WM Vielseitigkeit: Christoph Wahler mit enttäuschendem Auftakt in Pratoni

Christoph Wahler-CarjatanS-Pratoni-Dressur

Christoph Wahler und Carjatan S, erster deutscher Teamstarter in der Dressur bei der WM in Pratoni 2022. (© st-georg.de)

Christoph Wahler und Carjatan S hatten heute nicht den erhofften Auftakt in die Weltmeisterschaft der Vielseitigkeitsreiter in Pratoni del Vivaro. Erst nach dem ersten Drittel der Dressuraufgabe kam der Schimmel dazu, seine durchaus vorhandenen Dressurtalente zu präsentieren. Sein Reiter hatte ein Ein-Wort-Fazit. Und bot einen Ausblick aufs Gelände.

Das Einreiten sicher, das Halten ruhig auf allen Vieren – Carjatan S und Christoph Wahlers erste Sekunden im Dressurviereck in Pratoni del Vivaro verliefen vielversprechend. Doch die folgenden eineinhalb Minuten möchte man am liebsten aus dem Gedächtnis (und dem Protokoll streichen). Obwohl äußerlich entspannt, galoppierte der Holsteiner an. Wahler parierte den Clearway-Sohn mehrfach, was den aber nicht davon abhielt, erneut anzugaloppieren statt zu traben. Der Notendurchschnitt nach den ersten zwei Lektionen: 3,5. Puh!
Danach schien sich der Holsteiner gefangen zu haben. Er trabte geschmeidig, im Geradeaus wie in den Vorwärts-Seitwärts-Bewegungen. Das Pferd in schöner Selbsthaltung, sicher im Takt, schwungvoll und für ein Vielseitigkeitspferd sogar gut kadenziert. Man weiß in diesen Momenten, was Christoph Wahler meint, wenn er sagt, dass Carjatan S „Mitte 20“ gehen könne oder sogar noch besser.
Allein – auch im zweiten Mitteltrab fiel der Schimmel einmal in den Galopp. Teure Punkte in der Trabtour. Das Halten und Rückwärtsrichten war dann wieder richtig gut. Im Schritt kam der große Wallach zum Schreiten, auch Lektionen wie das Zügel aus der Hand kauen lassen im Galopp, das die Durchlässigkeit überprüfen soll, gelangen gut. Die fliegenden Galoppwechsel kamen sicher, gerade und auf den Punkt. Die beiden nach rechts waren dabei noch etwas selbstverständlicher als die nach links.
Ein enttäuschter Christoph Wahler musste dann beim WM-Debüt gleich runter vom Pferd nach dem Ritt und der Presse Rede und Antwort stehen. „Mist“, sei das gewesen gab er unverblümt zu, „ich weiß nicht warum. Er war vorher super entspannt“. Immerhin, ein Protokoll, das von 2,0 bis 9,0 nahezu jede Note enthält, gibt es auch nicht alle Tage.

Carjatan S entspannt an allen Trainingstagen

Schon in den Trainingstagen und auch beim Reiten im Stadion zur Vorbereitung gestern habe sich Carjatan S gut angefühlt. Und heute dann der Ausfall zu Beginn der Aufgabe: „Er erschrickt sich vor irgendwas und ich komme nicht mit meinen Hilfen durch.“ In der Analyse unterstreicht der Hengsthalter vom Klosterhof Medingen aber auch, wie er noch auf die 32,8 Minuspunkte, die es am Ende waren, sich hat hocharbeiten können. Er sei „gut Schritt gegangen, gute Wechsel“.
Der Trost, wenn auch ein kleiner, bleibt, dass diese Weltmeisterschaft nicht in der Dressur entschieden werden wird. Die Geländestrecke ist anspruchsvoll, sehr technisch gebaut und fordert schon zum Anfang durch einen langen Anstieg konditionell einiges von den Pferden. Die Kondition ist in Pratoni für Christoph Wahler ein Thema. „Extrem anspruchsvoll“ sei die Strecke, auf die er am Samstag als erster aller Starter gehen wird. Vor allem aber stört ihn die Linienführung. Die Pferde müssen teilweise schräg am Hang galoppieren.

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Den ersten Eindruck, wonach man es mit wenigen Hindernissen zu tun hat, die gestalterisch oder farblich aus dem Rahmen fallen, bestätigt Wahler indirekt, gibt aber auch zu bedenken: „Naja, ich bin auch kein Maler und dem Pferd ist es letztlich egal, ob es über einen hellbraunen, dunkelbraunen oder weißen Sprung springt. Mir dann auch, Hauptsache er springt drüber.“

Der Boden könne noch etwas Wasser gebrauchen, insofern wünscht sich der 28-Jährige mehr von dem Regen, der heute morgen eingesetzt und die bewaldeten Hänge rund um die Hochebene südlich von Rom in neblige Wolken gehüllt hatte.

Erster Starter, „Pathfinder“ fürs Team – ein Thema für den „Schimmelreiter“ aus der Lüneburger Heide? „Einer muss es ja machen“, so Wahler und „vielleicht staubt es ja bei mir am wenigsten.“

Respekt vom Bundestrainer für Christoph Wahlers Nerven

Bundestrainer Peter Thomsen blieb cool. Das sei ja ein Triathlon, sprich abgerechnet wird zum Schluss. Der reiterlichen Leistung von Wahler zollt der Bundestrainer Respekt. „Er hat das gewaltig wieder rausgerissen. Das Pferd da wieder zurückzubekommen in dieser Situation, da gehören schon ganz gewaltig Nerven dazu und Fingerspitzengefühl.“

Nach den ersten zehn Ritten liegt Christoph Wahler in Pratoni an dritter Position. Um 14 Uhr geht heute Sandra Auffarth als zweite deutsche Starterin ins Viereck. Julia Krajewski (10.10 Uhr), Alina Dibowski (12.48 Uhr) und Michael Jung (14.48 Uhr) sind am Freitag dran.

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