„Zu Lasten der Pferde“ – deutsche Kaderreiter kritisieren Tendenzen in internationaler Dressur

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GOLD! Deutschland gewinnt bei den Weltreiterspielen die Mannschaftswertung der Dressur. (© Pauline von Hardenberg)

Es ist mehr als nur ein Klassentreffen: Zum Jahresauftakt treffen sich die Kaderreiter zum Aktiventreffen. In Warendorf hatten die Mitglieder der Bundeskader Dressur vor allem zwei Themen, zu denen sie sich klar positioniert haben: das sogenannte Hi/Lo-Drop-Verfahren und die Idee, den Grand Prix deutlich zu verkürzen. Es soll nicht nur bei einem Murren anlässlich des Kadertreffens bleiben.

Man hatte sie schon beinahe wieder vergessen, die Gedanken die eine Arbeitsgruppe internationaler Dressurrichter (Dressage Judges Working Group, DJWG) in einem Maßnahmenkatalog zur Weiterentwicklung der internationalen Dressurprüfungen vorgestellt hatte. In dem Werk, das im Frühjahr mit wenig Erfolg beim Sportforum des Weltreiterverbandes (FEI) vorgestellt worden war, waren diverse „Rettungsmaßnahmen“ für den Dressursport aufgelistet. Eines der Ideen, die schon lange in der Diskussion ist, ist das sogenannte Hi/Lo-Drop-Verfahren, benannt nach dem englischen Prinzip die jeweils höchste (Hi[gh]) und niedrigste (lo[w]) Beurteilung einer jeden Lektion wegfallen (to drop) zu lassen. Schon zur FEI-Generalversammlung 2017 war über dieses Richtverfahren, das so unter anderem im Eiskunstlauf praktiziert wird, debattiert worden. Eine klare Ablehnung des Konzepts hatte sich damals bereits angekündigt, so dass nicht über eine Einführung abgestimmt worden war.

Kaderreiter gegen Hi/Lo-Drop

Nun geistert die Idee abermals durch die Gesprächsrunden der selbst ernannten Dressur-Retter. Der gern zum Vergleich herangezogene Eiskunstlauf kann nicht wirklich als Modell herhalten, „da beim Eiskunstlauf alle Richter an einer Seite der Eisfläche sitzen und die gleiche Perspektive einnehmen.“ So steht es in einer Pressemitteilung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung. Und weiter: „Es gehört jedoch zur Philosophie des Dressursports, dass Pferd und Reiter aus einer 360-Grad-Perspektive bewertet werden. Aus diesem Grund sitzen die Richter an allen Seiten des Vierecks verteilt – so entstehen auch unterschiedliche Wertnoten. Hi/Lo würde diese Perspektive begrenzen. Nur die Rundum-Perspektive gewährleistet, dass der Trainingsstand eines jeweiligen Pferdes vollumfänglich anhand von Kriterien wie Stellung und Biegung, Rahmenerweiterung, Geraderichtung etc. bewertet werden kann. Jeder Richter hat die Möglichkeit, Trainingsmissstände wie einen durchhängenden Rücken, ein zusammengezogenes Genick, ein offenes Maul oder eine heraushängende Zunge etc. zu bestrafen.“

Besonderen Augenmerk wollen Deutschlands Dressurreiter dabei auf einen anderen wichtigen Punkt in der international geführten Diskussion lenken: Auch das Wohlergehen der Pferde („Welfare of the horse“) stünde auf dem Spiel. Schließlich liefe derjenige Richter, der beispielsweise eklatante Ausbildungsfehler erkennt und entsprechend zu deutlich schlechteren Ergebnissen kommt, Gefahr stets als Streichergebnis für die Endabrechnung irrelevant zu sein. Fazit aus der Kadderrunde:

Hi/Lo ermutigt die Richter demnach nicht gerade, die gesamte Bandbreite der verfügbaren Noten auszuschöpfen, auch aus Sorge davor ständig derjenige zu sein, der das Streichergebnis liefert und damit in die Kritik von Reitern, Trainern und Öffentlichkeit zu geraten. Dies erschwert auch die Rekrutierung von Richter-Nachwuchs und die gesamte Richter-Ausbildung.

Mit anderen Worten: Richter, die sich des Notenspektrums von 7,0 bis 8,0 bedienen, würden zum Zünglein an der Waage. Die Ergebnisse der einzelnen Reiter würden enger zusammenrücken, der Sport damit langweiliger und weniger transparent. Fazit: „Hi/Lo würde zu mehr Diskussionen über Richterurteile führen und trägt nicht dazu bei, dass herausragende Leistungen honoriert und Ausbildungsmängel bestraft werden. Dass Hi/Lo der völlig falsche Weg ist, darin sind sich die Aktiven einig, so wie es auch schon der Dressurausschuss des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) in seiner Dezember-Sitzung war“.

Die Reiterinnen und Reiter wollen diese Message auch international an die Aktivensprecherin Dressur, die Spanierin Beatriz Ferrer-Salat weitergeben. Sie soll die deutsche Position dem Dressurkomitee der FEI klar machen.

Bringt die Fußnoten wieder zurück!

Noch eine weitere Forderung kommt aus der deutschen Ecke: die nach den sogenannten Fußnoten für Reiter und Pferd. Seit Ende 2017 wurden keine Noten mehr neben denen für „Sitz und Einwirkung des Reiters“ vergeben. „Gehorsam und Durchlässigkeit“, „Reinheit der Gänge“, „Schwung und Elastizität“ wurden nicht mehr als Fazit des Ritts besonders beurteilt. Eine Fehlentscheidung, fasst Bundestrainerin Monica Theodorescu die Meinung der Kaderreiter und des deutschen Dressurausschusses zusammen:

Die Fußnoten sind essentiell wichtig, um die Wertigkeit der Grundsätze des Dressurreitens zu unterstreichen.

Verkürzung des Grand Prix gegen Wohl der Pferde

Für viel Diskussionsstoff hat der erstmals beim Weltcup-Turnier in London kurz vor Weihnachten 2018 gerittene neue Kurz-Grand Prix gesorgt. Der Testlauf konnte die Deutschen nicht überzeugen. 45 Sekunden wurden eingespart, das Rückwärtsrichten, die Zickzack-Traversalen und eine Piaffe wurden dafür unter anderem geopfert. Anschließend gaben die Reiter ein kurzes Interview zu ihrer Leistung.

„Es spricht überhaupt nichts dagegen, die Prüfungen mit Interviews nach jedem Ritt und individueller Musik unterhaltsamer für die Zuschauer zu machen, so wie es zum Beispiel in Stuttgart erfolgreich gemacht wird. Wir sehen auch, dass solche Turniere mit der klassischen Tour aus Grand Prix und Special funktionieren, wenn die Rahmenbedingungen stimmen, und die Hallen dort voll besetzt sind. Aber das Pseudo-Argument, dass verkürzte Prüfungen mehr Medienpräsenz bringen, zieht für mich nicht, und zwar solange nicht, bis mir die Verfechter dieses Glaubens einen neuen Fernsehvertrag vorlegen. Wir stehen vor grundlegenden Herausforderungen wie dem Umgang mit Social Media und Bildern vom Abreiteplatz oder vor der Frage, ob man Pferde überhaupt noch reiten darf. In dieser Diskussion darf es nicht um eine Minute mehr oder weniger gehen. Wir brauchen vielmehr ein Gesamtpaket, um unseren Sport besser zu vermarkten und voranzubringen“, bilanzierte Isabell Werth die Zusammenkunft in Warendorf.

Die Weltranglistenerste hat zu keiner Zeit verborgen, wie kritisch sie diesem Test-Grand Prix gegenübersteht: „Wir Reiter erleben es oft, dass sich ein Pferd erst im Laufe der Prüfung entspannt, sich an die Umgebung gewöhnt und sich im Viereck findet. Die Pferde brauchen also genau diese Zeit. Es wäre nicht im Sinne des „Welfare of the horse“, den Grand Prix dauerhaft zu verkürzen.“

Wir können sicher über Nuancen diskutieren, aber wir dürfen der Prüfung nicht Fluss und Harmonie nehmen, so wie es gerade geschieht. Das geht zu Lasten der Pferde.

An zwei Terminen in diesem Jahr, beim FEI-Sports Forum im April und der Generalversammlung im November, wird auch über diese Punkte weiter debattiert werden.

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