Moment mal extra – Erinnerungen an Reiter-Olympia: Los Angeles 1984

pochhammer_moment_mal_web

Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Eigentlich hätten jetzt die Olympischen Spiele in Tokio stattfinden sollen. Doch nun ist alles anders. In Extra-Ausgaben ihrer wöchentlichen Kolumne „Moment mal!“ erinnert sich St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer zurück an Reiter-Olympia, sprich die Spiele, die sie als Berichterstatterin aktiv begleitet hat. Den Auftakt machen Erinnerungen an Los Angeles 1984.

Manche sagen, Olympia sei tot. Ein Opfer von gnadenloser Kommerzialisierung und maßlosem Gigantismus, der olympische Geist nur noch ein laues Lüftchen, dass niemandem mehr Auftrieb gibt. Mag alles sein, aber der Mythos Olympia ist gleichwohl lebendig und die Verschiebung der Spiele von Tokio ins nächste Jahr tut dem keinen Abbruch. Wenn sie denn stattfinden können.

Olympische Spiele, da wollen sie alle hin. Immer noch. Obwohl das große Geld woanders verteilt wird, obwohl Komfort anders aussieht als das Jugendherbergsquartier im olympischen Dorf, obwohl die Athleten stundenlang in Bussen durch verstopfte Städte zu den Sportstätten gekarrt werden. Wo dann alles schwierig ist: scharfe Kontrollen, oft durch bewaffnete Soldaten, der Kampf um die verschiedenen Akkreditierungen und die tägliche Frage: Wer darf wohin? In den Stall, auf den Abreiteplatz, auf die Teilnehmertribüne? Darf die Frau, Freundin oder sonst wer mit? Das beschäftigt nicht nur die Athleten, in unserem Fall die Reiter, denen am Ende nach dem sportlichen Wettkampf im besten Fall eine kleine Plakette in den Farben Gold, Silber oder Bronze winkt, eine Großaufnahme (bitte mit Tränen) vor wehender schwarz-rot-goldener Fahne zu Haydns Hymne, ein Auftritt im Aktuellen Sportstudio – oder bei der ARD oder beiden – und natürlich, wenn sie Glück haben, das geldwerte Interesse von Sponsoren.

Der olympischen Zauber lässt auch uns Sportjournalisten nicht kalt. Akkreditierungen sind rar und deswegen heiß begehrt. Olympia – das sind jedes Mal zweieinhalb Wochen voller Stress, Kämpfe mit der Technik (Überlebensfrage: Funktioniert das W-LAN?), mit Deadlines, die schon durch die Zeitverschiebung eine tägliche Herausforderung sind, mit Bussen die nicht kommen, mit bescheidener Unterbringung bei miserablem Essen. Alles egal, am Ende ist man übermüdet, ausgelaugt und urlaubsreif, aber beseelt von dem wunderbaren Gefühl: Man war dabei, live und hautnah. Neunmal durfte ich für den St.GEORG bei Olympia als Berichterstatterin dabei sein, Tokio soll das Zehnerpack voll machen. Nun also nicht 2020, sondern 2021. Hoffentlich!

Auch interessant

Reiter-Olympia: Los Angeles 1984

Nach Los Angeles fuhren wir zu zweit, mit mir Alexandra Jahr, damals gerade mit dem Abitur fertig, heute unsere Verlegerin. Wir sahen uns im Aufzug des Flughafenhotels Frankfurt zum ersten Mal und teilten dann vier Wochen lang ein Hotelzimmer, ein schönes großes. Da habe ich später noch ganz andere Bleiben kennengelernt. Wir verstanden uns von Anfang an bestens. Bereits 14 Tage vor Beginn der Spiele flogen wir los, in derselben Maschine wie die Vielseitigkeitsreiter. Sie sollten Zeit haben, sich und ihre Pferde an die Hitze zu gewöhnen, die bereits damals ein Thema war. Die Rennbahn von Sante Anita stand nur deswegen als olympischer Schauplatz zur Verfügung, weil die Rennszene mitsamt ihren Pferde vor der kalifornischen Hitze in kühlere Gefilde geflüchtet war. Es ist üblich, dass die Sportler und die Funktionäre schon bei der Anreise die offizielle Olympiakleidung tragen, das waren in diesem Fall hellblaue Trainingsanzüge, die an Bettina Overesch (heue Hoy), Dietmar Hogrefe und Co flott aussahen, an über 50-Jährigen wie dem damaligen Bundestrainer Dr. Bernd Springorum und Equipechef Hilarius Simons eher gewöhnungsbedürftig. Aber sie waren alle schon von weitem nicht zu übersehen, dass war das Gute daran.

Die Pferde flogen in derselben Maschine wie wir, im hinteren Teil, nur durch eine einfache Stahltür getrennt. Wir konnten sie dort sogar besuchen, Teamtierarzt Dr. Karl Blobel war da ganz locker und weidete sich an unserem Grusel, als er verriet, dass er immer eine Pistole dabei habe. Für alle Fälle, falls ein Pferd durchdreht und die ganze Maschine in Gefahr bringt. So geschehen auf dem Rückflug von den Spielen in Mexiko 1968, als ein DDR-Dressurpferd und Lapislazuli, das Pferd von Buschreiter Jochen Mehrdorf, den Flug nicht überlebten, weil sie in Panik gerieten, anfingen zu toben und drohten, dabei die Deckenverkleidung des Fliegers zu beschädigen.

14 Tage hatten wir noch bis zum Start der Spiele. Die nutzten wir, um all das zu machen, wofür danach keine Zeit mehr war: Disneyland, Hollywood und Venice Beach am Pazifik, wo Menschen aller Hautfarben und Geschlechter ihre sportgestylten Bodies präsentierten. Wow!

Das Warten zerrte an den Nerven. Die Stimmung beim täglichen Training war „so lala“, Bettina machte im Prinzip immer das Gegenteil von dem, was der Bundestrainer sagte, und die drei Youngster im Team, Bettina, Dietmar und Burkhard Tesdorpf, alle Anfang 20, holten sich Rat bei allen möglichen Leuten außer der eigenen Mannschaftsführung. Die tat uns manchmal ein bisschen leid mit ihrem aufmüpfigen Trüppchen.

Am Ende wurde dann für die Buschis alles gut. Die kunterbunte Geländestrecke auf einem Golfplatz in der Nähe von San Diego war bestückt mit phantasievollst gestalteten Hindernissen, darunter ein Wasserfall, der auf die Pferde zuplätscherte, und eine verwitterte Westernstadt inclusive Galgen, an dem eine Seilschlinge in Form der Olympischen Ringe baumelte.

St.GEORG

Die Olympia-Equipe von Los Angeles: Bettina Hoy auf Peasetime, Burkhard Tesdorof auf Freedom, Claus Erhorn mit Fair Lady und Dietmar Hogrefe mit Foliant. Trotz „nationaler Schande“ in der Dressur gab es Bronze. (© St.GEORG)

Bettina mit dem Iren Peacetime, Dietmar mit Foliant und Claus Erhorn mit Fair Lady legten drei tolle Crossrunden hin. Das reichte am Ende für die Bronzemedaille mit knappem Zwei-Punkte-Abstand vor den Franzosen, hinter den souveränen US-Reitern und den Briten. Die Stimmung war schlagartig wieder prima, bis auf einen letzten kleinen Eklat: Als das deutsche Team fürs Medaillenfoto mit dem Sekt einer sponsernden Firma anstoßen sollte, weigerte sich Dietmar Hogrefe. Er trinke grundsätzlich keinen Alkohol und wollte deswegen auch kein Foto mit Sektglas. Die Funktionäre waren empört, wir fanden‘s konsequent.

Und dann wurde in Los Angeles eine Legende geboren: der lange schlaksige Neuseeländer Mark Todd, damals nur Insidern bekannt, galoppierte mit dem kleinen Charisma zu Vielseitigkeits-Gold, die erste Olympiamedaille für Neuseeland überhaupt. „A hell of a horse“, sagte er von seinem Schwarzbraunen. „A hell of a man“, fanden wir. Bis zu seinem Abschied im Herbst 2019 hat „Toddy“, inzwischen Sir Mark Todd, diesen Sport geprägt wie kaum ein Zweiter. Und eigentlich sieht er heute noch genauso aus wie damals in L. A.

Springanreise mit weltmeisterlichem Ausfall

Während die Buschis schon wieder ihre Turnierkisten packten, trudelten Dressur- und Springreiter ein. Erstere als hohe Goldfavoriten, ungeschlagen seit 1973 in Championaten, letztere mit gemischten Aussichten. Denn der westfälische Riese Fire vom amtierenden Weltmeister Norbert Koof klagte plötzlich über eine „Gelenkmaus“, wie uns erklärt wurde, die er bei Abflug offenbar noch nicht hatte – denn sonst hätte man ihn ja wohl nicht mitgenommen. Er musste dem weit weniger routinierten Ersatzpferd Ramzes von Fritz Ligges weichen. Livius von Peter Luther und Deister von Paul Schockemöhle zählten damals zu den besten Pferden der Welt, aber ein paar Abwürfe zu viel verhinderten eine bessere Medaille als Bronze für die deutsche Mannschaft, zu der auch noch Franke Sloothaak mit Farmer gehörte. Auch hier sahnten die Gastgeber ab. Es war das vorläufig letzte Mal, dass ein Vollblüter olympisches Gold im Parcours holte: die Stute Touch of Class, in wunderbarem Stil von Joe Fargis über die Sprünge geritten. Silber ging an Conrad Homfeld auf dem schneeweißen Trakehnerhengst Abdullah, auch das hat sich bisher nicht wiederholt. Die beiden Reiter waren auch im richtigen Leben ein Paar, beide machten sich später als Parcourschefs einen Namen. Ein Bild aus L.A. werde ich nie vergessen: Der Franzose Pierre Durand nach einem unfreiwilligen Abgang im Sand sitzend vor den Hufen seines kleinen schwarzen Jappeloup, das Zaumzeug in der Hand. Dass hier der kommende Olympiasieger 1988 saß – wer hätte das gedacht?

In der Dressur – es waren übrigens nur drei Reiter am Start plus ein anwesender Reservist – erfüllten die Deutschen die Erwartungen, die einzige Mannschaft, die mit drei Weltklassereitern bestückt war. Uwe Sauer mit dem Holsteiner Hengst Montevideo und Herbert Krug mit Muscadeur ritten zwar unter der Form, zu der sie an ihren besten Tagen auflaufen konnten, aber das konnte das Gold nicht mehr gefährden. Den „Ritt seines Lebens“ lieferte für Deutschland Dr. Reiner Klimke auf Ahlerich, im Grand Prix und nicht im Special, wo er sich auch noch Einzelgold holte. „Warum reiten die Deutschen so gut Dressur?“ rätselten die amerikanischen Medien. „Uns liegt das eben mit der Disziplin und so“, versuchte Bundestrainer Boldt eine etwas hilflose Erklärung. Sagte der amerikanische Frager: „Klar, was uns das Rodeo, ist für die Deutschen die Dressur.“

Was bleibt von Los Angeles? Die Erinnerung an achtspurige Highways, eine Stadt, in der Fußgänger nicht vorgesehen waren und amerikanisch überschäumende Sonnenspiele, hysterischer Jubel für die eigenen Leute, höflicher Beifall für die anderen und doch Jahrzehnte entfernt von dem penetranten „America first“ , mit dem uns die heutige Staatsführung nervt.

St.GEORG NEWSLETTER

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist!
Das bietet der St.GEORG Newsletter.

  1. Katharina

    Das ist mal wieder ein sehr schöner Rückblick. Ich liebe einfach die Reiseblogs von Frau Pochhammer. Auch wenn dieser hier bereits 36 Jahre alt ist. Dennoch hat man einen schönen Blick hinter die Kulissen. Ich freue mich auf die nächsten Artikel.

  2. Marlis Lange

    Diesen Blog habe ich wieder einmal sehr gern gelesen. Vor ein paar Jahren hatte ich das Glück, an einem Springlehrgang mit Joe Fargis teilnehmen zu können. Er ist ein echter Horseman, bei dem das Wohl des Pferdes zuerst kommt. Und ein sehr sympathischer, bescheidener Mensch. Es war ein toller Lehrgang, von dem wohl alle Teilnehmer profitiert haben.


Schreibe einen neuen Kommentar