Streit um Totilas‘ Samen: War er CEM-verseucht?

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Der Streit zwischen Totilas-Verkäufer Kees Visser und Käufer Paul Schockemöhle geht in der nächsten Woche in die zweite Runde, diesmal vor einem niederländischen Gericht.

Er ist schon anderthalb Jahre tot, aber „Wunderhengst“ Totilas erregt noch immer die Gemüter, lange nachdem er seine Fans Rockstar-like in Ekstase versetzte, andere Dressurfreunde wiederum ob der zirzensischen Vorführungen schaudern ließ. Der schwarze Hengst, der Pirouetten drehte wie auf dem berühmten Teller und piaffierte wie ein Metronom, der unter Edward Gal mit Traumnoten alle Rekorde sprengte und nach seiner letzten Prüfung lahm die Aachener Arena verließ – er ließ niemanden kalt. Über kein Pferd der Welt wurde in den letzten Jahren soviel geschrieben, gesagt und gesendet. Das letzte Kapitel ist noch nicht vollendet, – wer weiß, was da noch auf uns zukommt – aber gerade wird eine neue Seite in der endlosen Geschichte Totilas aufgeschlagen.

Unbrauchbarer Samen?

Streitpunkt ist Totilas‘ Samen, der zur Zeit des Verkaufs tiefgefroren auf Verwendung wartete. Darüber hatte St.GEORG mehrfach berichtet. Jetzt sagt Schockemöhle: „Der Samen war verseucht, ich musste alle 600 Dosen, die mir mit dem Hengst übergeben wurden, entsorgen.“ Ob auch die Dosen, die noch in Holland liegen, für die Tonne sind, vermag er nicht zu kommentieren. „Das kann ich natürlich nicht behaupten“, sagt Schockemöhle. Totilas-Verkäufer Kees Visser weist jeden Verdacht zurück: „Der Samen ist clean.“

Nächste Woche wird ein Gericht im niederländischen Arnhem darüber befinden, wer über die Samenportionen verfügen darf, die vor dem Verkauf von Totilas an Paul Schockemöhle genommen und eingefroren wurden. Darüber ist ein Streit zwischen Europas größtem Hengsthalter und Totilas‘ Vorbesitzer Kees Visser entbrannt.

Es geht – natürlich – um viel Geld. Es geht um nichts weniger als um Totilas’ Erbe, seinen Samen. Beim Verkauf des Hengstes 2010 habe sich Visser verpflichtet, alle eingefrorenen Samendosen auszuhändigen, bis auf zehn bis zwölf Paletten für drei eigene Stuten, erklärt Paul Schockemöhle. Visser bestreitet die Abmachung. Es gebe nichts Schriftliches, nicht mal einen Kaufvertrag für Totilas, lediglich einen Scheck über 9,5 Millionen Euro.

Unbestritten ist inzwischen, dass Visser zwar 600 Dosen an Schockemöhles Mitarbeiter aushändigen ließ, aber deutlich mehr für sich behielt als nur für drei Stuten. Die Rede ist von 240 Dosen. „Ich habe noch Samen für ganz, ganz viele Stuten,“ sagt Visser fröhlich. Diese Dosen möchte Visser jetzt vermarkten, sie werden ja nicht besser mit der Zeit. Das hat Schockemöhle durch eine einstweilige Verfügung beim Landgericht Oldenburg verhindern können.

Visser klagt auf 3,5 Millionen Euro Schadensersatz für entgangene Deckgelder. Seine Rechnung: Durch die neue Zuchtmethode ICSI, bei der die Befruchtung außerhalb des Mutterleibes stattfindet, könnten aus einer Palette 20 Fohlen entstehen, da ja im Prinzip nur ein einziges Spermium für die Befruchtung benötig wird. Das befruchtete Ei wird anschließend der Stute, bzw. einer Leihmutter eingepflanzt, eine Methode, die in der modernen Reproduktionsmedizin ständig weiter entwickelt und von Experten für die Zuchtmethode der Zukunft gehalten wird.

Die Sportrechte an Totilas verkaufte Schockemöhle noch im selben Jahr an Ann-Katrin Linsenhoff weiter, Stiefsohn Matthias Rath sollte damit internationale Karriere machen – so der Plan. Schockemöhle selbst behielt die Zuchtrechte, und damit, wie er sagt, auch alle Rechte an Totilas‘ Samen.

An den 600 Dosen, die Schockemöhle beim Kauf überlassen wurde, hatte er allerdings wenig Freude, sie waren nach seinen Worten mit dem Erreger CEM verseucht, der ansteckenden Pferde-Metritis, die bei infizierten Stuten Aborte und Unfruchtbarkeit auslösen kann. Da die infizierten Pferde keine oder nur geringe Symptome der meldepflichtigen Seuche zeigen, ist sie schwer zu bestimmen.

Totilas sei im März in Mühlen mehrfach 2011 positiv getestet, und anschließend sechs Wochen mit Antibiotika behandelt worden, bis keine Erreger mehr nachweisbar gewesen seien, sagt Schockemöhle. Seitdem ist auch der Samen einwandfrei. Über den Verlauf der Infektion liegen Schockemöhle amtstierärztliche Bescheinigungen vor. Der mitgebrachte verseuchte Samen musste entsorgt werden.

„Dass die von Visser einbehaltenen Samen-Paletten auch CEM-infiziert sind, kann ich natürlich nicht behaupten“, sagt Schockemöhle, „aber nach Auskunft eines Mitarbeiters wurden alle Dosen in demselben Zeitraum genommen.“

Visser weist den Verdacht energisch zurück: „Der Hengst hatte gar keine Möglichkeit, sich mit CEM anzustecken, da er niemals im Natursprung gedeckt hat.“ Meist wird CEM beim Deckakt übertragen, aber auch verunreinigte Geräte oder andere Hygienemängel können die Ursache sein.

Wertvolles Erbe

Als Totilas 2020 plötzlich an einer Kolik starb, gab es nur noch eine begrenzte Menge Samen. Sie ist jetzt Gold wert, seitdem das Sperma erstens nicht mehr nachgeliefert werden kann, weil der Produzent tot ist, und zweitens, weil sich allen Unkenrufen zum Trotz immer mehr Totilas-Kinder auf den Dressurvierecken der großen Turnierplätze hervortun.

Auch wenn man davon ausgeht, dass bei den Totilas-Söhnen die Prominenz des Vaters mitspielte, ist die Zahl seiner gekörten Söhne beachtlich: 67 Totilas-Hengte wurden gekört, 13 davon gehen inzwischen im Grand Prix-Sport und einer springt sogar über 1,60 Meter. Von Totilas‘ 62 Nachkommen, die im Turniersport registriert sind, haben bereits heute 27 S-Erfolge, einige bis Grand Prix. Und es werden immer mehr, denn die meisten wachsen erst ins beste Sportpferdealter hinein. Drei Totilas-Söhne waren in Tokio dabei, davon zwei im niederländischen Team. Vielleicht wird Totilas als Vater irgendwann ebenso berühmt wie als Sportler.