Anatomie des Pferdes und Pferdetraining mit Gillian Higgins

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Die gesunde Körperhaltung zu fördern, ist unverzichtbarer Bestandteil des Pferdetrainings. (© Kosmos Verlag)

Die Anatomie umfasst nicht nur Knochen, Muskeln, Sehnen und Bänder des Pferdes, sondern auch die inneren Organe. Gillian Higgins zeigt sehr anschaulich, wie Anatomie, Bewegungsmöglichkeiten und Leistung des Pferdes von einander abhängen.

Probleme entstehen häufig durch Unverständnis.
 Diese Erfahrung aus ihren Seminaren ließ die Britin Gillian Higgins zu Pinsel und Farbe greifen.

Warum theoretisch Dinge erklären, wenn man diese den Menschen praktisch vor Augen führen kann?

So entstand die Idee, Reitern die Anatomie ihrer Pferde am lebenden Objekt zu demonstrieren.

Kosmos Verlag

Basisbuch Pferdeanatomie (© Kosmos Verlag)

Das erste und wohl auch bekannteste Werk von Gillian Higgins dürfte das Buch „Anatomie verstehen – Besser Reiten“ sein.

Das Wissen um die Anatomie des Pferdes, von Asymmetrien, dem Zusammenspiel von Organen, Muskeln und Bewegungsabläufen, kann das Training positiv beeinflussen und zur Gesunderhaltung des Pferdes beitragen.

Gillian Higgins macht Pferdeanatomie verständlich

Die Engländerin Gillian Higgins bemalt seit vielen Jahren Pferde mit hautfreundlicher Farbe zum Abwaschen und Ausbürsten. Lieblingsmodels: Schimmel, wie ihr eigener Freddie Fox, ein in Rente gegangenes Vielseitigkeitspferd mit Doppelleben. Einst Athlet bis zur schweren Klasse, heute, 
im Rahmen von Gillians Vorträgen das geduldige, buntbemalte Model.

Ziel von Gillians „horses inside out“: Das anschauliche Lehren von Anatomie und
 die daraus folgende Anwendung unterm Sattel. „Ich habe als gelernte Sporttherapeutin für Pferde und Reiter immer wieder die gleichen Fragen beantworten müssen und eines Tages damit begonnen, gewisse Bereiche auf dem Pferdekörper mit Kreisen hervorzuheben. Da konnte ich oft regelrecht den Aha-Moment in den Gesichtern meiner Zuhörer sehen. Später malte ich dann kleine Ausschnitte der Anatomie auf die Pferde. Von da ging es dann immer weiter.“ Etwa vier bis sechs Stunden braucht sie für jedes Design und bemalt die Pferde vor den Vorträgen.

Ob sie im Studium (Sportmassage und Equine Science) an Erfolg durchs Bemalen von Pferden gedacht hat? „Ich habe mir vieles vorgestellt, aber nicht, dass ich zusammen mit Freddie in einem TV-Studio stehe und Dehnübungen vormache.“ Ihre Überzeugung: „Je mehr wir wissen, desto besser können wir das beim Reiten bewusst und pferdefreundlich umsetzen.“

Der Aufbau des Pferdekörpers

Die Anatomie ist die Lehre von den Körperstrukturen und der Beziehung aller Körpersysteme zueinander. Anatomische Kenntnisse sind für jeden Reiter, Ausbilder und Pferdesportler äußerst wichtig. Sie erlauben uns, die Dynamik der Bewegungen zu verstehen und unser Pferd sich unter dem Reiter frei bewegen zu lassen, ohne Gelenke, Sehnen und Bänder übermäßig zu belasten. Das Verständnis der Anatomie macht aus einem guten Reiter, Ausbilder, Therapeuten, Sattler oder Hufschmied einen exzellenten. Es ist entscheidend für das Erreichen des Leistungsoptimums und für das Verständnis der Grenzen Ihres Pferdes.

Die Wirbelsäule

Die Wirbelsäule im Pferderücken ist ein komplexes Gebilde aus Wirbeln, Bandscheiben, starken Bändern und Gelenken. Als Brücke zwischen Vor- und Hinterhand leitet sie den Schub von hinten nach vorne und trägt das Gewicht des Verdauungstrakts ebenso wie das Gewicht des Reiters. Sie besteht aus fünf Abschnitten. Alle Wirbel haben zwar die gleichen Strukturen, doch ändert sich deren Form jeweils am Übergang zum nächsten Abschnitt.
 Jeder Wirbel hat Vorsprünge, an denen Muskulatur und Bänder ansetzen, und durch jeden läuft der Wirbelkanal, in dem sich das Rückenmark befindet. Letzteres überträgt Signale zwischen dem Gehirn und dem Rest des Körpers.

Die Vorderbeine

Die Vorderbeine, die als zwei knöcherne Säulen fungieren, sind mit dem Rumpf über die thorakale Muskelschlinge verbunden. Diese Schlinge aus Muskeln und Bindegewebe erlaubt dem Pferd zu wenden und fängt Erschütterungen ab, besonders bei der Landung nach einem Sprung. Die Vorderbeine dienen vor allem zum Tragen des Gewichts und tragen zur Balance, zu Wendungen und zum Abbremsen bei.

Die Hinterbeine

Die Hinterbeine sind über das Becken und das Kreuzdarmbeingelenk mit der Wirbelsäule verbunden. Die Knochen sind groß und stark, um den in der Hinterhand erzeugten enormen Kräften standhalten zu können. Die wichtigste Funktion der Hinterbeine ist es, Schub zu erzeugen. Winkelung und Länge der Knochen bestimmen über das Ausmaß an Beweglichkeit, Vorwärtsschub und Raumgriff, also über die sportlichen Möglichkeiten. Je ausgeprägter die Winkelung, desto mehr Beugung ist möglich und desto besser ist das Pferd für das Springen und höhere Dressurlektionen geeignet. Ein Pferd mit steilerer Winkelung kann Erschütterungen schlechter abfangen und federt weniger.

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Es gibt viele verschiedene Muskelketten im Pferdekörper, die zusammenarbeiten, um geschmeidige, fließende Bewegungen zu ermöglichen. (© Kosmos Verlag)

Die Muskeln des Pferdes

Es gibt Hunderte Skelettmuskeln im Pferdekörper. Sie erzeugen Bewegung, indem sie Kraft über Sehnen auf Knochen übertragen, um Gelenke zu bewegen. Muskellänge, -kraft und -tonus bestimmen die Stabilität des Skeletts.

Die Muskeln arbeiten paarweise. Zieht ein Muskel, der Agonist, sich zusammen, verlängert sich sein Gegenspieler, der Antagonist. Dieses Prinzip gilt ebenso für Muskelgruppen und -ketten, die Bewegungsmuster und Körperhaltung beeinflussen.

Die Sehnen in der Anatomie des Pferdes

Sehnen verbinden die Skelettmuskeln mit den Knochen. Sie bestehen aus dicht an dicht parallel laufenden Kollagenfasern in langen Strängen, die sehr reißfest sind, aber wenig elastisch. Sehnen entspringen im Muskelbauch und ziehen in den Knochen hinein. Da sie nur begrenzt mit Blut versorgt werden, heilen sie nach Verletzungen schlecht. Weil Pferde unterhalb von Sprung- und Vorderfußwurzelgelenk keine Muskeln haben, müssen die Sehnen die in Bewegungen wirkenden Kräfte abfangen. Wird eine Sehne oder auch ein Band verletzt, sind die Fasern im entstehenden Narbengewebe unorganisiert und weniger belastbar.

Die Bänder im Pferdekörper

Bänder verbinden Knochen über Gelenke hinweg miteinander. Sie bestehen aus relativ unelastischen weißen und elastischeren gelben Bindegewebsfasern. Wie dehnbar ein Band ist, hängt vom Mengenverhältnis der beiden Fasertypen ab sowie von der Funktion und dem Bewegungsradius des jeweiligen Gelenks. Bänder an Gelenken mit größerem Bewegungsradius benötigen einen höheren Anteil an gelben Fasern. Das Nackenband im Hals beispielsweise muss stärker dehnbar sein als die Seitenbänder an den Scharniergelenken der Beine.

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Die wichtigen Bänder im Pferdekörper. (© Kosmos Verlag)

 

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Anatomie-Buch: Innere Organe (© Kosmos Verlag)

Die inneren Organe beeinflussen nicht nur Gesundheit und Leistung des Pferdes, sondern können ebenfalls sichtbar gemacht werden. Es lässt sich beispielsweise veranschaulichen, wie das Atmungssystem trainiert werden kann.

Wer einmal genau wissen möchte, wie das Innere des Pferdes funktioniert, dem sei „Anatomie verstehen – Die inneren Organe“ ans Herz gelegt.

Der Körperbau des Pferdes und die gesunde Haltung

Eine gute Körperhaltung entsteht durch ein harmonisches Zusammenspiel von muskulärer und skelettaler Balance, wenn jedes Gelenk korrekt gewinkelt ist und jeder Muskel effizient arbeitet. In Bewegung gehört zur korrekten Körperhaltung, sich selbst zu tragen und im Gleichgewicht zu bleiben. Ohne eine gute Balance kann das Pferd sich nicht sicher, anmutig und effizient selbst tragen.

Eine schlechte Körperhaltung kann zur falschen Ausrichtung der Wirbelsäule führen, zu unnötigen Belastungen der Gelenke und Muskeln, zu Schäden am unterstützenden Bindegewebe sowie zu chronischen Schmerzen.

Ungleichmäßige, unnatürliche Krafteinwirkung bei schlechter Körperhaltung kann Knochenzubildungen wie Überbeine und Knochensporne hervorrufen, ebenso wie Arthrose, bei der Gelenkknorpel in Knochen umgewandelt wird. Neigt das Pferd dazu, auf der Vorhand zu arbeiten, wirken dort größere Belastungen, wodurch eher knöcherne Veränderungen auftreten und die Beweglichkeit einschränken.

Reiterverantwortung für einen gesunden Pferdekörper

Der Körperbau eines Pferdes wird durch seinen Knochenbau bestimmt, durch seine Rasse und seine Gene. Wird es mit einem langen Rücken, steiler Schulter und kurzen Fesseln geboren, lässt sich daran nichts ändern. Zwar kann es den Anschein haben, als ob der Körperbau sich ändert, wenn das Pferd zum Beispiel im Training mehr Muskeln aufbaut und seine Oberlinie sich verändert, doch die darunterliegenden anatomischen Strukturen bleiben gleich.

Jede Disziplin stellt andere Ansprüche an die Körperhaltung des Pferdes, doch unabhängig von Rasse, Exterieur und Typ macht eine gute Haltung das Beste aus dem Körperbau des Pferdes. Unsere Verantwortung ist es, zum persönlichen Trainer unseres Pferdes zu werden und uns um jeden Aspekt seines Wohlbefindens, insbesondere seine Körperhaltung, zu kümmern.

Trainingsbasis Vorwärts-Abwärts-Haltung

Da die Haltung von Kopf und Hals den Rücken und damit die gesamte Körperhaltung beeinflusst, sollte jedes Training, gleich ob unter dem Reiter oder an der Longe, in Vorwärts-Abwärts-Haltung begonnen werden. Davon profitieren alle Pferde, besonders junge oder schwache.

In der tiefen Kopfhaltung:

  • hilft der Zug am Nackenband über das Dornfortsatzband, den Rücken zu tragen
  • sind die Abstände zwischen den Dornfortsätzen größer und die Brust-Lenden-Wirbelsäule ist stärker gebeugt, sodass sie das Reitergewicht leichter tragen kann
  • entstehen mehr Rotation und Seitwärtsbiegung im hinteren Brust- und im Lendenbereich
  • ist das ungehinderte Durchziehen der Spinalnerven durch den Wirbelkanal möglich
  • werden die Muskeln der thorakalen Muskelschlinge vermehrt rekrutiert und die Muskeln am zervikothorakalen Übergang (im unteren Bereich der Halswirbelsäule), die den Halsansatz heben und die Vorhand tragen, werden gestärkt
  • können Rückenprobleme gelindert, oder in manchen Fällen verhindert werden. Es ist eine sehr nützliche, schmerzlindernde Haltung vor allem für ältere Pferde oder solche mit Kissing Spines und anderen Rückenproblemen
  • werden die Bauchmuskeln vermehrt eingesetzt
  • wird die mentale Entspannung gefördert.

Aufrichtung im Fortgeschrittenen Training

Arbeitet das Pferd entspannt über den Rücken, ist es Zeit, es kraftvoller arbeiten zu lassen, die Anlehnung aufzunehmen, die Hinterhand stärker untertreten zu lassen und den Halsansatz aufzurichten. Die an das Alter und den Ausbildungsstand angepasste Aufrichtung sollte entspannt und losgelassen beibehalten werden können.

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Aufrichtung und Versammlung erfordern vom Pferd viel Kraft und einen fitten, gut aufgebauten Körper. (© Kosmos Verlag)

Werden Hals und Kopf aufgerichtet:

  • sollte die Nase in oder leicht vor der Senkrechten liegen
  • ist mehr isometrische und exzentrische Muskelarbeit nötig, um Kopf und Hals zu halten
  • kontrahieren Splenius und Oberlinienmuskeln isometrisch, um die Halsbeugung zu halten
  • ist die Halsbasis aufgerichtet, sodass die Muskeln der thorakalen Muskelschlinge sich verkürzen, um eine stabile Basis für ausdrucksvolle Vorhandbewegungen zu bilden
  • wird das Lumbosakralgelenk stärker gebeugt, die Hinterhand tritt weiter unter und nimmt mehr Gewicht auf.

Die Aufrichtung zu erreichen oder aufrechtzuerhalten erfordert:

  • Geduld, da sie schrittweise erarbeitet werden muss
  • Vorbereitung der Muskeln in Vorwärts-Abwärts-Haltung vor jeder Übungseinheit
  • Schwung, Untertreten der Hinterhand und Geraderichtung
  • einen aufrechten Sitz, der die Vorhand entlastet
  • ein Verlagern des Schwerpunkts nach hinten, durch Kräftigung der Hinterhand-, Rücken- und Halsmuskeln
  • Arbeiten von hinten, mit Hilfe versammelnder Übungen wie Übergängen und Rückwärtsrichten
  • Phasen, in denen das Pferd sich strecken kann, um Muskelverspannungen zu lösen.

Der Weg zur Versammlung

Der Weg zur Versammlung beginnt, sobald wir mit dem Pferd umgehen. Wirkliche Versammlung erfordert Balance, Schwung, skelettale Reife, korrekte Haltung und gut trainierte Muskeln. Sie bildet die Spitze der Ausbildungsskala aus Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung und Geraderichten. Das Pferd muss seine Gelenke beugen, mehr Gewicht auf die gesenkte Hinterhand bringen und gleichzeitig den Rahmen verkürzen sowie die Vorhand heben.

Es ist ein schrittweiser Prozess, der Zeit, Geduld und jahrelange Konditionierung des Bewegungsapparats erfordert. Da Pferd und Reiter ständig lernen und sich entwickeln, ist es ein Weg, der niemals endet.

Mit jedem Meilenstein, den das Pferd erreicht, verändern sich die Anforderungen und es gibt immer Raum für Verbesserungen. Je weiter wir auf dem Weg kommen, desto anspruchsvoller werden die Aufgaben und desto länger dauert es, sie zu erreichen.

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Anatomie-Buch: Gesundheitsfördernd reiten (© Kosmos Verlag)

Interessierte finden in dem 2017 erschienen Buch „Anatomie verstehen – gesundheitsfördernd reiten“ neben der Anatomie-Basis noch viele weitere Übungen und Lektionen.

Verständnisvoll, geduldig und einfühlsam zu reiten, mit dem Wohlergehen, der Anatomie und der Körperhaltung des Pferdes im Hinterkopf, schenkt dem Pferd die beste Chance auf ein erfolgreiches, gesundes und glückliches Leben. Uns Reitern schenkt es Freude und Zufriedenheit über eine gute Arbeit.

Gillian Higgins

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