CHIO Aachen: Der Patzer-Grand Prix

Matthias Alexander Rath und Totilas im Grand Prix in Aachen 2014

Aachen Soers 167.07.2014 CHIO Dressur Grand Prix (Nationenpreis): Matthias Alexander Rath (GER) und Totilas Foto: ©Julia Rau Am Schinnergraben 57 55129 Mainz Tel.: 06131-507751 Mobil: 0171-9517199 Rüsselsheimer Volksbank BLZ 500 930 00 Kto.: 6514006 Es gelten ausschliesslich meine Allgemeinen Geschäftsbedingungen (© Matthias Alexander Rath und Totilas im Grand Prix in Aachen 2014)

Aus Fehlern wird man schlau. So gesehen werden beim Special viele schlaue Reiterinnen und Reiter am Samstag an den Start gehen. Nur einer ist schon jetzt ein bisschen zu intelligent, findet seine Reiterin, Damon Hill. Dessen Blockade in der letzten Passage machte den Weg frei für den Sieg von Matthias Alexander Rath und Totilas.

Frisch wirkte Totilas und gehorsam. Bei aller Freude über seinen Sieg (83,2 Prozent), an den er angesichts des Starterfeldes, „Valegro und Damon Hill haben doch in den letzten Jahren alles gewonnen“, nicht einmal im Traum hätte denken wollen, blieb Matthias Rath nüchtern. Nein, wie in Perl-Borg habe sich Totilas nicht angefühlt. „Piaffen und Passagen waren nicht so gut wie wir es können und auch in den Einerwechseln war ein Wechsel kurz gesprungen.“ Aber das waren eben kleine Unsauberkeiten, die von den Richtern nicht einmal zu streng geahndet wurden – gerade die ersten beiden Piaffen, die deutlich im Vorwärts angelegt waren, wurden immer noch mit Neunen bewertet. Und mit kleinen Ungereimtheiten war man eben ganz weit vorn in diesem Grand Prix. Denn gepatzt wurde reichlich.

Das begann schon mit dem ersten deutschen Teampferd, dem Hannoveraner Desperados. „Draußen ging er wie Glöckchen“, sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu. „Sogar mit drei Stuten um ihn herum.“ Aber drinnen im neuen Dressurstadion in Aachen war es dann nichts mehr mit der Konzentration – „halt Hengst“, sagt die Bundestrainerin und zieht die Nase kraus. Auch Kristina Sprehe war mit ihrem De Niro-Sohn, „nicht so happy“. In der Trabtour war von der aufkommenden Spannung noch nichts zu sehen, aber ein falsches Angaloppieren aus dem Trab und vermurkste Zweierwechsel machten den Auftakt zu einer Runde, die so anders war als die Arbeit draußen auf dem Abreiteplatz.

Der deutsche Richter Dr. Dietrich Plewa dürfte sich heute Abend einige Nachfragen von seinen Kollegen gefallen lassen müssen. Während die anderen Juroren Sprehe und Desperados im Bereich von 72 bis 74 Prozent einordneten, ging er auf über 77 Prozent. Insgesamt war sich die Jury, die auch bei den Weltreiterspielen in der Normandie aktiv sein wird, nicht immer einig. Die Platzziffern purzelten durcheinander. Allein an den vielzitierten unterschiedlichen Perspektiven der Richterpositionen kann es nicht gelegen haben.

Glücklich war Isabell Werth, die „Mutter der Kompanie“, wie sie sich selbst nennt, mit ihrem Ritt auf Bella Rose. Die rheinische Belissimo-Stute ist mit zehn Jahren das jüngste Pferd der deutschen Equipe. Ein Dreierwechsel zu Beginn der fliegenden Wechsel zu zwei Tempi war ein Abstimmunsgfehler. Die Stute würde in ihrem Eifer manchmal zu schnell reagieren und an Einerwechsel denken. Deshalb habe sie die Hilfe spät gegeben, zu spät, sagt Isabell Werth. Auch die Rechtspirouette war nur mäßig, die hat die Stute schon besser gezeigt. Gänsehaut hingegen erzeugten Piaffen und Passagen und die fließenden Übergänge zwischen den Lektionen der höchsten Versammlung. Das gab es Neunen, zu Beginn der Aufgabe lag der Mittelwert der Noten bei hohen 80-Prozent und damit noch deutlich über der Bewertung des späteren Siegers Totilas. Bundestrainerin Monica Theodorescu freute sich vor allem über den Schritt. „Bei X hat sie noch mal ausgeatmet und den Hals fallen lassen.“
Genau daran war zu Beginn der Tage von Aachen noch nicht zu denken. „Dass Bella heute im Schritt am langen Zügel aus diesem Stadion mit dieser Atmosphäre geht – unglaublich. Beim Training am Dienstag war das im Schritt überhaupt nicht machbar.“ Mit 79,58 Prozent wurden beide Vierte.

Damon Hill fing gut an. Locker und elastisch, in den Piaffen nicht ganz so regelmäßig wie in der Hallensaison, aber dennoch deutlich am Punkt – was nicht die Regel in der Spitzengruppe war. Auch die Zweierwechsel waren nicht so wie schon gesehen und am Ende zog der Westfale die Bremse, weit vor dem Punkt, an dem das Halten gefordert war. Schon beim Weltcupfinale in Lyon hatte er diese Tendenz gezeigt. „Er ist halt zu intelligent, der weiß, wann die Aufgabe vorbei ist“, versuchte sich Helen Langehanenberg in Zweckoptimismus. Aber dass der Donnerhall-Sohn sich diese Marotte schnellstmöglich wieder abgewöhnen muss, ist allen klar. Auch Bundestrainerin Monica Theodorescu. Beim morgendlichen Training im Stadion und auch sonst wird diese Linie immer wieder geritten – mal wird eine Piaffe gefordert, mal irgendein Tempowechsel, aber nie die ganze Parade zum Halten. Auf das Stocken reagierte Helen Langehanenberg mit deutlichem Schenkeleinsatz, vorbei war es mit der Harmonie. Und mit dem Sieg, 81,22 Prozent bedeuteten Platz zwei.

Dass die Niederländerin Adelinde Cornelissen in ihrer Coolness und Konzentrationsfähigkeit kaum zu schlagen ist, bewies sie mit ihrem Parzival einmal mehr an diesem Donnerstag. Abgesehen davon, dass man dem Jazz-Sohn mehr Rahmenerweiterung im starken Trab gewünscht hätte, zeigte er eine gute Prüfung mit gelungenen Piaffen, sicheren Serienwechseln im Galopp und äußerst präzisem Reiten. Nur keinen Punkt verschenken, so kommt man auf 80,98 Prozent, Platz drei. Lediglich im starken Galopp sprang der herzkranke, aber topfit wirkende KWPN-Wallach zu früh um. Ein kleiner Schönheitsfehler, mehr nicht. „Wir sind auf Spur, steigern uns von Turnier zu Turnier und haben das Ziel, die WEG, klar vor Augen“, so die Bilanz der Niederländerin. Sie war die Beste des durch Ausfälle geschwächten Teams, das dennoch den zweiten Platz im Nationenpreis erringen konnte. Bundestrainer Wim Ernes wird erst in zwei Wochen, nach den niederländischen Meisterschaften sein Team für die Normandie benennen.

Doch die größte Überraschung kam kurz vor Schluss. Charlotte Dujardin und Valegro, die britische Traumkombination mit dem Nimbus der Unschlagbarkeit, musste heute Federn lassen. Und wie. Der 12-jährige Weltcupsieger, amtierende Olympiasieger und Europameister war natürlich der Topfavorit. Und zu Beginn sah das auch nach einem haushohen Sieg aus. Aber dann – Fehler in den Zweierwechseln, eine kaputte Pirouette, in den Trab gefallen im Galopp: Valegro hatte sich augenscheinlich vorgenommen, alle Fehler, die er in den letzten Jahren immer schon mal hätte machen wollen, in dieser Aufgabe auszuleben. Er wirkte am Ende matt, fußte nicht so dynamisch im Hinterbein ab wie gewohnt. War es die Hitze? Oder die Turnierpause? Man weiß es nicht. Was man weiß: Mit so vielen Fehlern kann auch ein Weltranglistenerster nur Sechster werden (76,9 Prozent).

Die Patzer der Top-Paare machte den Weg frei für andere, die vermutlich nicht erwartet hatten, in Aachen so weit vorn zu landen. Die Schwedin Tinne Vilhelmson-Silfven und der Hannoveraner Don Auriello zum Beispiel. Das Duo ging eine seiner Standardrunden: Hoch das Vorderbein, schleppend das Hinterbein, garniert mit Fehlern in den Zweierwechseln (76,9/5.).

Nach überstandener Augenoperation ist auch Donnperignon, der Donnerhall-Sohn der Dänin Anna Kasprzak wieder im Viereck zurück. Nicht zuletzt dank guter Passagen wurde die skandinavische Kombi – Donnperignon kam in Finnland zur Welt und wurde von Christoph Koschel in die Weltspitze geritten – Siebte (76,62).Auch Valentina Truppas (ITA) Piaffiermaschinchen Eremo del Castegno v. Rohdiamant war eifrig bei der Sache (75,08/8.)

Im Nationenpreis siegte Deutschland mit einer bislang noch von keiner Equipe erreichten Punktsumme von 243,1 – sprich einem Schnitt von mehr als 80 Prozent der drei in die Wertung einfließenen Ergebnisse. Zweite wurden die Niederländer (Adelinde Cornelissen/Parzival, Hans Peter Minderhoud/Flirt, Marlies van Baalen/Miciano und Katja Gevers/Thriller) mit 223,8 Punkten. Platz drei ging an die Spanier, die nach Ausfall des vierten Pferdes nur mit einem Trio an den Start gingen (Jose Daniel Martin Dockx/Grandioso, Morgan Barbancon/Painted Black, José Antonio Garcia Mena/Norte Lovera) und auf 220,6 Zähler kamen.
Übermorgen gehen die 30 besten Pferde im Grand Prix Special an den Start.

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