Acht Millionen-Klage: Rothenberger verklagt Tierklinik wegen Fehlbehandlung von Cosmo

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Sönke Rothenberger und Cosmo, CHIO Aachen 2017 (© Pauline von Hardenberg)

Gonnelien Rothenberger hat das Tierärztliche Kompetenzzentrum Karthaus GmbH in Dülmen verklagt. Cosmo soll mit unterschiedlichen Wirkstoffen, die in Kombination zu Nierenproblemen führen können, behandelt worden sein. Im Verfahren vor dem Bezirksgericht Frankfurt soll es um eine Forderung von acht Millionen Euro Schadensersatz gehen. Erstmals hatte die amerikanische Webseite dressage-news.com davon berichtet. Hier nimmt Sönke Rothenberger Stellung.

Steht die von allen Dressurbegeisterten erwartete Nominierung von Sönke Rothenberger und Cosmo für die Europameisterschaft in Rotterdam Ende August in Frage? Diese These stellt die amerikanische Webseite dressage-news.com auf. Sie berichtete als erste, dass Gonnelien, die Mutter von Sönke, Sanneke und der frischgebackenen dreifachen Europameisterin Semmieke Rothenberger, Anfang dieses Jahres vor einem Frankfurter Gericht eine Zivilklage gegen das Tierärztliche Kompetenzzentrum Karthaus GmbH in Dülmen angestrengt hat.

Knochenaufbau-Präparat für Cosmo

Hintergrund sind Behandlungen von Cosmo in den letzten Jahren, bei denen der Van Gogh-Sohn mehrfach mit dem Präparat Tildren behandelt worden sein soll. Tildren ist ein Mittel, das gegen die Auflösung von Knochensubstanz eingesetzt wird (siehe unten). Es zählt zu den Biphosponaten. Zu möglichen Nebenwirkungen zählen Koliken und Nierenprobleme. Es ist eine „verbotene Substanz/unerlaubte Medikation im Wettkampf“ und wird in Anhang II der Listen der verbotenen Substanzen der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) geführt. Auch der Weltreiterverband (FEI) führt den Wirkstoff als „controlled medication“. Sprich: Die Behandlung eines Pferdes mit Tildren muss in einer Turnierpause stattfinden und vermerkt werden. Bei Kaderpferden wie Cosmo muss die Verabreichung eines solchen Wirkstoffs mit dem Team-Tierarzt abgesprochen werden.

Nierenprobleme im Januar 2018

Dressage-news.com schreibt von 80 Behandlungen des Mannschafts-Weltmeisters. „Das entspricht überhaupt nicht der Wahrheit“, sagte Sönke Rothenberger gegenüber st-georg.de. „Es waren keine 80 Behandlungen, die Angaben sind falsch, nicht einmal zehn Prozent davon stehen im Behandlungsbuch tierärztlich unterzeichnet und abgestempelt.“

Er erläutert den Hintergrund so: „Im Januar 2018 wurde Cosmo mit Tildren behandelt, wenige Stunden später hatte er hohes Fieber. Wir haben dann Blut gezogen und konnten sehen, dass etwas mit den Nierenwerten von Cosmo nicht stimmte. Die Tierärztin, die das Tildren verabreicht hat, war lange Zeit unsere Hoftierärztin. Sie war es auch, die Cosmo beim Ankauf im Alter von viereinhalb Jahren untersucht hat. Wir haben immer gut mit ihr zusammengearbeitet. Seit sechs Jahren haben wir eine Lebensversicherung für Cosmo abgeschlossen. Alljährlich, so sieht es der Vertrag vor, muss das Pferd auf seinen Gesundheitszustand untersucht werden. Es gab nie Anlass, daran zu zweifeln, dass Cosmo fit ist.“ Das würden auch die Ergebnisse der Dopingproben unterstreichen. „Wir haben es gerade noch einmal für das Verfahren zusammengetragen. Cosmo wurde in den letzten Jahren 16 mal in einer Dopingprobe, auf dem Wettkampf oder in der Trainingskontrolle der NADA (Nationale Anti Doping Agentur) untersucht. Niemals wurde irgendetwas nachgewiesen.“

Nach dem Vorfall im Januar 2018 habe Familie Rothenberger versucht, Kontakt mit der Tierärztin aus Dülmen aufzunehmen, dies misslang aber. Sönke Rothenberger: „Ich habe bis zum heutigen Tag nicht mehr mir ihr gesprochen.“

Das sagt die FN

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bestätigte, von dem Fall Kenntnis zu haben, und veröffentlichte folgendes Statement:

Am 30. Juli 2019 hat das US-Amerikanische Magazin www.dressage-news.com einen Artikel betreffend des Kaderpferdes Cosmo von Dressurreiter Sönke Rothenberger veröffentlicht. Im Interview mit FN-Aktuell ordnet Dr. Dennis Peiler, Geschäftsführer des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR), Inhalte des Artikels ein.

FN-Aktuell: Der Artikel wirft Fragen über den Gesundheitszustand des Pferdes Cosmo auf. Spielen diese für eine mögliche Nominierung zu den Europameisterschaften eine Rolle?
Dr. Dennis Peiler: Wir nehmen nur Pferde mit zum Championat, von denen wir zum Nominierungszeitpunkt davon überzeugt sind, dass sie gesundheitlich in der Lage sind das Championat erfolgreich zu bestreiten. Die Pferde müssen ihre Belastbarkeit unter Beweis gestellt haben. Das gilt auch für Cosmo, der in Hagen (Ergebnis Grand Prix 81.239%/Grand Prix Special 79.638%) und Aachen (Ergebnis Grand Prix 81.370%/Grand Prix Special 82.213%) erfolgreich war. In Balve musste er aufgrund einer Kolik zurückgezogen werden.

FN-Aktuell: Ist es richtig, wie der Artikel suggeriert, dass der Reiter Sönke Rothenberger den Verband nicht vollumfänglich über den Gesundheitszustand von Cosmo informiert hat?
Dr. Dennis Peiler: Es ist richtig, dass es Fragen in Bezug auf die Transparenz gegenüber dem Verband gab. Deshalb hat sich der Exekutivausschuss des DOKR mit dieser Sache beschäftigt. Das DOKR hat umfangreiche, ihm vorliegende Unterlagen sorgfältig geprüft sowie Reiter und Pferdebesitzer befragt und die Expertise des Mannschaftstierarztes eingeholt. Wie im Artikel beschrieben, ist die FN nicht an dem Gerichtsverfahren zwischen der Familie Rothenberger und der Tierklinik beteiligt. Das Verfahren spielte deshalb bei der Nominierung keine Rolle.

FN-Aktuell: Zu welchem Ergebnis ist der Exekutivausschuss gekommen?
Dr. Dennis Peiler: Der Exekutivausschuss hat auf dieser Basis keine Einwände gegen eine mögliche Nominierung des Paares. Er hat dem Reiter jedoch Auflagen gemacht, die dieser schriftlich akzeptiert hat. Mit diesen Auflagen soll eine bestmögliche Transparenz im Management des Pferdes in Richtung der Olympischen Spiele 2020 in Tokio sichergestellt werden.“

War Cosmos Medikation bekannt?

Eine Quelle soll dressage-news.com versichert haben, Unterlagen aus dem Prozess würden belegen, dass Cosmo seit Beginn seiner Grand Prix-Karriere im Jahr 2015/16 mindestens 80 Mal wegen Problemen an Gelenk- und Bänderapparat behandelt worden ist. Nicht sicher sei, dass jede diese Behandlung auch ordnungsgemäß mit dem Mannschaftstierarzt abgesprochen worden ist. Dieser Umstand, schreibt dressage-news.com, habe bei einigen Selektoren für Unsicherheit gesorgt.

„Auch dies stimmt nicht! Die Behandlungen von Cosmo sind ordnungsgemäß in seinem Behandlungsbuch eingetragen und abgestempelt worden,“ sagt Sönke Rothenberger. Als Hintergründe der Zivilklage die Runde machten, in denen unter anderem von nicht dokumentierten Behandlungen die Rede war, sei er vor den Exekutivausschuss in Aachen gebeten worden. „Ich habe dort anhand des Behandlungsbuchs und mit Rechnungen aufzeigen können, wann Cosmo behandelt wurde.“

Tatsächlich war es bereits bei den Deutschen Meisterschaften in Balve ein Thema, dass nicht Sönke Rothenberger und Cosmo, sondern Hubertus Schmidt und Escolar als Nachrücker für das Nationenpreis-Team in Aachen nominiert worden waren. Rothenberger hatte Cosmo am Tag vor der ersten Prüfung wegen Koliksymptomen zurückziehen müssen. In Aachen war er in der CDI4*-Tour an den Start gegangen und hatte Grand Prix und Grand Prix Special deutlich gewonnen.

Eine erste Anhörung soll im September also nach den Europameisterschaften in Rotterdam stattfinden. Der geforderte Schadensersatz ist auch mit dem Hintergrund der Lebensversicherung zu sehen. Sollte Cosmo durch die Behandlung im Januar 2018 nachhaltig gesundheitliche Schäden erlitten haben, würde das seinen Wert mindern.

St.GEORG hat auch beim Tierärztlichen Kompetenzzentrum Karthaus um Stellungnahme gebeten, diese liegt uns bisher noch nicht vor.


Was ist das Medikament Tildren, das Cosmo verabreicht bekommen hat?

Tildren ist ein Tierarzneimittel, das den Wirkstoff Tiludronat enthält. Es zählt zu den Biphosphonaten und kommt zum Einsatz bei Podotrochlose (landläufig als Hufrollenentzündung bekannt), Spat, der Vermeidung von Knochenabbau (Osteolyse) und Knochenzysten. Es kommt auch zum Einsatz bei Gleichbeinlahmheiten. In einem Beipackzettel warnt der Hersteller Ceva Santé Animale mehrfach vor der Gefahr von Niereninsuffizienzen. Unter anderem heißt es: „Bei gleichzeitiger Verabreichung potenziell nephrotoxischer (Anm. d. Red.: nierenschädlicher) Substanzen wie z. B. NSAIDs (Anm. d. Red.: Nichtsteroidale Antiphlogistika, schmerzstillende oder schmerzlindernde Medikamente) ist besondere Vorsicht geboten und eine Überwachung der Nierenfunktion erforderlich.

2003 war in einer Studie (Denoix, Thibaud, Riccio) die positive Wirkung von Tilundronat bei Hufrollenpatienten nachgewiesen worden. Tildren ist in Deutschland nicht am Markt zugelassen, wohl aber in der EU. Für einzelne Patienten konnten Tierärzte eine Einfuhr für einen speziellen Fall beim Amtsveterinär in seinem Kreis beantragen. Zehn Tage Infusionen in Folge

Seit 2016 ist in Deutschland das Tierarzneimittel Osphos mit dem Inhaltsstoff Clodronsäure zugelassen. Dazu schrieb das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) 2016: „Nur wenn das Tierarzneimittel Osphos zur Erreichung des Behandlungsziels nicht geeignet sein sollte, was der Tierarzt in eigener Verantwortung im Einzelfall zu entscheiden hat, ist die Voraussetzung für das Verbringen von Tildren aus einem anderen EU-Mitgliedstaat nach § 56a Abs. 2 S. 1 Nr. 3 AMG gegeben.“

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  1. Tangermann, Sönke

    In dem Artikel steht leider nicht, was denn jetzt die Grundlage für die 8 Mio. Euro Klage ist. Was ist denn der Schaden aus dem sich ein Schadensersatzanspruch ergeben soll? Cosmo scheint ja „eingermaßen“ gut beieinander zu sein, dass er den Grand Prix in Aachen gewinnen konnte.

  2. Carmen Fischer

    Bisphosponate sind per se erstmal keine Dopingmittel sondern Medikamente, die sowohl in der Tier als auch Humanmedizin verabreicht werden.
    Die Spitzenpferde werden vor große Events immer durchgecheckt und Blutproben werden gezogen, wären vor solch einem Großen Tunier Nierenprobleme aufgetreten, hätten es die Manschaftstierärzte bemerkt und das Pferd wäre garnicht angetreten (not fit to compete)
    Tildren wurde bei Cosmo wie vorgeschrieben in den Tunierpausen angewendet, wie dokumentiert. Anhand der Dopingproben zum Zeitpunkt der Prüfung lässt sich beweisen das der Wirkstoff nicht mehr aktiv war.
    Das diese Medikamente Nebenwirkungen haben ist nicht neu, das Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auftreten auch nicht.
    Ob nun die Nierenveränderungen durch die Medikamente oder infolge des Managements (ich erinnere mich daran, das Cosmo ungern fremdes Wasser trinkt und man auf Tunieren immer besonders auf seine Hydratation achten muss, das hat ST Georg selbst berichtet.) Giftpflanzen, Fütterung, oder andere Umweltfaktoren zustande gekommen ist, wird wohl wirklich schwer nachzuweisen sein.
    Aus dieser Geschichte (Nierenveränderung aufgrund von Medikamentenwirkung contra Management) eine Tierquälerei/Dopinggeschichte machen zu wollen geht am eigentlichen Thema vorbei.
    Rothenbergers Klagen auf Wertminderungserlös, da sie die Nierenprobleme auf einen Behandlungsfehler zurückführen wollen.
    Ob das so ist, müssen die Gerichte klären, dem Pferd geht es so weit gut.

  3. Andreas Apsel

    Wenn ich so etwas lese, frage ich mich immer, warum bekommt das Pferd überhaupt solche Medikamente? Das heißt doch wohl, daß es Probleme mit den Beinen/Hufen geben muß?
    Ist denn dann eine weitere sportliche Verwendung überhaupt noch sinnvoll, bzw. geht das dann nicht etwa zu Lasten des Pferdes?
    Meiner Meinung nach sollten gesunde Pferde, bis auf Impfungen und Wurmkuren, überhaupt keine Medikamente benötigen, bzw. bekommen, auch nicht in Turnierpausen.

    • Alexandra Baumann

      Diese Frage stelle ich mir schon bei Pferden die „Oh Wunder“ dank Eiereisen, Stegeisen, Eisen mit extra langen Schenkeln etc., die alle möglichen Sehnen und Gelenke unterstützen sollen, plötzlich wieder als „einsatzfähig“ eingestuft werden…treten diese Probleme erneut auf, gibt es immer eine weitere Maßnahme die noch ergriffen werden kann um das Pferd, unabhängig vom Niveau, weiter nutzen zu können…eine Abwägung ob das Pferd einer sportlichen Nutzung in dem Rahmen überhaupt standhalten kann findet meist erst statt, wenn wirklich gar nichts mehr geht. Für die Wiese reicht es dann schließlich noch…

      • Carmen Fischer

        Na ja, oder das ehemalige Tunierpferd wird an eine Freizeitreiterin verkauft und darf noch ein paar jahre lahm ins Gelände geritten werden.
        Der landläufige Feld/Wald und Wiesenreiter merkt meist erst bei einer mittelgradigen Lahmheit, daß was nicht stimmt, und dann fehlt meist das Geld, das KnowHow und das Können das Pferd optimal zu betreuen.
        Entschuldigen sie, aber die Spitzenpferde werden bestens betreut, wenn sie um die Gesundheit unserer Pferde besorgt sind, dann schauen sie doch lieber in manchen „normalen“ Reitstall.
        Was ich dort immer wieder sehe finde ich viel besorgniserregender.
        Aber wie bereits gesagt, hier geht es ums Geld.

  4. Meike B.

    Na so schlecht kann es um Cosmo ja nicht gestellt sein – siehe EM-Nominierung! Ich finde zudem hinterlassen solche Klagen in Nachhinein immer einen ganz faden Beigeschmack…


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