Brite Matthew Sampson siegt im 89. Deutschen Spring-Derby, Sandra Auffarth sensationelle Dritte

Im Stechen der besten drei Reiter wurde die 89. Auflage des Deutschen Spring-Derbys in Hamburg entschieden. Matthew Sampson siegte mit einem fehlerfreien Ritt vor dem Sieger von 2013, Gilbert Tillmann. Mit Standing Ovations wurde Vielseitigkeits-Weltmeisterin Sandra Auffarth als sensationelle Dritte gefeiert.

Der neue Derbysieger heißt Matthew Sampson, ist 27 Jahre alt, und sein Pferd Gloria kennt den Platz in Hamburg. Die belgische Stute, mittlerweile zwölf Jahre alt, war 2015 erfolgreich in den Derby-Qualifikationen gegangen, damals noch unter dem Sattel des Briten David McPherson. Matthew Sampson, 2008 Mannschaftseuropameister der Junioren mit der britischen Equipe, war der 156. Nullfehlerritt in der Geschichte des Deutschen Spring-Derby gelungen. Und was war das für ein Ritt! Sicher überwand das Paar die Planke hinterm Wall, souverän ging es dann durch Pulvermanns Grab. Am Ende reckte Sampson die Faust. Das Publikum feierte ihn. „Ein wahnsinnig vorsichtiges Pferd“, lobte Achaz von Buchwaldt, Derbysieger der Jahre 1982 und 1996 anerkennend.

Mit diesem Ritt war klar: Die 89. Auflage des Klassikers um das Blaue Band wird in einem Stechen entschieden. Denn schon der 20. Von 32 Startern und zwölfte Bewerber, der es bis ins Ziel geschafft hatte, hatte mit dem 155. „Nuller“ der Derbygeschichte vorgelegt: Gilbert Tilmann und der neunjährige  Holsteiner Schimmel Claus Dieter waren schon im vergangenen Jahr gefeiert worden. Gilbert, Sieger 2013 küsste anschließend vor den 25.000 Zuschauern sein Armband. Das habe er von seinem besten Freund einmal geschenkt bekommen vor 20 Jahren. Und dieser Freund sei ihm wichtig, deswegen diese Geste, so Tilmann. „Ich hätte ich das nie im Leben gedacht, ich bin sehr, sehr glücklich, dass wir beiden das geschafft haben“, so der Rheinländer, der seinem 2013er Derbysieger Hello Max ein eigenes Buch gewidmet hat.

Standing Ovations für Sandra Auffarth beim Spring-Derby

„Ich dachte ehrlich gesagt, dass ich einen Fehler hatte am Pulvermanns Grab, umso erfreuter war ich als ich im Ziel sah, dass ich keinen Fehler hatte“, sagte Sandra Auffarth nach dem Umlauf. Die Fuchsstute La Vista v. Lordanos war rhythmisch über den Kurs galoppiert. Jeder Galoppsprung der austrainierten Athletin eine Augenweide. Reiterin und Pferd im hundertprozentigen Einklang. Lediglich zu Beginn des Kurses mit seinen 17 Hindernissen sei die Stute an der Kombination 3a/b, den irischen Wällen links und rechts des Einritts auf den Derbyplatz, etwas unsicher gewesen. Da, so Auffarth, habe ihr vielleicht ihre Erfahrung aus der Vielseitigkeit geholfen. „Irische Wälle sind vielleicht nicht mein tägliches Brot, aber ich kann das schon ganz gut aussitzen“, bilanzierte sie trocken. Als sie dann fehlerfrei ins Ziel kam, gab es bei den Zuschauern kein Halten mehr.

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Sensationeller Platz drei beim Derbydebüt: Sandra Auffarth und La Vista. (© www.paulinevonhardenberg.de)

Sie sprangen von den Sitzen, feierten Sandra Auffarth mit Standing Ovations. Ein kleiner Moment, der den Atem der annähernd 25.000 Zuschauer noch einmal stocken ließ, waren die Bahnschranken kurz vor Abschluss des Parcours. Die einzelnen Stangen – eine rot-weiß, die andere schwarz-weiß gestreift – thronen in luftiger Höhe (1,60 Meter). Die Stute hatte kurzfristig davor sehr gegen die Hand gedrückt, sprang aber dennoch sicher hinüber.

Rasantes Stechen um den Derby-Sieg

Krimi, Drama – alles abgedroschene Floskeln, aber jede passt für dieses Stechen. Als erstes mussten Gilbert Tillmann und Claus Dieter ins Stechen. Der Holsteiner Schimmel v. Clarimo hatte einen Fehler am Buschoxer. Der war in diesem Jahr übrigens pferdefreundlich entschärft worden. Die obersten weißen Stangen hatten deutlich Luft zu einer kleinen Zierbambus-Hecke. In den Vorjahren hatte es immer wieder unschöne Bilder gegeben, wenn Pferde die volle Hecke auf Stangenhöhe zum Auffußen genutzt hatten. 53,62 Sekunden brauchte die rheinisch-holsteinische Kombination. Dann kam der Brite Sampson. Keine Frage, er wollte gewinnen. Mit großen Galoppsprüngen suchte die belgische Stute ihren Weg, fehlerfrei, 50,53 Sekunden. Derbysieger Achaz von Buchwaldt war voll des Lobs: „50 Sekunden, das ist eine richtig schnelle Zeit“. Wo der Brite, der nur 20 Minuten von den Whitakers entfernt in Yorkshire lebt, die Zeit geholt hatte, war für von Buchwaldt klar: Auf der geraden Linie zwischen der Mauer und dem Birkenoxer hatte der Sieger lediglich neun Galoppsprünge benötigt. „Andere machen das zwölf“.

Und dann die „Fremdgängerin“, Sandra Auffarth, Vielseitigkeits-Weltmeisterin und amtierende Berufsreiterchampionesse Springen. Immer schon ist die 31-Jährige parallel auch im Parcours unterwegs gewesen. Aber das Derby ist Neuland. Als sie mit der La Vista hineinritt, rannte Paul Schockemöhle noch schnell in ihre Richtung. Sein Tipp: „Vor dem Doppelsteil (den Eisenbahnschranken) nochmal richtig auf die Füße holen, aber nach dem Buschoxer erstmal vorwärts.“ Auffarth tat wie ihr aufgetragen. Allerdings war die Stute einfach zu sehr auf vorwärts eingestellt. „Ich hätte sie konsequenterweise noch einmal richtig aufnehmen müssen“, sagte sie im Anschluss. „Aber wir haben es richtig spannend gemacht.“ Beide Stangen flogen, acht Fehler – Platz drei. Aber die 25.000 Zuschauer hielt nichts mehr auf den Füßen. „Herzbeben“, tönte Helene Fischer aus den Lautsprechern und Sandra zeigte voller Stolz auf die Hannoveraner Stute La Vista, die sie schon als Fohlen kannte. Ihr Vater Karl-Heinz ist der Züchter.

Kaffeemaschine für den Teetrinker

„Alle Reiter werden hier getragen von dem Publikum“, bilanzierte der sympathische Sieger mit breitem Grinsen. „Der größte Sieg meiner Karriere“, sei durch die Ehrenrunde noch bedeutender geworden, so Matthew Sampson. Denn mit Eichenkranz und blauem Band ausstaffiert, gab die Belgierin Gloria, übrigens eine Argentinus-Enkelin aus einem Holsteiner Mutterstamm, noch einmal richtig Gas.

Gilbert Tillman freute sich, dass es wieder so gut geklappt habe wie letztes Jahr, „habe ja auch ein ähnliches Ergebnis erritten“ – im Vorjahr war die Kombination Dritte. Aber irgendwie wirkte der Reiter etwas nachdenklicher bei der Pressekonferenz. Normalerweise ist Tillmann bekannt dafür, „einen nach dem anderen herauszuhauen.“ Aber diesmal schweiften seine Gedanken in die Zukunft. Vor allem die gemeinsame mit Claus Dieter: „Ich weiß ja, wenn ein Pferd solch eine Leistung bringt, dass da morgen oder übermorgen die Telefone wieder klingeln werden. Ich hoffe, dass er noch ein bisschen bei mir bleibt.“ Nach dem Derby 2017 hatte der Besitzer das Pferd abgeholt und es seiner Tochter zum Reiten gegeben. Erst vor drei Monaten war der Holsteiner wieder zu Tillmann in den Stall gekommen.

Sieger Sampson bekam vom Hauptsponsor des Derbys, dem Kaffeeröster J.J. Darboven eine Kaffeemaschine geschenkt. Zusätzlich zum Preisgeld von 30.000 Euro.

Statt Tee kann er jetzt in Großbritannien Kaffee trinken

… so Albert Darboven, Inhaber J.J. Darboven, nach der Ehrenrunde.

Das Derby ist die zweite Station der Riders Tour nach Hagen. Sandra Auffarth hat diesbezüglich noch keine Kreuzchen im Turnierkalender: „Ich weiß noch nicht einmal, wo die ganzen Stationen sind, heute werde ich erstmal richtig schön feiern und dann mache ich einen Plan.“

Teure Fehler für die Mitfavoriten aus Irland

Sein Vater Holger Wulschner hat das Derby 2000 gewonnen, Sohn Benjamin, 29, war heute dicht dran, es dem väterlichen Vorbild gleichzutun. Mit Bangkok Girl, einer elfjährigen Oldenburger Stute v. Balou du Rouet, gab es nur einen Abwurf im Umlauf, am Trakehner Graben, der auf die Planke nach dem Absprung vom Wall folgt. Das Paar war unter anderem in dieser Saison platziert in Neumünster und unlängst in Redefin. Lange Zeit waren die 157,13 Sekunden, die die beiden für den 1250 Meter langen Kurs benötigt hatten, die schnellste Zeit, Platz vier.

Auch zwei Favoriten wurde dieser Sprung zum Verhängnis. Die Britin Holly Smith mit Quality Old Joker (Fünfte) patzte hier nach tollen Runden in den Qualifikationen genauso wie Dermott Lennon. Der Ire hatte mit Gelvins Touch noch einen weiteren Abwurf und wurde Achter in der Endabrechnung.

Platz sechs ging an Gerald Nothdurft mit Amazing, elfter Starter, ein Abwurf – auch ihn erwischte es am Trakehner Graben. Nothdurft betreibt im Göttinger Stadtteil Grone eine Reitanlage.

James Whitaker und der Ire Glenavadra Brilliant kamen ebenfalls mit einem Abwurf nach 175,2 Sekunden ins Ziel. Whitaker? Das gilt es immer schnell die verwandtschaftlichen Beziehungen zu klären. Also: James ist der Sohn von Ian. Damit ist er ein Neffe der Legenden John, der auch schon in Klein Flottbek siegreich war, 1989 mit Next Gammon, und Michael. Bekannt ist auch sein älterer Bruder William, der neben vielen internationalen Erfolgen 2016 das Hickstead Derby hat gewinnen können. James wurde Siebter.

Die deutschen Hoffnungsträger im 89. Spring-Derby

Hendrik Sosath hatte sich entscheiden müssen: Quel Chanel, mit dem er in beiden Qualifikationen zum Spring-Derby platziert war, oder die erfahrenen und etwas tapferere Lady Lordana? Seine Entscheidung fiel zu Gunsten der Fuchsstute aus. Die Lordanos-Tochter trat zunächst seitwärts dann rückwärts auf dem Wall, das Pferd rutschte den Hang auf den Hinterbeinen hinab, sprang dann doch noch über die Planke. Allein, die Höhe war nicht drin. Dann gab es noch weitere Fehler, unter anderem an der 1,65 Meter hohen Feldsteinmauer, Rang 17. Janne Friederike Meyer-Zimmermann und Anna v. Asca, 2015 und 2016 Vierte, 2017 Sechste, erwischten die legendäre Planke mit den Vorderbeinen und auch am Birkenoxer war die Flugkurve zu flach. Ein Hinterhandfehler, Platz neun. Zehnter wurde Jan Peters mit dem Kolibri-Sohn Kokolores vor der Britin Harriet Nuttall/A Touch imperious und Philipp Makowei mit La Darca auf Platz zwölf.

Ein unschönes Bild trübte den Tag in Klein Flottbek. Philipp Schulze und Catapult rumpelten über die Planke nach dem Wall, das Pferd sprang in Folge kraftlos. Der Reiter kam aber nicht auf die Idee aufzugeben. Am Ende waren es 28 Strafpunkte, die auf der Anzeigetafel standen. Als Schulze durchparierte, ging Catapult vorne deutlich lahm. Der Reiter kam aber nicht auf die Idee abzusteigen. Horsemanship sieht anders aus. Schade. Derbychef Volker Wullf versprach mit er Jury zu sprechen und gegebenfalls bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) zu intervenieren.

Ergebnisse finden Sie hier.

93.000 Zuschauer an mittlerweile fünf Veranstaltungstagen, dazu „bestes Derbywetter“ – Derbychef Volker Wulff war mehr als zufrieden. Damit hat sich das Derby an einem Wochenende voller Veranstaltungen (HSV-Abstieg in die zweite Fußballbundesliga, Hafengeburtstag und Feier des Eurovision Song Contests auf der Reeperbahn) mehr als nur gut behaupten können.

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