Jessica von Bredow-Werndl wird mit Dalera Dressur-Olympiasiegerin, Isabell Werths Bella Rose verabschiedet sich vom Sport

Dressage Kür Individual Final – Olympic Games Tokyo 2020

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera auf der Ehrenrunde nach ihrem Einzel-Gold bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021. (© www.hippofoto.be)

Jessica von Bredow-Werndl und Dalera haben heute Geschichte geschrieben, Dressur-Olympiasieger in Tokio 2021. Und Isabell Werth, die Silbermedaille um den Hals, ihre zwölfte Olympiamedaille, verabschiedet ihr Herzenspferd Bella Rose aus dem Sport. Dazu die bemerkenswerte reiterliche Leistung der Britin Charlotte Dujardin, die mit dem zehnjährigen Gio Bronze gewinnt.

Bei Jessica von Bredow-Werndl liefen nach dem Ritt, der mit 91,732 Prozent bewertet wurde, die Tränen. Dass sie und die Trakehner Stute Dalera Tokio als Dressur-Olympiasieger 2021 verlassen würden, morgen, in aller Frühe, stand zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht fest. „Ich hab, als ich geweint hab, gemerkt, dass ich es doch so sehr wollte. Wenn dann alles so abfällt und so eine krasse Erleichterung plötzlich da ist, merkt man erst, wie sehr man das eigentlich möchte. Ich habe gestern nicht so einen Druck gespürt, weil ich nicht viel habe leisten müssen, um Gold zu gewinnen im Team und vorgestern ging’s ja eigentlich auch noch nicht wirklich um was. Und heute habe ich schon gemerkt, dass jeder Platz einfach einen Riesenunterschied macht und das hätte es gestern oder davor noch nicht getan.“

Mit La La Land Dressur-Olympiasiegerin

Der Ritt (detailliert in unserem Liveticker) zu Melodien aus dem Hollywood Blockbuster La La Land fasste die Leistungen der Vortage noch einmal zusammen. Die Trakehner Stute ging in der Form ihres Lebens. Selbstverständlich in der Selbsthaltung, schwungvoll und kraftvoll. Und oben eine fein und superpräzise einwirkende Jessica von Bredow-Werndl. Jeden Takt der Musik im Kopf, jede Lektion synchron und harmonisch zur Musik. Nur in den letzten Sekunden da hielt die Easy Game-Tochter, die die Schweizerin Beatrice Bürchler-Keller der 35-Jährigen zur Verfügung stellt, etwas vorm Ende der Musik.

Sie hätten ihre Stuten „zelebriert“, sagt Bundestrainerin Monica Theodorescu nach den Ritten als Fazit jenseits aller Statistik, zur Dressur-Olympiasiegerin von Bredow-Werndl und Isabell Werth. Drei Medaillen haben die deutschen Reiter schon jetzt, drei bis fünf hatte man sich vorgenommen. Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade Komitees für Reiterei, DOKR, findet, dass nehme jetzt auch den Druck von den Vielseitigkeits- und den Springreitern. Übermorgen starten die Vielseitigkeitsreiter ihren Anlauf auf Olympisches Edelmetall in Tokio.

Der Moment der ungeahnten Perspektive

Es ist knapp zwei Jahre her, dass Jessi merkte, dass ihre „Queen“ das Zeug für alles hat. Bei den Europameisterschaften 2019 verlief es zunächst nicht nach Plan. Die legendäre „Shit happens-Traversale“, der Grand Prix Special auch noch nicht perfekt. Aber dann: „Ich wusste die ganze Woche in Rotterdam, dass alles möglich ist. Es sollte nicht sein im Grand Prix, es sollte nicht sein im Special und dann in der Kür hatten wir schon so eine Sternstunde. Da habe ich gespürt, es ist alles möglich. Und jetzt haben wir einfach noch ein bisschen weitergeübt und es wird immer leichter.“

Nun geht es zurück nach Hause, dann muss ihr Sohn Moritz nicht mehr digital Mama sagen, wie lieb er sie hat. „Dieses ,Ich lieb dich so, Mami!‘, war so beruhigend, weil egal, wie es heute ausgeht, der würde mich, wenn ich heimkomme, genauso lieben. Und dem ist es völlig egal, ob ich ne Medaille mit heimbring‘ oder nicht. Und das ist das, was im Leben so wichtig ist und mir auch so viel Halt gibt.“

Bundestrainerin Monica Theodorescu sieht den Erfolg der Dressur-Olympiasiegerin in der Symbiose von Mensch und Pferd: „Jessica und Dalera, das geht nicht einzeln, das gehört unbedingt zusammen, und das ist diese Entwicklung, wenn ein Paar derart zusammenwächst und sich gegenseitig vertraut und da ist Jessica auch ganz stark. Die sagt in der Arbeit, das muss ich nicht nochmal machen, das klappt. Ich weiß es. Und dann kann sie sich total auf dieses unheimlich tolle Pferd verlassen, die das dann auch sagt, okay ich weiß auch Bescheid, lass uns mal machen.“

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Die letzte Ehrenrunde von Bella Rose

Isabell Werth lachte glücklich. Der Gedanke, sie habe Gold verloren, kam da nicht auf. „Ich bin total zufrieden, wie die Stute sich hier heute gezeigt hat, das macht mich einfach glücklich. Und da hadere ich auch nicht mit Gold, Silber oder Bronze. Charlotte (Dujardin, Anm. d, Red.), die hier überraschend sicherlich Bronze gewonnen hat – so geht das auf und ab, es hätte auch ganz anders ausgehen können. Und deshalb muss man mal die Kirche im Dorf lassen und nicht glauben, dass ich da irgendwie Gold abonniert habe.“ Eine achte Goldmedaille hätte einen weiteren Rekord bedeutet: Deutschlands erfolgreichste Olympiasportlerin. Dieser Titel ist weiterhin der Kanutin Birgit Fischer vorbehalten.

Fest steht, es war das letzte Mal, dass die westfälische Stute mit der so wechselhaften Karriere, die Kür gegangen ist. Ein letztes Mal die Streicher aus Beethovens 5. Sinfonie zum Galopp, ein letztes Mal „Freude schöner Götterfunken“ zu den Traversalen, die für immer mit dem Namen „Bella“ verbunden bleiben werden. Und ein letztes Mal die jubilierende Sopranstimme zu der Piaffe-Pirouette, den Passage-Traversalen, die ebenfalls nicht nur vorm geistigen Auge, sondern auch im Herzen der Dressurliebhaber einen ewigen Platz einnehmen werden. Technische Kleinigkeiten kosteten heute Punkte. Aber Werth ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass es keine Spaziergänge gibt. Nicht zu einer Medaille und schon gar nicht zum Sieg. Leistung zählt und die, im Beisein ihrer Mäzenin Madeleine Winter-Schulze, 80, die die Strapazen des Wegs nach Tokio auf sich genommen hatte, möchte sie einfach nur genießen: „Es hat sich wirklich super angefühlt. Die Stute war fantastisch. Ich glaube wirklich, es war ihre beste Kür. Wenn man dann so über die Mittellinie geht nach zwei Wochen und bei diesem Wetter und den Umständen, wenn dann dieses Pferd noch so eine Mittellinie zelebriert und so Piaffe, Passage macht, dann war das einfach Gänsehaut pur. Und wenn du dann rausgehst und sagst, es war so, ich wüsste nicht, was ich hätte anders, besser machen können, dann bin ich total happy und zufrieden, dass es Silber ist. Ich habe gedacht am Ende, vielleicht hat’s gereicht, aber egal, ich war einfach nur glücklich über diese Prüfung! Ich kann gut mit Silber leben und Jessi hat genauso drei Tage hier super gekämpft und ihre Stute fantastisch präsentiert und so ist der Sport.“

Wann und wo Bella Rose genau verabschiedet wird, steht noch nicht fest. Aber, dass sie Mutter werden soll, schon.

Zwei außergewöhnliche Kombinationen, zwei Stuten und ihre herausragenden Reiterinnen – die Dritte im Bunde darf man da nicht vergessen. Als letzte ging Dorothee Schneider ins Viereck. So stark wie Showtime begann, lag in der ersten Hälfte der Prüfung noch das Unfassbare in der Luft: ein rein deutsches Podium. Aber in der Galopptour war der Traum ausgeträumt. Sie habe keine Verbindung mehr bekommen, sagte Dorothee Schneider. Bundestrainerin Monica Theodorescu fragte sich, ob der Wallach möglicherweise die Zunge hochgezogen habe. Wie auch immer – es gab mehrere Fehler und am Ende Platz 14 für dieses tolle Paar (79,432 Prozent).

Bronze für Dujardin

Überraschend war die Bronzemedaille für die Britin Charlotte Dujardin. Zehn Jahre alt ist Gio. Noch nie zuvor ist der kleine Fuchs die Kür gegangen, die Tom Hunt für ihn zusammengestellt hat. Das Pferd muss im Galopp deutlich an Versammlung gewinnen, aber wie die Britin ihren „Pumpkin“ durch das anspruchsvolle Programm steuerte, war sehenswert. Schwierig, aber keine Überforderung – das sah bei Edward Gal und dem sicherlich hoch talentierten Total US, der zu Programm und Musik seines Vaters Totilas ging, etwas anders aus. 84,157 Prozent, Platz sechs mit einem Neunjährigen. Bis zu den Weltmeisterschaften im dänischen Herning 2022 wird Gal bestimmt fleißig weiter üben.

13 Pferde über 80 Prozent

Es wurde gut gerichtet. Der eine oder andere Promibonus mag zum Tragen gekommen sein. Aber es standen die richtigen Pferde vorne. Weil nach dem Championat auch immer vor dem nächsten Championat ist, schweift schon jetzt der Blick nach Herning. In Dänemark finden kommendes Jahr die Weltmeisterschaften statt. Jede Wette, dass die dänische Equipe dann Ambitionen hat. Cathrine Dufour und Bohemian hatten viele Highlights, heute 87,507 Prozent, Platz vier. Und Carina Cassoe Kruth mit Heiline’s Danciera, Siebte, 83,329 Prozent, hätten auch zwei Plätze weiter vorn landen dürfen. Sie waren heute in der Kür eine Augenweide – das ist noch viel Luft nach oben. Erst recht, wenn sie dann vor eigenem Publikum reiten werden.

Schließlich ist da die Entdeckung dieser Olympischen Spiele: Sabine Schut-Kery. Die Wahl-Amerikanerin ritt auch heute mit wunderbarer Leichtigkeit und zeigte auf, wo die Reise hingehen muss im Dressursport. Ihr fünfter Platz, 84,3 Prozent, lässt schon jetzt hoffen, dass sie 2022 im Weltcup dabei sein wird. Ihr Sitz, ihre Einwirkung – das war ein Traum. Ihr schicker, nicht für Millionen eingekaufter, sondern „selbstgemachter“ Sanceo genauso.

Es gab viele Momente guten Reitens. Aber auch solche, die man nicht mehr sehen mag. Reiterinnen und Reiter, bei denen man den Eindruck hatte, sie würden stumpf hinten über die Kruppe vom Pferd fallen, würde man ihnen ihre zu jeder Zeit strammen Zügel durchschneiden. Solches schlechtes Reiten gehört noch mehr abgestraft. Die Europameisterschaft in wenigen Wochen wird zeigen, ob es der frische Wind von Tokio bis nach Hagen am Teutoburger Wald schafft.

Fazit: Dinge einfach mal ausprobieren

Es gab Bedenken im Vorfeld: Das neue System mit den Gruppen im Grand Prix und der Startreihenfolge im Grand Prix Special, die sich erst im Verlauf der Prüfung für die letzte Gruppe mit den stärksten Paaren herauskristallisiert, hat sich bewährt. Die Prüfungen waren kurzweiliger, sogar spannend, weil eben nicht schon vorher feststand, dass alles Gute erst am zweiten Grand Prix-Tag ins Viereck kommt. Leuchtendes Beispiel: die neue Dressur-Olympiasiegerin. Jessica von Bredow-Werndl war im Grand Prix das, was die Buschreiter „Overnight Leader“ nennen. Und sie blieb die Siegerin. Bis zum grandiosen Abschluss.

Die Ergebnisse der Kür bei Olympia 2021

1. Jessica von Bredow-Werndl (GER)Dalera91,732 Prozent
2. Isabell Werth (GER)Bella Rose89,657 Prozent
3. Charlotte Dujardin (DEN)Gio88,543 Prozent
4. Catherine Dufour (DEN)Bohemian87,507 Prozent
5. Sabine Schut-Kery (USA)Sanceo84,300 Prozent
6. Edward Gal (NED)Total US84,157 Prozent
7. Carina Cassoe Kruth (DEN)Heiline’s Danciera83,329 Prozent
8. Carl Hester (GBR)En Vogue81,818 Prozent
9. Juliette Ramel (SWE)Buriel81,182 Prozent
10. Steffen Peters (USA)Suppenkasper80,968 Prozent
11. Nanna Skodborg Merrald (NED)Zack80,893 Prozent
12. Hans Peter Minderhoud (NED)Dream Boy80,682 Prozent
13. Charlotte Fry (GBR)Everdale80,614 Prozent
14. Therese Nilshagen (SWE)Dante Weltino79,721 Prozent
15. Dorothee Schneider (GER)Showtime79,432 Prozent
16. Rodrigo Torres (POR)Fogoso78,943 Prozent
17. Beatriz Ferrer-Salat (ESP)Elegance77,532 Prozent
18. Brittany Fraser-Beaulieu (CAN)All In76,404 Prozent

  1. Nicole Pendzich

    Eine konstruktive Anmerkung: wenn Sie schon einen Kürmusikmacher erwähnen, hier Tom Hunt, dann wäre das für die anderen beiden Medaillen auch angemessen: Isabells Kürmusik ist von Michael Erdmann,Jessicas ‚ von mir,Nicole Pendzich.
    Ansonsten: top Berichterstattung, danke!😊
    LG

    • M. Bach

      Ihre wunderbar zusammengestellte Kürmusik war das dritte, verbindende Glied zwischen Stute, Reiterin und Erfolg. Wenn die Stimme der jungen Sängerin im Viereck erklang, hatte ich immer das Gefühl, es wäre Dalera selbst, die da singt. Alles passte perfekt zusammen, und ließ die beiden schweben und swingen!

      Also: ein Drittel der Goldmedaille gehört ganz bestimmt Ihnen.
      Vielen lieben Dank für die große Freude, die Sie den beiden Aktiven und dem Publikum gemacht haben.


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