Olympische Erinnerungen: Sydney 2000 – ein beschwingtes Sportfest

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Sydney 2000, die Millennium-Spiele – und Gabriele Pochhammer mittendrin! Nach den allgegenwärtigen Maschinengewehren der Polizei in Barcelona und dem Chaos von Atlanta inszenierten die Australier mit leichter Hand ein beschwingtes Sportfest für die ganze Welt.

Wir Journalisten wohnten alle zusammen im Pressedorf, einem ehemaligen Strafgefangenenlager, zum großen Teil in Containern. Es gab eine riesige Frühstückshalle mit allem, was je auf dem Erdball am Morgen verspeist wird. Eine TV-Wand lief über eine lange Seite, auf der eine Moderatorin vor der Kulisse von Hafen und Opernhaus olympische und andere News verkündete. Hätte sie sich zurückgelehnt, wäre sie vermutlich ins Wasser gefallen.

Abends saß man draußen, unter Bäumen, in denen bunte Papageien lärmten, bis spät in die Nacht trudelten die Kollegen ein, die noch Wettkämpfe zu verfolgen hatten – mehr Olympia-Feeling war nie.

Der Sydney Equestrian Park war wieder ein kleiner Cosmos für sich, verbunden mit dem Rest der Welt durch Busse, die unermüdlich Athleten, Journalisten und Zuschauer heranschaufelten.

Erfolg mit vielen Vätern

Toffi

Ingrid Klimke und Sleep Late aka „Blue“ gelang der Ritt ihres Lebens auf der schwierigen Geländestrecke von Sydney 2000. (© Toffi)

Die deutschen Buschreiter hatten nicht ihre glücklichsten Tage, blieben ohne Medaillen, die Stimmung war dementsprechend mau. Das war auch dem Modus geschuldet: Es gab wieder zwei Prüfungen, Einzel und Mannschaft. Ingrid Klimke legte auf Sleep Late den Ritt ihres Lebens hin, wurde Zweite, was ihr gar nichts nützte, denn gewertet wurde nur fürs Team, für das Platz vier raussprang. Sonst wäre es für Ingrid die Einzel-Silbermedaille gewesen. Auch Marina Köhncke legte mit Sir Toby eine gute Geländerunde hin, fiel allerdings nach vier Abwürfen im Springen weit zurück.

Interessante Beobachtung am Rande: Während die beiden gestürzten Reiter, Andreas Dibowski und Nele Hagener, mutterseelenallein vor den TV-Kameras ihr Missgeschick erklären mussten, war die strahlende Ingrid nicht nur von ihrer Familie, sondern plötzlich auch von einer ganzen Handvoll Warendorfer Funktionäre umringt. Wie war das mit dem Erfolg? Er hat bekanntlich viele Väter, der Misserfolg ist ein Waisenkind.

Auch in der Einzelwertung lief es für die deutschen Buschis nicht rund: Marina strandete auf einer kleinen Insel im Wasserhindernis, die ihr Trakehner Longchamps sich hartnäckig weigerte, zu verlassen und schied aus, Kai Rüder mit Butcher gab auf. Lediglich Annette Wyrwoll – heute die St.GEORG-Expertin für alle Fragen rund um die Tiermedizin – auf Bantry Bay gelang eine solide Leistung, Platz 19. Sieger wurde der heutige FN-Präsident der USA, David O’Connor auf Custom Made.

An einem der einfachsten Hindernisse, Nummer zwei, stürzte die 14jährige Vollblutstute Bermuda’s Gold von Mary Jane Turmbridge von den Bermudas, Siegerin der Panamerikanischen Spiele 1999. Das Pferd brach sich mehrfach das rechte Röhrbein, und musste später eingeschläfert werden. Die Vielseitigkeit hatte ihren olympischen Skandal. Die Medien waren voll von dem Unglück und weiteren Stürzen, ein Grund, warum ab 2004 die olympische Vielseitigkeit deutlich entschärft wurde, vor allem durch Abschaffung der Rennbahn und der Wegestrecken.

Springreiter liefern

Besser lief es für die deutschen Springreiter. Otto Becker auf Cento, Marcus Ehning auf For Pleasure und Lars Nieberg auf Esprit gewannen praktisch zu dritt die Goldmedaille, denn Goldfever von Ludger Beerbaum holzte ab: fünfmal im ersten Umlauf, viermal im zweiten. „Ich bin lieber bei einer Goldmedaille zweimal das Streichergebnis als bei einer Bronzemedaille zweimal in der Wertung.“ Hier spricht der Pragmatiker, dessen Lächeln auf dem Podium allerdings ein bisschen schmal ausfiel.

In der Einzelwertung hatten die Deutschen nichts mit den Medaillen zu tun. Jeroen Dubbeldam auf De Sjiem und Albert Voorn auf Lando vor dem Saudi Khaled al Eid auf Kashm al Aan – den Einlauf hatte keiner von uns auf dem Zettel.

Während Al Eid nach seinem Ritt Richtung Mekka auf die Knie fiel und den Rasen küsste, umarmten sich Dubbeldam und Voorn bei der Pressekonferenz unter Tränen. „Und dabei hat Paul (Schockemöhle) noch zu mir gesagt, du kriegst nie eine Medaille“, schluchzte Voorn überwältigt. Was ja eigentlich ein Grund zum Lachen gewesen wäre.

Den hatte Rodrigo Pessoa nicht. Noch 13 Sprünge lagen zwischen dem Brasilianer und der Goldmedaille. Nach einer Reihe unglücklicher Sprünge vermasselte Baloubet du Rouet mit drei Stehern an Hindernis acht den Sieg. Nach einer halben Stunde im Stall hatte Rodrigo sich gefangen und erschien vor der Presse, schon wieder in Jeans und T-Shirt, und versuchte gefasst, die Enttäuschung seines Lebens zu erklären. Er habe das Gefühl, sein Pferd habe sich im Rücken gezerrt. „Aber ich suche nicht nach Ausreden.“ Ein Profi halt.

Ins olympische Springen hatte sich auch eine königliche Amateurin verirrt, Prinzessin Haya von Jordanien. Die spätere FEI-Präsidentin hatte sich auf einem Schleichweg ihre Startberechtigung besorgt (ein Springen wurde nachträglich zur Olympiaqualifikation erklärt). Aber es nützte nichts. Ausgerechnet im ersten Parcours vor dem „Sydney-Hindernis“ lud die Stute Ludmilla ihre royale Beifahrerin in den Blumenrabatten ab – für alle Fotografen, die beim ersten Mal geschlafen hatten, auch noch ein zweites Mal.

Jeder andere Reiter hätte gebetet, dass sich möglichst bald über diesen Auftritt der Mantel des Vergessens breitet, nicht so Haya: „I am so glad I made the Olympics“ versicherte sie noch Jahre später mit beneidenswerter Chuzpe.

Letzter Kampf der alten Meister

Manche geraten über eine Goldmedaille aus dem Häuschen, doch die vier Damen, die in Sydney den damals 24 Jahre währenden olympischen Triumphzug der Deutschen fortsetzen, bewahrten so viel Contenance, dass der Verdacht aufkam, das Teamgold sei womöglich nur ein Abfallprodukt auf dem Weg zu den Einzelmedaillen. Freudentränen, Umarmungen, Jubel? Fehlanzeige.

Als die letzte deutsche Starterin, Nadine Capellmann mit Farbenfroh, schon als Mannschafts-Olympiasiegerin einritt, waren Isabell Werth und Alexandra Simons-de Ridder gar nicht da und Ulla Salzgeber telefonierte mit todtrauriger Miene, weil sie sich nach Patzern im Grand Prix aus den Einzelmedaillen kippen sah.

Die Funktionäre schauten sich schicksalsschwer in die Augen, bevor sie mit ernster Miene zum Handy griffen. Siegesfreude hatten wir uns irgendwie anders vorgestellt. Und Teamgeist kann man wohl nicht befehlen.

Die Einzelwertung in der Dressur geriet zum letzten Kampf der alten Meister. Bonfire von Anky van Grunsven und Gigolo von Isabell Werth traten, beide süße 17, zum letzten Mal gegeneinander an.

Dieses eine Mal behielt Bonfire bei einem Championat die Oberhand, van Grunsven gewann Gold, Silber blieb für Werth. Für beide Pferde war es der furiose Schlussakkord ihrer Karriere. Bronze gab’s für Ulla Salzgeber auf Rusty.

Die hätte noch eine Goldmedaille für Nervenstärke verdient. In der Kür stockte die Musik, riss dann ab. Ulla Salzgeber wurde abgeläutet und wartete in aller Ruhe, während Chefrichter Eric Lette hin und her rannte wie ein aufgescheuchtes Huhn.

Sebastian Salzgeber sprintete los, um die Ersatz-CD zu besorgen. Die Prüfung wurde zunächst mit den verbleibenden zwei Reiterinnen fortgesetzt. Im Anschluss ritt Salzgeber mit heiler CD ihr Programm zu Ende, als ob nichts geschehen sei. Die Nerven muss man erstmal haben.

 


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  1. Müller

    Frau Pochhammer schreibt u.a. zur Abschaffung des „Langen Prüfungssystems“:

    „Die Medien waren voll von dem Unglück und weiteren Stürzen, ein Grund, warum ab 2004 die olympische Vielseitigkeit deutlich entschärft wurde, vor allem durch Abschaffung der Rennbahn und der Wegestrecken.“

    Dafür werden die Pferde heute psychisch kalt gestellt, indem sie vor Aufgaben gestellt werden, die sie teilweise nicht mehr erkennen und dabei durch den technischen Geländeaufbau bis an ihre Belastungsgrenze geritten werden.

    Von einem technischen Komplex, der im Parcourstempo zu absolvieren ist, bis zum nächsten, wird da schon mal ein Tempo von 850m/Min. geritten, um die Bestzeit zu erreichen, was früher nicht abverlangt wurde, war selbst die Rennbahnzeit in „nur“ 690m/Min. zu absolvieren.

    Aber alles hat seine Zeit, haben heute viele Menschen einen Burnout, warum denn auch die Pferde nicht einmal?

    Ganz nebenbei hatten die Pferde früher durch die Wegestrecken und Rennbahnen bessere Aufwärmphasen und die Reiter bekamen durch die Rennbahn ein viel besseres ausbalanciertes Gleichgewichtsgefühl.

    Schade, das man von einem Extrem ins andere gefallen ist. Ein Mittelding hätte es auch getan.

    So hat man leider hier in Deutschland auch auf den Einsatz des hoch im Blut stehenden Pferdes weitgehend verzichtet, welches durch Warmblüter abgelöst wurde.

    Von wo soll denn die Sprintstärke für diese technischen Kurse kommen, von der Schnelligkeit, Härte, Ausdauer und besseren Rekonvaleszenz eines hoch im Blut stehenden Pferdes einmal abgesehen?

    Wo die warmblütrigen Vielseitigkeitspferde bleiben ist allgegenwärtig, schaut man sich die Ausfälle an.

  2. Helmold Baron von Plessen

    ein sehr interessanter, lesenswerter Kommentar von Herrn Mueller, der zum Nachdenken anregt. M.E. war jedoch der Grund, die Querfeldeinstrecke um Rennbahn u. Wegestrecken zu verkuerzen, auch, dass die Veranstalter oft ueber keine geeignete Rennbahn verfuegen und durch die mit der Untehaltung einer solchen, zwangslaeufig hohen Kosten, finanziell ueberfordert waren. Grosse lange Vielseitigkeitspruefungen in Anlehnung an eine bestehende Rennbahn, wie z.B. frueher Bad Harzburg gibt es heute leider nicht mehr. Auch das fuer eine lange Pruefung erforderliche Areal steht vielerorts nicht mehr zur Verfuegung. Trotzdem sollte man vielleicht ueberlegen, ob man weiterhin bei den m.E. zum Teil nicht pferdegerechten Hindernissarten der heutigen Querfeldeinstrecken, die die Pferde nicht „lesen“ koennen, wie Sir Mark Todd es einmal treffend ausdrueckte, bleiben will.


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