Neumünster: Isabell Werth und Weihegold mit 84,60 Prozent

Mit zwei kleinen Schnitzern, aber doch souverän sicherten Isabell Werth und die Oldenburger Stute Weihegold sich nach dem Grand Prix auch die Weltcup-Kür in Neumünster.

Gleich zu Anfang hakte es einmal, als Weihegold im starken Trab über die Mittellinie auf die Richter zu marschierte und kurz vor C einen Taktfehler hatte, den Isabell Werth aber schnell korrigieren konnte. „Das war mein Fehler“, nahm sie das Missgeschick hinterher auf ihre Kappe. Die zweite Störung folgte in einer der ansonsten brillanten Piaffe-Pirouetten der Stute. Als sie sich rechts herum Richtung Tribüne drehte, nahmen zwei Zuschauer während der laufenden Prüfung in der ersten Reihe Platz und sorgten dort für Unruhe. Weihegold hob den Kopf als wollte sie sagen, „Was ist denn da los?“ und kam einen Moment aus dem sonst so unerschütterlichen Takt. Auch vom anderen Ende der Halle konnte man noch Isabell Werths eisigen Blick in Richtung Tribüne sehen. Danach tat die nun siebenfache Weltcup-Qualifikationssiegerin von Neumünster das, was sie wahrscheinlich besser kann als jeder andere: abhaken, angreifen! Nun reihte sich Höhepunkt an Höhepunkt und es hagelte Noten, die in Summe 84,60 Prozent ergaben. Auch heute gab es wie schon im Grand Prix Höchstnoten, ein 10,0 für die Grußaufstellungen und eine 9,5 für die Harmonie zwischen Reiterin und Pferd von Dr. Evi Eisenhardt. Tatsächlich ist es eine Freude, die konstante und dennoch weiche Anlehnung von Weihegold zu sehen und das offensichtliche Vertrauen, das dieses Pferd hat. Das zeigte sich auch in der Siegerehrung. Wo andere wegspringen und nur mühsam zu bändigen sind, scheint Weihegold genau zu wissen, dass das ihr Applaus ist. Gäbe es Noten für Piaffen und Passagen auf der Ehrenrunde, wären das ganz sicher auch zwei „Zehnen“ gewesen.

Immer noch Beas Pferd!

Das nächste Turnier der Stute wird Dortmund sein – dann wieder unter ihrer Ausbilderin Beatrice Buchwald. Noch einmal betonte Isabell Werth, dass es zwischen ihr und ihrer Angestellten keinerlei Unstimmigkeiten gebe. Man wolle sich in Bezug auf Rio alle Möglichkeiten offen lassen. Ihre Nummer eins im Stall ist ja ohnehin nach wie vor Bella Rose, die zur grünen Saison wieder an den Start gehen soll. Wenn dann alles ideal läuft, hätte Beatrice Buchwald durchaus die Chance, sich selbst mit Weihegold ein Olympiaticket zu sichern. Zumindest erklärte der Dressurausschussvorsitzende Klaus Roeser auf Nachfrage: „Es gibt keinen Grund, weshalb nicht auch ein B-Kaderreiter ins Team kommen könnte. Am Ende müssen die Ergebnisse stimmen.“ Und die werden vor allem bei den Deutschen Meisterschaften in Balve und beim CHIO Aachen abgefragt. Isabell Wertung geht nun als Führende ins Weltcupfinale. Dort wird sie allerdings nicht Weihegold, sondern ihren bewährten Don Johnson reiten. „Er hat es verdient, aus dem Schatten herauszutreten“, so Werth.

Der schüchterne Unee

Platz zwei in der Weltcupqualifikation ging wie schon in Amsterdam an Jessica von Bredow-Werndl und ihren Gribaldi-Sohn Unee BB. Das Thema ihrer Kür ist Martin Luther Kings „I have a Dream“. Ein Höhepunkt der Choreografie ist zum Beispiel der Übergang vom starken Galopp in die Piaffe-Pirouette. Insgesamt hat der Hengst unheimlich an Frische und Dynamik gewonnen. Allerdings verkroch er sich auch heute immer mal wieder hinter dem Gebiss – etwas, was durchaus wörtlich zu nehmen ist, wie Jessica von Bredow-Werndl hinterher berichtete: „Unee war heute ein bisschen introvertiert und schüchtern.“ Da war er nicht der einzige. Heute zur Kür war die Halle voll und dass die Zuschauer praktisch am Viereck sitzen, mögen die wenigsten Pferde. Trotzdem gelang Unee und seiner Reiterin eine technisch fehlerfreie Kür, die am Ende mit 80,90 Prozent belohnt wurde. Aber: Da geht noch was! Die Chancen der beiden, nach dem dritten Platz im Weltcupfinale 2015 in Las Vegas, in Göteborg wieder unter die besten Drei zu kommen, stehen gut. Zumal das Turnier ihnen liegt. 2014 und 2015 waren sie dort siegreich gewesen. Jessica von Bredow-Werndl wird die vier Wochen zum Turnier nun nutzen: „Das ist der perfekte Rhythmus“, erklärte sie. „Unee bekommt jetzt ein paar Tage frei und dann beginnen wir mit der Vorbereitung.“

Planlos mit Parzival

Adelinde Cornelissen (NED) hatte ihr langjähriges Erfolgspferd, den nun 19-jährigen Parzival, mit nach Neumünster gebracht und wurde in Grand Prix und Kür Dritte. Der Jazz-Sohn präsentierte sich noch immer frisch genug, um Turnierveranstalter Paul Schockemöhle während der Siegerehrung von den Füßen zu reißen. Dressurchef Ulli Kasselmann: „Er wollte ihn festhalten. Aber Parzival wollte nicht festgehalten werden.“ Doch frisch allein nützt nichts. Insbesondere die schon so häufig bemängelte feste Anlehnung, das daraus resultierende offene Maul und sichtliche Spannungen trübten das Bild. Die Reiterin fand ihren Ritt aber viel besser als gestern, wo auch ihr Pferd von der Kulisse recht beeindruckt war. Knackte Parzival früher regelmäßig die 80 Prozent-Marke, schrammte er heute in der Kür knapp daran vorbei: 78,775 Prozent stand auf der Anzeigentafel. Auf die Frage, welches das nächste Turnier ist für Parzival, antwortete Cornelissen: „Ich werde mich zuhause hinsetzen und überlegen, was als nächstes kommt.“ Sie habe weder einen Plan in Hinblick auf Olympia in Rio, noch bezüglich der Verabschiedung von Parzival aus dem Sport. Nur so viel ließ sie sich entlocken: „Im Sommer werde ich ein neues Grand Prix-Pferd präsentieren.“ Welches das sein wird, bleibt allerdings vorerst ihr Geheimnis.

Anschnallen!

Als der Rheinländer Rubcon D mit der Polin Beata Stremler über die Diagonale flog, dachte man unwiillkürlich: „Alles anschnallen!“ Der Rubin Royal-Sohn und die Schülerin von Ton de Ridder zelebrierten eine mitreißende Trabtour mit fantastischen Piaffen und Passagen, die ihnen frenetischen Applaus und 76,325 Prozent von den Richtern einbrachte, Platz vier. Fabienne Lütkemeier und ihr 16-jähriger D’Agostino tanzten zu den monumentalen Klänge ihrer Kür auf Rang fünf, 75,575 Prozent. Damit gaben sie Patrik Kittel (SWE) auf Delaunay das Nachsehen (74,350). Knapp geschlagen (74,275) reihte sich dahinter Kristy Oatley mit Du Soleil ein. Juliane Brunkhorst und der einstige Oldenburger Siegerhengst, aber inzwischen gelegte Sieger Hit belegten Rang acht (73,650).

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