Symptome.

Generatio

 

Auch Hormone spielen eine Rolle

Es scheint ein Fass ohne Boden zu sein, wenn man betrachtet, welche Faktoren eine Auswirkung darauf haben, wie stark sich PSSM2 bemerkbar macht. Dr. Peter Richterich hat festgestellt, dass Stuten, die die Varianten Px und P4 tragen, sich während der Rosse besonders zickig verhalten. Grund hierfür ist der in der Rosse ansteigende Östrogenspiegel. Östrogen hat einen negativen Einfluss auf den Muskelstoffwechsel. „Stuten mit Px und P4, die regelmäßig rossen, sind gefährdeter, die Krankheit schon in einem Alter von drei bis vier Jahren zu entwickeln. Ich habe sogar schon Stuten erlebt, die mit Einsetzen der Geschlechtsreife erkrankten“, berichtet der Tierarzt. In solchen Fällen hat er gute Erfahrungen mit Progestagenen (z. B. Regumate) gemacht, welche einen anabolen Charakter haben, also muskelaufbauend wirken. Wallache mit den Varianten Px und P4, die früh kastriert wurden, können gut durchkommen und erst in einem Alter von zehn oder elf Jahren erste Symptome zeigen. Wurden sie spät kastriert (vier- bis fünfjährig), so fällt auf, dass sie oft gar keine Symptome zeigen, egal wie sie gehalten und trainiert wurden, berichtet der Tierarzt. Der Grund: Im Körper dieser Wallache konnte sich lange Zeit viel Testosteron bilden. Dies ist ein massives Anabolikum, das den Muskel­aufbau und -stoffwechsel fördert und daher bei Hengsten in der Regel bei bestimmten Varianten mit Symptomfreiheit einhergeht.  

PSSM2-Pferde trainieren

Wie schlimm sich PSSM2 auf ein Pferd auswirkt, hängt aber nicht nur von den körpereigenen Faktoren wie den Genen und Hormonen ab, sondern auch davon, wie das Pferd gehalten, trainiert und gefüttert wird. Und hier setzt auch die Therapie an. PSSM2 ist nicht heilbar, die meisten betroffenen Pferde profitieren allerdings stark von einer angepassten Fütterung und Haltung sowie regelmäßigem Training. „PSSM2-Pferde sollten zu Beginn des Trainings ausreichend Schritt geritten werden, damit sich die Muskeln aufwärmen können“, rät Tierarzt Dr. Peter Richterich. Außerdem sollte sich die Ausbildung an dem Alter des Pferdes orientieren, also an der Skala der Ausbildung, und zudem abwechslungsreich und vielseitig sein. „Wenn eine Übung nach fünf Minuten klappt, dann kann man auch mal aufhören und eine Runde ins Gelände reiten.“ Das stimuliert die Muskulatur. Aufrichtung oder Lektionen, die den Rücken belasten, sollten bei PSSM2-Pferden zunächst vorsichtig verlangt und geübt werden. In einer Studie aus dem Jahr 2018, an der auch Stephanie Valberg beteiligt war (die auch die Gentests untersucht hat), berichten 80 Prozent der PSSM2-Warmblut-Besitzer über eine Gesamtverbesserung dank eines entsprechenden Diät- und Trainingsregimes – Probleme beim Vorwärtsgehen und bei der Versammlung hielten allerdings bei einem Drittel an. Das Training hatten die Teilnehmer der Studie folgendermaßen angepasst: 42 Prozent erhöhten die Häufigkeit des Trainings in der Woche, 32 Prozent der Befragten erhöhten die Zeit, in der das Pferd im Freien stand, und 13 Prozent verringerten sowohl die Reitzeit als auch das Intensitätsniveau. Darüber hinaus erhöhten 71 Prozent der Befragten die Dauer des Aufwärmens, 65 Prozent begannen, Pausen während des Ritts einzuplanen, und 67 Prozent führten Dehnungsübungen durch, stellten die Pferde lang und tief ein.

Spezielle Fütterung hilft bei PSSM2

Bei der Fütterung von PSSM2-Pferden gilt: Kohlenhydrate einsparen, um den Muskelstoffwechsel mit weniger Glykogen zu belasten, stattdessen mehr wertvolle Proteine füttern und Energie über Öl zuführen. Muskeln bestehen zu etwa 20 Prozent aus Proteinen, also aus Eiweiß. Dieses ist sowohl für den Aufbau, als auch für den Erhalt und die Reparatur der Muskulatur nach dem Training wichtig. „Doch in unseren Gräsern sinkt der Eiweißgehalt. Pferde, die PSSM2 haben, leiden daher doppelt unter dem Eiweißmangel“, weiß Dr. Katharina Ros vom Pferde-Zahn-Zentrum Döhle, die sich nicht nur intensiv mit Zahnkrankheiten, sondern auch Weidewirtschaft, Ernährung und PSSM2 beschäftigt. Als gute Proteinquellen haben sich Luzerne, Hanf und Esparsette erwiesen, die zudem auch einen sehr günstigen Rohfaseranteil besitzen. 

Auf der Datengrundlage von 3500 Pferden, die er mit seiner AG gesammelt hat, hat Dr. Peter Richterich ein PSSM2-Futter entwickelt, das den Muskelstoffwechsel stimuliert und reguliert. Enthalten sind darin Vollfettsojabohnen, Traubenzucker (reduzierter Anteil), Mariendistelsamen und Natriumchlorid. Die Vollfettsojabohnen sind reich an essenziellen Amino- und Fettsäuren und zudem ein guter Energieträger. Trauben­zucker ist ein einfach gebauter Zucker, den das Pferd in dieser geringen Menge ohne große Belastung verdaut. Sein großer Vorteil: Er sorgt dafür, dass Vitamin D und C besser in die Körperzellen gelangen. Natriumchlorid verbessert die Nährstoff­aufnahme im Dünndarm. Mariendistelsamen wirken leberschützend und leberzellregenerierend, gallenflussfördernd, stoffwechsel­anregend und entgiftend. 

Wie schnell und gut sich eine spezielle PSSM2-Fütterung auswirkt, erleben Dr. Ros und Dr. Richterich immer wieder. „Ich kann mich noch gut an ein Grand Prix Pferd erinnern, das mir vorgestellt wurde, weil es in der zweiten Prüfung nicht mehr genug Kraft hatte und abgenommen hat“, erzählt Dr. Katharina Ros. Auf Verdacht änderte sie das Futter so wie bei einem PSSM2-Patienten. „Vor allem mehr Vitamin E- und Selen sind wichtig, da unsere Gräser diese nicht mehr ausreichend enthalten“, erklärt die Tierärztin und rät dazu, sich die genaue Menge der enthaltenen Nährstoffe eines Zusatzfutters anzusehen und auf die Bioverfügbarkeit der Nährstoffe zu achten. „Statt viel Hafer und Heu bekam das Pferd Luzerne, Selen und viel Vitamin E – für eine Woche lang die doppelte Dosis der empfohlenen Menge.“ Es funktionierte: Das Pferd muskelte stark auf, lief stabil und wurde nervlich wesentlich ruhiger. Eine Erfahrung, die die Tierärztin sehr häufig macht. „Immer wieder habe ich Reiter, die darüber klagen, dass ihr Pferd faul oder steif ist und eine extrem lange Aufwärmphase hat. Stellt man die Fütterung um, sind die Pferde viel rittiger.“ Auch die Besitzerin des Wallachs, der nicht galoppieren wollte, meldete sich fünf Tage nach Dr. Peter Richterichs Besuch bei ihm: „Sie rief ganz ungläubig an, dass ihr Pferd das erste Mal seit zwei Jahren wieder galoppiert ist“, berichtet er. Mittlerweile sind fünf Monate seit der Futter­umstellung vergangen und der Wallach ist wieder normal reitbar. 

Unsere Experten

privat

Dr. Peter Richterich,sStudierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen, seit 2011 Fachtierarzt für Zuchthygiene & Biotechnologie der Fortpflanzung, seit 2013 auf Boyenstein. (© privat)

 

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Dr. Melissa Cox, wissenschaftliche Leitung der Firma Generatio, promovierte auf dem Gebiet der Genetik an der Texas A&M Universität, ihr aktueller Schwerpunkt: vergleichende Tiergenetik.  (© privat)

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Dr. Katharina Ros, approbierte an der Veterinär­medizinischen Fakultät der Universität Gießen, zwischen 2007 und 2016 besaß sie das Pferde-Zahn-Zentrum Riedmühle. Seit 2017 betreibt sie das Pferde-Zahn-Zentrum Döhle.  (© privat)

www.pferdepraxis-boyenstein.de,

www.pzz-doehle.de

www.centerforanimalgenetics.com