Isabell Werth im Interview über Weihegold: „Sie war immer für mich da“

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Sind wir jetzt dran? Isabell Werth und Weihegold warten aufs Vortraben vorm Weltcup-Finale 2019. (© Pauline von Hardenberg)

Einen Tag, bevor ihr Erfolgspferd der letzten Jahre, die 17-jährige Oldenburger Stute Weihegold, in den Ruhestand geschickt wird, stand Isabell Werth Rede und Antwort. Sie berichtet, wie ihr beim Abschied zumute ist und wie die Zukunft aussieht – ihre eigene und die des Dressursports.

Was ist das Besondere an Weihegold?

Sie war in ihrer Karriere an Kontinuität nicht zu überbieten. Sie war immer da, wenn ich sie brauchte. Die Prüfungen, die nicht so gut gelaufen sind, die kann ich an zwei, drei Händen abzählen, etwa der Weltcup Grand Prix 2018 in Paris oder die Kür bei der EM 2021 in Hagen, also zwei oder drei Prüfungen, die nicht so optimal gelaufen sind oder in denen sie unter der Erwartung geblieben ist. Am Ende des Tages hat Weihegold, was Zuverlässigkeit und Kontinuität angeht, wenig Konkurrenz.

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Mit welchem Gefühl gehen Sie morgen in Weihegolds letzte Prüfung?

Mit einer Mischung aus Stolz, Wehmut und Zufriedenheit. Ich freue mich, dass wir hier eine Plattform gefunden haben, die ihrer würdig ist, weil sie sich vor vollem Haus nochmal präsentieren darf. Der Abschied war ja schon für Ende letzten Jahres geplant, aber dass er jetzt hier stattfindet, vor Zuschauern, anlässlich des Weltcupfinals, also quasi bei einem Championat, das finde ich toll. Die Emotionen bei mir sind da,  klar, eine gewisse positive Aufregung, ob es auch gut gelingt. Man kann ja nicht sagen kann, dann machen wir es das nächste Mal eben mal besser. Das ist der Anspruch an mich selbst, es möglichst optimal zu machen. Ich will, dass sie sich so präsentiert, dass man sagt, schade und nicht, ’naja, jetzt wird’s aber auch Zeit‘.

Wie hat sich der Weltcup im Laufe der Jahre entwickelt?

Der Weltcup hat natürlich im Laufe der Jahre enorm an Bedeutung gewonnen, er ist das Indoor-Championat. In den ersten Jahren war er vielleicht eher ein Nebenprodukt, man hat selten die besten Pferde gesehen. Die Niederländerin Anky van Grunsven war diejenige, die den Weltcup sehr stark protegiert hat. Wir alle haben dann irgendwann nachgezogen und der Weltcup hat einen ganz anderen Stellenwert bekommen. Als die Kür auch bei Championaten eingeführt wurde, hat sie weiter an Gewicht gewonnen, und auch in der Weltcup in der Halle. Zählte zuerst auch der Grand Prix mit für die Entscheidung, so wird seit 20 Jahren der Weltcup allein durch die Kür entschieden.

Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Ich kann nur meinen alten Lehrmeister, Dr. Uwe Schulten-Baumer zitieren. Der sagte, die Kür hat nicht den klaren Leistungsvergleich, ist viel emotionaler und subjektiver und deswegen hat er immer den Grand Prix vorgezogen. Und er hat immer gesagt: Wenn wir einmal damit anfangen, dann wird die Kür irgendwann den Olympiasieger machen. So ist es ja auch gekommen, das hat er tatsächlich weitsichtig erkannt. Man konnte die Zeit aber auch nicht aufhalten. Was die Weiterentwicklung der Dressur, die Kommerzialisierung und Popularisierung angeht, war die Kür einfach ein ganz wichtiges Standbein. Wir haben jetzt auch mit Hilfe von vielen Faktoren, zum Beispiel über den Schwierigkeitsgrad, Rahmenbedingungen geschaffen, die eine stärkere Vergleichbarkeit der Leistungen in der Kür ermöglichen.

Das gilt auch für den so genannten „Floorplan“: Seit einigen Jahren müssen die Reiter einen genauen Plan über ihr Programm vorher abgeben. Ich finde das richtig, weil es auch dazu beiträgt, dass ein Reiter nicht spontan sagen kann, wenn die Piaffe hier nicht passt, mache ich sie eben ein paar Meter weiter. Auch mit der Musik haben wir ein Korrektiv: man kann es sehen oder hören, wenn ein Reiter vom Weg abweicht, meistens jedenfalls.

Was wird aus Weihegolds Kür? Ist das jetzt in Leipzig die letzte Vorstellung oder der wird sie „weitervererbt“?

Es ist erstmal die letzte. Sie ist von der Choreographie und auch vom Thema her diejenige gewesen, die ich damals für Gigolo gemacht habe,  als Alternative zu seiner eigentlichen Kür, von der ich dann am Ende nie abgewichen bin. Ich habe sie für Weihegold nur leicht abgewandelt. Das ist jetzt erstmal ihre und das sollte auch so bleiben. Vielleicht braucht man sie nochmal übergangsweise, aber normalerweise mache ich für jedes Pferd eine eigene Kür.

Wie geht es jetzt sportlich weiter?

Für die Weltmeisterschaft in Herning habe ich Emilio und Quantaz, dann schauen wir mal was Superbe weiter macht, sie soll in Hagen oder Mannheim an den Start. Dann sehen wir, wo wir stehen. Es gibt auch ein paar neue Pferde, wir haben ein bisschen aufgerüstet. Seit zwei Jahren habe ich Joshua, er ist jetzt acht und reif für die kleine Tour. Er ist etwas ganz Besonderes, nicht nur, was seine Größe von 1,85 Meter Stockmaß angeht, auch von seinen Möglichkeiten her. Reiten werden ich jedenfalls noch länger, wie lange im  Viereck, werden wir mal sehen.

Wie wird die Pferderente von Weihegold aussehen?

Sie wird in der Zucht eingesetzt, sie hatte ja schon einige erfolgreiche Nachkommen als jüngere Stute. Auch den Embryo-Transfer hat sie gut weggesteckt, das ist keine Selbstverständlichkeit. Jetzt soll sie bei ihren Besitzern einige Fohlen selbst austragen. Sie wird nicht bei mir bleiben, das ist sehr ungewöhnlich, denn meine Rentner sind sonst alle bei mir. Mein Vater meint, ich müsste langsam mal einen eigenen Stall für meine Rentnerband bauen. Satchmo ist jetzt 28, er läuft mit einem Pony, weil ich ihm nicht zumuten will, dass Johnny (Don Johnson, Anm. d. Red.) ihn ständig malträtiert. Der hat die anderen Oldies unter sich, wie Whisper, Ernie, Stern, First Class, alle sind sie noch da. Ich freue mich, dass sie noch ihr Leben genießen, es zeigt ja auch, dass der Sport das Leben eines Pferdes nicht verkürzt, sondern eher verlängert.

Die Dänen sind auch hier in Leipzig sehr stark. Wie gefährlich sind sie für die WM?

Die Dänen haben, was Pferde angeht, aufgerüstet.  Ich  schätze sie als sehr stark ein, letztes Jahr ging die Kurve ja schon langsam hoch. Das wird die Mannschaft sein, die es zu schlagen gilt. Wir haben einen Umbruch, müssen neue junge Pferde nach vorne bringe.  Man muss sehen, was mit Showtime ist, Dalera und Jessi können wir nicht mal eben kompensieren, diese 84 Prozent werden natürlich fehlen.

Hier in Leipzig wurde der Kurz Grand Prix geritten. Ihre Meinung dazu?

Pferde, die wie Weihegold ihr Leben lang den normalen Grand Prix gegangen sind, die waren erstmal irritiert, denn es ist eine sehr eckige, sehr technische Aufgabe. Es geht fast immer ums Eck, nur eine kurze Seite mal geradeaus. Bei unserem Meeting gestern sprach sich die Mehrheit der Reiter und Richter gegen den Kurz-Grand Prix  aus.

Der Wunsch nach einem Kurz Grand Prix kam aus London, man wollte die 20 Minuten, die dadurch gespart werden, für Interviews und Showelemente nutzen. Wir waren bereit, unter bestimmten Umständen darauf einzugehen, er ist quasi das kleinste Übel, das wir haben konnten. Wir waren aber sehr erstaunt, als es plötzlich hieß, der Kurz Grand Prix sollte grundsätzlich im Weltcup geritten werden, so war es auch im Regelwerk schon festgelegt. Wir haben jetzt erreicht, dass im Finale grundsätzlich der lange Grand Prix geritten wird, in den Qualifikationen nur in besonderen Fällen die Kurzversion. Aber wenn wir sowieso donnerstags morgens um 8 Uhr reiten müssen, stört es keinen Menschen, wenn die Prüfung etwas länger ist. Der lange Grand Prix ist auf jeden Fall besser für die Pferde.

Wie groß ist der Einfluss der Reiter, des Internationalen Dressurreiterclubs (IDRC), auf die Ihren Sport betreffenden Entscheidungen?

Wir haben schon den Eindruck, dass man uns mehr zuhört als früher, dass man bereit ist, ist, mit uns zu diskutieren. Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich denke, wir sind auf einem guten Weg.

  1. Fred Archer

    St. Georg als Plattform für Dopingsünder – verurteilte Wiederholungstäterin (I. W.). Journalismus ad absurdum!
    Was is aus der guten alten St. Georg geworden?


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