Olympia 2020: Das große Japsen in Japan

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Zu recht fragt man sich, wieso Olympische Spiele an einem Ort stattfinden müssen, an dem man im Sommer schon als Normalsterblicher nur ungern die klimatisierten Räume verlässt. Gabriele Pochhammer hat sich auf die Suche nach Antworten gemacht.

Vor sieben Jahren, als die Bewertungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Olympia-Kandidaten für 2020 unter die Lupe nahm, war der Klimawandel noch nicht in aller Munde wie heute, rief noch keine Greta zum Schulstreik auf. Aber es war auch damals schon heiß in Tokio im Juli. Nicht ohne Grund wurden deswegen die Spiele 1964 in den Oktober verlegt. Mit Rücksicht auf die Gesundheit der zwei- und vierbeinigen Sportler. Denn das IOC versichert ja in der Olympischen Charta, „das Wohl der Athleten hat oberste Priorität.“

Das kommt heute wie blanker Zynismus rüber. Denn nirgendwo ist es ungesünder, Hochleistungssport zu betreiben als in Tokio im Hochsommer. Die Situation ist seit 1964 nicht besser geworden, im Gegenteil, siehe fortschreitender Klimawandel.

Mehr als 100 Menschen starben im vergangenen schwülheißen Sommer in der 38-Millionen-Metropole, keine Top-Athleten, sondern ganz normale Bürger, manche etwas älter, etwas schwächer oder gesundheitlich vorgeschädigt.

Das liebe Geld …

Ausschlaggebend für die Vergabe war mal wieder das Geld, die Mittel, die Tokio in die Spiele stecken kann, aber auch die Milliarden der weltweiten Sponsoren, die dem IOC zufließen.

Die Sponsoren bauen auf globale TV-Präsenz und den Fernsehsendern passt ein Termin im Sommer einfach besser. Denn dann pausieren die US-amerikanischen Serien, die Sendeplätze lassen sich wunderbar mit Sport füllen. Kann ja auch sehr unterhaltsam sein.

Olympische Sommerspiele im Oktober seien einfach weniger wert, wird Neal Pilson, der frühere Sportchef des amerikanischen Fernsehsenders CBS, in der Süddeutschen Zeitung zitiert. Das IOC verkaufte allein die US-Fernsehrechte für 20 Jahre bis 2032 an NBC zum Preis von 7,56 Milliarden Dollar.

Die Rechte für Europa von 2018 bis 2024 gingen für 1,3 Milliarden an den Sender Discovery, den Mutterkonzern von Eurosport. Die deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ZDF und ARD mussten sich Unterlizenzen für einen dreistelligen Millionenbetrag besorgen, um ihre Zuschauer wie gewohnt an Olympia teilhaben zu lassen. Kein Wunder, dass alles getan wird, um die Geldgeber fröhlich zu stimmen.

Wie hieß es in den Unterlagen des Bewerbungskomitees? Tokio biete „ein ideales Klima für Athleten und Höchstleistungen“. Der Sommer sei „sonnig, mit vielen milden Tagen“. Das klingt wie blanker Hohn. Um das IOC wachzurütteln, um zu erkennen, was es längst hätte wissen können, bedurfte es der erschreckenden Bilder erschöpfter und zusammenbrechender Marathonläufer bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha.

Knall auf Fall, ohne das Organisationskomitee in Tokio (TOCOG) zu fragen, entschied das IOC, die Marathon und Geher-Wettbewerbe ins 800 Kilometer entfernte Sapporo zu verlegen. Mehrkosten 280 Millionen Dollar, zu zahlen aus der Portokasse angesichts der TV- und sonstiger Einnahmen.

Alle anderen, die nicht in klimatisierten Sportstätten kämpfen, müssen sehen, wie sie es machen. Auch die Reiter und ihre Pferde.

Der FEI-Bericht

Der Bericht, den die FEI-Forschungsgruppe jetzt über die Erkenntnisse beim Testevent im August 2019 vorlegte, waren alarmierend genug. Täglich wurden die Grenzwerte überschritten, die für sportliche Anstrengungen gelten. Die  Pferde des Testevents seien ans Limit ihrer physischen Belastbarkeit gestoßen.

Die Tierärzte fordern Änderungen vor allem für die Vielseitigkeit, kürzere Strecke, weniger Kurven, eine frühere Anfangszeit, halb acht oder acht Uhr morgens. Was garantieren dürfte, dass sich im Cross die Zuschauer nicht auf die Füße treten werden.

Wesentlich für das Wohlergehen der Pferde ist die gute Nachsorge. Dafür war beim Testevent ein fünfköpfiges „Cooling-Team“ unter der Leitung der deutschen FN-Mitarbeiterin Philine Ganders-Meyer zuständig. Das Geheimnis, die Vierbeiner schnell wieder auf Normaltemperatur zu bringen, ist kaltes Wasser, eimerweise, immer wieder. Und das klingt dann doch verblüffend einfach.

Was tun?

Der Reitsport, dessen Mitgliedschaft in der olympischen Familie ja immer wieder wackelt, ist anders als etwa die Leichtathletik, nicht in der Position, gegen mensch- und tierfeindliche Bedingungen zu protestieren. Der Pferdesport muss das Beste draus machen: nur Pferde schicken, die es gewohnt sind, in heißem Klima trainiert zu werden (ist ja in deutschen Sommern inzwischen auch nicht mehr so schwer), die Bedingungen anpassen, siehe oben. Und hoffen, dass die Tierärzte recht haben, wenn sie sagen: Die Pferde hätten sich schneller als erwartet erholt. Das ist dann die gute Nachricht.

Ein ausführliches Dossier zum Thema Olympia lesen Sie in der Dezember-Ausgabe des St.GEORG.


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  1. Matthias Maier

    „Die Rechte für Europa von 2018 bis 2924 gingen für 1,3 Milliarden an den Sender Discovery, den Mutterkonzern von Eurosport.“

    Bis 2924? Das wäre ja ein echtes Schnäppchen im Vergleich zu den 7,56 Milliarden von NBCbis 2032.

    „Der Reitsport, dessen Mitgliedschaft in der olympischen Familie ja immer wieder wackelt, ist anders als etwa die Leichtathletik, nicht in der Position, gegen mensch- und tierfeindliche Bedingungen zu protestieren.“

    Das sehe ich komplett anders. Wer offensichtliche Missstände,die durch eine zeitliche Verschiebung zu lösen wären, nicht anspricht,muss sich dann zurecht fragen lassen,ob das noch Sport oder schon Tierquälerei ist. Und solche Diskussionen werden die Akzeptanz bei Nichtreiten bzw. selbst bei Freizeitreitern noch weiter verringern. Auf lange Sicht wird man dann mangels Zuschauer-Interesse doch aus dem olympischen Programm fallen und hatte dann nur noch das zweifelhafte Vergnügen, ein paar Pferde in einer Hitzeschlacht an die absolute Grenze zu führen.

    Und dadurch zerstört man dann das Image des Reitsports noch ein wenig mehr.

  2. Hanno Pilartz

    Pferd und Wolf

    Frau Pochhammer wäre es angeraten, besser zu recherchieren.
    Anstatt einen erklärten „Wolfspolemiker“ wie Noltenius zu zitieren, hätte sie leicht auf der Internetseite der VFD (unter dem Menu „Umwelt“, „Weide“ und weiter unten) lernen können, dass wolfsabweisende Zäune kein Hexenwerk sind.
    Und zuverlässig funktionieren, wenn mit Sorgfalt erstellt!
    Wir erklären nicht nur, wie es geht, sondern auch warum!
    Die Schweizer Agrarstiftung AGRIDEA hat das in umfangreichen Studien an Gehegewölfen untersucht. Diese Tiere sind anders als wilde Wölfe an menschliche Infrastrukturen gewöhnt und machen es dem Zaunbauer besonders schwer!
    Ob man den Wolf nun mag oder hasst: Der Schutz der Weidetiere durch gute, moderne Zäune ist völlig alternativlos, jagdliche Maßnahmen mögen vielleicht regulieren, einen Schutz bieten sie nachweislich nicht!

    Mit solchen Informationen wäre der Nutzwert für die Leser von Frau Pochhammer leicht so zu steigern!

    Hanno Pilartz
    VFD-Bundesverband
    Vizepräsident


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