Moment mal! Von sanften Hügeln und selektiver Information

Gabriele Pochhammer_NEU

Moment mal! Der Blog von St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© www.toffi-images.de)

Goethe kann nicht irren und Millionen teutonischer Touristen womöglich auch nicht. Italien bleibt das Land vieler Sehnsüchte und auch die Pferdeleute durften Ende September eine Woche eintauchen in die sanfte Hügelwelt südlich von Rom, wo die besten Reiter und Pferde, die der Vielseitigkeitssport zu bieten hat, durch das 129 Hektar große Gelände galoppierten, um ihre Weltmeister zu ermitteln. Da wusste man doch wieder, warum die Vielseitigkeit als „Krone der Reiterei“ bezeichnet wird.

Ich war zum vierten Mal in Pratoni del Vivaro, dem ehemaligen Kavallerie-Übungsplatz, wo schon 1960 die Geländeprüfung der Olympischen Spiele in Rom ausgetragen wurden (da war ich aber noch nicht dabei!). Seitdem hat es dort immer wieder nicht nur jährliche Vielseitigkeitsturniere, sondern auch Championate gegeben, zuletzt die Europameisterschaft 2007. Bevor der Parcourschef und Turnierleiter Giuseppe della Chiesa daran ging, die Strecke für die diesjährige WM zu bauen, mussten erst die Überreste, meist kaputt und verrottet, von 350 Hindernissen weggeräumt werden. Man war einfach nicht eher dazu gekommen. Ein Sprung von 1960 gehörte auch diesmal dazu, Nummer zwei, eine gemauerte „Tränke“, deren eine Hälfte von zwei hohen Bäumen verdeckt wurde. Die gab es 1960 noch nicht. Aber die Legenden von 1960 haben überlebt. Zum Beispiel die von Bill Roycroft, der nach einem Sturz im Gelände mit Gehirnerschütterung und gebrochenem Schlüsselbein ins Krankenhaus eingeliefert wurde, dem er – entgegen dem Rat der römischen Ärzte – wieder entfloh, um mit Armschlinge das Springen zu reiten und das Mannschaftsgold für Australien zu retten. Solche Heldentaten sind heute schon vom Regelwerk her ausgeschlossen – ein Sturz bedeutet automatisch Ende der Reise – und das ist wohl auch gut so.

Deutschlands Booster für kommende Championate

Die einzige Ausbeute der EM 2007 für die Deutschen war die Bronzemedaille für Bettina Hoy, diesmal konnte der neue Bundestrainer Peter Thomsen bei seiner Premiere Mannschaftsgold und Einzelsilber für Julia Krajewski vermelden, ein toller Einstieg, ein Booster für die kommenden Championate, die EM 2023 und die Olympischen Spiele in Paris 2024. Dass am Ende beim Parcoursspringen mit jedem Ritt die Medaillenplätze wechselten, machte die Sache spannend, zeigt aber vor allem, das die Vielseitigkeit inzwischen wirklich ein Mehrkampf aus drei Disziplinen geworden ist, in dem nicht nur der Geländegaloppierer eine Chance hat, für den die Dressur ein notwendiges Übel und das Springen eine lästige Pflicht ist, sondern dass der vielseitig begabte und trainierte vierbeinige Athlet gefragt ist.

Dass im deutschen Team am Ende die profiliertesten Springreiter, Sandra Auffarth mit Viamant du Matz und Michael Jung mit Chipmunk, die meisten Stangen an den Füßen hatten, drei die eine, zwei der andere, mag als Ironie des Schicksals durchgehen. Michael Jung, der am allerletzten Hindernis seinen zweiten Weltmeistertitel verlor, war zu keinem entspannten Lächeln mehr zu bewegen, und dass er auf genau dieselbe Weise mit Sam Olympiasieger 2012 in London geworden ist, war vermutlich nur ein schwacher Trost. Man erinnere sich: Erst als bei der Schwedin Sara Algotsson-Ostholt und Wega die letzte Stange fiel, war das Gold seins.

Hoher Besuch

Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hatte die Veranstalter und die Internationale Reiterliche Vereinigung (FEI) zunächst in Angst und Schrecken versetzt, als er nicht wie ursprünglich beabsichtigt, am Sonntag zur Preisüberreichung kam, sondern darauf bestand, schon am Samstag höchstselbst durchs Gelände zu marschieren. Ein stattlicher Tross von etwa 30 Leuten bewegte sich von Hindernis zu Hindernis – vorneweg Bach mit festem Schritt in zünftiger blauer Windjacke, umgeben von beflissenen FEI-Top-Funktionären.

Pratoni und der Sport zeigten sich von ihrer besten Seite. Der Kurs des italienischen Parcoursbauers und Turnierleiter Giuseppe della Chiesa hatte auf kreative Bauwerke verzichtet, die in der Vergangenheit so einen Kurs schnell mal zu einem Millionenprojekt werden ließen, sondern sich weitgehend auf schlichte Baumstamm-Variationen beschränkt, einige davon als transportable Hindernisse beim polnischen Veranstalter von Strzegom besorgt. Ökonomisch, praktisch, gut. Und genau richtig für den IOC-Präsidenten, der zwar die erhöhten Sicherheitsanstrengungen der FEI lobte, nachzulesen in der FEI-Pressemitteilung, aber auch darauf hinwies, dass Kosten reduziert werden und der Sport noch mehr „unter die Leute gebracht“ werden müssten. Davon stand in der FEI-Meldung allerdings nichts. Und die traurige Nachricht, dass beim zeitgleich ausgetragenen CCI Blenheim am Ende drei tote Pferde zu Busch standen, wurde auch erst Tage später bekannt. Sowas nennt man wohl „selektive Information“.

Alleinstellungsmerkmal Altersspektrum

Es ist zu hoffen, dass dem IOC-Präsidenten auch einige Alleinstellungsmerkmale des Reitsports vor Augen geführt wurden: absolute Chancengleichheit für Männer und Frauen, ein Altersspektrum, das es in keinem anderen Sport gibt: die Jüngste, Alina Dibowski war 21, der Älteste, der Australier Andrew Hoy, 63. Er hat bereits an der Weltmeisterschaft 1978 teilgenommen, da war noch kein Reiter des deutschen Teams auf der Welt. Und was die Vielseitigkeit im Besonderen angeht: Auch hier sind die Pferde heute nicht mehr billig, aber dass eine Nachwuchsreiterin auf Pferden losgeschickt wird, die unter anderen Championatsmedaillen gewonnen und einen Marktwert von mehreren Einfamilienhäusern haben – das gibt es im Busch zum Glück bisher nicht.

Auch interessant



Schreibe einen neuen Kommentar