WM Ermelo: Kjento zum zweiten im hoch spannenden Finale der siebenjährigen Dressurpferde

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Die einzige 10 gab es heute im Finale für Kjentos Trab. (© www.toffi-images.de)

Der Tau hing noch in den Spinnweben und Nebel waberte übers Viereck, als heute morgen das erste Pferd das Viereck in Ermelo betrat. Los ging’s mit dem Finale der Weltmeisterschaften der siebenjährigen Dressurpferde – einem hoch spannenden Finale, in dem am Ende die Tagesform den Ausschlag für den Titelverteidiger gab, den KWPN-Hengst Kjento.

Das war eine geballte Ladung Qualität, die heute im Finale der siebenjährigen Dressurpferde an den Start ging. Am Ende setzte sich mit Charlotte Frys Kjento der Titelverteidiger und Sieger der Qualifikation erneut an die Spitze. Aber er war nicht der einzige Star heute auf dem Viereck in Ermelo. Aber der mit den wenigsten Fehlern. Wie Chefrichter Peter Storr es hinterher auf den Punkt brachte: „Das waren überragende Pferde. Aber wir mussten einen Sieger finden.“ Und der heißt nun zum zweiten Mal Kjento Negro-Jazz aus der Zucht von A.J. van Os und vorgestellt von Doppelweltmeisterin Charlotte Fry für die Hengststation Van Olst.

Wenn Kjento lostrabt, kann man nicht wegschauen.  Kraftentfaltung, Hinterhandaktivität, Balance, Geschmeidigkeit, das ist alles da. Auch war er stets gut vor den treibenden Hilfen und sicher in der Anlehnung. Mit zwei Einschränkungen: Der Hengst zeigt eine deutliche Nickbewegung und das Kandarengebiss war durchgehend auf Anschlag. Auch zeigte der Hengst beim Zügel aus der Hand kauen lassen so gut wie keine Dehnung. Dennoch: An dieser Kadenz, die der Hengst auch in den Seitengängen hält, kommt man nicht vorbei. Die Richter gaben die 10, lobten insbesondere das perfekt herausgearbeitete Schulterherein.

Der Schritt fällt dagegen etwas ab. Er ist taktsicher, fleißig und mit ca. zwei Huf Übertritt, aber mit dem Raumgriff in den schwunghaften Gangarten kann er nicht mithalten. Weil er sich in der Versammlung dazu auch noch etwas festhielt, gaben die Richter hier die 8,0.

Der Galopp kommt nicht ganz an den seines Stallkollegen, Weltmeister Glamourdale, heran. Aber es fehlt nicht viel. Entsprechend ausdrucksvoll sind die fliegenden Wechsel. In den Priouetten hatte Fry in der Qualifikation Probleme. Auf beiden Händen waren sie beidbeinig gestemmt statt im Galopprhythmus um den inneren Hinterhuf gesprungen. Heute begegnete Fry diesem Problem, indem sie die Pirouetten deutlich größer anlegte. Die Richter lobten die Bergauftendenz im Galopp, bemängelten aber, dass er links nicht ganz so geschmeidig war wie rechts. Eine 9,2 wurde es hier.

In Sachen Durchlässigkeit schlug sich das Zügel aus der Hand kauen lassen nieder sowie ein Versehen beim fliegenden Wechsel nach der Rückführung aus dem starken Galopp, trrotzdem: 9,5. Und der Gesamteindruck? „Wir hätten gerne eine 10 gegeben, aber mit dem Schritt wird es eine 9,8.“ Das ergab im Durchschnitt eine 9,3 bzw. 93 Prozent für die Qualität. Für die Endnote wird dann noch die technische Bewertung hinzugenommen. Die lautete bei Fry und Kjento heute 78,572 Prozent, auch hier Bestergebnis. Am Ende standen somit 85,786 Prozent.

Charlotte Fry hinterher auf die Frage, ob sie gerade in Siegeslaune sei: „Wir genießen es, so lange es anhält. Das wird sicherlich nicht für immer sein.“ Wobei ja auch Glamourdales Karriere einst als Weltmeister der siebenjährigen Dressurpferde in Ermelo Fahrt aufnahm. Also – auf Wiedersehen in 2026, Kjento?

Destellos dritter S-Auftritt

Während das Gros der Teilnehmer sicher schon zu Beginn der grünen Saison Ermelo als Highlight im Kopf hatte, sah das bei dem Paar auf dem Silberrang ganz anders aus. Das waren Beatrice Hoffrogge und der ehemalige Reitpferde-Bundeschampion Destello, Oldenburger Hengst v. Dimaggio-Fürst Fugger, gezogen von Stefanie Löhmann, im Besitz der Französin Sophie Fabri, die den hübschen Fuchs als Fohlen bei seiner Züchterin entdeckte. Sie reitet selbst, aber als sie merkte, wie talentiert ihr Fohlen ist, rief sie Beatrice Hoffrogge an und fragte sie, ob sie die weitere Ausbildung übernehmen wolle. Das ist mehrere Jahre her. In der Zeit waren die beiden kurzentschlossen zum Bundeschampionat gereist und hatten dort alle anderen in den Schatten gestellt. Im Jahr darauf legte der Fuchs einen überragenden 50-Tage-Test ab und war seither primär mit Decken auf der Station Hoffrogge beschäftigt.

Turniere ging er kaum und wenn dann mehr „damit ich testen kann, ob noch alles funktioniert“, so Beatrice Hoffrogge. Letztes Jahr gewann er eine Dressurpferdeprüfung Klasse M, das war’s. Dieses Jahr ging er eine M* in Ankum, wieder ein Sieg. Dann nahm Beatrice, die ja einst Weihegold bis Grand Prix ausgebildet und mit ihr Burg-Pokal und Louisdor-Preis gewonnen hat, ihn vor wenigen Wochen mit nach Elmlohe für einen ersten Versuch in Klasse S. Ergebnis: Rang eins. „Die WM hatten wir eigentlich gar nicht eingeplant, waren auch gar nicht bei der ersten Sichtung“, berichtete sie. „Aber nach Elmlohe meinte mein Trainer (der Sebastian Heinze ist, Anm. d. Red.), dass ich es doch vielleicht einfach versuchen soll.“ Und so reisten sie nach Ermelo mit einer einzigen S-Dressur Erfahrung im Gepäck. In der Qualifikation stand Destello noch unter Strom. „Da hatte er die Hosen voll. Das überspielt er immer gerne, indem er dann noch mehr trabt“, schmunzelt Hoffrogge. Dementsprechend habe ihre Devise im Finale gelautet: ruhig da durchreiten.

Nun ja, Destello ist kein Pferd für Piano, er ist eher Typ Forte. Die beiden begannen mit einer Trabtour, die wunderbar im Vorwärtsfluss angelegt war mit beeindruckender Schwebephase und einem ganz natürlichem Bewegungsablauf sowie mega aktivem Hinterbein. Im Galopp zeigte der Hengst sich viel gesetzter und versammelter als in der Qualifikation und in den Serienwechseln kamen nur minimalste Spannungen auf, da war die Rechnung von Beatrice Hoffrogge voll aufgegangen. Alles in allem eine sehr harmonische Vorstellung, aber trotzdem mit Power.

Die Richter waren hingerissen: „So viel Ausdruck, so elegante, leichtfüßige Bewegungen. Phasenweise hätten sie sich den Trab mehr über den Rücken gewünscht, so dass es heute „nur“ eine 9,8 wurde. Im Schritt lobten sie die Taktsicherheit sowie den Raumgriff im starken Schritt, hätten sich aber mehr Aktivität in der Versammlung gewünscht, 8,9. Im Galopp hätten sie sich noch etwas mehr Lastaufnahme gewünscht und monierten die etwas groß angelegten Pirouetten, 9. In Sachen Durchlässigkeit gab es aufgrund der angesprochenen Punkte eine 8,9. Und die Perspektive? „Eine wunderschöne Partnerschaft, 9,5.“ Alles in allen wurden es 83,957 Prozent. Technische Note: 75,714. In der dritten S-Dressur, um das noch einmal zu betonen. Das Beste an der Sache: Es ist eine Partnerschaft von Dauer, wie Hoffrogge sagt.

„Die Besitzerin lässt uns alle Freiheiten und ihr Wunsch war von Anfang an, dass er ein Grand Prix Pferd wird. Von daher hatten wir keine Eile und mussten nicht von Turnier zu Turnier mit ihm fahren“, so Beatrice Hoffrogge, deren eineinhalbjährige Tochter mit Papa Jens am Vierecksrand fest die Daumen drückte. Destello ist nämlich „ihr“ Pferd. „Er ist ein richtiges Charakterpferd“, schwärmt Beatrice. Als Charakterpferd ist Destello auf der einen Seite Hengst und Macho. Aber sobald Beatrice‘ Tochter vor ihr im Sattel sitzt, ist er lammfromm. Von daher kein Wunder, dass diese das Gefühl hat, der Fuchs gehöre ihr. Sie wurde heute von ganz Ermelo beneidet. Auf dem Rücken dieses Pferdes würde wohl jeder gerne mal sitzen.

Bronze an Escamillo

Escamillo hätte heute eine reelle Chance gehabt, den Spieß umzudrehen und sich den Titel vor Kjento zu sichern. In der Qualifikation war er Zweiter gewesen. Aber in Sachen Geschmeidigkeit und durch den Körper Schwingen ist der Escolar-Sohn dem alten und neuen Weltmeister sogar noch voraus. Doch es sollte nicht sein. Zu viele technische Fehler schlichen sich heute bei dem Rheinländer Hengst aus der Zucht von Dr. Carolin Langhorst und im Besitz der US-Amerikanerin Kimberly Davis-Slous ein. Manuel Dominguez Bernal, der Escamillo schon seit einer Weile für seine Chefin Helen Langehanenberg vorstellt, sagte später, Escamillo sei heute wirklich heiß gewesen.

Dabei begannen die beiden wunderbar: elastisch, leicht in der Hand, mit herrlicher natürlicher Kadenz, geschmeidig in Stellung und Biegung, und Takt auch in den Seitengängen unverändert haltend, leider ein Taktfehler im ersten Mitteltrab. Mustergültig das Zügel aus der Hand kauen lassen. So weit, so gut. Dann der Schritt: großzügig und mit Zug zur Hand in der Verstärkung, leider aber zwei missglückte Schrittpirouetten in der Versammlung. Es folgte die Galopptour, und auch hier schlug der Fehlerteufel zu, als Escamillo den fliegenden Wechsel zwischen den beiden Galopptraversalen in zwei Phasen sprang. Dem gegenüber standen ausdrucksstarke Wechsel und ein Überstreichen wie aus dem Lehrbuch. Insgesamt hatte man aber den Eindruck, dass Manuel Dominguez Bernal heute etwas mit angezogener Handbremse unterwegs war.

Die Richter lobten die perfekte erste Grußaufstellung und den „wunderbar ausdrucksvollen“ Trab. Lediglich in den Traversalen hätten sie sich ein „tiny littlebit“ mehr Bergauf gewünscht, 9,5. Auch hier hätten sie sich im versammelten Schritt mehr Aktivität gewünscht, aber aufgrund der Qualität der Gangart gab es dennoch eine 9. Dieselbe Note gab es auch für den Galopp. In der Durchlässigkeit schlugen sich dann die Fehler nieder, 8,5. Aber „we love him for the Future“, 9,5. Ergab unter dem Strich 83,072 Prozent und Rang drei.

Ob Manuel Dominguez Bernal enttäuscht war? „Ich bin super super glücklich!“, sagte er. Und konnte sich dazu noch über ein Lob von Chefrichter Peter Storr für seine gute Reiterei freuen. Was er sich auch verdient hat, denn nicht nur Escamillo stellte er hier mit viel Gefühl und basierend auf einer reellen Grundausbildung vor, sondern ja zum Beispiel auch Galleria’s Summerville gestern im Finale der Fünfjährigen.

Überraschung auf Rang vier und weitere Paare, die auffielen

Rang vier ging ebenfalls an ein deutsches Pferd, das allerdings unter der portugiesichen Flagge seines Reiters Joao Pedro Moreira ging: den Oldenburger Hengst Fürst Kennedy v. Fürstenball-Don Kennedy aus der Zucht des Gestüts Lewitz. Was ist dieser kleine Rapphengst doch für ein sympathisches Pferd, das noch dazu über drei ausgeglichen gute Grundgangarten verfügt! Die beiden hatten die Prüfung heute morgen mit einer Runde eröffnet, die ihnen eventuell deutlich mehr als 73,642 Prozent eingebracht hätte, wären sie in der zweiten Gruppe dran gewesen. Denn technisch war an ihrer Aufgabe wenig auszusetzen gewesen. Im Gegenteil, das war ein richtiges Sternstündchen, das ihnen am Ende 79,422 Prozent einbrachte.

Dahinter ritt die Britin Sadie Smith die Britische Hannoveraner Stute Swanmore Dantina v. Dante Weltino-Charatan W (Z.: Ben St. John James). Die Stute hatte schon in der Qualifikation mit ihrer Leichtigkeit und Eleganz begeistert. Heute tendierte sie von Zeit zu Zeit dazu, hinter das Gebiss zu kommen. Größtes Problem war heute aber der versammelte Schritt, wo die Stute Taktverschiebungen zeigte, so dass es hier trotz des großzügigen Übertritts im starken Schritt nicht mehr als 7,5 werden konnten. Alles in allem kam sie mit ihrer 32jährigen Reiterin, die ähnlich wie Charlotte Fry eine Weile lang bei Carl Hester im Stall war und Anfang des Jahres angefangen hat bei Van Olst zu arbeiten, auf 78,979 Prozent, Rang fünf.

Wer ein Beispiel für reellen versammelten Trab sucht, wird bei dem Westfalen Briatore v. Belissimo M-Dresemann (Z.: Adolf-Theo Schurf) unter der Schweizerin Andrina Suter fündig. Was für eine schöne reelle Vorstellung, vor allem in der Trabtour. „Lots and lots of Harmony“, wie die Richter sie verständlicherweise überschwänglich lobten. Unglücklicherweise fiel der großrahmige Braune vor der ersten Pirouette einmal aus und die zweite geriet etwas groß. Aber wie die Richter in Sachen Perspektive festhielten: „ein tolles Paar und ein super Pferd für die Zukunft!“ In Noten ausgedrückt hieß das 78,836 Prozent, Rang sechs, mit Teilnoten von 8,4 (Schritt) bis 8,8 (Trab, Durchlässigkeit, Perspektive).

Noch ein deutsches Pferd auf dem siebten Platz: der nicht minder talentierte Oldenburger Hengst Zac Efron v. Zack-Don Larino (Z.: Hermann Schildt) unter Daniel Bachmann Andersen für das Gestüt Vorwerk bzw. Elisabeth Max-Theurer. Die beiden begannen mit einer ausdrucksstarken Trabtour, in der die Richter sich allerdings etwas mehr Schub von hinten gewünscht hätten. Qualitativ standen Schritt und Galopp dem Trab in nichts nach. Blöderweise gab es einmal ein Missverständnis bei den Dreierwechseln, als Zac Efron nicht auf die erste Hilfe seines Reiters reagierte. Und schon war der Fehler passiert. Weil der Hengst von Zeit zu Zeit ein offenes Maul hatte und die Richter auch fanden, dass das Zügel aus der Hand kauen lassen eilig gewesen war, gaben sie für die Durchlässigkeit nur eine 8,0. Aber in der Perspektive wollten sie ihn „so großzügig belohnen, wie möglich“, 8,9. Insgesamt 78,558 Prozent.

Erwähnenswert auch das Pferd auf dem letzten Platz, die KWPN-Stute Kavira v. Franklin-Sorento (Z.: P.P.W. Janssen) mit der Schwedin Sofie Lexner. Leider häuften sich bei den beiden heute die Probleme, insbesondere in der Galopptour, wo sie das Kunststück einer Traversale im Kreuzgalopp fertigbrachten. Aber was für ein talentiertes Pferd mit drei Grundgangarten, die sie eigentlich zur Titelkandidatin hätten machen können …

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