Deutsche Dressurdamen: Auch selber traben geht gut

Horse Inspection – Olympic Games Tokyo 2020

Dorothee Schneider und Showtime, Olympische Spiele in Tokio 2021. (© hippofoto.be)

Morgen wird es ernst im Dressurviereck in Tokio, die letzte Hürde wurde heute mit dem Vetcheck genommen. Ab jetzt heißt es: Start frei für Werth und Co.

Heute morgen also der Vetcheck im olympischen Reitstadion, vor Richtern, und zwei Handvoll von Zuschauern auf der Tribüne: Journalisten sowie Funktionären der FEI und den nationalen Verbänden. Die dick mit Sand bestreute Piste wird alle halbe Stunde gewässert vom deutschen Bodenspezialisten Oliver Hoberg und seinem Team. Der Chef hält höchstpersönlich den Schlauch, damit‘s auch richtig wird und nicht etwa an einer Stelle zu matschig. So eine Piste vergibt ja so einiges, auf hartem Asphalt hingegen können auch ungeübte Ohren jeden kleinen Taktfehler schon von weitem hören.

Das Vortraben klingt ja so einfach: Das Pferd hinstellen, sodass Richter und Tierarzt einmal drumherum laufen können, von der Jury weg im Schritt anführen, antraben, am Ende der Piste umkehren und zurück. Sollte machbar sein.

Für das deutsche Damenteam war das natürlich kein Problem, für andere schon. „Wir haben das aber auch geübt“, sagte Bundestrainerin Monica Theodorescu, „das Vormustern müssen die Pferde lernen. Wenn ich antrabe, soll das Pferd auch antraben,  wenn ich Schritt gehe, pariert das Pferd auch durch. Dazu muss es aber Vertrauen zu dem Führenden haben.“ Und das hatten beileibe nicht alle.

Da haute der eine oder andere Vierbeiner beim Anblick der Fotografenherde am anderen Ende der Piste die Bremse rein. Keiner weit und breit, der mal ein bisschen nachtreiben könnte. Und dass man dem Pferd nicht geradewegs ins Auge blickt oder die Führzügel ordentlich stramm nimmt, weiß hierzulande jeder Jungzüchter. Auch dass man es nicht beim Wenden so kurz dreht, dass sich das Pferd fast die Fesseln abschraubt. Vor allem in Japan und Frankreich ist da noch gewaltig Luft nach oben.

Die ersten Olympiasieger sind die deutschen Dressurpferdezüchter. Unter den 70 vorgestellten Pferden dominierten deutsche Väter, auch wenn nicht alle ein deutsches Abstammungspapier besitzen. Viele Züchter setzen offenbar auf erfolgreiche Väter. „Wunderhengst“ Totilas lieferte fürs niederländische Team Total US und Go Legend. Zwei Pferde stammen vom 2012 Mannschafts-Olympiasieger Desperados unter Kristina Sprehe, und drei von Negro, dem Vater des Dreifach-Goldmedaillisten Valegro unter Charlotte Dujardin.

Von unverwechselbarem Schlag die Lusitanos der Portugiesen, abgedreht, mit eher derben Gesichtern, leider nicht die Frischesten im Trabe. Beduino Lam, der für Mexiko startende Lusitano, musste zweimal vortraben, der Reserve-Schimmel Sultao Menezes von Carlos Pinto kam in die Holding Box.

Stylish

Der Vet-Check ist ja immer auch ein Style-Check. Viele Mannschaften in funktionellen Shirt-Hosenkombinationen, darunter die deutsche. Das sieht einfach am besten aus, vor allem wenn sich die vortrabende Person so federnd und durchtrainiert bewegt wie Jessica von Bredow-Werndl.

Von schlichter Eleganz – helle Hose, helles Jackett – die Niederländer, diskret drunter das unvermeidliche Oranje-T-Shirt.

Mutig die belgischen Damen: Larissa Paulius in knallrot-gemustertem Jumpsuit, ihre Teamkollegin Laurence Roos im schmalen Mini aus demselben Stoff. Muss man tragen können, sah bei beiden toll aus.

Manchmal entstand der Eindruck, es müsse ein wildes Tier gebändigt werden: Die Vorführer mit festem Helm, in der Hand zur Sicherheit außer dem Führstrick auch noch eine Longe.

Und einmal obendrauf noch ein Kappzaum wie bei dem britischen Mannschaftspferd Everdale von Charlotte Fry. Er kam – mit Sondergenehmigung – ganz am Schluss, als alle anderen Pferde schon weg waren, vorgeführt von seinem niederländischen Besitzer, die Reiterin hielt sich in sicherer Entfernung. Dabei sah er erst ganz brav aus, erst beim Trab Richtung Heimat ließ der Rapphengst den Fury raus.

Ganz lieb hatten sich hingegen die beiden britischen Stallgenossen Gio und En Vogue. Sie begannen auf dem Vorbereitungsplatz ganz gemütlich mit gegenseitiger Fellpflege – redet hier einer von olympischem Stress?

Die Spannung steigt

Kein Stress, eher erwartungsvolle Anspannung war bei den deutschen Reiterinnen zu fühlen. Alle Pferde sind wohlauf, das hört man ja schon seit Tagen, trotz 24-stündiger Marathon-Anreise. Und das ist ja schließlich das Allerwichtigste.

Wie Mannschaftstierarzt Marc Koenen berichtet, wird die Temperatur der Pferde beim Training ständig überwacht. Sobald sie auf der Kruppe über 40 Grad steigt, muss das Training abgebrochen werden; ist bisher aber noch nicht vorgekommen.

Überhaupt die Hitze, sie ist da und fühlbar, aber nicht mehr das Riesenthema wie vor zwei Jahren, auch weil morgen erst um 17 Uhr das erste Pferd ins Viereck galoppiert.

Der Grand Prix entscheidet zwar noch nicht über die Mannschaftsmedaillen, ist aber alles andere als eine gemütliche Einlaufprüfung, sondern zählt schon als Qualifikation für die Einzelwertung, die Kür, am kommenden Mittwoch und entscheidet über die Startfolge der Mannschaften im Grand Prix Special, der Mannschaftsentscheidung am Dienstag.

Dem eher komplizierten Olympiareglement der FEI folgend, ist Jessica von Bredow-Werndl auf Dalera um 21.42 Uhr dran (deutsche Zeit 14.42 Uhr), Dorothee Schneider auf Showtime am Sonntag um 20.06 Uhr (deutsche Zeit 13.06 Uhr) und Isabell Werth und Bella Rose als letzte Starter um 21.52 Uhr, (deutsche Zeit 14.51 Uhr).

Sie kann dann anfangen, mal wieder Geschichte zu schreiben: Sollte sie wirklich mit zwei Goldmedaillen nach Hause kommen, ist sie nicht nur die erfolgreichste Reiterin aller Zeiten, sondern auch die deutsche Sportlerin mit den meisten Olympiamedaillen.

Sie wäre nicht Isabell, wenn sie, darauf angesprochen, nicht abwiegeln würde: „Mich interessiert nicht die Statistik, sondern dass wir hier ein gutes Ergebnis erzielen.“ Aber schön wärs’s doch, oder?



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