Charlotte Dujardin – mit Wildcard und „Weltrekord“ ins Weltcupfinale

Weltrekord für Charlotte Dujardin (GBR) und Valegro! Auch wenn es natürlich immer wieder neue Richterkonstellationen sind und der Begriff „Weltrekord“ somit fehl am Platz ist, steht fest: Noch nie zuvor ist ein Grand Prix-Ritt höher bewertet worden als der heutige Auftritt des Negro-Sohns unter der Olympiasiegerin.

Es war ein Rekord mit Ansage: Das Paar musste sich nicht qualifizieren, sondern reiste bequem mit einer Wildcard an. Und das Aufeinandertreffen von der britischen Nummer eins und Weltranglistenführenden sowie Helen Langehanenberg und Damon Hill wurde entsprechend schon vorab medial unterstützt. Clash of the titans Kampf der Titanen. 87,129 Prozent gab es für den Ritt, der in perfekten fliegenden Wechseln von Sprung zu Sprung und einer abschließenden Piaffe Marke besser geht nicht seine absoluten Höhepunkte hatte. Was ausbaufähig ist: der starke Schritt, da zeigte der KWPN-Wallach kaum Übertritt und in der zweiten Piaffe verlor Valegro den Takt. Ganz dicht dran hätte Helen Langehanenberg sein können. Ihr Westfale Damon Hill ist ganz sicher in der Form seines Lebens. Lockerer war keines der Pferde, aber was heißt das schon. Ausgerechnet auf der letzten Schlusslinie spulte sich Damon Hill nach der letzten Piaffe etwas auf und hielt dann deutlich zu früh an. Das kostete wertvolle Punkte: Nicht genügend Meter Passage, eine Note. Am falschen Platz gegrüßt, eine weitere Note. Und in den Schlussnoten dann sicherlich auch noch leichte Abzüge, Stichwort Gehorsam.
Die deutsche Richterin bei C, Dr. Evi Eisenhardt, sah zwischen Dujardin und Langehanenberg eine nachvollziehbare Differenz von 1,2 Prozent. Andere ihrer sechs Kollegen müssen aber im benachbarten Kino Platz genommen haben und einen anderen Film gesehen haben: Der US-Amerikaner Gary Rockwell sah eine Differenz von 7,1 Prozent, der Däne Leif Törnbald 5,7 und der Niederländer Eddie de Wolff van Westerrode auch noch satte 5,0 Prozent alles Bereiche, die im Dressursport eine Welt darstellen im Falle des US-Judge Rockwell sogar zwei Welten. Ob das nun an den Piaffe-Bewertungen liegt, die seit 2014 mal zwei gerechnet werden (im aktuellen St.GEORG erläutert der internationale Dressurrichter Dr. Dietrich Plewa, warum das aus seiner Sicht falsch ist), kann man nicht sagen. Die Protokolle sind, anders als üblich, nicht online einzusehen. Trond Asmyr, beim Weltreiterverband FEI für die Dressur verantwortlich, konnte noch nicht sagen, ob sich an diesem Zustand noch etwas ändern wird.
Mitunter noch hanebüchener waren die Unterschiede zwischen Helen Langehanenberg und dem drittplatzierten Niederländer Edward Gal. Der gab freimütig zu, dass sein Ferro-Sohn heute aufgeladen war und nicht so durchlässig und locker, wie er nach Einschätzung des Niederländers bei vergangenen Auftritten schon war. Den Richtern war das nicht aufgefallen. In der Piaffe ist der Rappe gleichmäßig wie ein Uhrwerk, aber er verwarf sich in den Trabtraversalen, in allen starken Tempi mangelte es an Raumgewinn und Rahmenerweiterung. Im starken Schritt tritt das Pferd kaum in die Spuren der Vorderhufe und in der Passage ist der Rappe gleichmäßig mit den Füßen, dafür aber unverkennbar eng im Hals. Auch die Pirouetten haben noch Luft nach oben. Es ist die reiterliche Kunst Edward Gals allein über den Gehorsam das Pferd in eine Notenliga zu reiten, die von der Qualität der Grundgangarten eigentlich anderen Pferden vorbehalten ist. Trotzdem oder gerade deswegen bekam Gal über 80 Prozent, 80,029 um genau zu sein. Für den Richter Jacques van Daele (BEL) lagen dabei gerade einmal 0,4 Prozent zwischen Langehanenberg und Gal, der Österreicher Thomas Lang gab Damon Hill ein Prozent mehr. Vielleicht sollten die ersten drei Ritte dieses Weltcupfinals einmal auf einem öffentlichen Richtersymposium diskutiert werden. Wäre interessant, was dabei zu Tage treten würde.
Platz vier ging an die Schwedin Tinne Vilhelmson Silfven mit ihrem Hannoveraner Don Auriello v. Don Davidoff. Es war ein Ritt, wie man ihn von dem Paar kennt und wie er immer wieder hoch bewertet wird. Vorne alles toll, aber frei nach Wilhelm Busch wehe, wehe, wenn ich an das Ende sehe! Die gesamte Arbeit der Hinterhand ist und bleibt das Manko dieses so sympathischen Pferdes. Kaum Übertritt im starken Trab, dafür alle sehr harmonisch. Gerade wenn man beschlossen hat, sich an der schön sitzenden und fein einwirkenden Schwedin zu erfreuen, schwenkt der Blick mal wieder auf die Hinterbeine. In der Passage kleben sie am Boden. Und in den sonst sehr schönen Einerwechseln unterlief ein Fehler, auch in der Galopppirouette drehte der Wallach, man wünschte sich da einfach mehr Galoppsprung, 75,086 Prozent.
Isabell Werth kam mit El Santo v. Ehrentusch auf Platz fünf. Für Werth ist es die 13-te Finalteilnahme. Nach einem offenen Halten gelang ihr ein präziser Auftakt, deutliche Stellung und Biegung in den Trabtraversalen, locker im starken Trab, in der Passage muss Ernie aufgefordert werden, er schlägt daraufhin mit dem Schweif. Die erste Piaffe legt Werth im deutlichen Vorwärts an. Das ist ganz gut für die Übergänge, aber die nächsten beiden Piaffen haben vielleicht eine nicht ganz ausreichende Trittanzahl zwölf bis 15 sind ja gefordert. Im starken Galopp reitet Werth volles Risiko, die 15 Einerwechsel hätte man sich hingegen mehr vorwärts gewünscht, 74,186 Prozent.
Seinen sicherlich bislang besten Ritt mit dem ehemaligen Siegerhengst der KWPN-Körung, Johnson v. Jazz, legt der Niederländer Hans Peter Minderhoud hin. War der auffallende Braune in Neumünster noch viel zu schnell unterwegs und wirkte aufgedreht und bewusst über Tempo geritten, zeigte er sich in Lyon von einer ganz anderen, viel besseren Seite. Die Nase fast immer leicht vor der Senkrechten, die Piaffen fleißig und auf der Stelle, die Traversalen ausdruckstark aber nicht in Endgeschwindigkeit. Lediglich die Kandare, die beständig durchfiel, hätte man sich anders gewünscht. Das Pferd hinterließ aber einen positiven Eindruck und hätte mehr verdient gehabt als die 73,771 Prozent, die am Ende zu Buch standen.
Weniger überzeugend war die Darbietung von Minderhouds Landsmännin Danielle Heijkoop mit dem durchgängig viel zu eng in der Halshaltung und wenig aktiv von hinten über den Rücken arbeitenden Gribaldi-Sohn Siro. Piaffieren kann er, alles andere ist eher Marke ordentlich wenn denn die Nase irgendwann mal vor oder zumindest an die Senkrechte käme, 72,857 Prozent.
Eine richtig gute Runde mit einem dicken Patzer lieferte die Debütantin Jessica v. Bredow-Werndl ab. Mit Unee, gleichfalls ein Gribaldi-Sohn, begann sie frisch und energisch. Der Hengst entwickelt immer mehr Go, ist immer noch auf dem aufsteigenden Ast. In der Mai-Ausgabe de St.GEORG verraten wir das Geheimrezept des Paars, es hat etwas mit Bergen zu tun… Bundestrainerin Monica Theodorescu war sehr zufrieden. Doch dann kamen die Einerwechsel, da schlug Unee einmal keck nach dem Schenkel seiner so fein und zurückhaltend einwirkenden Reiterin, die mit Minimalstkontakt am Kandarenzügel durch die Prüfung ritt (anders als manch einer der Konkurrenz). Dass sie nach dem Freundensprung noch 13 schöne, bergauf gesprungene Serienwechsel zeigte, änderte an der Note kaum etwas. Da stehen Zweien und Dreien, das ist teuer, bilanzierte die 28-Jährige, schlussendlich waren es 72,686 Prozent. Aber sie sieht positiv nach vorn. Es zeigt ja nur, dass Unee jetzt den Drive und Biss hat, dem man dem schwarzen Beau in der vergangenen Saison gewünscht hätte. Phasenweise kam er zum Schluss leicht hinter die Senkrechte mit der Stirnnasenlinie in der Passage, aber auch das korrigierte Jessica v. Bredow-Werndl immer wieder mit dezenten, aber effektiven Hilfen.
Morgen fällt die Entscheidung ab 13.35 Uhr. St.GEORG online ist live vor Ort, wird über Twitter und in Zwischenmeldungen vom Finale berichten.