90,6 Prozent für Jessica von Bredow-Werndl und Dalera in Kür in Neumünster

NEUMÜNSTER – VR Classics meets FEI Dressage World Cup 2022

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera: 90,6 Prozent in Neumünster 2022 (© www.sportfotos-lafrentz.de/Stefan Lafrentz)

Mit über 90 Prozent haben Jessica von Bredow-Werndl und Dalera die Weltcup-Kür in Neumünster gewonnen. Sensationell stark waren die Däninnen auf den Plätzen zwei bis vier. Bangen im deutschen Lager nachdem Helen Langehanenbergs Annabelle und Benjamin Werndls Famoso sich auf dem Abreiteplatz vertreten haben und nicht starten konnten.

Kür in Neumünster! Weltcup-Sonntag! Jessica von Bredow-Werndl und Dalera kamen, sahen, ließen La La Land erklingen, und siegten. Unangefochten, mit knapp vier Prozent Vorsprung auf die starke Konkurrenz. Und die kam nicht aus dem eigenen Land, sondern aus dem Norden. Mit Cathrine Dufour und dem zehnjährigen Vamos Amigos, Nanna Skodborg Merrald und Atterupgaards Orthilia sowie Carina Cassøe Krüth und Heilines Dancierea haben gleich drei Däninnen gezeigt, wie stark die Gastgeber der Weltmeisterschaften in diesem Jahr im August in Herning aufgestellt sind. Isabell Werth wurde mit einem nicht spannungsfreien Quantaz Fünfte, Lena Waldmann und Fiderdance Neunte mit persönlichem Bestergebnis.

Entscheidung in der Kür in Neumünster im Telegramm

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera

Letzte Starterin, die Geigen stimmen das Motiv vom „City of Stars“ aus dem Musical-Film La La Land an und schmeicheln sich ins Ohr. Die Olympiasieger Jessica von Bredow-Werndl und Dalera  zeigen das, für das sie geschätzt und hoch bewertet werden: Feines Reiten, minimal  die Hilfengebung, alles leicht, alles im Fluss. Ein paar Kleinst-Kleinigkeiten gibt es, eine minimale Taktstörung in der ersten Piaffe, ein kleines Stutzen in den Einerwechseln – „da hätte ich nach 18 aufhören sollen, Dalera is on fire!“ Aber ansonsten ist es Harmonie pur. Das Genick des Pferdes immer oben, leicht und sicher die Anlehnung. Ein kleiner Schüttler im starken Galopp – am Ende stehen  43 Zehnen im Protokoll und die 90-Prozent-Marke hat das Paar geknackt. Zum vierten Mal in der gemeinsamen Karriere. 90,615 Prozent sind es.

Eine Weltcup-Qualifikation müssen Jessica von Bredow-Werndl und Dalera noch gehen, um sich für das Finale in Leipzig zu qualifizieren.

Cathrine Dufour (DEN) und Vamos Amigos

Wow! Nein, WOW! WOW!! Was für ein Ritt! Zehn Jahre jung ist der Westfale Vamos Amigos v. Vitalis und die Dänin Cathrine Dufour reitet den Braunen aus dem Besitz der Familie Pidgley seine erste Weltcup-Saison. In Lyon im Oktober war das Paar bereits Vierte. Seitdem hat sich der Vitalis-Sohn noch einmal weiter entwickelt.

Das Motto ist klar: Klotzen, nicht kleckern! Mit sechs Jahren kam der Wallach, „das netteste Pferd, das ich je hatte“, zu Cathrine Dufour. „Heute war sein Durchbruch – und ich musste ihn noch bremsen, ich habe die ganze Zeit oben immer brrr, brr gemacht. Ich kann den Moment nicht erwarten, wo ich dazu komme, ihn im Viereck voll auszureiten.“ Cathrine Dufour guckt zu Jessica von Bredow-Werndl und sagt, „ehrlich gesagt, fühlte sich das heute an wie ein Sieg – hinter dieser Lady.“

Die ersten Töne verraten es: Es ist die Les Miserable-Kür, mit der Dufour mit ihrem Bordeaux-Sohn Bohemian bei den Olympischen Spielen Vierte wurde in der Kür. Zu Beginn trumpft das Paar mit seinen Passagen auf: akzentuiert, rhythmisch mit einem super Übergang in die erste Piaffe. Und der glänzende Eindruck vom Anfang wird in jeder Lektion, in jeder Sekunde bestätigt. Mühelos scheint der Newcomer nur so zu spielen mit dem, was Dufour abfragt: Piaffe-Pirouette mit 180 Grad-Drehung, dann direkt starker Trab. Gleich ein schreitender starker Schritt, auch im versammelten Tempo bleibt der Takt sicher erhalten. Auch die Zweierwechsel, die direkt übergehen in fliegende Galoppwechsel von Sprung zu Sprung gelingen. Die fliegenden Galoppwechsel könnten insgesamt noch etwas erhabener sein, aber für einen Zehnjährigen sind sie in ihrer Qualität – so gerade und entspannt (!) –eine Augenweide. Die Piaffen sind noch leicht schwankend aber immer im Takt. Und alle Lektionen kommen präzise zum Gesang, beispielsweise auch die doppelten Pirouetten. Kürreiten vom Feinsten! 86,725 Prozent sind es, Platz zwei. In der Techniknote knacken die beide die 80 Prozent, in der B-Note sowieso.

Nanna Skodborg Merrald (DEN) und Atterupgaards Orthilia

Teamkollegin Nanna Skodborg Merrald und Atterupgaards Orthilia  werden Dritte. Die Gribaldi-Tochter hat zwar durchgängig das Maul offen, geht aber nicht gegen die Hand. Ihre Passagen, vor allem die zum Abschluss, sind Weltklasse, sie fußt nicht nur energisch ab, sondern das Hinterbein trägt auch, die Kruppe senkt sich. Und die routinierte Stute, 2015 im britischen EM-Team schon am Start, kann die Lektionen hintereinander zeigen, etwa sichere 19 Einerwechsel, Übergänge aus dem starkem Galopp direkt in die Piaffe-Pirouette, und danach eine energische Passage. Red and white – Danish Dynamite! 84,48 Prozent, Platz drei.

Carina Crassøe Krüth (DEN) und Heiline’s Dancierea

Heiline’s Dancierea und die Dänin Carina Crassøe Krüth tanzen zunächst zu Dirty Dancing, „I had the time of my life”. Die Passagen sind das Highlight. Zu „Fame“ aus Flashdance geht’s über die Diagonale im starken Trab  – da galoppiert die Stute kurz an, aber dann geht es sofort harmonisch weiter mit Passage-Traversalen zu Bonnie Tylers „I’m holding out for a hero”. Wohltuend gut: Die Schritt-Reprisen der dänischen Rappstute! Schreitend, sicher im Takt, mit Raumgewinn. So ist das nur selten zu sehen. „I wanna dance with somebody“ begleitet die Galopptour mit gut gesprungenen Galopppirouetten und Zick-Zack-Traversalen, stets schön im Fluss. Das Genick der höchste Punkte, auch das gibt es so nicht zu oft zu sehen, schon gar nicht bei den meisten der dahinter platzierten Paaren. Warum das so ist, das müssen die Richter beantworten.

Zweierwechsel, die fließend auf gebogener Linie in Einerwechsel übergehen und danach dann wieder Zweierwechsel. Da gibt es eine Unsauberkeit, aber so dynamische und entspannte Serienwechsel wie Danciera sie zeigt, hat es bis zum dem Zeitpunkt ihres Starts noch gar nicht zu sehen gegeben. Am Ende dann einhändig in der Passage zum Schlussgruß. Da klingen die 400 kurzfristig zugelassenen Zuschauer in der Holstenhalle wie 100.000 beim Robbie Williams-Konzert.

83,67 Prozent – persönliche Bestleistung der Siebtplatzierten der Olympischen Spiele 2021.

Isabell Werth und Quantaz

Der Applaus des Publikums lässt den braunen DSP-Hengst Quantaz v. Quaterback erst einmal zucken. Isabell Weerth reitet Schulterherein, muss deutlichste Hilfen geben. Der Countdown läuft und springt noch einmal wieder auf 30 Sekunden. Nach dem Gruß klopft Werth Quantaz am Hals. Der Braune geht die „Pomp and Circumstance-Kür“, ein Klassiker in Werths Kür-Musikschrank. „Land of Hope and Glory“ zu Passage-Traversale im Wechsel mit Traversalen im versammelten Trab in der Gegenrichtung. In der ersten Piaffe hat sich das Paar wieder gefunden, aber in der Passage nach der zweiten Piaffe guckt Quantanz wieder gen Publikum. Die Schritttour mit leichter Spannung. Dann Queens „Mama“ zu den Galopptraversalen. Nach fehlerhaften Zweierwechseln klopft Isabell Werth den Hengst mehrfach am Hals, Entspannung. Dann von der linken Hand der nächste starke Galopp über die Diagonale in eine doppele Pirouette, gefolgt von 17 Einerwechseln, nichts spannungs- aber fehlerfrei.

In der Piaffe-Pirouette, 360 Grad,  entspannt sich der Braune und bringt seine Federkraft in der Passage-Traversale zum Ende der Kür in Neumünster bis zum Schlussgruß voll zur Geltung.

82,64 Prozent, Platz fünf. 76,2 Prozent für die Technik, über 89 Prozent für Choreographie und Musik. Das Publikum gibt im Spectator Judging via App 78,735 Prozent.

Verletzungspech: Annabelle und Famoso nach Abreiten plötzlich lahm

Gleich zwei Schrecksekunden gab in der Abreitehalle in Neumünster: Helen Langehanenberg war mit Annabelle so gut wie in der Halle. Die Bandagen und Hufglocken waren schon von den Beinen abgenommen, da kickte die Holsteiner Stute einmal mit dem Hinterbein aus. Danach trabte sie nicht gleichmäßig. Helen und Mausi mussten auf den Start verzichten. Und damit nicht genug.

Wenig später dann ein weiterer Schreckensmoment: Benjamin Werndl hatte Famoso bereits nach der lösenden Arbeit ausführlich im Galopp gearbeitet. Nach einer kurzen Schritttour trabte Werndl wieder an – Famoso ging nicht klar.

Patrik Kittel (SWE) und Blue Hors Zepter

Der Zack-Sohn Zepter hat noch den Vornamen  Blue Hors, gehört auch weiterhin dem dänischen Gestüt, geht aber seine erste Weltcup-Kür unter dem Schweden Patrik Kittel. Die gute alte Billy Idol-Kür – zum Auftakt „Hot in the city tonight“ mit Passagen, äußerst gesetzten Piaffen und dem Wechsel von Traversalverschiebungen im versammelten Trab und solchen in der Passage. Das Angaloppieren ist „äußerst schwungvoll“, eher ein großer Satz nach vorne. Schnell hat Kittel den Fuchs, den er erst seit kurzem reitet, wieder bei sich. „Eyes without a face“, E-Gitarre – starker Galopp, danach Pirouette und sofort auf der Diagonalen zu „Flesh for fantasy“ Zweierwechsel. Die Einerwechsel mit derselben Choreographie misslingen. Den Richtern gefällt die 1980er- Jahre Musik: Da gibt es im Schnitt über 87 Prozent, insgesamt 81,325Prozent, Sechster.

Kristy Oatley (AUS) und Du Soleil

18 Jahre alt ist der Hannoveraner De Niro-Sohn Du Soleil mittlerweile. „Düse“ und die Australierin Kristy Oatley aus Trittau, Schleswig-Holstein, haben schon an Weltcupfinals und Weltmeisterschaften teilgenommen. Schwungvoll, dynamisch und fließend die Trabtraversalen, sicher im Takt die Piaffe-Pirouetten. Die Reiterin immer bemüht, leicht zu führen. Im Schritt ist dem Dunkelfuchs von Mutter Natur nicht das ganz große Schreiten in die Wiege gelegt worden, aber in der Galopptour kann das Paar wieder punkten. Gute Pirouetten, 21 Einerwechsel die Mittellinie herunter, viel Ausdruck in allen starken Tempi. Sehr guter Übergang aus einer Galopppirouette in eine Piaffe, daraus im starken Trab zum Schlussgruß.

79,84 Prozent – persönliche Bestleistung für das Paar. Oldie – aber Goldie!

Antonia Ramel (SWE) und Curiosity

Der Holsteiner Curiosity trabt unter der Schwedin Antonia Ramel kadenziert, aber mit hohem Sprunggelenk. Das Bild ändert sich weder in den Trabtempi, noch in der Passage. Das Vorderbein mit viel Ausdruck. Aus jeder Piaffe kommt das Pferd nur über Schritt in die Passage, die vorne anfängt und erst danach hinten auch allmählich zum Abfußen im Zweitakt findet. „Stay with me“ und andere Radiohits der vergangenen zehn Jahre, orchestral „verklassikt“ aber mit Gesang und schmissig arrangiert, begleiten den Ritt des Paares. Im Galoppsprung lässt der Clinsmann-Sohn Großzügigkeit vermissen, nur im starken Galopp scheint der Holsteiner durch. 77,065 Prozent, Platz acht.

Lena Waldmann und Fiderdance

Lena Waldmann und der gekörte Oldenburger Fiderdance v. Fidertanz starten mit einer geschmeidigen Trabtour. Nach Trabtraversalen rechts geht es nach links in eine klar abgesetzte Passage-Traversale, die in einer Piaffe mündet mit 180-Gradwendung, daraus dann ein starker Trab – da stolpert der Dunkelfuchs leider vorne einmal, galoppiert kurz an. Dieselbe Abfolge spiegelverkehrt klappt dann wieder. Die 31-Jährige zeigt die beste Schritttour in er ersten Hälfte. Ein Fehler unterläuft in den Zweierwechseln, auch in den Einerwechseln bleibt einmal das Hinterbein stehen. Am Ende noch einmal Piaffe-Pirouetten und Passagen. Und zwei Happy Athletes nach dem Schlussgruß. 76,93 Prozent – so gut war das Duo vom Gestüt Bonhomme noch nie, persönliche internationale Bestleistung, Neunte.

Charlotte Heering (DEN) und Bufranco

Houston, wir haben eine Kür! Die Dänin Charlotte Heering und Bufranco mit Klassikern der Ikone Whitney Houston. „I am every woman”, und andere. Technisch anspruchsvolle Linien, das Pferd leider nahezu durchgehend mit offenem Maul. Höhepunkt: 25 fliegende Galoppwechsel von Sprung zu Sprung auf einer gebogenen Linie. 76,795 Prozent, Zehnte.

Denise Nekeman (NED) und Boston

Denise Nekeman aus den Niederlanden mit dem kleinen Rappen Boston macht musikalisch auf ganz groß. Da schrammeln die Streicher, die Bässe dröhnen und es rumst immer mal wieder: „Gryphonheart“ aus dem Fantasy-Spiele-Kosmos Elysium. Beim Angaloppieren winkte der Johnson-Sohn einmal nach dem inneren Schenkel seiner Reiterin, in den Galopppirouetten stemmt der Rappe mehr, als dass er im Hinterbein abfußte und so etwas wie Galopptakt zeigt. Schnurgerade Einerwechsel auf der Mittellinie, wenig Biegung in den Galopptraversalen. In den Piaffen kleben die Vorderbeine vorne am Boden, der Takt ist dabei sicher. 75,375 Prozent – Platz elf

Madeleine Witte -Vrees (NED) und Finnländerin

Die Fuchsstute Finnnländerin ist eine von zwei Fidertanz-Nachkommen an diesem Vormittag in der Holstenhalle in Neumünster. Musikalisch setzt die Reiterin Madeleine Witte -Vrees (NED) auf Geigen, hin und wieder akzentuiert durch ein paar Drums, Flöten und Glockenspiel zu den Pirouetten. Anfangs sehr Passage-Piaffe-lastig, wobei die Stute in der Piaffe kaum Last aufnimmt, aber stets auf dem Platz bleibt. Gute Serienwechsel sind der Höhepunkt der Galopptour. 74,175 Prozent, Platz elf.

Victoria Max-Theurer (AUT) und Abbeglen

Victoria Max-Theurer und Abbeglen sind in ihrer ersten Weltcup-Saison am Start. In Tokio hatte eine Zahnverletzung des Westfalen den Olympiastart verhindert. Die mehrfache österreichische Staatsmeisterin hatte gestern einen guten Anfang, dann ging in der Mitte der Prüfung in der ersten Piaffe gar nichts, am Ende hatten die beiden dann wieder zueinander gefunden.

Der Ampere-Sohn blockiert auch heute wieder in der ersten Piaffe, dabei ist das eine seiner Glanzlektionen. Daraufhin reitet die Österreicherin zunächst auf Kontrolle, das Pferd deutlich hinter der Senkrechten. Das kann sie dann in der nächsten (Fächer-)Piaffe auflösen, die gelingt gut, in der anschließenden Passage ist das Genick dann der höchste Punkt. Die enge Tendenz bleibt aber weiter bestehen. In der Galopptour aus dem starken Galopp gute doppelte Pirouetten, bei denn der Sprung im Hinterbein klar erhalten bleibt. Am Ende eine 360-Grad-Piaffe mit Fleiß und Ausdruck mit fließendem Übergang in eine akzentuierte Passage bis zum Schlussgruß. Technisch anspruchsvolles Programm, 74,07 Prozent Platz 13.

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