Blog aus Blair 2 – die Legende Michi Jung kennt keinen Schmerz

Vielseitigkeits-EM Blair-Castle

Steile Abgründe, Internet, das nicht will, und Kleidung, die irgendwo in der Weltgeschichte herumreist. Dazu braunes Duschwasser und rote Jacken. Dies sind nicht die Zutaten von Promi-Big Brother oder einer Reality-Soap, sondern einige Eckdaten aus dem schottischen Blair von der Europameisterschaft der Vielseitigkeitsreiter.

Mit der Dressur hat heute der Ernst der EM begonnen, Cross Country ist am Samstag. Die deutschen Fans sind jetzt vollzählig da, schon von weitem und überall zu erkennen durch die feuerroten Jacken mit dem Schriftzug „Deutschland“ auf dem Ärmel. Das wäre nun wirklich nicht nötig, die Fähnchen, die allzeit geschwenkt werden, um die deutschen Reiter moralisch aufzubauen, sind nicht zu übersehen. Eine Gruppe kommt aus Luhmühlen unter der Führung von Anne Melzer, der Frau von Bundestrainer Hans Melzer, und Claus Erhorn, Mannschaftsolympiasieger von 1988. Hans Melzer ist heute auffallend entspannter als gestern, da war er doch ein bisschen klemmig und gestresst, muss wohl an Anne liegen. Die andere Gruppe wird von Dr. Anette Wyrwoll, Olympiareiterin 2000 in Sydney, kommandiert und kommt aus Bonn-Rodderberg. Man hat mit zehn Leuten ein Haus gemietet, ein paar Kilometer von Blair entfernt. Klappt alles wunderbar, versichert Anette. Jedenfalls solange nicht alle auf einmal duschen wollen, sondern schön verteilt auf morgens, mittags und abends. Das Wasser hat diese vertrauenserweckende braune Farbe, kommt von den Torfmooren, heißt es.

Heute wurden wir von unserer Pressechefin Bridget einmal über den Kurs chauffiert, Fotografin Pauline konnte schon mal ihre Fotopositionen für Samstag auskundschaften. Ihr Gepäck soll es mittlerweile bis nach Edinburgh geschafft haben, Brussels Airline spendierte nolens volens noch eine neue Bluse und Lederhosen. Und ich habe auch noch ein paar Sachen entdeckt, die Pauline stehen würden, vielleicht sollte sich der Koffer noch ein paar Tage Zeit lassen, dann ist die Wintergarderobe komplett.

Der Kurs macht Eindruck, auch auf uns, die wir nie auf die Idee kämen, uns zu Pferde auch nur einem dieser fantasievollen Ungetüme zu nähern. Schon nach dem zweiten Sprung geht es senkrecht einen Berg hoch, wir tuckerten auf einem Seitenweg hoch, auf dem die Felsbrocken hörbar die Benzinleitung küssten, aber Bridget ließ sich nicht verdrießen und fuhr uns fast an jeden Sprung dicht heran. Allein die Hügel werden vielen Pferden zu schaffen machen, streckenweise geht es keine zehn Meter auf ebenem Boden geradeaus. Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser beziehungsweise dringend nötig, sonst wird manches Pferd vor dem einen oder anderen Sprung „Ohne mich“ sagen. Etwa Hindernis 14, direkt vor dem Schloss: eine Art Rampe auf eine Palisadenwand zu, davor ein tiefer trockener Graben und eine Landstelle, die das Pferd erst erkennen kann, wenn es schon in der Luft ist.

Michael, Michi, Jung findet den Sprung „interessant.“ „Ich glaube, dass sich der Sprung viel besser reiten lässt, als man glaubt,“, sagt er. Der schwierigste Sprung? „Erfahrungsgemäß immer der erste und der letzte. Aber man staunt, was den Leuten immer wieder einfällt, an neuen Hindernissen, die man so vorher noch nie gesehen hat.“ Michi Jung wird bei den Briten allmählich zur Legende. Der Stadionsprecher verschluckt sich fast vor Ehrfurcht, wenn er seine Erfolge herunterbetet: Olympiasieger, zweimal Europameister, Weltmeister, und für die Briten natürlich die Krönung, der frische Sieg beim CCI4* in Burghley.

Von daher hat er ja bekanntlich ein lädiertes Bein als Folge eines Sturzes mit seinem ersten Pferd Rocana mitgebracht, es ist übrigens das linke Sprunggelenk. In Burghley durfte er erst sein zweites Pferd Sam zum Sieg reiten, nachdem ihm der offizielle Arzt das O.K. gegeben hatte, so die Vorschrift. Das Segway, dieser motorisierte Kleinkampfwagen, ein Geschenk zum 33. Geburtstag am 31. Juli, war erst zweimal im Einsatz. „Zum ersten Mal in Burghley, und dann jetzt.“ sagt Vater Joachim Jung. Geröntgt wurde das Bein bisher noch nicht, so genau will man vielleicht auch gar nicht wissen, was da los ist. Für Dienstag ist ein Termin beim MRT anberaumt, nicht dass er – Totilas lässt grüßen – womöglich ein Knochenödem hat. Gehen tut ein bisschen weh, reiten gar nicht. „Und es wird jeden Tag besser,“ versichert Michi Jung.

Pauline von Hardenberg

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer und Donata von Preußen auf der Geländestrecke rund um Blair Castle   Foto: Pauline von Hardenberg (© Pauline von Hardenberg)


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