Das Pferdegebiss: Rund um Zähne und Gebisse

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Zähne und Gebiss sollten regelmäßig kontrolliert und gepflegt werden. (© www.toffi-images.de)

Das perfekt passende (Trensen-)Gebiss

Wie bei Sattellage, Beinstellungen und Co. gibt es auch im Pferdegebiss von Pferd zu Pferd anatomische Unterschiede.

Manche haben eher kantige Laden, bei anderen ist die Schleimhaut, die die empfindliche Knochenhaut schützt, dicker. In so einem Fall rundet Dr. Astrid Bienert- Zeit die ersten Backenzähne etwas ab, da bei Zug am Zügel die wulstige Schleimhaut nach hinten geschoben und gegen oder sogar zwischen die ersten Zähne gelangen kann. Dies führt bei kantigen Zähnen zu Schmerzen.

Generell empfiehlt die Tierärztin: Sollte man bei der Gebisswahl unsicher sein oder das Pferd Probleme mit dem Gebiss haben, muss ein Tierarzt, der sich auf Pferdezähne spezialisiert hat, zu Rate gezogen werden. Er kann bei der Gebissauswahl helfen, erkennt aber auch mögliche Fehlstellungen oder Zahnprobleme, die auch immer ein Grund für Schwierigkeiten in der Anlehnung sein können.

Lieber etwas zu lang als zu kurz

Generell gilt: Das gewählte Gebiss sollte auf jeder Seite einen halben Zentimeter Spielraum haben, damit Maulwinkel und Lippen nicht gequetscht werden. Ein zu kurzes Gebiss ist für das Pferd unangenehmer als ein zu langes Mundstück. Dr. Witzmann erklärt: „Ein zu langes Gebiss liegt vielleicht unruhiger, bietet dem Pferd aber auch besser die Möglichkeit, Druck auszuweichen. Ein zu kurzes dagegen gestattet zu wenig Spielraum und kann Gewebsteile schmerzhaft einklemmen.“

Nicht nur die Reiter, auch die Hersteller machen sich Gedanken um das, was so im Pferdemaul passiert, sobald ein Gebiss dort liegt und der Zunge ihren Platz streitig macht. Viel ist nachgedacht und ausprobiert worden, das Wissen über die Anatomie im Pferdemaul ist umfassender geworden. Beim Reiter, also dem Kunden und damit auch bei der Industrie. Neu geformte Gebisse werden entwickelt, ausprobiert und schließlich zum Kauf angeboten.

Die Form: normale und anatomische Gebisse

Vorbei die Zeiten, in denen es nur „Trense, Pelham oder Kandare?“, „einfach oder doppelt gebrochen?“ bzw. „Olivenkopfgebiss oder normal?“ hieß. Doch ist das passgenaue Gebiss wirklich weicher?

Für Dr. Peter Witzmann, der sich schon lange mit Gebissen und Mäulern beschäftigt, steht die Passform an erster Stelle. „Zwangsläufig liegen anatomisch geformte Gebisse theoretisch ruhiger im Maul“, weiß der Experte. „Daher sind sie aber auch weniger beweglich, geben somit weniger Raum um etwaigen Druck auszuweichen und rahmen das Maul mehr ein.“ Dass führe dazu, dass man z.B. den Kopf des Pferdes direkter auf eine Seite ziehen könne.

Bedenken sollte man aus Sicht des Veterinärmediziners bei der Wahl des Gebisses ebenfalls, dass der Reiter bei einem „weicheren“ Gebiss stärker einwirken muss, um die gewünschte Reaktion beim Pferd hervorzurufen. „Ein guter Reiter braucht so ein Gebiss eigentlich nicht“, so Witzmann.

Bei Reitern, die ihre Hilfengebung noch nicht so fein abstimmen können, machen solche Gebisse aber durchaus Sinn. „Aber nur“, schränkt Dr. Witzmann ein, „wenn das Gebiss entsprechend dick ist.“ Denn ein gut gemeintes, anatomisches Gebiss kann bei geringerem Durchmesser durchaus scharf einwirken.

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Die Auswahl des richtigen Gebisses richtet sich nach Verwendungszweck und Pferd. (© www.toffi-images.de)

Einfach gebrochenes und doppelt gebrochenes Gebiss

Grundsätzlich in allen Prüfungen erlaubt sind das einfach und das doppelt gebrochene Gebiss. Welches der beiden aber für das Pferd angenehmer ist, in dieser Frage sind sich die Experten uneinig: Während Frau Dr. Bienert- Zeit für das doppelt gebrochene Gebiss plädiert, spricht sich Dr. Witzmann für das einfach gebrochene aus.

Nach Ansicht der Veterinärmedizinerin von der Tierärztlichen Hochschule in Hannover liegt das doppelt gebrochene Gebiss in der Regel besser auf der Zunge auf und somit auch besser im Maul. Einfach gebrochene Mundstücke dagegen bilden ihrer Meinung nach bei Zügelzug einen Keil, der entweder in die Zunge oder den Gaumen drücken kann.

Dr. Witzmann sieht den Vorteil klar bei den einfach gebrochenen Gebissen: Weil sie nicht plan auf der Zunge aufliegen, lassen sie dem Pferd mehr Spielraum, sagt er. „Dass sie wirklich in den Gaumen oder die Zunge bohren, wurde in keiner Studie nachgewiesen.“

Die größere Gefahr liegt in seinen Augen bei den doppelt gebrochenen Gebissen: Diese können theoretisch bei ständigem, verstärktem Zügelzug die Zunge besser umfassen und dabei die Blutzirkulation beeinträchtigen. Das Ergebnis wäre dann eine blau angelaufene Zunge. Als Turniertierarzt kennt er diesen Anblick.

Dicke oder dünne Gebisse?

Die LPO gibt eine Mindestdicke bei Pferden von 14 Millimetern, bei Ponys von zehn Millimetern im Wettkampf vor. Dr. Witzmann empiehlt generell eine mittlere Stärke: „Mit einer abgerundeten einfach gebrochenen Wassertrense mit einer Dicke von 16 Millimetern kann man prinzipiell nichts verkehrt machen.“

Dr. Astrid Bienert-Zeit ist der Ansicht, dass nicht jedes Pferd mit einem dickeren Gebiss zurecht kommt: „Dicke Gebisse sind nicht unbedingt weicher. Wenn es zu dick ist, wird es vom Pferd als störend empfunden.“ Die Entscheidung liegt letztendlich beim Pferd und in zweiter Instanz beim Reiter. Genau wie bei der Frage, ob einfach oder doppelt gebrochen, gibt es hier kein Patentrezept.

Gebisse aus Kupfer und Aluminum

Das Material des Gebisses soll die Maultätigkeit des Pferdes positiv beeinflussen. So bildet beispielsweise Kupfer eine Oxidationsschicht, die süßlich schmecken und daher das Kauen fördern soll. Die meisten Gebisse bestehen aus Metalllegierungen mit einem mehr oder minder großen Kupferanteil, weil Kupfer alleine zu weich ist.

Reine Aluminiumgebisse werden ebenfalls nur selten verwendet. Der ehemalige Bundestrainer Harry Boldt hat mit unterschiedlichen Gebissen experimentiert und herausgefunden, dass viele Pferde sich mit leichten Gebissen unwohl fühlen. Es gibt jedoch auch Reiter, die hingegen berichten, ihre Pferde würden mit einem weniger schweren Mundstück im Maul zufriedener gehen.

Bei vielen Kupfergebissen mischt man Aluminum bei, um den nötigen Härtegrad zu erreichen. Aluminium gilt allerdings als „Oxidationsverringerer“, so dass Legierungen mit Aluminium nicht den gewünscht süßlichen Geschmack entwickeln würden. Prof. Dr. Frank Endres von der Technischen Universität Clausthal erklärt jedoch: „Das kann man pauschal nicht sagen.

Ob das Kupfer trotz beigemischtem Aluminium oxidiert, hängt vom Gefüge der Kristalle in dem Metall ab, welches durch den Herstellungsprozess beeinflusst werden kann, sowie von den chemischen Bedingungen, denen es ausgesetzt ist (Milieu im Pferdemaul). Systematische Forschungen zu diesem Thema gibt es meines Wissens noch nicht.“

Argentan, Aurigan, Kaugan und Sweet Copper

Argentan („German Silver“) besteht zu 60 Prozent aus Kupfer, zu etwa 12 bis 16 Prozent aus Nickel und den übrigen Prozenten aus Zink. Es ist silberfarben und regt durch seinen hohen Kupferanteil oft zum Kauen an. Aurigan dagegen besitzt mit 85 Prozent einen noch höheren Kupferanteil, dem vier Prozent Silizium und elf Prozent Zink beigemischt werden. Diese Mischung soll laut Hersteller einen Geschmack haben, den Pferde gerne mögen und deshalb besser kauen sollen. Dazu ist Aurigan frei von Nickel, auf das manche Pferde allergisch reagieren.

Das Kaugan besitzt sogar einen Kupferanteil von etwa 90 Prozent und verzichtet in dieser Mischung des Gebisses ebenfalls auf Nickel. Eine ähnliche Zusammensetzung hat auch das SWEET Copper. Gehärtet werden diese beiden Gebisse durch Aluminium.

Kaum noch anzutreffen sind hingegen sogenannte Messinggebisse aus 60 Prozent Kupfer und 40 Prozent Zink.

Gebisse aus Edelstahl und Eisen

Edelstahl besteht zu 70 Prozent aus Eisen mit einer Chrom-Nickel-Mischung. Es soll rostfrei, geschmacks- und geruchsneutral sein. Nickel in dieser Kombination ist gebunden, das heißt, es kann nicht austreten und gilt daher als gesundheitlich unbedenklich.

Gebisse aus verchromtem oder vernickeltem Eisen sind oft günstig zu haben. Ihr Nachteil: Wenn die Beschichtung sich abnutzt, entstehen scharfe Kanten, die das Pferd im Maul verletzen können. Zu erkennen sind solche Stellen meistens an den Rostecken. Daneben gibt es aber auch unlegierte Eisengebisse, die speziell geschmiedet, gehärtet und brüniert werden (durch Eintauchen in Öl wird das Metall braun gefärbt).

Kunststoff- und Gummigebisse

Gummigebisse helfen Pferden, die kein Metall im Maul mögen. Ihr Nachteil: Sie können spröde werden, bei wenig Speichelfluss reiben und wenn kein Metallkern eingearbeitet ist auch durchgebissen werden. Kunststoffgebisse sollen normalerweise Reibung verhindern und hilfreich sein, wenn die Pferde nur ungern an die Hand herantreten. Erhältlich sind sie in unterschiedlichen Flexibilitätsgraden, diversen Formen, mit und ohne Apfelgeschmack.

Wichtig: Ob Gummi oder Kunststoff, in jedem Fall sollte ein Metallkern darin stecken, damit die Gebisse nicht zerkaut werden können. Bei Pferden die kein Metall mögen, kann man die Gebisse alternativ zum Kunststoff- oder Gummigebiss auch mit Latex umwickeln, was auch die Kautätigkeit anregen soll.

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Für Pferde die kein Metall im Maul mögen, gibt es Kunststoff- und Gummigebisse. (© www.toffi-images.de)

Ledergebisse

Auch Gebisse aus Leder sind für solche Pferde geeignet und passen sich dem Pferdemaul gut an. Ihr Problem: Sie sind nicht sehr haltbar und besonders pflegeintensiv. Müssen vor dem Reiten geölt und nach dem Reiten sehr sorgfältig gereinigt werden. Diese Gebisse sind zum größten Teil nicht LPO-konform, da das Leder zerkaut werden kann. Zu diesen reinen Voll-Ledergebissen gibt es auch Metallgebisse die mit Leder ummantelt werden.

Der Zaum ohne Gebiss

Hackamore, Glücksrad, Sidepull – viele Reiter greifen zur gebisslosen Zäumung, um das Pferdemaul zu schonen. Betrachtet man nur diesen einen Aspekt, nämlich dass dadurch kein Druck auf Zunge und Laden ausgeübt wird, stellt sich die Frage, warum – wenn die Einwirkung doch pferdefreundlich ist – gebisslose Zäume erst ab der Klasse M auf Turnieren zugelassen sind.

Dr. Witzmann sagt: „Bei der Zäumung mit Gebiss wird der Druck auf mehrere Stellen verteilt. Während er beim gebisslosen Zaum auf Nase, Genick und Unterkiefer wirkt, hat das Pferd bei der Einwirkung mit Gebiss zusätzlich die Zunge und den beweglichen Unterkiefer. An letzteren Stellen besteht für das Pferd die Möglichkeit, den von der Reiterhand ausgehenden Druck abzupuffern.“ Diese Puffermechanismen fehlen bei der gebisslosen Zäumung.

Probleme der gebisslosen Zäumung

Oft sehe man bei Pferden, die gebisslos geritten werden, Schwellungen oder Dellen auf dem Nasenrücken oder auch an den Unterkieferrändern, so Witzmann. Der Druck der Reiterhand wirkt dort direkt auf den Knochen. Laut den Richtlinien der FN haben Pferde ungern einen dauerhaften Druck auf dem Nasenrücken, wodurch eine gleichbleibende Zügelverbindung nur schwer erreicht werden kann.„Das Ausbildungsziel einer konstanten federnden Anlehnung ist mit einer gebisslosen Zäumung nicht so zu erreichen, wie es mit Gebiss möglich ist“, ist sich Dr. Peter Witzmann sicher.

 

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© Info zur Verwendung von Texten der Autoren Kerstin Wackermann, Sabine Brückner, Jan Tönjes und Anja Nehls