Selenmangel beim Pferd: Ein vielschichtiges Problem

selenmangel

Ein Selenmangel sollte gezielt ausgeglichen werden ohne zu hoch zu dosieren. (© nakornchaiyajina - Fotolia)

Um einen Selenmangel auszugleichen, muss richtig dosiert ergänzt werden, denn bei dem Spurenelement Selen haben Mangel und Überversorgung gravierende Folgen. Die Dosis macht das Gift!

Das Spurenelement Selen ist grundsätzlich für den Körper lebenswichtig. Es schützt die Zellmembranen des Körpers vor schädlichen Einflüssen. Außerdem hilft Selen dem Pferd bei der Bildung von Antikörpern und Botenstoffen und hat Auswirkungen auf viele Stoffwechselprozesse wie die Fruchtbarkeit, die Leberentgiftung, die Schilddrüsenfunktion und das Haar- bzw. Fellwachstum. Da das Selen beim Pferd an vielen wichtigen Prozessen im Pferdekörper beteiligt ist, sollte man einen Selenmangel vermeiden.

Selenmangel: Symptome und Anzeichen

Ein Selenmangel bei erwachsenen Pferden ist äußerlich meistens recht schwierig zu erkennen. Bei den Pferden, bei denen nur ein geringgradiger Mangel des Spurenelementes Selen vorliegt, kommt es des öfteren zu einer gehemmten Infektionsabwehr oder zu einer verstärkten Allergieneigung. Oft wird im Zusammenhang eines Mangels von Selen ein Einbruch in der Leistungsfähigkeit bemerkt und bei manchen Pferden auch Durchfall ohne sonstigen erkennbaren Grund. Manchmal haben Reiter auch das Gefühl, dass ihr Pferd Muskelschmerzen hat.

In Kombination mit einem Mangel an Zink wirkt sich ein Selenmangel besonders auf die Haut und Haarzellen aus. Bei einer plötzlichen Neigung zum Sommerekzem, Haarbruch oder Haarausfall, sollte auch abgeklärt werden, ob vielleicht ein Zinkmangel oder Mangel eines anderen wichtigen Spurenelements wie Mangan, Kupfer, Eisen oder Jod zeitgleich vorliegt.

Letztlich gibt aber ein Blutbild Aufschluss über den Selenwert, andere fehlende Spurenelemente im Organismus des Pferdes und eine eventuelle Unter- oder Überversorgung.

Weißmuskelkrankheit und Nutritive Muskeldystrophie (NMD)

Ein Selenmangel beim neugeborenen Fohlen ist meist auf eine von zwei Ursachen zurückzuführen. Entweder ist die tragende Stute bereits selenunterversorgt gewesen oder sie hatte eine Störung in der Versorgung des Fohlens während der Trächtigkeit.

Oft weisen diese Fohlen innerhalb der ersten Lebenstage deutliche Mangelerscheinungen auf. Da besonders die Muskulatur von einem Selen- und Vitamin E Mangel betroffen ist, zeigen sich hier in Folge der Schädigungen von Muskelfasern klare Symptome.

So beobachtet man  beim Fohlen häufig als Folge des Selenmangels, der auch oft mit einem Vitamin E-Mangel einhergehen kann, degenerative Herzmuskel- und Skelettveränderungen.  Diese Weismuskelkrankheit (White Muscle Disease) oder auch Nutritive Muskeldystrophie (NMD) genannt, ist ebenfalls bei Lämmern und Kälbern zu beobachten und kann unterschiedliche Muskelgruppen betreffen.

Sie äußert sich meistens zunächst durch häufiges Einknicken und in einem steifem Gang, der bis zur Lahmheit gehen kann. Hinzu kommen oft Probleme in der Halsmuskulatur, die Saugschwierigkeiten verursachen. Die Schwierigkeiten der Fohlen beim Saugen resultieren aus dem Schmerz, der ihnen durch die Drehung des Kopfes entsteht. Der Urin kann bräunlich verfärbt sein.

Insgesamt leiden selenunterversorgte Fohlen an geringer Vitalität und verenden schlimmstenfalls in Folge dieser allgemeinen Schwäche. Um abzuklären, ob diese Schwäche auf einen Selen und/oder Vitamin E-Mangel zurückzuführen ist, wird oft der Kreatinkinase-Wert (CK-Wert) im Butplasma bestimmt. Wenn die Muskelzellen sich im akuten Schub der Degeneration befinden, steigt dieser stark an (von 50-100U/l bis auf über 1500U/l). In aufwendigeren Verfahren ist es auch möglich, die tatsächliche Selenkonzentration zu bestimmen.

Wenn abgeklärt ist, ob und in welchem Ausmaß ein Selenmangel / Vitamin E-Mangel besteht, kann man den Mangel und die Symptome in vielen Fällen tierärztlich behandeln.

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So sollte ein Fohlen aussehen: wach, neugierig und fit ohne körperliche Einschränkungen. (© www.toffi-images.de)

Wirkung von Selen

Das Spurenelement Selen schützt in der Hauptfunktion die Zellmembranen des Pferdekörpers vor schädlichen freien Radikalen (aggressiven Sauerstoffverbindungen) und ist weiterhin an vielen verschieden Stoffwechselprozessen und der Enzymbildung beteiligt. Diese schädlichen Verbindungen werden auch Peroxide genannt. Damit wirkt Selen ähnlich wie das Vitamin E und steht mit diesem in enger Wechselwirkung. Als Antioxidans kann das Vitamin E die Bildung von Peroxiden hemmen. Das selenhaltige Enzym Glutathion-Peroxidase, das mit Hilfe des Selens entsteht, inaktiviert diese Verbindungen lediglich, kann aber nicht deren Bildung einschränken. Selen wird für den funktionierenden Zellstoffwechsel und die Stabilität der Zellmembranen unbedingt benötigt.

Wirkung der Verbindung von Selen und Jod auf die Schilddrüse

Selen interagiert in seiner Funktion im Stoffwechsel mit vielen Mikronährstoffen. Es wirkt auf fast jeden Vitalstoff ein, der mit für die oxidative Balance der Zelle verantwortlich ist. Als wichtiger Bestandteil der verschiedenen Enzyme, hat Selen auch Auswirkungen auf die Schilddrüsenfunktion beim Pferd.
Selen verbindet sich beispielsweise mit Jod zu selenhaltigen Enzymen, den Jodthyronin-Dejodinasen. Diese sind für die Synthese des Schilddrüsenhormons wichtig und werden für die Umwandlung des Thyroxins (T4) zum biologisch aktiven Schilddrüsenhormon Trijodhyroxin (T3) benötigt. Die Dejodinasen sind dafür verantwortlich verschiedene Schilddrüsenhormone zu aktivieren und zu deaktivieren. Ein Selenmangel kann somit beispielsweise auch Symptome eines Jodmangels verschlimmern.

Schilddrüsenüberfunktion und Schilddrüsenunterfunktion beim Pferd

Die Schilddrüse kann einer Funktionsstörung unterliegen (Hypothyreose), wodurch die Synthese der Schilddrüsenhormone eingeschränkt wird. Eine Schilddrüsenunterfunktion beim Pferd zeigt sich oft in Symptomen wie Lethargie, Vermeidung körperlicher Anstrengung, schlechtem Haar und Fell, Ekzemen und Fruchtbarkeitsproblemen. Dabei werden oft niedrige Konzentrationen von T4 und/oder T3 als Nachweis einer gestörten Schilddrüsenfunktion angeführt. Allerdings sollte man hier beachten, dass auch andere Erkrankungen und Medikamente diese Blutkonzentration beeinflussen können, obwohl die Schilddrüse an sich funktioniert.

Genauso kann eine Funktionsstörung aber auch eine Überfunktion der Schilddrüse (Hypertyreose) hervorrufen. Allerdings ist sie recht selten und tritt meist bei älteren Pferden auf. Die Ursache hierfür sind häufig gutartige Zubildungen (Adenome) oder bösartige Tumore (Adenokarzinome) an der Schilddrüse. Meistens beobachtet man beim Pferd Symptome wie Gewichtsverlust, Hyperaktivität, Hyperthermie, Herzrasen (Tachykardie), Verhaltensstörungen, Polyphagie (krankhaft gesteigerte Nahrungsaufnahme) und Haarausfall.  Als Nachweis wird hier oft ein erhöhter Plasmaspiegel von T3, T4 und/oder FT4 belegt.

Eine auf das Pferd abgestimmte, bedarfsgerechte Selen-Gabe kann im Zusammenspiel mit Jod (Aufnahme z.B. über einen Salzleckstein) zu einer normalen Schilddrüsenfunktion beitragen.

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Wenn die Haut juckt kann auch ein Selenmangel Schuld sein. (© www.slawik.com)

Selenbedarf des Pferdes

Ein ausgewachsenes Pferd benötigt 0,1 bis 0,12 Milligramm pro Kilogramm Futter in Trockensubstanz. Zur Vorbeugung eines Selenmangels können täglich selenhaltige Mineralfutter gegeben werden (bis maximal 1,5 Milligramm Selen pro 100 Gramm Futter). Tägliche Dosierungen ab 2 Milligramm je Kilogramm Trockensubstanz wirken giftig! Das Grünland, dass man als Weide und zur Heugewinnung nutzt, kann man mittels Düngung anreichern. Dazu verwendet man etwa 10 bis 20 Gramm Selen pro Hektar (als Natriumselenat).

In besonderen Situationen entsteht ein erhöhter Bedarf. So variieren die Selengehalte in Futtermitteln in Abhängigkeit vom Boden erheblich und müssen je nach Region gezielt dosiert über ein entsprechendes Mineralfutter zugefüttert werden.

Hinzu kommt, dass ein erhöhter Bedarf besteht, wenn die Futtermittel stark mit Schwermetallen belastet sind, wie Cadmium, Blei, Zinn oder Quecksilber, weil Selen hier als natürlicher Gegenspieler (Antagonist) zu Schwermetallen agiert. Durch die wichtige Rolle bei der Enzymbildung hilft Selen dem Körper zusätzlich bei der Entgiftung. Durch eine erhöhte Zufuhr an Eiweiß- und Sulfatmengen und die dadurch entstehende Wechselwirkung, erhöht sich ebenfalls der Selenbedarf.

Bei Muskelproblemen, die aufgrund eines Selenmangels entstehen, kann eine Ergänzung des Futters mit einer gezielten Gabe von Selen in Kombination mit Vitamin E Verbesserungen erzielen.

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Exkurs Bodenqualität und Mangelboden

In Deutschland können die Böden eher als selenarm bezeichnet werden und es spiegelt sich anhand von Bodenproben auch ein scheinbar natürliches Nord-Süd-Gefälle wieder. Beispielsweise enthielten (laut Heinzow und Oster) Bodenproben aus Schleswig Holstein etwa gut zweieinhalb Mal mehr Selen als Bodenproben aus Bayern. In sauren Untergründen wie Sand-, Moor-, Granitverwitterungs- und Schwemmlandböden findet sich zudem grundsätzlich recht wenig Selen.

Für die Versorgung des Pferdes mit Selen sind also regional abhängige Faktoren des Selengehalts im Boden und der Futtermittel von Bedeutung. Dazu zählen beispielsweise zuerst der jeweilige Standort, die dortige Düngung oder auch das Vegetationsstadium. Es gibt für die Nährstoffverteilung im Boden sogenannte Zeigerpflanzen (auch Indikatorpflanzen genannt), die nur eine geringe Toleranz für Veränderungen ihrer Lebensbedingungen haben. Dadurch können sie einen ersten Hinweis auf den Nährstoffgehalt des Bodens geben.

Für sauren und damit selenarmen Boden sind das beispielsweise Heidelbeere, kleiner Sauerampfer oder auch Besenheide. Allerdings können solche Zeigerpflanzen keine genaue Bodenanalyse zur individuellen Bestimmung ersetzen.

Vorsicht Selenvergiftung

Vorsicht! Trotz dessen, dass das Spurenelement Selen lebenswichtige Aufgaben im Organismus erfüllt, ist die Toleranz des Pferdeorganismus gering! Das heißt, dass es bereits bei der Fütterung von 2 Milligramm Selen pro Kilogramm Futter in Trockensubstanz zu chronischen Selenvergiftungen kommen kann.

Diese zeigen sich beispielsweise durch ringförmige Einschnürungen an den Hufen oder Hufrehe mit gefürchtetem Ausschuhen. Häufig verlieren die Pferde ihr Mähnen- und Schweifhaar und leiden unter unspezifischen Lahmheiten. Das liegt daran, dass bei einer Selenvergiftung zu viel Selen bei der Keratinbildung den Schwefel verdrängt. Der Schwefel ist aber für die Keratinbildung wichtig, da es benötigt wird, um die Stabilität von Horn und Fell zu gewährleisten. Durch die Verdrängung des Schwefels kann nicht mehr ausreichend Keratin gebildet werden.

Aber es kann im Extremfall auch noch schlimmer kommen: Bei Pferden, die 12 Milligramm Selen pro Kilogramm Futter aufgenommen hatten, konnte man akute Vergiftungserscheinungen beobachten. Diese äußerten sich in stark vermehrtem Schwitzen und Koliken. Schließlich kam es durch solch extreme Überdosen auch schon zu Todesfällen.

Wenn bereits das normale Pferdefutter Selen und Mineralien enthält, sollte man besonders auf ein passendes Mineralfutter achten, um nicht ungewollt eine dauerhafte, schleichende Vergiftung zu provozieren.

 

© Info Texte St.GEORG

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