CCI5*-L Luhmühlen: 23-jährige Mollie Summerland mit Start-Ziel-Sieg

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Der Tag, der ihr Leben veränderte: Mollie Summerland und Charly bei der Siegerehrung des CCI5*-L von Luhmühlen 2021 (© Thomas Ix)

Auch wenn ihr Charly van ter Heiden an beinahe jedem Sprung des Abschlussparcours prüfte, wie fest die Stangen in ihren Auflagen liegen, ließ die Britin Mollie Summerland sich den Sieg im CCI5*-L von Luhmühlen 2021 nicht mehr aus der Hand nehmen.

Mollie Summerland konnte die Tränen nicht zurückhalten, als sie mit Schärpe und Siegerdecke auf dem Luhmühlener Turnierplatz stand und ihr zu Ehren die britische Nationalhymne gespielt wurde. Und sie versuchte es auch auch gar nicht. Sie ist (noch) keine von den ganz großen Namen in Großbritannien, aus ihrer Familie hat niemand etwas mit Pferden zu tun und einen Pfleger konnte sie auch nicht mitnehmen. Ihren zwölfjährigen Hannoveraner Charly van ter Heiden v. Contedros Bube aus der Zucht von Klaus Steffens versorgt sie allein. Und nun hat sie mit ihren 23 Jahren ihren ersten Fünf-Sterne-Sieg auf dem Konto.  Bereits nach der Dressur hatten die beiden mit 29 Minuspunkten die Führung übernommen. Im Gelände blieben sie null und in der Zeit. Im Springen machten sie es heute allerdings nochmal spannend.

Christoph Wahler und sein Carjatan S hatten die beiden mit einer super Nullrunde unter Druck gesetzt. Einen Abwurf durfte Mollie sich nicht erlauben. Aber schon am ersten Hindernis klapperte es. Und am zweiten. Und am dritten … Aber bis ins Ziel blieben alle Stangen oben, lediglich 1,2 Zeitstrafpunkte kamen hinzu, so dass am Ende 30,2 Minuspunkte auf dem Konto standen. Als sie über die Ziellinie galoppierte, brach der Jubel aus Summerland heraus. Ihre zweite Fünf-Sterne-Prüfung nach Pau 2020, wo sie Zehnte wurden, der erste ganz große Sieg. „Es ist ein Tag, der mein Leben verändert“, sagte sie später.

Der Weg nach Luhmühlen war beschwerlich für die Briten, nicht nur wegen Corona, sondern vor allem wegen des Brexits, der die aus Großbritannien Anreisenden dazu zwang, neben der Anreise auch noch eine Quarantäne-Zeit auf sich zu nehmen. Vom Papierkram mal ganz abgesehen. Dass sie nicht nur die Anreise erfolgreich hinter sich gebracht hat, sondern am Ende auch die Siegerschleife mit nach Hause nehmen kann, verdankt Mollie vielen Menschen, wie sie sagte – unter anderem ihrem Dressurtrainer Carl Hester und auch Pippa Funnell, bei der sie zwei Jahre war, und die ihr dabei geholfen habe zu ergründen, wie ihr Charly tickt. Denn der hatte wohl einen ziemlich eigenen Kopf, wie nicht nur Mollie Summerland sagt.

Mollie berichtete, Charlys Züchter habe zu ihr gesagt, er wundere sich, wie gut sie mit dem Wallach zurechtkäme. In den vier Jahren, die Charly bei ihm verbracht habe, habe man ihn schnell kastrieren müssen, weil er sich gegenüber Menschen und anderen Pferden recht aggressiv gebärdete. Dann als Wallach ging er zunächst nach Belgien, wo Mollie Summerland ihn fünfjährig entdeckte und ihn kaufte, ohne einen einzigen Sprung mit ihm gemacht zu haben. Das Problem war aber nicht das Springen, sondern wohl eher die Tatsache, dass Charly recht frech war. Pippa Funnell habe ihr geholfen, ihn zu verstehen, sagt Mollie. Und wie sie einst gegenüber Horse & Hound zugab: „Er hat nur 18 Prozent Vollblut und ich habe von Pippa Funnell alles darüber gelernt, die Pferde durch Klettern beim Ausreiten fit zu bekommen.“

Nun geht es erstmal nach Hause. Aber vielleicht kehren sie dieses Jahr noch einmal zurück aufs Festland. Mollie hofft auf einen Startplatz bei den Europameisterschaften in Avenches.

Christoph Wahlers 5*-Debüt

Nein, er ärgere sich kein bisschen über seinen zweiten Platz. Höchstens ein bisschen darüber, dass die Dressur nicht so gut war, wie sie sein kann, sagte Christoph Wahler im Interview nach der Siegerehrung. Im Gegenteil, er sei unendlich stolz auf sein Pferd. Dazu hatte er allen Grund.

Mit 32,1 Minuspunkten waren Wahler und sein zwölfjähriger Holsteiner v. Clearway nach der Dressur von Rang sieben aus ins Gelände gestartet. Hier drehten sie eine lehrbuchreife Runde und das gelang ihnen auch im Parcours. Anders als der Sieger schien Carjatan nicht mal auf die Idee zu kommen, dass man diese bunten Stangen ja auch berühren könnte. Und er sah auch keineswegs so aus, als habe er einen anstrengenden Geländetag bei gut 30 Grad Celsius hinter sich. Frisch und munter nahm er jedes Hindernis mit satt Luft zu den Stangen, von Wahler perfekt im Rhythmus und immer passend herangebracht. Hätte es eine Stilnote gegeben, eine 9 hätte vor dem Komma stehen dürfen.

Jetzt wird erst mal angestoßen mit Carjatans Mitbesitzerin Lena Thoenies, die im letzten Jahr eingesprungen war, als es im Raum gestanden hatte, den Schimmel zu verkaufen. „Und dann will ich nach Hause zu meiner Mannschaft!“, so der 27-Jährige, der ja vor einigen Monaten die Leitung des heimischen Klosterhofs Medingen übernommen hat. „Da sind ja Carjatan und ich, aber dann noch 30 andere Leute drum herum.“

Und was denkt er in Sachen Olympia? „Ich warte das jetzt ab.  Wir haben ja das große Glück, dass wir so viele gute Paare in der Vielseitigkeit haben. Aber ich denke, man kann sagen, dass wir momentan kein Paar haben, das so ein Ergebnis auf Fünf-Sterne-Niveau vorweisen kann. Aber egal wer fährt, sie werden es gut machen!“

Rang drei in die USA

Auf den dritten Platz ritt eine weitere Luhmühlen-Debütantin: die US-Amerikanerin Ariel Grald mit ihrem zwölfjährigen Iren Leamore Master Plan v. Master Imp. Die beiden waren 2019 schon Zwölfte in Kentucky und Zehnte in Burghley. Dass die 32-Jährige aus North Carolina hier in Luhmühlen an den Start geht, war wohl durchdacht: „Er ist sehr groß und im Gelände sehr stark. Wir wollten, dass er diesen technischeren Kurs hier geht.“ Der Cross als eine Lehrstunde in Sachen Kontrolle und Wendungen. Der Plan ging auf.

Die beiden waren von Rang elf nach der Dressur (33,8 Minuspunkte, „Dressur ist nicht seine Stärke.“) in den Cross gestartet, sammelten hier 3,6 Zeitfehler und lagen vor dem Springen mit folglich mit 37,4 Minuspunkten auf dem vierten Platz. Im Parcours blieben die beiden fehlerfrei und profitierten dann von zwei Abwürfen der bis dato an dritter Stelle liegenden Emilie Chandler mit Gortfadda Diamond, die auf den sechste Platz  zurückfielen. Somit war der Weg frei für Ariel. Auch sie wurde nach ihren Zielen gefragt: „Nach Hause kommen! Und Dressur üben!“

Michael Jung auf Rang fünf

Hinter der US-Amazone ritt der Franzose Luc Chateau seinen 14-jährigen Selle Français-Wallach Troubadour Camphoux auf den vierten Platz, was besonders bemerkenswert ist angesichts der Tatsache, dass ihre 39,8 Minuspunkte nach der Dressur noch der 20. Platz waren. Aber im Gelände und im Parcours ließen sie sich nichts zu Schulden kommen. Anders als die zehn Paare, die das gestrige Gelände nicht beendeten, zu denen auch das Ehepaar Price mit seinen drei Pferden zählte.

Dank fehlerfreiem Parcours einen Sprung nach vorne machen konnte auch Michael Jung mit seinem Holsteiner Halbblüter Wild Wave v. Water Dance xx. Die beiden hatten ja gestern im Gelände elf Strafpunkte für das Auslösen eines Sicherheitsystems an Hindernis 28a kassiert. Der Sprung war mit einem MIM-Clip ausgestattet, einer Vorrichtung, die bricht, sobald ein Pferd mit einer bestimmten Wucht gegen das Hindernis stößt und so einen Rotationssturz verhindern soll. Bis auf diesen Zwischenfall waren Jung und Wild Wave beim ersten Start neunjährigen Holsteiners auf diesem Niveau tadellos unterwegs gewesen. Und so präsentierten sie sich heute auch im Parcours, was ihnen in der Endabrechnung Rang fünf einbrachte.

Nicht beenden konnten die beiden weiteren deutschen Fünf-Sterne-Neulinge die Prüfung, Malin Hansen-Hotopp auf dem Grafenstolz-Sohn Monsieur Schnabel und Nadine Marzahl mit Valentine. Sie hatten gestern im Cross aufgegeben.

Alle Ergebnisse finden Sie hier. Welche Mannschaft für Deutschland nach Tokio fährt, soll im Anschluss an den CCI4*-S bzw. die Deutschen Meisterschaften bekannt gegeben werden.