Gabriele Pochhammer: persönliche Momente mit dem großen Harry Boldt

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Gabriele Pochhammer, Herausgeberin St.GEORG (© Foto: Bugtrup, Montage: st-georg.de)

Harry Boldt hat St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer buchstäblich ein Leben lang begleitet. Sie bestaunte ihn in der Reithalle in der Nachbarschaft und freut sich ihn noch immer auf dem internationalen Turnierplätzen zu treffen.

Als ich Harry Boldt zum ersten Mal live gegenüberstand, war ich zwölf Jahre alt, hielt sein Foto und einen Kugelschreiber in der Hand und bat um ein Autogramm, eines der vielen kleinen Mädchen, die in der Aachener Soers den großen Reitern hinterherliefen und ihre Unterschriften sammelten. Wir hatten es damals leichter als unsere Nachfolgerinnen heute, man konnte sich ungehindert zwischen den Abreiteplätzen bewegen und sogar mal vorsichtig in den Stall reinschnuppern. Wenn man Glück hatte, entdeckte man eines seiner Lieblingspferde, und wenn man ganz großes Glück hatte, ließ sich der Pfleger herab, ein paar Worte mit einem zu wechseln.

Die Pferde, die Harry Boldt in diesen Jahren ritt, hießen Brillant, Matador und St. Georg. Ersterer war ein eleganter Apfelschimmel, St. Georg ein blütiger Brauner und Matador ein wahnsinnig hübscher Fuchs mit einem frechen Gesicht. Mit allen dreien war Harry Boldt in vielen Prüfungen erfolgreich, mit Matador allerdings nur bis zur Intermediaire, weil er niemals richtig piaffieren lernte. Zu jener Zeit trainierte Boldt auf der Lauvenburg in der Nähe von Neuss, wo meine Familie damals lebte. Die Lauvenburg war der Turnierstall von Anneliese Schaurte-Küppers, die 1956 mit Afrika zum Silberteam der Olympischen Spiele in Stockholm gehörte hatte. So manchen Ferienvormittag setzte ich mich aufs Fahrrad, radelte die zehn Kilometer zur Lauvenburg, drückte mich in der Reithalle möglichst unauffällig in die Ecke, schaute zu und machte große Ohren. Da ritt Harry Boldt mit den genannten Pferden, aber auch Reiner Klimke, der damals noch kein Dr. vor dem Namen hatte, sondern als Referendar am Neußer Gericht arbeitete. Er brachte gerade dem jungen Dux, seinem späteren Olympiapferd, die ersten Pirouetten bei.

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Manchmal ritt auch Käthe Franke ein, zwei Pferde mit, die große alte Dame, deren Legende schon in der Vorkriegszeit geboren war. Elegant und hager in schwarzen Reithosen und schwarzem Jackett, bot sie mit ihrem markanten Profil ein Bild zeitloser Grandezza. Ab und zu warf sie den beiden jungen Männern, denn das waren sie ja damals, eine Korrektur zu.

Harry Boldt war schon damals, was er zeitlebens blieb: die Ruhe selbst, gepaart mit viel Gefühl und einem wunderbaren tiefen klassischen Sitz. Jedes Pferd schien sich unter ihm wohlzufühlen. Man sagt ja, dass Menschen, Männer wie Frauen, im Alter ihrem jeweiligen Elternteil immer ähnlicher werden, und wenn ich heute Harry Boldt sehe, dann steht auch sein Vater Heinrich Boldt vor mir. Der gebürtige Ostpreuße war der erste und, ich nehme an, ziemlich strenge Lehrer seines Sohnes. Ich traf ihn als Ausbilder an der Deutschen Reitschule in Warendorf, wo ich einen Ferienlehrgang machte und er versuchte, mir auf einer Stute namens Feinsliebchen Lektionen der gehobenen Dressur näher zu bringen. Feinsliebchen hatte ein Maul wie Leder und einen Rücken wie ein Brett, aber wenn sie den Meister mit der langen Gerte hinter sich hörte, fing sie vorsichtshalber schon mal an zu piaffieren.

Harry Boldt hatte da schon von der Lauvenburg in den Stall Pütter bei Iserlohn gewechselt. Das Erfolgspferd dieser Jahre hieß Remus, einer der westfälischen-Ramzes-Söhne wie auch Mariano, das spätere Olympiapferd von Josef Neckermann, zeitweise ebenfalls von Harry Boldt vorgestellt, und der Warendorfer Landbeschäler Radetzky.

Den ersten Höhepunkt seiner Laufbahn erreichte Harry Boldt mit Remus bei den Olympischen Spielen in Tokio 1964: Mannschaftsgold und Einzelsilber. Zur Goldmedaille fehlte nur ein Punkt. „Harry und Remus übertreffen sich selbst“, schreibt Teamkollege Josef Neckermann in seinen Memoiren. Schon am Vorabend hatte Boldt angekündigt: „Das wird der Ritt meines Lebens.“ Das war schon ein Statement von einem, der nie den Mund zu voll nahm. Er wusste noch nicht, dass das Leben noch ein paar weitere Glanzpunkte für ihn bereit hielt. Anders als bei der olympischen Neuauflage im August 2020 wurde 1964 im Oktober geritten. Da war es zwar nicht mehr heiß, dafür schüttete es immer wieder wie aus Eimern. Bei Weltuntergangsstimmung mit Donner und Blitz musste Neckermann mit Antoinette ins Viereck, vorher hatte ihm der Steward noch Anweisungen gegeben, wie er sich bei einem Erdbeben zu verhalten habe: „Absitzen und von Gebäuden wegführen, auf keinen Fall das Pferd in den Stall führen.“ Darauf wären die Reiter zur Not noch selbst gekommen.

Zum „Pferd seines Lebens“ wurde für Harry Boldt der großrahmige hannoversche Fuchs Woycek, mit dem Harry Boldt seinen Tokio-Erfolg wiederholte und in den folgenden Jahren zu einem der erfolgreichsten Paare der internationalen Dressur wurde. „Er war ganz klar im Kopf“, sagt er von Woycek und schon allein deswegen passten die beiden so gut zusammen. Dass ihm kein Einzeltitel vergönnt war, lag an einer zierlichen Schweizerin mit einem mächtigen Holsteiner, Christine Stückelberger und Granat, die sich in den 1970er-und 80- Jahren ein Image der Unschlagbarkeit aufgebaut hatten und an denen sich alle die Zähne ausbissen. Als Mannschaftsreiter ging Harry Boldt von keinem Championat ohne Goldmedaille nach Hause. Schon während seiner aktiven Karriere gab er sein Wissen an viele Schüler weiter.

Ich traf Harry Boldt erneut, als er einen Vierjährigen ausprobierte, den ich damals ritt. Es ist ja immer ein Erlebnis der besonderen Art, wenn man auf seinem Pferd mal einen wirklich guten Reiter sieht. Auch hier war die Verwandlung nicht zu fassen: der junge Ramiro-Sohn fing an zu tanzen und alles sah ganz leicht aus. So ist das bei den Großen.

Später als Journalistin erlebte ich Harry Boldt als immer freundlichen zugänglichen Gesprächspartner, wir machten mehrere schöne Geschichten für den St.GEORG zusammen, unter anderem die Erklärung eines Grand Prix, Lektion für Lektion, ohne Chichi, sachlich, verständlich einfach Boldt-like. Da war er schon Bundestrainer und Trainer der erfolgreichsten Dressurreiterin vor Isabell Werth, Nicole Upfhoff mit Rembrandt. Er hatte sie übernommen, nachdem sie sich mit „dem Doktor“, Uwe Schulten-Baumer sen. wenige Monate vor den Olympischen Spielen in Seoul 1988 überworfen hatte. Er schaffte es, das kapriziöse Paar zu vier olympischen Goldmedaillen zu führen. Man kann davon ausgehen, dass das System Uphoff/Rembrandt nicht immer seins war, Rembrandt war ja quasi das erste Dressurpferd, das auf dem Abreiteplatz in Rollkur-Demutshaltung gesehen wurde. Aber eine Dauersiegerin öffentlich zu kritisieren, wäre wohl nicht sehr klug gewesen. In persönlichen Gesprächen lobte er unseren Kampf gegen die Rollkur, sie war ihm, vor allem in der niederländischen Variante, zuwider und hatte so gar nichts mit dem zu tun, was er unter gutem Reiten verstand.

Auch nach dem Abschied aus dem Traineramt mit 50 Goldmedaillen in seinem Portfolio sieht man ihn auf vielen Turnieren auf der Tribüne sitzen. Wenn man das Glück hat, dass neben ihm noch ein Platz frei ist, hat man die Chance auf eine Lehrstunde der besonderen Art. Jedes Pferd charakterisiert er mit zwei drei Sätzen, sieht, wo es hakt (und immer haken wird), lobt die Stärken. Und kann auch mal ganz emotional ins Schwärmen geraten. Im vergangenen Sommer traf ich ihn am Rande des Abreitplatzes der EM in Rotterdam. „Wenn sie doch nur die Nase ein bisschen vorlassen würde“, sagte er über die eine. „Das Pferd nimmt nicht genügend Gewicht auf, der kann so gar nicht piaffieren“, über den anderen. Ein Blick genügt, das kann man wohl nicht lernen. Vor zwei Tagen wurde er 90. Ad multos annos, Harry, von Deiner Sorte gibt es nicht mehr viele!


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