„Ja, wir loten Grenzen aus!“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Wer hat die Meinungshoheit über den Pferdesport? So genannte Tierschutzorganisationen wie PETA oder die Pferdeleute selbst, die im Zweifelsfall über die entsprechende Expertise verfügen? Eine Frage, die gerade in den letzten Wochen – Ludger Beerbaum, Thomas Müller, Mark Todd – hochkochte. Sie war am Rande des Geschehens auch in Neumünster ein Thema. Zu dem auch die siebenfache Olympiasiegerin Isabell Werth eine klare Meinung hat, wie St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer erfahren konnte.

Ich war am vergangenen Sonntag zum Dressurweltcup in Neumünster, endlich mal wieder zum Turnier, wenn auch in ganz abgespeckter Form. Also kein Springen, nur Dressur, kaum Zuschauer. Nur 450 wurden in letzter Minute hereingelassen. Mehr als im vergangenen Sommer in Tokio, wo ja immer noch eine Menge Leute herumliefen, habe ich die Zuschauer in der Holstenhalle vermisst, normalerweise kennt man dort jeden Zweiten. Der Besuch hat sich gelohnt: Was waren das für schöne Pferde auf dem Viereck, das fällt einem umso mehr auf, wenn man sie länger nicht gesehen hat: die stark reitenden Däninnen, die auf die WM im eigenen Land im August in Herning hinarbeiten, aber vor allem das Olympiasiegerpaar Jessica von Bredow-Werndl und Dalera. Die Stute, im Zenit ihrer Laufbahn, strahlt inzwischen die Ruhe und Souveränität des großen Stars aus. Pferd und Reiterin wissen, was sie können, wo sie stehen und das sieht man ihnen an.

Nicht das beste Turnier hatten Isabell Werth und Quantaz, der Braune hatte viel zu gucken in der Halle, in der die Tribünen so dicht am Viereck sind, dass man nicht drumherum reiten kann. Beim Weltcupfinale in Leipzig im April ist mehr Platz, dann sollte er sich besser konzentrieren. Als Titelverteidigerin ist sie automatisch qualifiziert. Dann soll, so der Plan, auch Weihegold feierlich in den sportlichen Ruhestand geschickt werden, verdient hat es die 17-Jährige, die so viel geleistet hat in ihrem Leben.

Seitdem Isabell Werth vor einem knappen Jahr den Vorsitz im Internationalen Dressurreiter Club (IDRC) übernommen hat, mit dem deutschen Ausschussvorsitzenden Klaus Roeser als Geschäftsführer an ihrer Seite, haben sich schon in dieser kurzen Zeit die Dressurreiter als eine Stimme positioniert, die nicht überhört werden kann, nicht nur, wenn es um dressurspezifische Belange geht wie die Rettung des Zylinders oder die Wiedereinführung der Schlussnoten, die Aspekte eines Rittes berücksichtigen, die bei Einzelnoten allzu leicht untergehen.

Auch die Petition gegen die ständigen Anwürfe der so genannten Tierschutzorganisation PETA wurde von Dressurreitern angestoßen. Wir alle, die wir Pferde lieben und Zeit mit ihnen verbringen, sei es als Sport- oder Freizeitreiter, als Züchter oder einfach als Fans, reiben uns doch in diesen Tagen die Augen, wenn mal wieder so genannte Tierschützer uns sagen wollen, wie wir mit Pferden umzugehen haben, seien es die völlig lächerliche PETA-Attacken gegen Fußballstar Thomas Müller oder der Shitstorm gegen Mark Todd, mit dem eine außergewöhnliche Lebensleistung mir nichts dir nichts zertrampelt wird. In beiden Fällen hat St.GEORG-Chefredakteur Jan Tönjes ja bereits deutlich Stellung bezogen.

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Die Reiterszene beginnt sich zu wehren. „Es ist richtig, den Finger in die Wunde zu legen, wenn Dinge nicht in Ordnung sind“, sagt Klaus Roeser. „Uns fehlt im Moment die Deutungshoheit über unseren Sport. Denn es stellt sich die Frage: Wer hat die Erfahrung, beurteilen zu können, was in Ordnung ist und was nicht?“ Das Pferd sei zwar kein Sportgerät, sondern ein Partner. „Aber auch in Partnerschaften gibt es Unstimmigkeiten und Auseinandersetzungen,“ sagt Roeser.

Den meisten Pferden heute geht es gut, besser oft als in früheren Jahren. Wenn es ihnen nicht gut geht, dann sehr oft aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit, weil der Schmied überfällig und der Paddock vermatscht ist oder der Sattel drückt. Darüber berichtet PETA selten, die Organisation hängt sich an großen Namen auf, weil die Schlagzeilen bringen. Ziemlich billig. „Das Tier generell und auch das Pferd werden zunehmend vermenschlicht“, sagt Roeser. Was die so genannten Tierschützer nicht verstehen (wollen): Pferde sind keine Demokraten, in einer Pferdeherde wird nicht abgestimmt, sondern es herrscht eine klare Hierarchie. Bis jeder seinen Platz gefunden hat, geht es oft rau zu, mit Beißen, Schlagen und Wegjagen. Erst wenn jedes Pferd weiß, wo es steht, herrscht Ruhe. Das sind die natürlichen Verhaltensweisen des Pferdes, die auch für den Umgang zwischen Mensch und Tier gelten. Der Mensch muss der Chef sein, wohlwollend und vor allem kundig. Dazu müssen wir stehen, wenn wir Pferde halten und reiten.

Hier sieht auch Isabell Werth das Problem. Sie wirft der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) vor, dass sie sich scheut, klar Stellung zu beziehen, aus Angst anzuecken. „Fakt ist, dass die Öffentlichkeitsarbeit unzulänglich ist. Warum schaffen wir es nicht darzustellen, dass wir Sport betreiben. Wir fordern Leistung, ja, wir loten Grenzen aus. Wenn wir von einem Pferd Leistung fordern, dann muss auch erlaubt sein, dass wir agieren und reagieren. Dazu gehört eine Kandare, ein Sattel, Sporen und Peitsche. Jedes Pferd ist anders. Das eine braucht vielleicht nicht so viel Einwirkung, weil es heiß und motiviert ist, das andere muss mehr Unterstützung haben. Das muss man transparent erklären dürfen, ohne dass man in die Schublade der Tierquälerei kommt. Und das ist völlig verpasst worden. Bloß nichts sagen, man könnte je in ein Wespennest stechen. Das ist meines Erachtens die völlig falsche Taktik.“ Werth fordert nichts anderes als Zivilcourage, den Mut, zu seinen Überzeugungen zu stehen. Auch wenn es Gegenwind gibt. Es gibt nur ein Problem: Wer Gegenwind aushalten will, braucht Standfestigkeit.


  1. Nelly

    Dem Vergleich stimme ich nicht ganz zu: Pferde würden miteinander ja auch ruppig umgehen. Das sind natürliche Verhaltensweisen, beim Sport wird das Pferd ja quasi unfreiwillig dem Menschen unterworfen. Es muss Leistung bringen, es kann nicht sagen: nein, ich möchte das nicht machen. Wo hier die Grenzen sind, ab wann es Tierquälerei ist, können das wirklich nur die Spitzensportler bestimmen wie Isabell Werth? Oder müssen da nicht andere Experten mitentscheiden können (ich meine nicht Peta). Es ist schwierig zu vermitteln, man braucht Druck und Gewalt, um ans Ziel zu kommen. Das Bild vom Pferdesport wird so nicht besser, die Leidtragenden sind am Ende immer die Pferde.

    • Heidi

      Dem Leserbrief stimme ich zu. Man prügelt ja Kinder auch nicht mehr zur Schule, und auch nicht in der Schule. Der Spruch eine Tracht Prügel schadet nicht gilt weder für Menschen noch für Tiere. Zu Zwang kommt es ja oft, wenn durchschnittlich begabte Pferde auf ein Level gehievt werden sollen, wo sie durch natürliches Talent nicht hinkommen. Dann kommen Gerte, Sproren und Barren zum Einsatz. Oder auch wenig begabte Reiter sich im grossen Sport versuchen. Es läuft viel falsch im Moment im Pferdesport, ohne Reflektion in der Pferdeszene wird Peta ein leichtes Spiel haben.

      • Claudia R.

        Ich muss Heidi und Nelly Recht geben: Pferde unter sich können Rangfolge, Individualdistanz usw. i.d.R. anders ausmachen als die Kombi Reiter/Pferd, aber das nur am Rande. Ich kenne keinen Artikel, in dem sich der von mir übrigens sehr geschätzte Chefredakteur Jan Tönjes VOR Marc Todd stellt. Er hat am 14.2. und am 16.2. berichtet (und nicht kommentiert), teils mit drastischen Schlagwörtern. Etwas anderes habe ich nicht gelesen, abgesehen von dem berechtigten Beitrag zur absurden Peta-Schelte gg. Müller.

  2. Helmold Baron von Plessen

    Endlich wird einmal ¨Tacheles¨geschrieben ! Ja, um gemeisam mit einem Tier sportliche Leistungen zu vollbringen, bedarf es Respekt vor der Kreatur, Einfuehlungsvermoegen, Erfahrung, aber auch Konsequenz, sich gemeinsam, auf dem richtigen Wege weiter zu entwickeln. Jeder Athlet/tin, egal welche Sportart er/sie betreiben, weiss, dass dies nicht nur mit Streicheleinheiten zu erreichen ist. Seit es dem Menschen gelang, Pferd und Hund, weil sie sich von allen Tierarten als die dafuer Geeignesten erwiesen, zu seinem Partner in verschiedensten Bereichen zu formen, wird es, wie in jeder Partnerschaft ueblich, auch zu Auseinandersetzungen kommen.

    Dass sich daher ueber einen hochverdienten, echten Pferdemann, weil er eine Reiterin, die ihn explicit darum gebeten hatte, unterstuetzt, die Blockade ihres Schimmels, an einer bestimmten Stelle, nicht etwa ueber einen dicken Baumstamm, sondern ueber eine praktisch im Uferboden eingelassene Bole, in einen Teich zu springen, ein solcher Shitstorm ergiesst, ist vollkommen unangemessen und schwer zu ertragen. Warum ? Weil die Unterstuetzung im wesentlichen durch Zuruf und „touchieren“ der Kruppe des blokierenden Pferdes, mittels eines biegsamen Zweiges, an dessen Spitze ein grosses Blatt wedelte, durchgefuehrt wurde. Die Anregung, in solchen Faellen ein Fuehrpferd zu bemuehen, ist richtig, aber was geschieht, wenn ein solches nicht zur Vefuegung steht ? In dubio muss man dann zwei Kruppen touchieren.

    Die aelteren Leser der Blogs von Frau Pochhammer, die noch mit erleben durften, wie Fritz Thiedemann, seine exakt kalkulierten Pacours, erfolgreich ueberwand, werden sich daran erinnern, dass er seinen „Dicken“ sehr wohl gelegentlich mit einigen bltizschnellen Shlaegen mit der Gerte, nicht mit einem abgebrochenen Zweiglein, auf seine Seite brachte. Wie der Fritz wohl mit Peta umgesprungen waere.

    Recht ungluecklich fand ich die vom St.Georg gewahlte Ueberschrift der ersten Stellungnahme zur Causa Mark Todd. – PRUEGELVIDEO -. Sie hat die Diskussion eher im negativen Sinne angeheizt, als sie zu versachlichen. Stellung beziehen aus berufener Feder tut not. Hoffe, dass Isabell Werth und Klaus Roeser nicht die Einzigen bleiben. Dem oeffentlichen Druck muss man sich nicht beugen, sondern man muss sich ihm stellen. Klare Kante zeigen, auch wenn man damit aneckt. FEI und FN sei dies auch ins Brevier geschrieben.


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