Sonja Kirn, Deutsche Meisterin der Amateur-Vielseitigkeitsreiter: „Ich habe lange beißen müssen“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der neuen Deutschen Meisterin der Busch-Amateure geht es nicht anders als vielen erfolgreichen jungen Reitern: Nach dem Abi ist erstmal Schluss mit lustig. Studium und Berufsanfang stehen an, die Pferde müssen oft genug zurückzutreten. Sonja Kirn, die vor ihrer Hochzeit Ende August noch Sonja Buck hieß, ist zurückgekommen und zeigt allen: Es geht, aber nicht von alleine.

Natürlich hängt auch beim Reiten der sportliche Erfolg am Ende vom Talent ab, vom Fleiß und vom Willen, sich ganz dem sportlichen Ziel zu verschreiben. Aber mehr als beim Fußball oder in der Leichtathletik wird er auch vom Elternhaus bestimmt. Kinder von Topreitern werden nun mal häufiger ebenfalls gute Reiter. Das liegt auch, aber nicht nur an den Genen. Ihren Altersgenossen haben sie oft die Erfahrungen mit vielen verschiedenen Pferden voraus, das ganze Know-How rund um den Reitsport konnten sie schon mit der Muttermilch aufsaugen. Ein anderer Zugang in den Top-Sport ist die Möglichkeit wohlhabender Eltern, ihre Sprösslinge mit teuren Pferden zu versorgen, die schon von der Grundqualität her vorne mithalten können. Den Rest besorgen dann Top-Trainer, die auch nicht ganz billig sind.

Aber es gibt die dritte Variante und nicht von ungefähr trifft man sie am häufigsten im Busch an. Junge Leute, die den Weg zum Pferd finden, obwohl sie nicht aus einem Elternhaus kommen, in dem schon beim Frühstück über Pferde geredet wird. So eine ist Sonja Kirn aus Pfalzgrafenweiler (Baden Württemberg), die am vergangenen Wochenende in Langenhagen Deutsche Meisterin der Amateure in der Vielseitigkeit wurde, die Dreisterne-Prüfung mit Carla Bruni gewann und mit Canela auch noch Zweite wurde.

Die Anfänge im Busch

Es war ihre Mutter, die selbst passioniert bis L-Dressur ritt und die Sonja einst mit in den Reitstall nahm. Das Herz der kleinen Tochter schlug von Anfang an fürs Buschreiten. „Als Kind wollte ich Jockey werden“, sagt Sonja, „ich wollte immer schnell reiten.“ Als sie acht Jahre alt war, bekam sie ein Pony, das war drei. Und beide rauften sich irgendwie zusammen, was zeigte, dass in dem Kind eine gute Portion Entschlossenheit steckte. Mit 14 stieg sie in die Vielseitigkeit ein, auch Ohio v. Oglio xx, das Pferd dieser frühen Jahre, hatte Sonja selbst ausgebildet.

Als Juniorin und Junge Reiterin, noch unter ihrem Mädchennamen Buck, ritt sie Deutsche Meisterschaften und Europameisterschaften, gewann EM-Teamgold und Einzelbronze. Aber nach dem Abitur war erst mal Schluss, so geht es vielen jungen Leuten. Meistens ist damit ja auch ein Ortswechsel verbunden. Ohio war 18 Jahre alt und hatte sich seine Pension verdient. Für Sonja stand erst mal mal das Mathematik-Studium auf der Agenda und in der Freizeit hieß es, neben der Uni mit jungen Pferden wieder ganz neu anzufangen.

Pferdestärken

Sonja machte Examen machen und trat einen Job an als Entwicklungsingenieurin bei Mercedes an, Schwerpunkt autonomes und hochautomatisiertes Fahren. Die Liebe zum Reitsport und zu den Pferden, die sich ja bisher zum Glück jeder Automatisierung widersetzen, blieb. Heute hat Sonja wieder zwei Pferde in den gehobenen Sport gebracht, beide gehören Udo Renz, der die zehnjährige Carla Bruni v. Cantoblanco, das Meisterpferd von Langenhagen, auch selbst gezogen hat und für Sonja die siebenjährige Canela v. Cormint gekauft hat. „Ohne seine Unterstützung kriegte ich das nicht hin mit zwei Pferden“, sagt sie.

Der Wiedereinstieg war nicht leicht. „Ich habe lange beißen müssen“, sagt die heute 30-Jährige, „ich habe richtig schaufeln müssen.“ Carla Bruni war drei, als sie zu Sonja kam, mit sechs gab es erste Erfolge in Ein-Sterne-Prüfungen. Die siebenjährige Canela, Bundeschampionesse 2019, hat jetzt einen Startplatz für die Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde im Oktober in Le Lion d’Angers bekommen. Bundestrainer Hans Melzer hat Sonja geraten, hinzufahren. Die Turniere muss sie sich einteilen. Wenn sie unterwegs ist mit dem einem Pferd, wird das andere zuhause nicht gearbeitet. Und für jede Turnierreise muss sie sich Urlaub nehmen. „Der ist für dieses Jahr bald aufgebraucht“, sagt sie.

Ziele setzen

Die Deutsche Meisterschaft 2021 ist ihr Ziel fürs kommende Jahr, und dann wird man weiter sehen. Sonja trainiert mit Rüdiger Rau in Altensteig und gelegentlich mit Michi Jung. Seit August ist sie mit ihrem langjährigen Freund Markus Kirn verheiratet. Der ist zwar kein Pferdemann, aber er wusste, worauf er sich einlässt, schließlich waren sie schon zwölf Jahre zusammen. Denn wer sich so zurückgekämpft hat wie Sonja, der bleibt noch eine Weile dabei. Hoffentlich. Denn ob sie es will oder nicht: Reiter wie Sonja Kirn sind Vorbilder, neudeutsch „Role Models“, die beweisen, dass es gehen kann, auch als Amateur. Auch wenn man nicht aus einem pferde-affinen Haushalt kommt und nicht mit dem berühmten Silbernen Löffel im Mund geboren ist, wenn man sein Geld in einem Beruf verdienen muss, in dem niemand wiehert. Denn das heißt ja auch: Man reitet zu seinem Vergnügen. Ich bin sicher, mancher Profi wird bei dieser Vorstellung ganz neidisch.


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