Ermelo: Fiontini zu einem etwas glanzlosen dritten Titel bei den Siebenjährigen

17-30-d1462-Severo-Jesus-Jurado-Lopez-ESP-Fiontini-dwb

Nun dreifache Weltmeisterin der jungen Dressurpferde: Fiontini v. Fassbinder-Romanov unter Severo Jurado Lopez für Dänemark. (© Toffi)

Die Weltmeisterschaften der siebenjährigen Dressurpferde 2017 sind entschieden. Fiontini holte den dritten Titel für Dänemark. Gleichwohl war die Stute heute weniger überzeugend als in den Vorjahren.

Die Erwartungen waren groß an die Dänische Warmblutstute Fiontini v. Fassinder-Romanov (Z.: Hanne Lund und Henrik Hansen) unter ihrem ständigen Reiter Severo Jesus Jurado Lopez. Aber der erste kleine Patzer passierte heute schon direkt nach der ersten Grußaufstellung, als die Stute angaloppierte, statt anzutraben. Ein Missverständnis. Das kann passieren. In der ersten Verstärkung zum Mitteltrab marschierte Fiontini los, wie man es von ihr kennt. Nur fliegen ist schöner. Hier war alles gut. Aber es schlichen sich auch immer wieder Taktfehler ein in der Trabtour, ein massiver im starken Trab, aber kleinere Ungleichmäßigkeiten auch in der Versammlung. Selbst die Richter merkten heute an, dass der Trab in der Versammlung an der Grenze zur Passage war. Bei aller zweifelsohne herausragenden Elastizität fehlte der Fluss in der Bewegung. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Fiontinis spanischer Reiter, der seit langem als Bereiter bei Andreas Helgstrand tätig ist, die Braune immer sehr hoch und eng eingestellt hatte, was ja nicht unbedingt förderlich für die Rückentätigkeit ist. Anlehnungsprobleme offenbarten sich heute vor allem in den Seitengängen, wo die Stute sich deutlich verwarf und hinter den Zügel kam. All das merkten auch die Richter an, für die die Südafrikanerin Sharon Rode die Kommentierung übernommen hatte. Aufgrund der Qualität des Trabs gaben sie hier dennoch ein glattes Sehr Gut, 9,0.

Die Schritttour war gut gelungen, „das Highlight heute“, wie die Richter sagten: sehr gute Dehnung an die Hand heran (wie übrigens auch beim Zügel aus der Hand kauen lassen im Trab!), klarer Viertakt, deutlicher Raumgriff im starken Schritt und Erhabenheit in der Versammlung mit zwei super Pirouetten. Die Note: 9,5.

Der Grundgalopp von Fiontini ist über jeden Zweifel erhaben – deutliches Springen mit klarer Bergauftendenz und Bodengewinn. Die doppelte halbe Galopptraversale gleich zu Anfang der Galopptour war ein wenig eilig und die Stute kam auf die Vorhand. Herausragend war die erste Pirouette, in der zweiten hingegen verlor die Stute an Balance und Takt. Sehr gut gelangen wieder die Wechseltouren, gut vorbereitet und herausgearbeitet mit weitem Durchsprung, gerade und bergauf. 9,2.

Aufgrund der Anlehnungsprobleme, aber der „sehr gehorsamen“ Prüfung gaben die Richter heute in der Durchlässigkeit die niedrigste Note, aber immer noch eine sehr großzügige 8,6. Für die Perspektive gab es die 9,1. Wie Sharon Rode nach der Prüfung erklärte: „Ich habe mich schon vergangenes Jahr in Fiontini verliebt. Für ihre drei Grundgangarten könnte man sterben!“ Alles in allem erhielt die neue Championesse der siebenjährigen Dressurpferde 85,656 Prozent, davon 80,513 für technische Ausführung, für eine Prüfung mit doch einigen Wenns und Abers.

Natürliche Passage oder gemachte Tritte?

Unter anderem warf das mit dem „passagey trot“ Fragen an die Richter auf. Denn eigentlich soll es einen klaren Unterschied geben zwischen dem Schwebemoment in der Passage und einem kadenzierten aber flüssigen starken Trab. Dr. Dietrich Plewa, der als Richter bei B mit zuständig war für die technische Bewertung der Ritte, erklärte: „So lange diese Tritte nicht aus der Spannung heraus und vom Reiter erzwungen gezeigt werden, können wir damit leben. Manche Pferde bieten das von Natur aus an.“ Sharon Rode ergänzte: „Und Severo hat das sofort korrigiert, als er es bemerkt hat. Ich bin überzeugt, eine echte Passage bei diesen Pferden sieht noch mal ganz anders aus!“ Zustimmendes Nicken vom Sieger.

Der weiß übrigens aktuell noch nicht, wie seine Zukunft mit Fiontini aussieht. Die Stute ist verkauft. Allerdings trainiert die neue Besitzerin im Stall Helgstrand. Ob Severo auch in Zukunft auf Fiontini setzen kann, ist also noch nicht klar. Fest steht hingegen, wer nun die zweite Longines Uhr bekommt, die er heute mit nach Hause nehmen darf. Die erste Amtshandlung des alten und neuen Weltmeisters war die Frage an Longines, ob er seine Herrenuhr gegen ein Damenmodell umtauschen könnte. „Die ist für meine Freundin!“ Spanischer Gentleman!

Platz zwei für den Hannoveraner Verband

Ein in Frankreich gezogener Hannoveraner, der unter einer holländischen Reiterin für Deutschland antritt – Sultan des Paluds ist ein Pferd, dem internationales Flair anhaftet. Der bildschöne Fuchswallach v. Soliman de Hus-De Niro aus der Zucht des S.C.E.A. du Vieux Capeau holte heute unter Kirsten Brouwer Silber mit 83,515 Prozent. Der bunte Fuchs ist ein Hingucker – oder wie Sharon Rode sagte: „Was für ein charmantes Pferd!“ Und ein talentiertes dazu. Sein Grundtrab ist hoch elastisch und sehr kadenziert. Allerdings ist auch er stets sehr hoch eingestellt und könnte mehr über den Rücken arbeiten. Dass er das nicht reell tut, konnte man z.B. in den Trabverstärkungen sehen. Da wurde er deutlich breit. Oder beim Zügel aus der Hand kauen lassen, wo keinerlei Dehnung zu erkennen war. Eine glatte Neun gaben die Richter für den Trab. Am Schritt des Wallachs gibt es nichts zu meckern – raumgreifend und taktsicher in allen Tempi marschierte der Fuchs munter drauf los und erhielt dafür eine 8,4.

Die Galopptour wirkte etwas eilig, hier hätte man sich die Sprünge über mehr Boden und deutlichere Bergauftendenz gewünscht. Die Serienwechsel waren noch ziemlich flach und schief. Der Kommentar der Richer zum Galopp: „Sehr aktives Springen, aber wir hätten uns klarere Übergänge gewünscht, 8,6.“ Im Bereich Durchlässigkeit sprachen die Richter noch einmal die Genickeinstellung an. Deshalb gab es hier „nur“ die 8,9. Aber der Fuchs habe „wirklich gute Aussichten, ein zukünftiges Dressurpferd zu werden“, 9,0 für die Perspektive.

Ein Musterschüler

Kirsten Brouwer sitzt seit einem Jahr im Sattel von Sultan des Paluds. Bereits als Fünfjähriger hatte der Hannoveraner Frankreich bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde in Verden vertreten. Allerdings nicht sonderlich erfolgreich: Platz 17 im kleinen Finale unter Isabelle Pinto. Vor einem Jahr hatte dann der Züchter und auch Besitzer beschlossen, Kirsten Brouwer als Bereiterin für sein Pferd anzuheuern. „Anfangs war er sehr ängstlich, aber inzwischen vertraut er mir und ihn auf Turnieren zu reiten, macht einfach nur Spaß! Er ist immer ,an’, aber nicht zu sehr. Er spitzt die Ohren und weiß, was er zu tun hat.“ Das war allerdings nicht immer so. Brouwer gibt zu, dass sie vor einem halben Jahr noch gar nicht damit gerechnet hätte, überhaupt mit Sultan des Paluds in Ermelo an den Start gehen zu können. „Aber in den letzten vier, fünf Monaten hat er sich plötzlich von Woche zu Woche gesteigert, das war unglaublich“, schwärmt sie und erzählt, dass ihr bei der zweiten Sichtung für die WM in Deutschland auch von den Bundestrainern bescheinigt worden war, welche Fortschritte Sultan schon vom ersten zum zweiten Sichtungstermin gemacht habe. Der Besitzer will, dass die Holländerin sein Pferd weiterreitet. Möglichst bis nach ganz oben.

Kipling goes Tokio

Ganz oben, das ist auch das Ziel der beiden Drittplatzierten, Anne Troensegaard aus Dänemark mit dem Trakehner Wallach Kipling, ein Sohn des Hofrat aus einer Hohenstein-Mutter. Auch er ist noch im Besitz des dänischen Züchters Peter Christensen. Den bekniet Troensegaard regelmäßig, Kipling doch bitte bis 2020 zu behalten. Olympia in Tokio ist ihr erklärtes Ziel. Wenn jemand so etwas sagt, ist man ja immer ein wenig zur Skepsis geneigt. Nicht jedoch, wenn man die Prüfung der beiden gesehen hat. Und die im vergangenen Jahr. Da waren die beiden zwar noch nicht unter den Medaillenplätzen. Aber sie fielen schon damals mit einer äußerst fein gerittenen Vorstellung auf. Der Wallach mag mit seinem geraden Vorderbein im Trab nicht jedermanns Geschmack sein, aber an seiner Elastizität, der sicheren Bergauftendenz in allen Phasen und der herausragenden Anlehnung kommt man nicht vorbei. Vor allem in der Trabtour. Allerdings traten auch bei ihm heute Spannungen auf. Dehnung beim Zügel aus der Hand kauen lassen wurde kaum gezeigt. Und die fliegenden Wechsel waren noch sehr festgehalten. Aber er machte sie und wurde von seiner Reiterin dafür direkt im Anschluss anerkennend gelobt.

„Ein wunderbares Pferd!“, schwärmte auch Sharon Rode. Der „gute Ausdruck und die Kadenz im Trab“ wurde mit 9,0 belohnt. Für den geregelten, aber im Raumgriff etwas begrenzten Schritt gaben die Richter eine 8,4. „Der Galopp zeigt gute Bergauftendenz und dem Pferd fällt es leicht, sich zu versammeln“, schwärmte die Jury über die dritte Gangart. Auch für die Reiterin hatten sie ein Lob: „Die Pirouetten waren perfekt vorbereitet!“ Mit anderen Worten: Anders als andere Reiter, die aus der Ecke kommen und quasi aus dem Arbeitsgalopp auf dem Teller wenden möchten, nahm Troensegaard den Wallach vorher zurück und richtete ihn kurz gerade, um dann die Pirouette einzuleiten. Aufgrund der Probleme in den Wechseltouren zogen die Richter im Galopp Punkte ab und gaben hier eine 8,6. Im Bereich der Durchlässigkeit lobten sie hingegen die in der Tat gute Ausbildung und Vorstellung durch die Reiterin, 8,9. 9,0 gab es für die Perspektive eines Pferdes, „dem kaum etwas im Weg steht auf seinem Weg nach oben“, so Rode. Machte in Summe 82,445 Prozent.

Ein schwieriges Kind

Dass Anne Troensegaard ein Pferd gut vorstellen kann, kommt nicht von Ungefähr. Sie hat Dänemark schon als Ponyreiterin bei Championaten vertreten und sich ihren Weg ganz nach oben erarbeitet mit den Weltreiterspielen in Kentucky 2010 als vorläufigem Highlight. Übrigens saß sie auch damals auf einem Trakehner. Trainiert wird Troensegaard von dem Dänen Rune Willumsen, derselbe Mann, der auch aus Catherine Dufour und Cassidy ein Paar für 80-Prozent-Runden im Grand Prix gemacht hat. Die klassische Ausbildung sieht man bei beiden Reiterinnen.

„Dabei ging es bei Kipling eigentlich erst einmal nur darum, oben zu bleiben“, erinnert sich Troensegaard lachend an die erste Zeit, nachdem der Wallach vierjährig zu ihr in den Stall gekommen war. Wie oft er sie in den Dreck katapultiert hat, kann sie nicht zählen. „Sie hatten gesagt, er sei angeritten. Aber naja …“, beschreibt die Dänin vielsagend. Irgendwann war dann der Knoten geplatzt. Hoch sensibel ist Kipling allerdings immer noch. Das habe ihr auch heute zu schaffen gemacht, verriet seine Reiterin. Aber sensible Pferde braucht man im Grand Prix ja auch.

Tolle Vorstellung von Senta Kirchhoff und L’Arbuste

Bestes deutsches Paar waren Senta Kirchoff und der Oldenburger L’Arbuste auf Rang sechs mit 79,674 Prozent. Wobei der elegante Dunkelbraune eigentlich eine rein skandinavische Abstammung hat – Skovens Rafael-Zardin Firfod – und auch aus einem schwedischen Mutterstamm kommt. Züchter ist Morten Plenborg, in Dänemark zuhause. Trotzdem ist L’Arbuste ein Oldenburger und vertrat sein Zuchtgebiet heute sehr würdevoll. Anfangs stand er noch sehr unter Strom, sprang in der Trabtour auch einmal so weg, dass seine Reiterin eine ungeplante Volte reiten musste und dafür 0,5 Prozent abgezogen bekam. Aber danach fing der Wallach sich zunehmend. Das Zügel aus der Hand kauen lassen war mustergültig, die gesamte Trabtour nach dem Seitensprung ausdrucksvoll, kadenziert, fleißig und mit herrlichem Seitenbild. „Wir wollten ja die Neun geben, aber nachdem Aussetzer musste wir drunter bleiben“, so Rhode. Also vergaben die Richter hier eine 8,9.

Bemerkenswert angesichts des schwierigen Anfangs war die Schritttour des Paares. Fleißig und brav mit deutlichem Raumgriff marschierte L’Arbuste los und die Schrittpirouetten waren vielleicht die besten des gesamten Feldes. Im Galopp ging es ähnlich gut weiter mit schnurgeraden und herrlich nach oben durchgesprungenen Serienwechseln. Und die Pirouetten waren in den Augen der Richter „ein Highlight“. Auch hier gab es eine 8,9. Wegen des Erschreckens zu Anfang der Prüfung rutschte die Durchlässigkeitsnote auf eine 8,4. Aber für „das super Pferd – Kompliment an die Ausbildung!“ gaben sie im Bereich Perspektive dann doch noch ein Sehr gut.

Braver Goldmond

Gut wie immer machte der Trakehner Imperio-Latimer-Sohn Goldmond seine Sache unter seiner ständigen Reiterin Birgit Hild. Als die vor zwei Jahren Silber beim Bundeschampionat mit dem von Ingo Wittlich gezogenen Wallach gewonnen hatte, weinte sie noch vor Freude. Inzwischen dürfte sie sich an derartige Turniere gewöhnt haben, denn die beiden waren auch im vergangenen Jahr für Deutschland in Ermelo am Start. Goldmond ist ein weiteres Pferd, das noch immer dem Züchter gehört. Der Wallach besticht durch seine Rittigkeit. Allerdings wünschte man sich bei den beiden insgesamt mehr Versammlung und etwas akzentuierteres Reiten. Sie beschließen ihre WM-Karriere mit 77,214 Prozent und Rang acht.

Die Bundeschampionesse

Gute Chancen hatte man eigentlich auch der Rheinländer Stute Deluxe v. Don Primus-Wolkentanz II unter Laura Blackert eingeräumt. Schließlich war sie im vergangenen Jahr in Warendorf Bundeschampionesse der Sechsjährigen geworden. Heute hatten die beiden allerdings nicht ihren besten Tag. Sie fingen gut an. Der Trab der Stute ist einfach beeindruckend: kraftvoll, elegant, bergauf und hoch elastisch mit ganz viel Takt und Schwung. Leider war sie aber konstant hinter der Senkrechten mit deutlichem falschen Knick. Schon auf dem Abreiteplatz hatte die Stute sich zudem einmal energisch frei gemacht und den Kopf hoch gerissen. Das tat sie auch in der Prüfung und schüttelte zudem immer wieder ihren Kopf. Mit anderen Worten: Sie war heute sichtlich unzufrieden in der Anlehnung. Mit 72,610 Prozent belegte das Paar den letzten Platz.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

 

 

 

St.GEORG GRATIS LESEN!

Schnell, aktuell und auf einen Blick wissen, was Sache ist! Das bietet der
St.GEORG Newsletter. Jetzt abonnieren und Sie erhalten eine Ausgabe
St.GEORG als ePaper gratis - zum immer und überall lesen.