Weltcup-Finale Leipzig: Jessica von Bredow-Werndl und Dalera dominieren Kurz-Grand Prix

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Jessica von Bredow-Werndl und Dalera im Kurz-Grand Prix beim Weltcup-Finale in Leipzig. (© toffi-images.de)

Die Olympiasiegerinnen Jessica von Bredow-Werndl und ihre Trakehner Easy Game-Stute Dalera demonstrierten heute einmal mehr, was feines Dressurreiten ist. Damit setzten sie sich um über vier Prozent ab von den Zweitplatzierten, Cathrine Dufour aus Dänemark und Vamos Amigos. Für Isabell Werth und Weihegold wurde es Rang drei.

Es ist bereits das fünfte Weltcup-Finale auf deutschem Boden. Allerdings gab es bis jetzt noch nie eine deutsche Siegerin in der Dressur. Bisher waren das Christine Stücklberger aus der Schweiz, zweimal Anky van Grunsven (NED) und einmal schaffte es auch ihre Lansdsfrau Adelinde Cornelissen. Das könnte sich am Samstagabend ändern. Denn die schwangere Jessica von Bredow-Werndl und ihre Goldstute Dalera v. Easy Game legten einmal mehr eine Gänsehaut-Vorstellung im Kurz-Grand Prix hin und setzten damit schon mal eine Duftmarke für die kommende Kür.

Die Richter Kurt Christensen (DEN) bei K, Clive Halsallaus (GBR) bei E, Michael Osinski (USA) bei H, Eduard de Wolff van Westerrode (NED) bei M, Henning Lehrmann bei B, Annette Fransen Iacobaeus (SWE) bei F und die Chefrichterin Isabelle Judet aus Frankreich hatten heute das Vergnügen, dieses Paar und die weiteren 16 Starter in Augenschein zu nehmen.

Für Jessica von Bredow-Werndl und TSF Dalera war es der dritte Kurz-Grand Prix in ihrer gemeinsamen Karriere. Diese Version der Aufgabe war ja erst zur Weltcup-Saison 2021/22 eingeführt worden und ist bis heute nicht unumstritten. Die Tücken des Formats hindern dieses Paar aber nicht daran, ihre Harmonie für jeden Zuschauer spürbar ins Viereck zu tragen. So gelang ihnen dieses auch heute. Bei keinem Paar in der Halle zuvor war es so still gewesen wie bei den Olympiasiegerinnen, die als letzte dran waren. Jede Lektion sieht wie selbstverständlich aus für von Bredow-Werndl und ihre 15-jährige Trakehner Easy Game-Tochter. Die Stute wirkt durchlässig, losgelassen im starken Trab, kraftvoll in Passagen und Piaffen, wo jeder Tritt wie der andere ist. Das Vertrauen zwischen Reiterin und Pferd, die Kraft und Routine der Stute ermöglichen es, dass jede Lektion ohne Hektik ausgeführt werden kann. Ein fast unsichtbares Zusammenspiel von Pferd und Reiter. Das muss es sein, was die Zuschauer in seinen Bann zieht. Die Richter jedenfalls sind sich, wie nicht immer in der Prüfung, bei diesem Paar ganz einig. Dieses Paar zeigt die beste Prüfung des Abends. Übersetzt bedeutet das 84,793 Prozent, persönliches Bestergebnis im Kurz-Grand Prix und den Sieg über vier Prozent Abstand zur Konkurrenz.

Das Weltcup-Wochenende wird das letzte Turnier mit Dalera vor der Babypause, verriet die 36-Jährige später. Lediglich die jüngeren Pferde wolle sie nochmal reiten in Stadl-Paura. Daheim wolle die im fünften Monat schwangere Dressurreiterin aber noch im Sattel sitzen bis wenige Wochen vor dem errechneten Termin. Das habe ja schließlich bei der ersten Schwangerschaft auch so geklappt. Und wenn das Kind – ein Mädchen – da ist, will sie auch nur wenige Wochen ins Land gehen lassen, ehe sie selbst wieder Platz im Sattel nimmt. Solange werden ihre Pferde von den Bereitern weiter fit gehalten, wer genau, erfahren wir ja vielleicht noch an anderer Stelle.

Starke Cathrine Dufour

Den zweiten Platz sicherte sich die 30-jährige Cathrine Dufour aus Dänemark mit Vamos Amigos. Der erst zehnjährige Vitalis-Sohn gehört Familie Pidgley und soll einmal Annabella Pidgleys Nachwuchspferd werden. Jetzt entwickelt er sich unter Dufour zu einem Kandidaten für die Heim-Weltmeisterschaften in Herning (DEN), wo für das Paar mit dem Wegfall von Dalera und Jessica von Bredow-Werndl dann möglicherweise sogar die Goldmedaille drin wäre. Aber zurück zum Hier und Jetzt. Im starken Trab zu Beginn der Prüfung zeigt der Wallach, was Dufour später selbst sagt: Er ist „on fire“, sehr „an“, Dufour vermag es aber noch in geregelte Bahnen zu lenken und mit Sieben-Meilen-Stiefeln trabt der Wallach durch die Bahn. Hier und da kommt Vamos Amigos noch hinter die Senkrechte, aber mit Passage und Piaffe kann er gut punkten. Die Bewertung für das Paar lautet 80,019 Prozent. Damit landen sie auf dem zweiten Platz und setzen sich noch vor die dreimaligen Weltcupsiegerinnen. Dufour liebe dieses Pferd, verrät sie später. Und sie liebe das Publikum.

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Cathrine Dufour (DEN) und Vamos Amigos in Leipzig. (© toffi-images.de)

Vor diesem war Stunden zuvor auch Dufours Ehefrau Rasmine Laudrup-Dufour geritten. Sie hatte die mittlere Tour auf Drei-Sterne-Niveau im Springsattel für sich entscheiden können. Dabei saß sie im Sattel ihres „besten Freundes“ wie sie auf Instagram schreibt, Granato.

Werth und Weihe Platz drei

Isabell Werth und Weihegold werden vom Publikum gebührend begrüßt. Dieses Wochenende soll die Rappstute von der sportlichen Bühne verabschiedet werden. Grund genug für die ehrgeizige Rekord-Dressurreiterin Isabell Werth, einmal mehr alles zu geben. Und Weihe tut das auch. In der Passage und Piaffe spielt das Paar seine ganze Erfahrung aus. Wie ein Metronom passagiert die Rappstute durch das Viereck. Im versammelten Schritt wird die Stute leicht passartig. Dann die Galopptour. Die fliegenden Wechsel gelingen einwandfrei, so auch die Zick-Zack-Traversalen zuvor. Pirouetten gelingen ebenfalls gut, beim starken Galopp reitet Isabell Werth risikoreich – die beiden kennen sich eben. Lediglich bei der ersten Grußaufstellung hätte man sich einen Moment mehr Innehalten gewünscht. Und im starken Trab ist Weihe geschmeidig, aber es fehlt der letzte Zug nach vorne. Schließlich passiert auch noch ein Missgeschick bei den Wechseln. Dennoch eine tolle Leistung der beiden, die mit 79,756 Prozent belohnt wird.

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Isabell Werth und Weihegold in ihrer vorletzten Prüfung zusammen beim Weltcup-Finale in Leipzig. (© toffi-images.de)

Der Wechsel-Fehler war ihrer, sagt sie später gegenüber St.GEORG online. Sie sei aber vor allem glücklich darüber, dass sie das Pferd auf einem hohen Level verabschieden kann. Dass beide Stuten – also neben Weihegold auch Bella Rose – nun aus dem Sport gehen, bedeute natürlich auch einen Umbruch. Aber den hätte sie schon mehrfach erlebt, so Isabell Werth pragmatisch. Es sei dennoch natürlich auch Wehmut dabei.

Starke Däninnen

Die Dänen sind stark aufgestellt in dem Jahr ihres Heim-Championats und könnten dem Gold-Abo der Deutschen in die Quere kommen. Nanna Skodborg Merrald ist eine dieser Däninnen. Ihre nun 17-jährige Oldenburger Stute Atterupgaards Orthilia v. Gribaldi-Donnerschlag ist immer fleißig kauend mit leicht offenem Maul, dabei aber mit ruhig pendelndem Schweif. Sie wirkt nicht unzufrieden. Der starke Schritt gelingt mit guter Dehnung und Überfußen. Ein Durchparieren zum Trab gelingt nicht ganz am Punkt, dafür ist aber die Passage stark. Im Übergang zur letzten Piaffe auf der Mittellinie hakt es einmal kurz aber als vierte Starterin hat das Paar mit 75,752 Prozent länger die Führung inne. Schlussendlich Rang vier.

Nur wenig schlechter sahen die Richter Carina Cassøe Krüth mit der elfjährigen Heiline’s Danciera. Die Fürstenball-De Niro-Tochter trabt energisch und schwungvoll los, der starke Trab gelingt mit reichlich Schub nach vorne. Parallel zu einem knallenden Geräusch unterhalb der Tribünen bekommt die Stute einen Taktfehler in der Trab-Traversale nach rechts – vielleicht war die Stute auch dadurch irritiert. Die Fürstenball-Tochter zeigt einen starken Schritt mit guter Dehnung ans Gebiss und lässt sich fallen. Die Zweierwechsel sind auf gerader Linie gesprungen, die Passage ist kadenziert und rhythmisch, das Genick dabei der höchste Punkt. In den Einerwechsel springt die Stute tendenziell etwas kurz. Im Anschluss an ihren Ritt sagte Carina Cassøe Krüth, für ihre Stute sei es schwer gewesen. Die Atmosphäre auf dem Abreiteplatz, wo ein sehr große Monitor aufgehängt wurde, hätte ihr zu schaffen gemacht. Insgesamt werden es 75,094 Prozent für die 37-Jährige Dänin und ihre elfjährige Stute, womit sie auf dem fünften Platz landeten.

Eine schöne Reise mit „Mausi“

Die großrahmige, mittlerweile 14-jährige Holsteiner Conteur-Tochter Annabelle trabt unter Helen Langehanenberg zu Beginn der Prüfung mit Sieben-Meilen-Stiefeln durch die ganze Bahn. Das Paar besticht durch ganz leichte Anlehnung, der starke Schritt gelingt, beim Angaloppieren aus dem versammelten Schritt kippt die Stute im Genick etwas ab. Die Pirouette wünschte man sich mit etwas mehr Lastaufnahme, aber die Stute macht richtig Boden gut und springt bergauf im starken Galopp. Auch die letzte Linie gelingt mit Passage und Piaffe, wobei die Stute in der Piaffe energisch kaut und sich fast ein wenig verwirft. Dafür gab es 75,019 Prozent von den Richtern, Platz sechs.

„Ich war sehr froh, sie war sehr an. Es ist wunderbar, was mit der Stute im letzten Jahr geschehen ist“, so Langehanenberg. Die Stute könne jetzt zeigen, was in ihr steckt. Sie sei auch so zufrieden, weil jede Reise, auch die zum Turnier, die man mit einem Pferd antritt, neu sei, und man nicht genau wisse, wo es hingeht. Scheinbar geht es aber an einen schönen Ort für diese beiden.

Siebter wurde Patrik Kittel (SWE) mit Blue Hors Zepter, den er ja erst seit wenigen Monaten unter dem Sattel hat. Um genau zu sein, hatte das Paar zuvor erst an einem einzigen internationalen Turnier teilgenommen, nämlich an der Weltcup-Etappe in Neumünster. Dort waren sie Achte im Kurz-Grand Prix und Sechste in der Kür geworden. Mit der Prüfung nun in Leipzig von ihm und dem 14-jährigen Oldenburger Hengst war Kittel nach der Grußaufstellung sehr zufrieden. Das verrieten Gesichtsausdruck und der „Daumen hoch“. Das Ergebnis gab ihm Recht. 74,662 Prozent ist für das Paar persönliches Bestergebnis – allerdings ja auch im erst dritten gemeinsamen Auftritt auf internationalem Parkett. Zuvor hatte Daniel Bachmann Andersen (DEN) den Hengst unter dem Sattel und ritt ihn zu über 79 Prozent und vielen Top Fünf-Platzierungen auf internationalem Vier- und Fünf-Sterne-Niveau.

Mit Rang acht ebenfalls noch in den Schleifenrängen war die Britin Charlotte Fry mit Dark Legend. Die Teilnahme mit diesem Pferd bedeute Fry viel, denn mit ihm hatte sie bereits die Junioren-Tour bestritten und mittlerweile gebe es mit Glamourdale und Everdale Pferde in ihrem Stall, die tendenziell noch besser sind. Aber überraschend hatte sie sich die Qualifikation für das Weltcup-Finale mit Dark Legend gesichert und war mit ihrem Ritt im Kurz-Grand Prix auch sehr zufrieden. Es lief allerdings nicht fehlerfrei für das Paar. Beim Reiten um das Viereck herum erschreckt sich Dark Legend vor etwas. Fry ließ den Zucchero-Sohn daraufhin auf dem Absatz kehrt machen und trabte vor dem Gruselobjekt auf der rechten Hand davon. Dann ging die Prüfung los. Nun, leicht wie die Anlehnung bei Langehanenberg und Annabelle aussieht, so schwerfällig wirkt sie bei diesem Paar. Die Piaffe gelingt jedoch sehr gut auf der Stelle, beim starken Schritt wünschte man sich, dass der Wallach etwas mehr den Hals fallen lässt. Aber zumindest ist er losgelassen genug, dass er zum Schreiten kommt. Das Paar kassiert Fehler in den Zweierwechseln und erhält für die Prüfung 73,365 Prozent.

Fry: „Er (Dark Legend, Anm. d. Red.) war ein bisschen nervös, die Atmosphäre ist riesig, deshalb hat er sich ein bisschen erschreckt. Außerdem habe ich meinen Ein-Tempo-Ritt nach neun statt nach elf gestoppt, das war ein großer Fehler von mir. Aber ich hätte mir nicht viel mehr wünschen können, er fühlte sich wirklich unglaublich an.“

Preis für Harmonie und Fairness an Juan Matute Guimon

Der Sonderehrenpreis für Harmonie und Fairness der Familie Anrecht wurde dem Spanier Juan Matute Guimon (ESP) zuteil. Zuvor war er mit Quantico auf Rang 13 gelandet mit 70,808 Prozent. Das Genick des 16-jährigen Hannoveraner Wallachs war häufig nicht höchster Punkt gewesen, in der Piaffe kam Quantico etwas hinter den Schenkel und quittierte die energische Aufforderung seines Reiters mit einem erhobenen Hinterteil. Definitives Highlight des Paares: die Passage. Befragt zu seinem Comeback auf der ganz großen sportlichen Bühne, zeigt sich ein emotionaler Juan Matute Guimon. Nach seiner Hirnblutung und dem Koma habe er seine rechte Körperseite nicht benutzen können. „Seit ich nach zwei Monaten im Krankenhaus nach Hause gekommen bin, war der Rehabilitationsprozess wirklich hart, viel Arbeit, Physiotherapie, Training, viel psychologische Arbeit. Es war eine schwierige Reise“, so der Spanier im Interview mit der FEI. Die ihn eines gelehrt habe: den Moment zu genießen. Das tue er nun in Leipzig.

Morgen haben die Dressurpferde morgendliches Training und ansonsten frei, am Samstag wartet mit der Grand Prix Kür dann das große Finale des Weltcups auf die Starter.

Alle Ergebnisse vom Kurz Grand Prix finden Sie hier.

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