EM Aachen: 76 Prozent für Totilas und ein großes Fragezeichen

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(© Matthias Alexander Rath und Totilas am Ende der Prüfung.)

Was war das? Der Aufritt von Totilas und Matthias Alexander Rath bei den Europameisterschaft wurde mit 76 Prozent bewertet. Publikum und Richter im Zwiespalt. Von gut 71 bis über 80 Prozent fiel die Wertung aus. Ungleiche Tritte und ein Fehler in der Galopptour waren nicht zu übersehen.

Die einen sagen „Frechheit, unterbewertet“, die anderen nehmen das Wort in den Mund, das hinter gar nicht mal so vorgehaltenen Händen schon seit gestern auf dem Turnierplatz die Runde macht, „lahm“. Wie unterschiedlich die Wahrnehmung sein kann, zeigt sich auch im mehr als uneinheitlichen Richterurteil. Von 71,6 bis 80,7 Prozent klafften die Bewertungen auseinander, Platzziffern eins bis elf, Dorfturnier oder Weltklasse. Pfiffe hatten den Ritt begleitet, weil ausgerechnet bei diesem Auftritt das Open Scoring, die von der Tribüne einzusehende laufende Bewertung der Prüfung ausgefallen war. Bei den anderen Teilnehmern hatte es, kleine Fehler ausgenommen, seit gestern Vormittag problemlos funktioniert. 75,971 Prozent wurden dann nach dem Ritt im Stadion verkündet, derzeit Platz zwei.

Erst einmal, bei dem zweiten gemeinsamen Auftritt von Rath und Totilas zu Pfingsten 2011 in Wiesbaden, hat der Rappe niedrigere Noten in seiner Karriere im Grand Prix bekommen.

Pauline von Hardenberg

Matthias Alexander Rath und Totilas (© Pauline von Hardenberg)

Der 15-jährige Rappe begann mit einem guten Halten zum Gruß. Die erste war, wie auch die später folgenden Trabverstärkungen, gelaufen, in der ersten Piaffe trat der Hengst leicht rückwärts, kam deutlich hinter die Senkrechte mit der Stirn-Nasenlinie. Ein ähnliches Bild auch in den beiden folgenden Piaffen. In der gesamten Trabtour gab es ungleiche Tritte. In der Passage war der Gribaldi-Sohn nicht mehr das Gänsehaut-Pferd, das er einmal war. Zu Beginn der 15 fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung reagierte der Hengst nicht auf die Hilfe. Immerhin an dieser Stelle war sich die siebenköpfige Jury einig. Zumindest gab es für diese fehlerhaften Einerwechsel „nur“ Noten bis 6,5. In den Zickzack-Traversalen waren es einmal sieben, statt der sechs geforderten Galoppsprünge bis zum Richtungswechsel.

Das Protokoll des Ritts liest sich so, als hätten die Richter unterschiedliche Pferde gesehen. Für den starken Trab zum Auftakt der Aufgabe gab es Noten von 4,0 (Jean-Michel Roudier, FRA, bei M) bis 8,0 (Eduard de Wolff van Westerrode, NED, bei C). In der ersten Piaffe zogen die Juroren Noten von 6,5 (de Wolff) bis 9,0 (Anne Gribbons, USA, bei B), für die Zickzack-Traversalen im Galopp von 5,5 (de Wolff, C) bis 9,0 (Gribbons, B). Annette Fransen-Iacobaeus, (SWE, bei H) gab eine 4,0 im letzten starken Trab, genauso wie Jean-Michel-Roudier.

Pauline von Hardenberg

Matthias Alexander Rath und Totilas (© Pauline von Hardenberg)

In den Fußnoten stand bei einem Richter für die Grundgangarten, früher hieß das einmal „Reinheit der Gänge“, eine 5,0. Von Platz elf, Katrina Wüst (GER) und Jean-Michel Roudier (FRA), bis Platz eins von Susanne Braarup (DEN), Andrew Ralph Gardner (GBR) und Anne Gribbons (USA) reichten die Platzziffern. Wenn der Weltreiterverband (FEI) sich nicht der Lächerlichkeit preisgeben will, dann muss er wohl den Verantwortlichen des Dressursports Hausaufgaben geben. Oder sie nachsitzen lassen.

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  1. Micha

    Dieser Bericht ist sehr objektiv, der Ritt wird fachmännisch analysiert. Ich habe den Auftritt von Totilas live im Stadion erlebt, und das Publikum hat die teilweise haarsträubenden Benotungen mit Pfiffen und Buhrufen quittiert. Es ist wohltuend, diese wirklich sehr ausgewogenen Berichterstattung den teilweise voller Häme verfaßten Berichten in der Tagespresse gegenüberzustellen. Chapeau!

  2. Steffi W

    Objektiv betrachtet muss man sich fragen, ob ein Reiter, der in der Weltspitze reiten möchte nicht doch merken sollte wenn das Pferd mindestens taktunrein (wenn nicht sogar lahm) durch die Bahn flaniert.
    Objektiv betrachtet sollte man über einen Reiter, der es verdient hat bzw. in der Lage dazu ist eine Goldmedaille in der Dressur zu gewinnen nicht folgendes lesen müssen: „Von dem Fehler zum Beginn der Einerwechsel hatte er erst draußen erfahren. „Ich habe gehört, zwei Einerwechsel waren kurz.“ “
    Objektiv betrachtet ist es unbestritten, dass Gefühl und Einfühlungsvermögen Grundvorraussetzungen für einen Reiter auf diesem Niveau sein sollten!
    Objektiv betrachtet sagt das Abschlussbild zur Grußaufstellung alles: Ein Reiter der die Fäuste in die Luft streckt und sich selbst lobt – im Gegensatz dazu ein einstiger Ausnahmehengst mit durchgedrücktem Rücken und blauer Zunge der sein Hinterbein schont.
    Objektiv betrachtet, betrachtet Herr Rath das alles sehr subjektiv – er spricht vom nächsten Wettkampf aber was sein eigentlicher Partner dazu sagt, merkt bzw. hinterfragt er noch nicht einmal…
    Objektiv betrachtet bezeichnet man das als Egoismus.
    Objektiv bewertet haben zumindest diesmal die Richter, jedenfalls teilweise – vielen Dank dafür!

    Subjektiv betrachtet kann ich Totilas nur wünschen, dass er seiner Sportkarriere beenden darf und „nur“ noch als Deckhengst herhalten muss.
    Subjektiv betrachtet möchte ich Herrn Rath ans Herz legen sich endlich einmal selbst zu reflektieren. Hat er es schon jemals geschafft ein selbst ausgebildetes Pferd zu irgendwelchen Erfolgen auf diesem Niveau zu bringen?
    Subjektiv betrachtet bin ich maßlos enttäuscht von Frau Linsenhoff deren Reitweise ich immer respektiert habe – schade dass sie bei diesem Zirkus mitmacht.

    Ich erinnere mich noch sehr gut an die Reden zur Eröffnungsfeier – weise Worte wurden dort gesprochen.
    Herr Rath und sein Team haben wohl leider nicht zugehört…

    • steffi w. (die zweite)

      Alles was Du geschrieben hast, ist mir aus der Seele gesprochen und dann noch mit dem (fast) gleichen Namen, ich würde lachen, wenn ich dieses Thema nicht so traurig fände.

      Noch dazu finde ich es erschreckend, dass durch die Allmacht eines Schockemöhle/Rath-Clans , andere talentierte Reiter und Reiterinnen, die über Jahre konstant gute Leistungen bringen, hinten anstehen, wenn es um die Vergabe der Mannschaftsplätze bei großen Meisterschaften geht. Kann es sein, dass ein Angestellter des Herrn Schockemöhle, der Equipechef der deutschen Dressurmannschaft ist, betriebsblind ist? Seine Stellungnahme bei der offiziellen Bekanntgabe, dass Totilas keine weiteren Prüfungen bei der EM geht, spricht Bände.
      Und auch das wurde anscheinend schon im Vorfeld billigend in Kauf genommen, da Frau Theodorescu , wie berichtet, wohl kein großes Interesse an der Kür von Herrn Rath gehabt haben soll.
      Herr Roeser habe keine Taktunreinheiten gesehen. Wenn es der Reiter schon nicht merkt, sollte es ein Equipechef aber doch zumindest sehen, oder?

      Es macht mich maßlos wütend, dass durch solche Machenschaften der Sport, und auch die Pferde kaputt gemacht werden.

  3. Dipl.-Ing. Harald Rasche

    Man braucht Totilas nur ins Gesicht zu sehen, um zu erkennen, dass dieses Pferd nicht mehr mitmachen will.
    Anders lässt sich der Einsatz der groben Hilfen nicht erklären. Von horsemanship weit und breit keine Spur. Wenn dann noch ein Richter Plewa die angeblich hervorragenden Elemente der Präsentation in den Focus zu stellen bemüht ist, bleibt es bei einer reinen Gefälligkeit, denn das verträgt sich nicht mit seiner ansonsten unbestrittenen Qualifikation.

    Jeden Pferdefreund und Partner des Pferdes, der die Ausbildungsprinzipien der FN nicht ignorieren will, muss dieses exaltierte Gestrampel abstoßen, denn das hat mit Solidität nichts mehr zu tun. Wer ein Pferd in dieser Verfassung aufs Viereck schickt, betrügt sich selbst, die Richter und auch die Zuschauer. Schöne Worte sind da
    fehl am Platze.

    Aber es waren ja nicht nur Taktunreinreinheiten, sondern auch ein geradezu desolates Rückwärtsrichten mit offenem Maul, misslungene Übergänge und wer last not least das Foto der Schlussaufstellung betrachtet mit einer Kandarenposition auf annähernd 90 ° und selbst da noch einwirkender Hand, wird verstehen, warum die Deutsche Richterin und ihr französischer Kollege zu solchen Wertnoten kommen mussten. Selbst diese Noten waren fast noch eine reine Gefälligkeit.

    Man hat hier aber auch wieder einmal gesehen, dass holländische Pferde teilweise eine widernatürliche
    Bewegungscharakteristik präsentieren, wobei Herr Gal reiterlich sehr gut damit umzugehen versteht, weil er
    sich anzupassen versteht.

    Bereits Udo Bürger schrieb vor mehr als 50 Jahren: „Und es gibt in der Reiterei Ausbilder und Abrichter. Der Laie bemerkt den Unterschied meist gar nicht.“

    Richter und alle ansonsten Verantwortlichen sind nach diesem Vorgang mehr denn je gefordert, die Solidität des Reitsports nicht aufs Spiel zu setzen und das allein schon aus Fairness gegenüber dem Partner Pferd.


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