Westfalen-Körung 2021: Alles aus einer Hand beim Springsieger v. Classico TN und mehr

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30 Springhengste stellten sich gestern und heute der Kommission der Westfalen-Körung 2021, einer war ausgefallen, 20 wurden gekört, acht prämiert und vier auf den Endring berufen. „Kleines, feines, aber starkes Lot“ fasste Thomas Münch die Runde zusammen, die am Ende gutes Geld kostete.

Bereits seit vergangenem Jahr zeigen die Springhengste der Westfalen-Körung sich zweimal über den Stangen, einmal in der Reihe wie gewohnt und dann an einem Einzelsprung in der Mitte der langen Seite. Besonders letzteres ist interessant zu beobachten. Dieses eine Hindernis, das die Pferde selbst taxieren sollen, lässt nicht nur Vermögen und Technik der Hengste erkennen, sondern vor allem auch ihre Intelligenz und ihre Einstellung. Das war heute nicht anders. Da waren Hengste, die schienen auch noch bei der fünften Runde ein wenig überrascht, dass da auf einmal ein Hindernis vor ihnen stand. Andere wiederum standen unter Starkstrom an der Hand ihrer Ausbilder und fegten die Gegengerade herunter als wollten sie die Absperrung überspringen. Aber sobald das Hindernis vor ihnen auftauchte, lag der Fokus nur noch auf der obersten Stange und die Hengste managten „Anreiteweg“ und den Sprung selbst wirklich selbstständig. Auch interessant: Wie reagieren sie, wenn sie einmal sehr weit oder sehr dicht am Hindernis waren? Managen sie diesen Sprung noch? Und wie kommen sie das nächste Mal hin? Oder wollen sie womöglich gar nicht mehr? Letzteres kam praktisch nicht vor und helfen konnten die Hengste sich eigentlich immer. Ein einziges Mal, beim letzten Hengst, polterte es richtig. Aber das passiert auch in der Freispringreihe.

Schlechte Bilder gab es heute nicht. Dafür viele Erkenntnisse, wie zum Beispiel auch Holsteins Herr der Hengste, Norbert Boley, bestätigte. Er war nach Westfalen gekommen, um sich einen Eindruck von dieser neuen Art des Freispringens zu verschaffen: „Erstmal finde ich es gut, mal was anderes zu machen. Den einen hilft’s, für die anderen ist es nicht ganz so gut. Das ist doch anders, als wenn sie alles vorgegeben bekommen. Und es gab ja wirklich ein paar, die zeigen konnten, wie es sein soll.“ Zu sagen, dass die Hengste, die sich hier gut präsentieren, dass dann auch unter dem Reiter tun, sei ihm allerdings „zu pauschal“.  Zu pauschal zu sagen, die die es hier gut machen, werden es auch unter dem Reiter machen. „Das muss man jetzt mal abwarten, wenn die hier unter dem Sattel sind.“ Aber auch er ist überzeugt: „Das sagt vor allem etwas über das Verhalten aus.“ Ob das auch ein neuer Weg für die Youngster des Holsteiner Verbands sein könnte? „Ich werde das mit unseren Leuten mal besprechen.“

Der Siegerhengst

Das hat man selten – Züchter, Ausbilder und Besitzer des Springsiegers der Westfalen-Körung 2021 sind ein und dieselbe Person, nämlich Hendrik Zurich aus Schüttorf. Beziehungsweise Besitzer ist er inzwischen nicht mehr, aber dazu später. Zum besten Springhengst des Geburtsjahrgangs 2019 wurde die Katalognummer 71, ein Westfale v. Classico TN-Diamant de Semilly-Cumano-Cor de la Bryère, gekürt. Das Pedigree liest sich ja schonmal sehr gut, vor allem wenn man bedenkt, dass Classico TN in sich das Blut des Cornet Obolensky in Kombination mit der niederländischen Legende Burggraaf vereint und der Hengst damit auch noch Landgraf-Blut führt.

Der zum Genotyp gehörige Phänotyp ist ein harmonisches Pferd mit kraftvollem, elastischem Trabablauf. Er hatte heute zunächst vorne ein etwas ungleiches Vorderbein, war aber dennoch hoch vorsichtig, vor allem hinten. Dass er auch satt Vermögen hat, stellte er bereits gestern in der Reihe unter Beweis, wo er beim letzten Durchgang einen richtigen Gewaltsatz über dem letzten Oxer zeigte. Heute demonstrierte er, dass er das auch aus einer ungünstigen Distanz heraus reproduzieren kann. Selbst wenn es groß wurde, drückte er lässig und vor allem mutig und selbstbewusst ab.

„Vermögen für eine 12“, befand Zuchtleiter Thomas Münch. Hinzu kam die gute Balance des Schimmels. Wenn er im falschen Galopp in die Kurve kam, wechselte er von selbst. Das Fazit der Kommission: „Ein Springpferd par Excellence mit perfektem Körperpartien, das in Bewegung noch mehr an Bedeutung gewinnt. Ein Siegerhengst, wie er im Buche steht.“

Das fanden auch die Kunden. Thomas Münchs Auktionshammer fiel bei 350.000 Euro zugunsten von Bietern aus Deutschland. Aufgestellt wird der Schimmel übrigens auf der Station Schult in Hünxe, wo ja auch einer der Dressur-Prämienhengste zuhause ist.

Reservesieger: Zangersheider v. Untouchable-Balou du Rouet-Weinberg (Z.: IB Berger GmbH)

Berühmte Verwandtschaft hat der Schimmel, der zum ersten Reservesieger gekürt wurde, ein Zangersheider v. Untouchable. Seine Mutter, die Verbandsprämienstute Baroness v. Balou du Rouet-Weinberg-Portofino hat schon drei gekörte und zum Teil auch bereits international erfolgreiche Söhne: Comilfo Plus Z und Comme Prévu (beide v. Comme il faut) und Quasi Plus v. Quasimodo van het Molendreef, der 2019 in Münster Prämienhengst war.

Der nächste gekörte Sohn der Baroness wirkte heute zunächst reichlich aufgeregt, wie er da schnaubend (oder wie Thomas Münch es nennt „fauchend“) in die Bahn kam. Aber er war einer derjenigen, die sich dann zu zeigen wussten, wenn ihnen ein Hindernis in den Weg gestellt wurde. Dann fokussierte er sich, half sich geschickt, drückte lässig ab und zeigte einen vermögenden Sprung mit guter Rückentätigkeit.

Münch: „Ihm fehlt es noch an körperlicher Reife, aber im Interieur hat er sie. Ein blütiges Pferd mit ganz viel Saft und ganz wachem Habitus. Dazu ein Hengst mit ganz athletischem Abdruck, viel Übersicht, stets die oberste Stange im Visier. Er hat sich heute vom Feinsten konzentriert und sich von Runde um Runde gesteigert.“

Seinen neuen Besitzern, die vor Ort mitgeboten haben, war der Schimmel 180.000 Euro wert.

2. Reservesieger Westfale v. Stakkato Gold-À la Carte-Cornet Obolensky (Z.: Heinrich Ramsbrock)

Ein „Extra-Scharnier im Rücken“ vermutete die Körkommission bei dem einen der zwei Zweiten Reservesieger, dem westfälischen Stakkato Gold-Sohn, der in der Tat unglaublich beweglich im Rücken ist und mit den Hinterbeinen nicht mal in die Nähe der Stange kam. Insgesamt hatte er sehr gute Reflexe und wusste sich auch ansprechend zu bewegen. Und bei aller Vorsicht lobte die Kommission vor allem auch das Selbstbewusstsein des Braunen, der auch dann noch mutig zusprang, wenn es weit wurde. Das kommt nicht von Ungefähr. Die Mutter des Hengstes aus der Zucht von Heinrich Ramsbrock ist die À la Carte-Cornet Obolensky-Tochter À la Calinca, Siegerstute der Eliteschau 2015.

Kommentar: Unheimlich viel Möglichkeiten in der Rückenaktivität. Dann diese Berührung und auch wenn es groß wurde, trotzdem mutig zugesprungen.

Der Braune ist WFFS positiv. Das hat die Begehrlichkeiten allerdings keineswegs geschmälert. Zuschlagspreis: 120.000 Euro an einen Kunden in der Halle.

2. Reservesieger Nr. 85 DSP v. Ogano Sitte-Acord II-Gimpel (Z.: Gabriele Eder)

Ein in Bayern geborener Deutscher Sportpferde-Hengst mit belgischem Vater wurde zum Zweiten Reservesieger Nummer zwei gekürt: der Sohn des Ogano Sitte aus einer Acord II-gimpel-Mutter. Er wurde bei Mathieu Beckmann aufgezogen, wechselte aber schon vor der Körung in den Besitz der Station Nijhof in den Niederlanden. Dass man ihn dort nicht verkaufen, sondern lieber selbst aufstellen möchte, ist nachvollziehbar, wenn man den Hengst hat springen sehen. Ein richtiges Flugzeug! Er hat zwar auch sein Gesicht von seinen belgischen Verwandten mitbekommen, aber eben auch das Vermögen. Überhaupt ist der Braune ein sehr kraftvolles Pferd, das egal ob aus dem Trab, ob aus weiter oder dichter Distanz, immer einen perfekten Sprung zeigte.

Münch: „Der Hengst ist mit das stabilste Pferd, das wir präsentieren durften. Sicherlich, ein bisschen mehr Charme wäre wünschenswert. Aber das ist ein Hengst der wirklich mit grenzenlosem Vermögen ausgestattet ist.“

Die weiteren Prämienhengste

Nr. 62 v. Balounito-Cornet Obolensky-Ramiro’s Son (Z.: ZG Dammann/Graf)

Im Katalog steht der Hengst als Schwarzbraun, doch wenn man das Gesicht anschaut, könnte er auch noch ein Schimmel werden wollen. Am Einzelsprung hat er heute etwas gestutzt, als es zum ersten Mal groß wurde, doch dann ist er von sich aus energisch zugesprungen und zeugte dabei eine gute Technik.

Auf der Auktion wurde er für 46.000 Euro an Kunden in der Halle verkauft.

Nr. 70 Westfale v. Checkter-Cornet Fever-Pilot (Z.: Carmen und Jörg Ohmen)

Ein bildschöner Schimmel, der sich auch ansprechend bewegt. Am Sprung wurde er von Mal zu Mal besser. Bei der ersten Runde unterlief er den Sprung noch, dann hat er angefangen, sich den Ablauf einzuteilen. Sehr vorsichtig, viel Vermögen, aber eher der Typ, der die Hinterbeine einzieht, statt sie nach hinten zu öffnen.

Gestern habe er sich noch etwas festgehalten, subsummierte Münch, heute habe er die Kommission aber mit seiner Einstellung, seinem Selbstbewusstsein und seiner guten Beweglichkeit im Körper überzeugt.

Sechs Interessenten wollten den Schimmel haben. Der Zuschlag ging bei 70.000 Euro an einen Kunden vor Ort. Er bezieht Station auf dem Gestüt Gut Neuenhof bei Familie Schürner.

Nr. 80 KWPN v. Golddigger-Clinton-Saros xx (Gerard Oosterik, Niederlande)

Ganz beweglich im Körper und dementsprechend auch am Sprung präsentierte sich dieser Schimmel aus niederländischem Züchterstall. Dazu war er flink auf den Füßen mit blitzschnellen Reflexen.

Die Lockerheit des Hengstes habe sie schon auf der Dreiecksbahn überzeugt, sagte Thomas Münch. Und weiter: „Er ist ein sehr vorsichtiges Pferd, das dann zum Schluss etwas krampfig wurde, weil er eben so vorsichtig ist. Aber wie wir finden, handelt es sich hier um ein Pferd mit den perfekten Eigenschaften für einen zukünftigen Spitzensportler.“

Ein Kunde vor Ort investierte 77.000 Euro in diesen zukünftigen Spitzensportler. Er wird künftig im Landgestüt Warendorf seinen Hafer fressen.

Nr. 92 Rheinländer v. Untouchable-Lux-Salut (Z.: Didier Jacquemin, Belgien)

Noch so ein Kandidat Marke Traumpferd – der Schimmel mit dem hübschen Gesicht und dem ausdrucksvollen Auge gebärdete sich heute zunächst recht wild, glänzte aber von Anfang an mit elastischen Bewegungen und einer sehr guten Technik nicht nur am, sondern auch vor dem Sprung. Sobald er das Hindernis sah, konzentrierte er sich. Sehr clever! Und dabei auch noch Vermögen ohne Ende.

Münch befand: „Ein Pferd mit viel Kraft und Elastizität im Körper, das auch an den höchsten Abmessungen viel Mut zeigte. Dazu ist er herrlich aufgemacht, wenn auch noch etwas jugendlich in der Entwicklung. Aber ein Pferd, das hier und heute sehr gut glänzen konnte.“

Das fand auch die Kundschaft – 140.000 Euro teuer war der rheinisch eingetragene Beau aus Belgien, der in Deutschland bleiben wird.

Weitere auffällige Pferde

Nicht nur die Prämienhengste wussten zu gefallen und fanden guten Absatz. So legten beispielsweise Kunden aus Georgien 80.000 Euro für die Katalognummer 73, einen braunen Cornet Obolensky-Sohn aus einer Cloney-Calido-Mutter an (Z.: Heinrich Grüppemeier, Maasen), der den Einzelsprung zunächst etwas zögerlich anzuziehen schien, aber nach zwei Runden den Job verstanden hatte und dann durchaus souverän sprang. „Ein Pferd mit ganz viel Technik, Übersicht und Vermögen“, befand die Körkommission.

Auch toll: die Nummer 78 v. Emerald van’t Ruytershof-Ahorn-Baloubet du Rouet aus niederländischer Zucht und westfälischer Aufzucht. Der Fuchs steht noch sehr in der Entwicklung, aber es ist erkennbar, dass er mal ein Kraftprotz werden wird. Am Sprung sah er hin und wusste dann immer, was zu tun ist, egal aus welcher Lage. Philipp Weishaupt erhielt den Zuschlag bei 70.000 Euro.

Weitere Infos zur Westfalen-Körung 2021 finden Sie hier.

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