Isabell Werth und Weihegold siegen mit knapp 90 Prozent in der Kür von Aachen

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Hoffentlich hat Isabell Werth in Göteborg auch wieder allen Grund zum Jubeln. Daumen sind gedrückt. (© Pauline von Hardenberg)

Mit einer bärenstarken Leistung und ohne jeden Fehler hat Isabell Werth mit Weihegold die Grand Prix Kür beim CHIO in Aachen gewonnen. Sönke Rothenberger wurde Zweiter. Und es gab einige neue Gesichter.

Die Richter hätten heute für den Ritt von Isabell Werth und Weihegold in Aachen gerne „Elfen und Zwölfen“ vergeben, sagte Chefrichterin Dr. Evis Eisenhardt nach dem Ritt, der mit 89,675 Prozent knapp an der 90-Prozent-Marken vorbeigeschrammt war. „Es fühlte sich an wie 90, da wollen wir nicht kleinlich sein“, sagte Isabell Werth, die ihre Weltcupkür ritt zu italienischen Popmelodien und, auch in Rio war die Kür schon im Einsatz, „Tanze Samba mit mir“, zu den Galoppwechseln.

Pauline von Hardenberg

Isabell Werth und Weihegold in der Passage, für die die Richter „gerne eine 11“ gegeben hätten. Foto: Pauline von Hardenberg (© Pauline von Hardenberg)

Es klappte alles wie am Schnürchen. Der Wechsel von Traversalveschiebungen in der Passage mit nahezu maximaler Kadenz, gefolgt von solchen im versammelten Trab. Die Passagen und Piaffen waren von einer Qualität, die besagte Richterwünsche nach 11,0 und 12,0 aufkeimen ließen. Vor allem die Übergänge und wie die Stute sich in der Piaffe setzte, das Genick als höchsten Punkt, die Nase an bzw. leicht vor der Senkrechten, Gänsehaut! Auch in den Serienwechseln, mit denen die Weltrangliste bei der 2017-er Auflage des CHIO Aachen verschiedentlich zu kämpfen hatte, ritt sie unbeschwert nach vorne ohne jedes Problem.

Standing Ovation in Aachen für Isabell Werth und Sönke Rothenberger

Was sich nach dem Schlussgruß im Stadion abspielte, war selbst für Aachen etwas besonderes. Die Spannung der Zuschauer hatte sich schon aufgebaut, als Isabell Werth kurz vor Schluss und wie während des gesamten Programms in perfekter Harmonie mit der Musik eine 360-Grad-Piaffe ritt – ganz sicher auch eine 12,0. Als sie dann anhielt und grüßte riss es die Menschen von den Stühlen. Schreie, Piffe, tosender Applaus. Im „Kiss-and-Cry-Corner“ lagen sich Madeleine Winter-Schulze und Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (siehe Galerie unten) in den Armen, Bundestrainer, Funktionäre, die Pferdebesitzerin Christine Arns-Krogmann und ihr Mann Frank – alles ein Meer von Jubel, Armen, strahlenden Gesichtern. Weihegold, Verursacherin dieses Hexenkessels, und der Begriff muss an dieser Stelle erlaubt sein, ging dabei gelassenen Schrittes, die Ohren auf „halb acht“ gestellt durch das Stadion. Isabell Werth applaudierte dem Publikum, klopfte „Weihe“ auf den Hals, winkte in die Menge – großes Kino!

Oft kopiert, nie erreicht

Madeleine Winter-Schulze über die Kämpfernatur von Isabell Werth

„Ich bin komplett happy, es war fantastisch, eine nahezu perfekte Prüfung. Heute fühlte sie sich wohl in der Kür, da kannte sie die Linien. Im Special war sie Lektion für Lektion unsicher, was kommt und was sie machen soll. Weihe ist in einer super Form. Gestern habe ich in der Prüfung nicht zu viel verlangt, sie war danach happy. Und heute war sie vom ersten Tritt an bei mir. ,O.K., let us go‘, hat sie gesagt“.

Pauline von Hardenberg

Laura Graves hatte Probleme mit den fliegenden Galaoppwechseln von Sprung zu Sprung  Foto: Pauline von Hardenberg (© Pauline von Hardenberg)

Die Anspielung auf Laura Graves Zitat nach dem Sieg im Grand Prix Special, sorgte auch bei der US-Amerikanerin für ein Lächeln. Sie hatte direkt nach Werth ins Stadion gemusst. Genau in dem Moment als das Ergebnis verkündet wurde. Für den sensiblen Verdades eine Nervenprobe.

Wie viele Einerwechsel muss man zeigen?

Graves war stellenweise etwas vor der Musik, einem orchestralen Klangkonstrukt mit tiefen Streichern, die die Wucht und Dynamik des KWPN-Wallachs unterstreichen. Verdades ging nicht in der brillanten Form des Vortages. Die größten Patzer waren die fliegenden Galoppwechsel von Sprung zu Sprung. Neun müssen gezeigt werden, sagt das Reglement. In Graves’s anspruchsvoller Kür sind Einerwechsel zweimal vorgesehen, beide Male direkt aus den Zweierwechseln, eine Höchstschwierigkeit. Doch beide Male sprintete der Florett As-Sohn nach vorn statt auf die Hilfe zu reagieren und Graves ritt nur sieben Einerwechsel. Eigentlich ist die Lektion damit nicht gezeigt, Bewertung Null. Die Richter vergaben aber eine 5,1, Chefrichterin Dr. Evi Eisenhardt erläutert: „Diese Einerwechsel waren ja immerhin gelungen“, da solle man nicht zu streng sein. Ein „no show“, nicht gezeigt, sei das ja nicht. Und wenn Reiter solche anspruchsvolle Abfolgen in ihr Programm nehmen und es mal nicht klappt, wolle man sie dafür nicht total abstrafen.

Als am Ende dann auch noch der starke Trab, direkt aus einer Fächerpiaffe bei X unvorhergesehen zum Mittelgalopp wird, weiß Graves – selbst Platz zwei wird schwierig.

„Ich wollte nur wieder eingeladen werden“, scherzte die Weltcupzweite. „Ich freue mich, dass die Richter das was gut war auch entsprechend belohnt haben.“ (82,550)

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Sönke Rothenberger und Cosmo zeigten eine Kür, die schon jetzt auf eine Einzelmedaille bei der EM Hoffnungen keimen ließ.    Foto: Pauline von Hardenberg (© Pauline von Hardenberg)

Sönke und Cosmo lassen die Menschen die Luft anhalten

In der Kür von Sönke Rothenberger und Cosmo, die als letzte ins Viereck mussten, ist das Piano das vorherrschende Instrument. Angenehm wenig wuchtig ist das Arrangement, das der niederländische Kürkomponist Cees Slings für die beiden Youngster – Sönke 23, Cosmo zehn – erdacht hat. Das lässt den ohnehin schon leichtfüßigen Cosmo noch eleganter, noch tänzerischer wirken. Schlagzeug und Fortissimo setzten immer dann ein, wenn es wirklich passt, etwa in den Trabverstärkungen, die den Richtern nach Bekunden der Juryvorsitzenden Eisenhardt auch eine Elf wert gewesen wären. Manchmal ist Rothenberger etwas hinter der Musik – es ist erst das dritte Mal, dass er dieses Programm überhaupt reitet, das erste Mal in einem internationalen Wettbewerb. 85,75 Prozent bedeuten Platz zwei. Was positiv auffällt: Sönke Rothenberger sitzt tiefer „im Pferd“, Cosmo ist runder. „Ich bin froh, dass er sein Piaffen-Potenzial heute gezeigt hat“, sagt der Student, der jetzt gemeinsam mit Werth, Dorothee Schneider und Helen Langehanenberg in Richtung Europameisterschaften schaut.

Die Vierte über 80 Prozent: Catherine Dufour

Mit 81,625 Prozent landete die Dänin Catherine Dufour mit Cassidy v. Caprimond auf Rang vier. Ihre Kür beginnt sie mit Galopp an, mit Pirouetten und Zweierwechseln gleich in den ersten 30 Sekunden. Dazu singt ein Chor, der auch die folgenden Einerwechsel begleitet und präzise zum einsetzenden Glockenspiel ritt sie doppelte Pirouetten: Immer wieder klopfte die Dänin ihren Fuchs am Hals. Zu Streichern hat sie ihr Trabprogramm zusammengestellt, inklusive Passagen und Piaffe mit Richtungswechsel und herrlichen Trabtraversalen. Ein komplett entspannter aber dennoch energischer starker Schritt vervollkommnet das Bild. Ja, Durchlässigkeit kann spektakulär sein! Am Ende ritt sie nochmal Galopp und Passagen, zum Abschluss eine Fächerpiaffe.

Bei der allerersten Kür ihres Lebens Fünfte in Aachen: Therese Nielshagen (SWE) und Dante Weltino

Aachen schreibt immer wieder seine eigenen Geschichten. Eine beinahe unglaubliche lautet so: Eine 32-jährige Schwedin, blond mit blauen Augen, eine Bilderbuchvertreterin ihres Landes, reitet 2016 den ersten Grand Prix ihres Lebens mit einem Pferd, das auch nie zuvor Grand Prix gegangen ist. Ein Jahr später reitet sie die erste Grand Prix-Kür ihres Lebens. In Aachen. Und erhält 79,975 Prozent! So unglaublich es klingt, aber dies ist die Story von Therese Nielshagen und dem Oldenburger Dante Weltino v. Danone. Therese Nielshagen, die seit eineinhalb Jahren mit Klaus Balkenhol trainiert, hatte eigentlich bei den Olympischen Spielen in Rio reiten sollen. Vor Ort war der Rappe aber verletzt. Seine Besitzer, das Dressurpferdeleistungszentrum Lodbergen, hat ihm die Zeit zur Erholung gegeben. Jetzt ist er wieder da. Highlights der Kür: Wunderbar geschmeidige und gebogene Traversalen in Trab und Galopp, Zweierwechsel entlang einer „ganzen Schlangenlinie“, sprich auf gebogener Linie und über 30 Einerwechsel über zwei Halbdiagonalen. Dazu ertönen die Hits der 80er Jahre Superstars Eurhythmics wie „Sweet Dreams“ und „Must be talking to an angel“.

Das drittbeste deutsche Ergebnis lieferte Dorothee Schneider mit Sammy Davis jr. ab. Schon im gestrigen Grand Prix Special hatte sich der bayerische Rappe wohl gefühlt im Stadion. Heute sah es aus, als sei er schon immer vor ausverkauftem Haus noch zufriedener, was sich unter anderem in der besten Schritttour der drei Prüfungen in Aachen niederschlug. Für die schon in München und Balve hoch bewertete Kür zu Salsa- und südamerikanischen Klängen aus dem Soundtrack des Films „Darf ich bitten?“ (u .a. mit Richard Gere) gab es 75,075 Prozent, Platz elf. Unsauberkeiten wie ein Umspringen in der Rechtspirouette und den Einerwechseln kosteten wertvolle Punkte.


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  1. Holger Kern

    Kann man den Ritt von Isabell Werth bitte auch mal aus reiterlicher Sicht kommentieren! So als anzstrebendes Vorbild für die vielen Pseudo-Dressurreiterinnen im Basisbereich bis Kl. S…
    „Es klappte alles wie am Schnürchen…“ – bisschen dünn, für eine Reitsportzeitschrift!

  2. Bianca Arpe

    Dieser Ritt war unglaublich. Ich frage mich, warum die Richter, denn nicht viel mehr neunen und zehnen vergeben haben. Bei Isabells Rückführung vom starken Galopp in die Versammlung zur Pirouette sind mir die Tränen in die Augen geschossen. Die Rückführung erfolgte nur über Kreuz und Schenkel, das war ein unglaubliches Erlebnis. Danke Isabell für diese Reiterkunst!!


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