Moment mal extra – Erinnerungen an Reiter-Olympia: Atlanta 1996

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Wahrgewordene Klischees, üble Trainingsmethoden, dicke Luft bei den Dressurreitern aber schließlich vier Goldmedaillen für Deutschland – St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer erlebte bei Reiter-Olympia in Atlanta 1996 Achterbahnfahrten der Gefühle.

Nach zwölf Jahren zog Olympia erneut in die USA, die Hauptsponsoren Coca Cola und McDonalds hatten dafür gesorgt. Und sich auf ihre Weise schadlos gehalten: In allen Wettkampfarenen gab es lediglich Drinks und Fastfood der Geldgebermarken. Ich habe noch nie so viele fette Menschen auf einmal gesehen wie in den beiden Wochen in Georgia. Wir befanden uns im Scarlett O`Hara-Land, stattliche, ein bisschen verschlafene Südstaatenvillen, meist aus Holz, säumten die Straßen.

In Atlanta Downtown tobte das Chaos, mehr als einmal drohte die gesamte Organisation zusammenzubrechen, Computer- und Telefonnetze versagten und die U-Bahn musste mehrfach wegen Überfüllung geschlossen werden. Jedes Mitglied der „Olympic Family“ konnte eine Horrorgeschichte von gestressten Busfahrern erzählen, die verzweifelt durch Häuserschluchten irrten, weil sie den Weg nicht fanden. Eine Fahrerin brach weinend über dem Lenkrad zusammen. Und dann verübte ein Wahnsinniger auch noch einen Terroranschlag im olympischen Vergnügungspark, bei dem zwei Menschen starben und 110 verletzt wurden.

Wir beim Reiten bekamen davon wenig mit. Zum St.GEORG-Team gehörte außer mir auch wieder Alexandra Jahr, wir wohnten bequem in einem Hotel, nicht weit vom Georgia International Horse Park, 30 Autominuten von Atlanta entfernt. Hier war so etwas wie Klein-Aachen entstanden: Die Arena ähnlich groß (mit weniger Tribünen natürlich), bekannte Gesichter, versierte Organisation von Fachleuten und toller Sport. Aber das olympische Feuer war weit weg.

Es war nicht so schwül-heiß wie befürchtet, auch diesmal hatte es wegen der Hitze endlose Diskussionen und Untersuchungen gegeben. Am Ziel der Geländestrecke standen zum ersten Mal diese riesigen wassersprühenden Ventilatoren, die seitdem fast immer bei Olympia und anderen großen Events dabei sind, um die Pferde nach dem Cross zu kühlen.

„So schlimm war’s noch nie“

Auf luxuriösen Reitanlagen betuchter Pferdefreunde hatten sich die deutschen Reiter vorbereiten können, eher Urlaub als anstrengendes Trainingslager für Leute, die es gewohnt sind, mehr als ein Pferd pro Tag zu reiten. Spring- und Dressurreiter gingen auf die Merichase Farm nicht weit von der Olympiareitanlage, etwas weiter weg auf der Pine Top Farm trainierten die Buschis.

Hier beobachtete und fotografierte Ersatzreiter Matthias Baumann ein Hindernis, über das ein glatter dünner Draht gespannt war, ein anderes, das mit einem mit Nägeln gespickten Brett verziert war, „Trainingsmaterial“ der argentinischen Reiter. Leider übergab er die Fotos erst kurz vor dem Rückflug nicht der FEI, sondern den Medien, sodass es für detaillierte Untersuchungen zu spät war, weil die Beteiligten schon abgereist waren.

Auf der Merichase Farm herrschte Eiseskälte trotz sommerlicher Temperaturen. Mental gesehen. Denn es menschelte auf höchst komplizierte Weise. Ein später angereister Ehemann stellte plötzlich fest, dass er überflüssig war, auch die nachgereiste Freundin eines Reiters, die ihren Liebsten überraschen wollte. Auch Besucher, die mehrere Stunden blieben, konnten nicht beobachten, dass ein Dressurreiter mit dem anderen ein Wort wechselte. Recherchen bei Bundestrainer Harry Boldt ergaben: „Fragen Sie mich was anderes, ich lüge so ungern.“ Von Freunden wurde er zitiert: „So schlimm war’s noch nie.“

Eine Träne auf Reisen

Am Ende konnten sich die Erfolge der Deutschen sehen lassen, viermal Gold, je Mannschaft und Einzel in Dressur und Springen. Nur die Buschreiter gingen leer aus, das Team gab ein trauriges Bild ab. Der beste Mannschaftsritt gelang dem nachgerückten Reservisten Bodo Battenberg auf Sam the Man, einem Halbbruder von Michi Jungs Sam. Auf der Rennbahn blieb er eine halbe Minute unter der Zeit und hätte fast seinen Vorstarter überholt.

Ralf Ehrenbrink auf Connection schied nach Verweigerungen aus. Jürgen Blum, der Vater der amtierenden Springreiter-Weltmeisterin Simone Blum, den wir einmal beim Geländeabgehen mit sorgenvollem Gesicht vor einem breiten Trakehner Graben trafen, gab nach Sturz auf. Als Bettina Overesch mit Watermill Stream in den Cross ging, war die Luft schon raus: die Mannschaft geplatzt, beziehungsweise hatte für einen der ausgeschiedenen Reiter 1000 Strafpunkte zusätzlich auf dem Konto. Da fehlte Bettina natürlich der Elan, es war eine Pflichtaufgabe, um noch was zu retten, wo nichts mehr zu retten war. Platz neun fürs Team.

Die Aussies wiederholten ihren Olympiasieg von 1992. Bester Deutscher in der Einzelprüfung war Hendrik v. Paepcke auf Amadeus, Siebter, nach einem überlegten flüssigen Geländeritt. Peter Thomsen musste White Girl nach der Dressur zurückziehen, Herbert Blöcker auf Kiwi Dream wurde 16. Der Olympiasieger hieß Blyth Tait aus Neuseeland auf dem erst achtjährigen Fuchs Ready Teddy. Schon in Atlanta erwies sich das Format mit zwei getrennten Prüfungen für Einzel- und Mannschaftswertung als untauglich. Kaum eine Nation hatte genügend Klasse-Reiter, um beide Prüfungen zu bestücken. Es wurde auch nur noch einmal, in Sydney vier Jahre später, angewandt.

Das Dressurteam (Isabell Werth auf Gigolo, Monica Theodorescu auf Grunox, Klaus Balkenhol auf Goldstern und Martin Schaudt auf Durgo) holte die erwartete Goldmedaille ab, für die Einzelmedaillen musste zum ersten Mal auch eine Kür geritten werden, die Gigolo souverän gewann. Der rührendste Moment auf dem Dressurviereck von Atlanta: Wie der Olympiasiegerin Isabell Werth bei der Siegerehrung eine dicke Träne langsam die Wange herunterrollt, am Kinn zitternd hängen bleibt, bevor sie fällt. Festgehalten von unserem Fotografen Jaques Toffi.

Es gab übrigens noch eine fünfte deutsche Dressurreiterin: Nicole Uphoff hatte sich als Titelverteidigerin ihren Startplatz erklagt. Während des Trainingslagers ritt sie viel im Wald spazieren, war von Anfang an eine Außenseiterin. Der 19-jährige Rembrandt, schon deutlich über dem Zenit und deswegen nicht in der Mannschaft, wurde nach mäßigem Grand Prix und Special, jeweils weit von den Medaillenplätzen entfernt, vor der Kür zurückgezogen, nachdem er die Verfassungsprüfung beim ersten Anlauf nicht passiert hatte. Wir hätten diesem Jahrhundertpferd einen glanzvolleren Abgang gewünscht.

Schatten auf dem Gold

Dramen waren vor den Medaillen der Springreiter auszuhalten. Franke Sloothaak stürzte im Nationenpreis und wurde dabei vom Stollen von Joly Coeurs Eisen so verletzt, dass er heftig blutete, an Weiterreiten war nicht zu denken. Die drei anderen, Ulrich Kirchhoff auf Jus de Pommes, Lars Nieberg auf For Pleasure und Ludger Beerbaum auf Ratina Z blieben ohne Springfehler. Im zweiten Umlauf kassierte nur Nieberg drei Abwürfe, die anderen blieben springfehlerfrei, sodass am Ende nur 1,75 Zeitfehler für das Team zu Buche schlugen.

Da kam abends dann auf einmal doch so was wie olympische Stimmung auf, als die vier ihren Bundestrainer Herbert Meyer zu sich aufs Siegerpodest zogen. Das sind die Momente, in denen man sich freut dabei zu sein. Böses Erwachen für Beerbaum am nächsten Tag: Ratina hatte sich einen Sehnenschaden geholt und konnte nicht mehr gehen. Die Ursachenforschung kürzte Ludger ab: „Die Stute hat in den letzten Wochen 110 Prozent gegeben, hat wirklich gekämpft. Irgendwie war der Bogen dann überspannt.“

Jetzt noch das Einzelspringen. Ulrich Kirchhoff blieb der einzige Reiter in beiden Umläufen ohne Abwurf, kassierte mit dem kalibrigen Fuchshengst Jus de Pommes zwar einen Zeitfehler, aber die Taktik war aufgegangen, nicht auf die Zeit zu drücken. Sieben Reiter mussten um Silber und Bronze stechen. Ich werde nie die Ehrenrunde von Jus de Pommes vergessen. Kirchhoff schwenkte in jeder Hand eine Deutschlandfahne und jubelte, die Zügel lagen auf dem Hals. Aber das Pferd unter ihm war sichtbar am Ende. Mit zurückgeklappten Ohren galoppierte Jus de Pommes schwerfällig seine Runde. „Der ist aber müde“, dachte ich. Viel schlimmer: Der Hengst war schwer krank und erlag Tage nach seiner Rückkehr einem Multiorganversagen. Die Ursache, wie es so weit kommen konnte, wurde nie ganz geklärt – ein Schatten, der auf dieser Medaille bleibt.

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  1. Marlis

    Auch nach 24 Jahren erinnere ich mich noch an mein Entsetzen, als ich die Zeitung aufschlug und las, dass Jus de Pommes gestorben war. Gerade noch hatten wir begeistert die tollen Runden in Atlanta genossen und nun war dieser wundervolle junge Hengst tot.

  2. Horst Müller

    Unvergessene Zeiten mit dem deutschen Vielseitigkeitsteam auf der Pine Top Farm und den genüßlichen Double Whoppern, die niemand mehr sehen mochte.


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