Diagnose Shivering: Die Zitterkrankheit beim Pferd

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Das Rückwärtsrichten sollte wie hier immer mit Geduld und Gefühl erfolgen – auch Shivering-Pferde können diese für sie meist sehr schwierige Lektion lernen. (© www.toffi-images.de)

Shivering ist der medizinische Ausdruck für die Zitterkrankheit. Doch worauf muss ich achten, wenn ich ein Pferd mit der Krankheit im Stall stehen habe? Ärzter, Reiter und Juristen erklären worauf es ankommt.

Traversalen, Passagen, Piaffen – alles kein Problem für Tylov. Den Huf drei Minuten lang hochhalten, wenn der Hufschmied das Horn kürzen möchte – eine Tortur für den großen Wallach, bei der er am ganzen Leib zittert. „Mit zweieinhalb Jahren wurde bei Tylov Shivering diagnostiziert“, erinnert sich Pferdewirtschaftsmeisterin Katrin Meyer, die den Fuchs bis Grand Prix ausgebildet hat.

Shivering-Syndrom: Das unerklärliche Zittern

„Beim Hufe geben zeigte er die klassischen Symptome, also das Zittern am ganzen Leib. Beim Reiten aber war das alles kein Problem.“ Von Tylov spricht sie in der Vergangenheit, da der Fuchs mittlerweile verkauft ist und nicht mehr in ihrem Stall steht. Ein Shivering-Pferd hat sie trotzdem auch weiterhin unter dem Sattel: nämlich den siebenjährigen Elco, der aktuell in Dressurpferde-Prüfungen der Klasse A unterwegs ist.

Auch bei ihm wurde die Krankheit schon früh festgestellt – was typisch ist. Beim Gros der betroffenen Pferde bricht die Erkrankung bereits im Alter zwischen vier und sieben Jahren aus. Pferde mit einer eher großen Widerristhöhe von durchschnittlich 1,73 Meter sowie Wallache und Hengste sind häufiger betroffen.

Shivering beim Pferd erkennen

„Shivering“ lässt sich aus dem Englischen übersetzen mit schlottern oder zittern. Letzteres ist bei erkrankten Pferden oft zu beobachten. Bei dieser vermutlich schmerzfreien Erkrankung, landläufig auch „Zitterkrankheit“ genannt, handelt es sich um unwillkürliche Muskelbewegungen, die vor allem an den Hintergliedmaßen und am Schweif auftreten.

Selten sind die Vorderbeine betroffen. In einigen Fällen können parallel Zuckungen im Gesicht und im Bereich der Lippen beobachtet werden. Die Symptome reichen dabei von leichter Schwäche der Hinterhand, Leistungsschwäche, Muskelschwund über Muskelzittern bis hin zum krampfartigen Anheben der Beine. Daher besteht die Gefahr der Verwechslung mit dem „Hahnentritt“.

Häufig treten beim Pferd die Shivering-Symptome in Verbindung mit einer hohen Schweifhaltung auf – diese zeigt sich vor allem bei Rückwärtsbewegungen des Pferdes wie beim Rückwärtsrichten oder Ausladen aus dem Hänger auf. Es ist zudem beim Auskratzen der Hufe und Beschlagen zu erkennen – also wenn die Pferde längere Zeit auf drei Beinen stehen müssen.

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Vorwärts in den Anhänger – hier kein Problem. Für manche Pferde aber eine Stress-Stituation in der das Shivering auftreten kann. (© www.slawik.com)

Shivering-Symptome können situationsbedingt sein

Außerdem tritt das Shivering-Phänomen oftmals in Stress-Situation auf – wobei dies psychischer und körperlicher Stress wie z. B. ein Transport und eine Impfung sein kann. So auch bei Tylov. „Es bereitete ihm große Schwierigkeiten, in einem Pferdeanhänger zu fahren. Deswegen haben wir ihn immer in einem LKW zum Turnier transportiert“, erzählt Katrin Meyer. „Das ist aber von Pferd zu Pferd unterschiedlich.

Eine Kollegin hat ebenfalls ein Shivering-Pferd, das sich nicht im Anhänger fahren lässt, aber Elco hat überhaupt keine Probleme damit.“ Unter dem Sattel sieht man Tylov sein Handicap nicht an. Sogar das Rückwärtsrichten klappt mühelos. „Man muss es nur Üben und viel Geduld dabei haben“, rät Katrin Meyer. „Shivering-Pferde müssen gut gymnastiziert werden und reell gearbeitet werden: über den Rücken und geradegerichtet. Das ist sehr wichtig“, betont die Pferdewirtschaftsmeisterin.

Wie sieht beim Shivering-Pferd die Behandlung aus?

Die Ursache von Shivering konnte bis heute nicht sicher identifiziert werden, eine Behandlung, gar Heilung ist nicht möglich: Diskutiert werden Probleme der Muskulatur, des zentralen Nervensystems, Traumata und auch genetische Veranlagungen.

Laut einer inzwischen vorliegenden wissenschaftlichen Studie kann der Abbau von Nervenzellen im Kleinhirn der Auslöser sein. Auf Grund der unklaren Ursache ist derzeit auch keine erfolgreiche Therapie gegen die Erkrankung bekannt.

Shivering beim Pferd – Kann in der Fütterung unterstützt werden?

Behandlungsversuche mit z.B. Vitamin-E/Selen, Magnesium, entzündungshemmenden Medikamenten, Akupunktur oder Osteopathie führen veterinärmedizinisch nicht zu einer nachweislichen Linderung der Symptome. Lediglich das Sedieren, z.B. während eines Schmied-Besuchs, kann die Krampfanfälle zuverlässig ausschalten – die Medikamente sind allerdings je nach Wirkstoff mit einer Karenzzeit von mehreren Tagen verbunden. Diese „Doping-Nähe“ kann eine regelmäßige Nutzung des betroffenen Tieres als Turnierpferd erschweren. Wie Tylov und Elco zeigen, gibt es allerdings auch zahlreiche Pferde, die trotz Shivering im Turniersport erfolgreich sind.

Ein Shivering-Pferd kaufen? Aufklärungspflicht des Verkäufers

Im Rahmen einer Ankaufsuntersuchung sollte der Tierarzt neben den gesamten Beckengliedmaßen des Pferdes gerade beim Rückwärtsrichten ein besonderes Augenmerk auf die Bewegungsabläufe richten.

Aufgrund der möglichen, erheblichen Beeinträchtigungen in der Brauchbarkeit des betroffenen Pferdes ist auch juristisch Vorsicht geboten: Beispielsweise hat das OLG Hamm in seinem Urteil vom 26.08.2008 – 19 U 85/07 – selbst bei geringgradigen Shivering-Symptomen festgestellt, dass Auswirkungen auf die Veräußerbarkeit und den Marktwert eines solchen jungen Pferdes vorliegen. Letztlich folgert das Gericht, dass den Verkäufer eine Aufklärungspflicht trifft, selbst wenn ihm lediglich entsprechende Verdachtsmomente für Shivering vorliegen. Im Ergebnis konnte sich der Käufer wegen arglistiger Täuschung von dem Vertrag lösen.

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Besonderes Augenmerk gilt der Gymnastizierung des Rückens. (© www.slawik.com)

Ein Shivering-Pferd reiten? Muskeln trainieren und weitere Tipps

Shivering gibt es in unterschiedlichsten Ausprägungen und Schweregraden, die Krankheit nimmt stets einen fortschreitenden Verlauf. Die Erfahrung von Katrin Meyer zeigt jedoch, dass Shivering-Pferde durch ein gutes Training besser mit ihrer Krankheit zurechtkommen. „Spezielle Übungen gibt es dabei nicht. Wichtig ist, dass die Pferde reell über den Rücken gearbeitet und geradegerichtet werden“, erklärt die Pferdewirtschaftsmeisterin.

Durch zunehmenden Muskelaufbau haben die Pferde ihren Körper offenbar besser im Griff und es scheint ihnen leichter zu fallen, mit den Symptomen umzugehen. Viel Rumstehen und wenig Bewegung sind eher negativ und lassen das Shivering noch deutlicher zum Vorschein kommen.

Besuche beim Hufschmied können erfahrungsgemäß weniger stressvoll sein, wenn das Pferd vorher geritten wurde. Selbst regelmäßiger Weidegang schafft im Einzelfall Verbesserung. Mithin sollte das Shivering-Pferd nicht als „krank“ behandelt werden. Es ist zu beachten, dass diese Pferde in Stresssituationen wie dem Hufschmied viel Zeit und Geduld brauchen! Katrin Meyer hat zudem beobachtet, dass sich die Symptome lindern lassen können, wenn Pferde Vitamin B erhalten.

Autoren dieses St.GEORG-Artikels sind Katrin Meyer, Dr. Kirsten Schliecker und Christian Weiß.

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