Barr-Affäre 2022: Interview mit FN-Generalsekretär Lauterbach, Stellungnahme der FEI

Übertrieben vorsichtiges Springen

Zu viel Respekt vor den Stangen? Der Verdacht des Barrens steht dann im Raum (© www.paulinevonhardenberg.com)

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat ein Interview mit ihrem Generalsekretär Soenke Lauterbach zum Thema Barren und RTL Beitrag geführt und veröffentlicht. Auch der Weltreiterverband FEI bezieht Stellung.

FN-Generalsekretär Soenke Lauterbach äußerte sich in dem hausinternen Interview wie folgt:

FN-aktuell: In dem RTL-Beitrag wird der FN vorgeworfen, nicht klar benennen zu können, ob es sich in den gezeigten Szenen um Barren und damit um eine tierschutzwidrige Methode handelt. Warum fällt eine Definition so schwer?
Soenke Lauterbach: Die Grenzen zwischen dem laut Richtlinien für Reiten und Fahren zulässigen Touchieren und dem gemäß Tierschutz-Leitlinien verbotenen Barren sind fließend. Genau deshalb ist eine differenzierte Betrachtung erforderlich. Wie schon mehrfach geäußert, ist diese nur möglich, wenn uns das gesamte Video- und Beweismaterial zur Verfügung gestellt wird. Allein der Umstand, dass sich die mit Experten bestückte FN-Kommission für Ausbildungsmethoden seit einem Jahr mit der Grenzziehung befasst, zeigt dass eine Spontanbeurteilung der gezeigten Bilder der Sache nicht gerecht wird.

Welche Schritte wird die FN nun einleiten?
Wir werden heute RTL noch einmal auffordern, uns das gesamte Video- und Beweismaterial zur Verfügung zu stellen. Außerdem werden wir die Staatsanwaltschaft über den RTL-Beitrag informieren. Das Touchieren, so wie es jetzt in unseren Richtlinien definiert ist, steht weiterhin auf dem Prüfstand. Wir sind zuversichtlich, dass Empfehlungen der Kommission im Umgang mit dieser Thematik bald vorliegen werden. Gleichzeitig prüfen wir, ob Ordnungsverfahren eingeleitet werden können. Hier sind die Verbände immer auf Mithilfe von Zeugen angewiesen, die Namen, Fotos und Videos zur Verfügung stellen, um Hinweisen nachgehen zu können. Dazu fordern wir alle Beteiligten auf.

Was sagt die FN zu dem Vorwurf, dass im Amateur-Reitsport bei mutmaßlichen Verstößen gegen das Tierwohl nicht hart genug durchgegriffen wird?
Wir setzen mit unserem Ausbildungssystem, den Richtlinien und Regelwerken darauf, den Menschen zu erklären, was richtig ist und was nicht. Das bringen wir ihnen von der ersten Reitstunde über Reitabzeichenlehrgänge, die Trainerausbildung bis zum Kaderlehrgang immer wieder nahe. Dort, wo Grenzen überschritten werden, gehen wir mit all unseren Möglichkeiten dagegen vor und sanktionieren Fehlverhalten. Ebenso übergeben wir tierschutzrelevante Fälle an die Strafverfolgungs- oder Veterinärbehörden, damit die Täter auch auf staatlicher Ebene ihre gerechte Strafe erhalten. Wir haben unsere Regelwerke und Richtlinien in den vergangenen Jahren stetig weiterentwickelt und tun das weiterhin. Leider gibt es immer wieder Menschen, die sich nicht an unsere Regeln halten und damit unseren gesamten Sport in Verruf bringen. Dass es bei rund 3500 Turnieren und mehr als einer Million Starts im Jahr auch Fälle gibt, die nicht geahndet werden, ist kaum zu verhindern. Unser Regelwerk und unser Turniersystem geben alles her, unsere Turnierfachleute sind sehr gut geschult, sie haben alle Werkzeuge in der Hand, um bei Regelverstößen zu reagieren und konsequent dagegen vorzugehen. Das tun sie in der Regel auch. Natürlich muss unser Bestreben sein, in der Umsetzung stetig besser zu werden.

Auch interessant

Stellungnahme der FEI

Die FEI ist sich der Vorwürfe bewusst, die in der am 11. Januar 2022 auf RTL ausgestrahlten Dokumentation erhoben wurden, und stellt diesbezüglich Nachforschungen an. Wir stehen bereits in Kontakt mit dem deutschen Verband und werden weiterhin eng mit ihm zusammenarbeiten, um die geeignete Vorgehensweise zu bewerten.

Das Wohlergehen des Pferdes ist ein zentrales Anliegen der FEI, und wir verurteilen alle Trainingsmethoden und Praktiken, die dem Wohlergehen des Pferdes zuwiderlaufen, aufs Schärfste. Die FEI hat strenge Regeln zum Schutz des Wohlergehens von Pferden aufgestellt, die es ermöglichen, sowohl bei FEI-Veranstaltungen als auch anderswo Maßnahmen zu ergreifen. Die FEI verurteilt jede Form von Pferdemissbrauch, und die Trainingsmethoden, die in dem RTL-Video zu sehen sind, sind aus Sicht des Pferdewohls völlig inakzeptabel und verstoßen gegen das FEI-Reglement.

In den FEI General Regulations (GRs) Artikel 142 heißt es: Keine Person darf ein Pferd während einer Veranstaltung oder zu irgendeinem anderen Zeitpunkt missbrauchen. „Missbrauch“ bedeutet eine Handlung oder Unterlassung, die einem Pferd Schmerzen oder unnötige Unannehmlichkeiten zufügt oder zufügen kann, einschließlich, aber nicht beschränkt auf: Ein Pferd zu „schlagen“.

Artikel 243.1 der FEI-Springregeln besagt: Alle Formen der grausamen, unmenschlichen oder missbräuchlichen Behandlung von Pferden, einschließlich, aber nicht beschränkt auf verschiedene Formen des Schlagens, sind streng verboten. Artikel 243.2.1 enthält eine nicht erschöpfende Beschreibung dessen, was die FEI als „Schlagen“ betrachtet.

Die FEI wird eine Aktualisierung vornehmen, sobald weitere Informationen verfügbar sind.

Stellungnahme Präsident des Deutschen Tierschutzbundes

Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Thomas Schröder, meldet sich u. a. mit der Forderung nach juristischen Konsequenzen, seitens der Sport- und der Zivilgerichtbarkeit: „Wenn die aktuellen Vorwürfe zutreffen, muss Beerbaum aus der Reiterlichen Vereinigung ausgeschlossen und ihm ein Tierhaltungsverbot auferlegt werden. Die zuständigen Behörden müssen jetzt aktiv werden.” Seine Schlussfolgerungen sind drastisch und können in Gänze hier nachgelesen werden.