Springreiter-EM: Belgien wird Europameister 2019, Deutschland gewinnt Silber vor Großbritannien

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Vize-Europameister 2019: Team Germany, Otto Becker, Christian Ahlmann, Daniel Deußer, Simone Bum und Marcus Ehning (© Pauline von Hardenberg)

Die belgischen Springreiter sind Europameister 2019! Mit einem Abstand von 4,15 Strafpunkten gewann das deutsche Team Silber vor den Briten. Chancen auf eine Einzelmedaille bei der Springreiter-EM haben Daniel Deußer (7.) und Simone Blum (8.), heute beide mit einem Abwurf. Der Brite Ben Maher führt weiterhin klar vor dem Belgier Jos Verloy und dem Schweizer Martin Fuchs in der Einzelwertung.

Die Mannschaftsleistung bei der Springreiter-EM in Rotterdam stimmt. Die deutsche Equipe hat die Silbermedaille im Teamwettbewerb gewonnen. Diesmal sorgten Christian Ahlmann mit Clintrexo und Marcus Ehning mit Comme il faut für die Nullfehlerritte. Im gestrigen ersten Umlauf hatten die beiden mit je acht Fehlerpunkten die Erwartungen nicht erfüllt. Heute waren sie am Zug. Auftaktreiterin Simone Blum hatte mit Alice in dem genauso wuchtigen wie luftig gebauten Parcours einen Abwurf in der Dreifachen Kombination. Teamkollege Daniel Deußer und Tobago scheiterten als vierter Deutscher im Kurs am Aussprung der zweifachen Kombination. Schon bevor der Abschlussreiter der Equipe aus Belgien, Gregory Wathelet, als letzter Starter in das heute zu zwei Dritteln gefüllte Stadion kam, stand fest: Das deutsche Quartett gewinnt Silber bei dieser Springreiter-EM.

Belgien erstmals Gold bei Springreiter-EM

Gregory Wathelet und der Schimmel Nevados gingen als letzte ins Stadion: Einen Springfehler hätten sie sich leisten können, nachdem Abwurf von Tobago. Aber der Schimmel sprang souverän mit schnellem Bein. Daran auch nur einen Fehler zu machen, dachte er nicht für einen Moment. Der Auftakt des belgischen Teams war Pieter Devos und Claire Z bedingt gelungen. Ein Abwurf, ein Zeitfehler, damit fiel Devos auf Platz 19. In der Einzelwertung zurück.

Der Belgier Jos Verloy hat mit dem belgischen Fuchs Igor ein Pferd, von dem man nicht sagen kann, dass es „easy in die Hand galoppiere“. Der Emerald-Sohn, Startposition zwei im belgischen Team, lässt die Zunge heraushängen, geht mit langem Hals und galoppiert seinem Kopf hinterher. Und er springt, was immer ihm im Weg ist. Nicht immer hoch, aber aus jeder Lebenslage. Er turnte durch die Dreifache, nahm auch mal beherzt eine erste Distanz – aber eine Stange berührte er nicht. Eine wichtige Nullfehlerrunde für den späteren Titelgewinn. Verloy ist Zweiter der Zwischenwertung (1,68). Riesenjubel bei den belgischen Fans als dann Jerome Guery mit Riesensätzen des Holsteiners Quel Homme de Hus v. Quidam de Revel die zweite Runde ohne Abwurf für die in Führung liegenden Belgier geliefert hatte. Allerdings mit einem Zeitfehler. Schließlich machte Wathelet dann den „Sack zu“. Er rangiert an vierter Position (4,63).

Silbermedaille für Blum, Ahlmann, Ehning und Deußer

Christian Ahlmanns Sohn Leon klatschte seine Mutter Judy Ann Melchior im „Kiss and Cry Corner“ ab – Papa did it, yes! Die Nullrunde von Christian Ahlmann war nichts für Zuschauer mit schwachen Nerven. Mitunter sprang Clintrexo knapp über die Stange. Das sei sicherlich auch noch eine Frage der Erfahrung, sagte Ahlmann hinterher. Druck habe er keinen verspürt. „Als zweiter Reiter muss immer ein gutes Ergebnis her, daran hätte auch eine Nullrunde von Simone nichts geändert.“ Ahlmann erklärte, dass Clintrexo auf eine Rückwärts-Hilfe extrem sensibel reagiert hätte. „Da sprang er dann mit viel Technik, aber der Bauch kam immer tiefer“. Daraufhin habe er dann das Tempo im Verlauf des Parcours erhöht, damit der Schimmel sich wieder mehr fliegen lassen konnte. Das Konzept ging auf. Null – das Rennen um die Medaillen war offen. „Und ich bin eh hier mehr für die Mannschaft, als fürs Einzel“, sagte Ahlmann zu seinem Comeback in der Nationalmannschaft.

Der verflixte zweite Oxer in der dreifachen Kombination

Zuvor war der zweite Sprung, ein Oxer, in der dreifachen Kombination Simone Blum und Alice zum Verhängnis geworden. Die Weltmeisterin konnte sich in guter Gesellschaft wissen: Steve Guerdat hatte mit Bianca hier einen Fehler. Der Schweizer ist jetzt Fünfter. Auch andere Topreiter hatten hier Abwürfe.

Selbst Ben Mahers Explosion, der weiter in der Einzelwertung führt, musste sich an dem Hindernis zumindest anstrengen. „Da hatten wir einen kleinen Wackler“, gab sich der Brite anschließend smart.

Vorher und auch im Anschluss sprang Alice wie an den Vortagen: Souverän, in großer Flugkurve, immer sicher. „Ein sehr, sehr harter Kurs, hoch und schwer und breit. Viele Distanzen. Man merkt auch schon den Pferden die dritte schwere Runde am Stück ein bisschen an“. Parcourschef Louis Konickx hatte einen Championatskurs (siehe unten) gebaut, der von den Startern volle Konzentration ab der Startlinie forderte: „Von 1 auf 2 hast du eine lange Linie und danach keine Zeit mehr auszuruhen“, so Simone Blum. Der Fehler sei ein Reitfehler gewesen, die sieben Galoppsprünge auf dem Linksbogen zur dreifachen Kombination waren schlecht eingeteilt, „das geht klar auf meine Kappe, das hat auch nichts mit Glück zu tun“, sagte die Weltmeisterin. „Alice hat noch gekämpft, die Stange da liegen zu lassen.“

Simone Blum sagt, sie habe sich von Anfang an nicht den Druck gemacht, die fünf Nullrunden von Tryon zu wiederholen. „Wenn es nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter“.

Comme il faut fliegt über den Nationenpreis

Marcus Ehning und Comme il faut waren die Publikumslieblinge dieses zweiten Umlaufs der Springreiter-EM. Schnell und kraftvoll katapultierte sich der Cornet Obolensky-Sohn über die Sprünge. Er fand sogar noch Zeit, zwischendrin fröhlich zu bocken. „Ich hatte mich schon vorher auf den Kurs gefreut“, sagte Marcus Ehning. Sein Hengst sei heute wieder so gesprungen, wie er sonst springe. Grinsend fügte Ehning hinzu, dass er damit wohl auch gezeigt habe, dass er sehr wohl ein Mannschaftsreiter sei – „auch wenn das einige seit Aachen und Mannheim ja immer mal wieder in Frage stellen.“

Die schwarzen Tage von WM 2006 und EM 2007 (Verweigerungen von Küchengirl) sitzen noch tief. Doch nach diesem Ritt und einer Silbermedaille, „über die ich mich sehr(!) freue“, hat Ehning keinen Grund, zurück zu schauen. Wer „Commie“ heute springen sah, dem konnte nur das Herz aufgehen. Ehning ist 15. (9,56) und im Finale der besten 25 am Sonntag ebenso dabei wie die anderen deutschen Vize-Europameister.

Deußer nach Fehler auf Rang sieben

Daniel Deußers Tobago sprang ebenfalls hervorragend. Nur einmal stimmte die Feinabstimmung zwischen Reiter und Pferd nicht zu 100 Prozent. Über die Platzdiagonale ging es zunächst über eine mächtige Triplebarre und nach fünf Galoppsprüngen dann Richtung der zweiten großen Fehlerquelle: einer zweifachen Kombination, luftig und hoch. „Die Triplebarre war nicht ganz ideal“, sagte Deußer, „da habe ich vielleicht etwas Kraft aus ihm herausgenommen, aber als er sich dann über den Einsprung geholfen hat, dachte ich fast, es könnte nach hinten noch gut ausgehen“. Tat es aber nicht. Die Stange am Aussprung fiel.

Deußer ist mit 5,47 Punkten Siebter. Ben Maher, auch für Otto Becker und viele andere der Favorit am Sonntag auf den Titel bei der Springreiter-EM, hat 0,62 Punkte auf seinem Konto. Der Belgier Jos Verloy (1,68) liegt an zweiter Position weniger als einen Abwurf von Deußer entfernt. Simone Blum ist Achte (6,21). Für Alice steht morgen „Chillen“ auf dem Programm, „ein bisschen Dressurarbeit.“ Christian Ahlmann ist 14. (9,19).

Bundestrainer Otto Becker war glücklich. Nach der Saison, in der es die Deutschen nicht geschafft haben, sich direkt für das Nationenpreis-Finale zu qualifizieren, ist die Silbermedaille Balsam für die Trainerseele. „Wir haben acht Nullrunden von zwölf Runden“, betonte Becker, der selbst einst in dem Stadion am Kralingse Bos bei einer Springreiter-EM am Start war.

Briten: Bronze und Olympiaqualifikation

Angeführt von Ben Maher freuten sich die Briten über wieder erwachten Teamgeist und vor allem die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio. Die anderen Teammitglieder kamen nicht ohne Abwurf durch den Kurs. Holly Smith, deren Pferd Hearts Destiny vorm Start noch ein Eisen wieder aufgenagelt bekommen musste, erwischte es am Aussprung der Dreifachen (12.). Armanda Derbyshire kam viel zu dicht an Sprung drei mit Luibanta. Und Scott Brashs Hello M’Lady patzte zweimal, unter anderem an der mächtigen Triplebarre. Trotzdem war er zufrieden. „Meine Stute ist noch nicht lange wieder zurück im top Top-Sport. Sie sprang sehr gut. Jetzt bekommt sie nach der Euro eine Pause und dann haben wir im nächsten Jahr ein Ziel“.

Aufatmen können nicht nur die Springreiter aus Belgien und Großbritannien in Sachen Olympia. Auch Frankreich ergatterte auf der Springreiter-EM einen Teamplatz für die Olympischen Spiele von Tokio 2020. Alexis Deroubaix und der schnelle Schimmel Timon d’Aure v. Mylord Carthago sind im Einzelklassement aktuell Sechste (5,4).

Aus der schwedischen Equipe sind noch Henrik von Eckermann mit Mary Lou (9./7,56) und Peder Fredricson mit All in (10./8,0) unter den Top 10.

Die Ergebnisse finden Sie hier.


Das Einzelfinale wird am Sonntag in zwei Springen entschieden. Die besten 25 werden ab 13 Uhr im Stadion erwartet. Um die Einzelmedaillen der Springreiter-EM geht es dann ab 15.30 Uhr.


Die Nuller

Henrik von Eckermann (SWE) Mary Lou

Antonio Matos Almeida (POR) Volver de la Vigne

Penelope Leprevost (FRA) Vancouver de Lanlore

Christian Ahlmann (GER) Clintrexo

Jos Verloy (BEL) Igor

Martin Fuchs (SUI) Clooney

Marcus Ehning (GER) Comme il faut

Maikel van der Vleuten (NED) Dana Blue

Gregory Wathelet (BEL) Nevado

Ben Maher (GBR) Explosion

Cian O’Connor (IRL) Final

 

Der Parcours im zweiten Umlauf Nationenpreis EM Rotterdam 2019

Parcourschef Louis Konickx hatte für die entscheidende Runde im Nationenpreis einen 520 Meter langen Kurs gebaut. 16 Sprünge, 13 Hindernisse – luftige Sprünge, dünne Planken, zumeist nur drei, manchmal vier Stangen bei den Steilsprüngen. Mehr nicht. Beim vorgeschriebenen Tempo von 400 Meter/Minute betrug die erlaubte Zeit 78 Sekunden. Die Zeit einzuhalten, stellte kein Problem dar. Allerdings bedurfte es schon beherzten Vorwärtsreitens. Es gab eine dreifache Kombination. Früh im Parcours an der langen Seite des Stadions auf der linken Hand: Oxer, Oxer Steilsprung, (5a, b, c). Die Zweifache Kombination war über die Platzdiagonale gebaut. Hier stand zunächst eine Triplebarre (9). Dann folgte nach fünf Galoppsprüngen die zweifache Kombination: ein nackter Steilsprung, oben und unten eine weiße Stange, in der Mitte dazwischen eine blaue, schmale Wellenplanke (10a), dann ein Oxer (10b). Die Sprünge waren bis zu 1,60 Meter hoch.

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