Olympia: Die Stehaufmännchen Nick Skelton und Big Star holen Gold

Zwei ganz Große des Springsports betreten gemeinsam das Podium: Olympiasieger Nick Skelton (GBR), Arm in Arm mit Bronzemedaillengewinner Eric Lamaze (CAN).

Da braucht der Olympiasieger Nick Skelton einen starken Arm (von Eric Lamaze), der ihm aufs Podium der Olympischen Spiele in Rio hilft. Kein Wunder, dass er weiche Knie hatte! (© Pauline von Hardenberg)

Zu Tränen gerührt und offensichtlich völlig fassungslos – das war Nick Skeltons erste Reaktion auf seinen Olympiasieg im Finale der Springreiter bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro. Ein Mann, den ein Sturz vor Jahren beinahe das Leben gekostet hätte, ein Pferd, das so mancher schon abgeschrieben hatte – heute haben sie in Deodoro Geschichte geschrieben.

Bei seinen siebten Olympischen Spielen gewann der 58-jährige Brite Nick Skelton auf dem 13-jährigen Hengst Big Star die Goldmedaille im Springreiten. Damit ist er der älteste Olympiasieger im Pferdesport. Mit einem fehlerfreien Ritt im Stechen in 42,82 Sekunden ließ er die Konkurrenten hinter sich. Der Schwede Peder Fredricson auf All In gewann die Silbermedaille (0/43,35), Bronze ging an den Kanadier Eric Lamaze, dessen Stute Fine Lady im Stechen den ersten Springfehler des ganzen Turniers machte (42,09). Er konnte die Chance, seinen Olympiasieg von 2008 zu wiederholen, nicht nutzen.

Ganz knapp schrammte der Olympiasieger von 2012, der Schweizer Steve Guerdat, an der Bronzemedaille vorbei. Mit einem Abwurf an einem Steilsprung in 43,08 Sekunden wurde er Vierter. Sechs Reiter hatten das Stechen erreicht, Sechster hinter dem US-Reiter Kent Farrington wurde mit zwei Abwürfen der Katar-Scheich Ali Al Thani auf First Division, der sich bis dahin wacker geschlagen hatte. Er wird von Luxus-Pferdehändler Jan Tops trainiert. Am Anschaffungspreis der Pferde gemessen, dürfte sein Erfolg der teuerste gewesen sein.

Mit nur einem Zeitfehler in der B-Runde verpasste der amtierende Welt- und Europameister Jeroen Dubbeldam das Stechen. Nicht nur deswegen war er am Ende in Tränen aufgelöst, auch weil es der letzte Ritt auf Zenith war, der ja bekanntlich demnächst im Internet versteigert wird.

Zurückgekämpft und Gold geholt

Pauline von Hardenberg

Danke, Big Star! So viel hat dieser Hengst seinem Reiter schon gegeben. Und der dankte es ihm, indem er nie aufhörte, an ihn zu glauben. Dieser Olympiasieg markiert einen Meilenstein in beider Leben. (© Pauline von Hardenberg)

Nick Skelton gehörte bereits in London 2012 mit Big Star zum Siegerteam, dies ist seine erste olympische Einzelmedaille. Dass er und sein Pferd in Rio triumphieren konnten, ist nicht zuletzt den Ärzten zu verdanken, beide haben eine ausgedehnte Krankengeschichte hinter sich, Skelton mit mehreren Knochenbrüchen. Der schlimmste war ein Genickbruch vor 16 Jahren, der seine Karriere schon zu beenden schien. Er kehrte zwar zurück in den Sattel, die Ärzte warnten ihn aber: Jeder weitere Sturz könnte ihn in den Rollstuhl bringen. Auch der Rücken macht nicht mehr so recht mit, nach der Siegerehrung konnte er sein Pferd nur mit Hilfe eines Höckerchens erklimmen. Auch Big Star war drei Jahre krank, hatte sich verletzt und musste mühsam wieder aufgepäppelt werden. Aber Nick Skelton hat nie den Glauben an sein Pferd verloren. Sein eigenes Karriereende knüpft er an das von Big Star:

Wenn er geht, gehe ich mit.

 

Enttäuschung im deutschen Lager

Pauline von Hardenberg

Es hat nicht sollen sein – das ganze Turnier über sprang Meredith Michaels-Beerbaums Fibonacci geradezu überirdisch. Doch eine unpassende Distanz zum ersten Sprung im ersten Umlauf machte die Medaillenhoffnungen jäh zunichte. (© Pauline von Hardenberg)

Für die drei deutschen Springreiter, die sich für das Einzelfinale qualifiziert hatten, endete der Tag enttäuschend. Sie waren im Stechen nicht mehr dabei. Meredith Michaels-Beerbaum ritt den elfjährigen Fibonacci bereits in der A- Runde so unglücklich an den ersten Sprung, dass es fast zum Sturz gekommen wäre. Die Reiterin gab nach einem Gehorsamssprung auf, um sich zu vergewissern, dass dem Pferd nichts passiert war. Aus dem Stall kam kurze Zeit später Entwarnung, Fibonacci gehe es gut, hieß es. „Ich bin sehr enttäuscht“, sagte Michaels-Beerbaum, „ich habe zu viel gewollt und als ich merkte, dass die Distanz nicht stimmte, war es schon zu spät.“

Daniel Deußer auf First Class und Christian Ahlmann auf Taloubet Z wurden gemeinsam mit fünf weiteren Reitern Neunte. Beide hatten sich mit einer sicheren fehlerfreien A-Runde die Medaillenchance gewahrt, aber mit je einem Abwurf in der B-Runde waren die Hoffnungen auf einen Podiumsplatz dahin. Ahlmann zeigte sich dennoch zufrieden mit seinem Trip nach Südamerika: „Ich hatte ein traumhaftes Gefühl mit Taloubet, aber es hat nicht sollen sein. Ich bin unglaublich stolz auf mein Pferd. Wir haben eine Medaille gewonnen und waren im Einzel nah dran, das ist unglaublich. Ich nehme sehr viele positive Dinge hier mit aus Rio und kann glücklich nach Hause fahren.“ Auch Daniel Deußer zog unterm Strich eine positive Bilanz: „Wenn ich hier unzufrieden wäre, müsste ich aufhören. Mein Pferd sprang super heute. First Class hat den Parcours mit Leichtigkeit bewältigt.“

Pauline von Hardenberg

In der Tat, Christian Ahlmann hat allen Grund, stolz auf Taloubet Z zu sein. Der Hengst scheint in der Form seines Lebens zu sein. (© Pauline von Hardenberg)

Bundestrainer Otto Becker zog gleichwohl ein positives Fazit. „Alle vier Reiter haben hier super Runden gedreht. Die Pferde sind vom Feinsten gesprungen, Christian und Daniel sind souverän geritten. Leider hatten sie beide diesen einen Flüchtigkeitsfehler. Der Parcours im zweiten Umlauf war angemessen, der erste ein bisschen zu einfach. Aber sechs Doppelnuller, das zeigt, wie gut der Sport ist. Aber auch unsere beiden brauchen sich nicht zu verstecken“, sagte Bundestrainer Otto Becker nach dem Finale.

 Viele Nuller und die „richtigen“ Sieger

Zwar standen am Ende die „Richtigen“ vor, das heißt Reiter von ausgewiesener Weltklasse und keine Eintagsfliegen, aber insgesamt gab es reichlich Nullfehlerritte, allein in den beiden Runden des letzten Springens 28 an der Zahl. Dazu beigetragen hat vielleicht auch der sehr gute Boden, auf dem die Pferde gerne und flüssig sprangen. Aber da gibt es ja Schlimmeres!

 

 

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