Arthritis – Die Gelenkentzündung beim Pferd

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Gesunde Gelenke sind für Mobilität und Wohlbefinden essenziell – Ein Verdacht auf eine Gelenkentzündung sollte zügig abgeklärt werden. (© www.slawik.com)

„Irgendetwas stimmt nicht“ – wenn ein Gelenk entzündet ist, lahmen die meisten Pferde, aber eben nicht alle. Hier sind aufmerksame Pferdebesitzer und erfahrene Tierärzte gefragt, um eine Gelenkentzündung frühzeitig zu erkennen.

Ein Bocksprung auf der Weide, ein Tritt in ein Loch beim Ausritt – wenn ein Gelenk seine Belastungsgrenze überschreitet, etwa durch zu starke Überdehnung oder Überdrehung, dann bleibt dies nicht immer ohne Folgen – beim Menschen würde man von einer Verstauchung sprechen, beim Pferd von einer Gelenkentzündung – einer Arthritis.

Wie kommt es zur Gelenkentzündung des Pferdes?

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Gelenkaufbau: 1. Knochen 2. Knorpel 3. Gelenkhöhle mit Gelenkschmiere (Synovia) 4. Gelenkbänder (© Fotolia)

„Die Durchblutung im Bereich der Gelenkkapsel wird gesteigert, die Gefäße sind vermehrt durchlässig und es bildet sich ein Ödem der Synovialmembran, also der inneren Schicht der Gelenkkapsel und in der Folge ein Gelenkerguss“, erklärt Tierarzt Dr. Friedrich Appelbaum von der Tierarztpraxis Odenkirchen.

In erster Linie ist die Gelenkkapsel entzündet, wodurch es zu einer Vermehrung der Gelenkflüssigkeit kommt und der Gelenkerguss entsteht. Automatisch verändert sich dabei die Zusammensetzung der Synovialflüssigkeit. Dabei nimmt auch der Gehalt an Hyaluronsäure deutlich ab.

Entzündungsprodukte und Gleitfähigkeit des Gelenks

Hierdurch wiederum sinkt die Gleitfähigkeit des Gelenks, das heißt das Gelenk wird nicht mehr richtig geschmiert. Zudem treten Entzündungsprodukte und Enzyme im Gelenk auf, die den Knorpel direkt angreifen und zusätzlich schädigen.

Mit einer einfachen Untersuchungsmethode kann der Tierarzt feststellen, ob die Synovialflüssigkeit von guter Qualität ist. Hierbei gibt er von der aus dem Gelenk gewonnenen Synovialflüssigkeit einen Tropfen auf den Daumen und berührt diesen anschließend mit dem Zeigefinger. Normalerweise entsteht dann ein Faden, der ca. 2,5 bis 5 Zentimeter lang ist, bevor er reißt. Je geringer die Fadenlänge ist, umso zähflüssiger ist die Synovialflüssigkeit und je zähflüssiger die Synovialflüssigkeit, desto schlechter wird das Gelenk geschmiert.

„Natürlich kann man auch mit Laboruntersuchungen die genaue Zusammensetzung der Gelenkflüssigkeit feststellen. Insbesondere kann man damit erkennen, ob Knorpel oder gar Knochenzellen enthalten sind, was bereits auf einen weiter fortgeschrittenen Krankheitsprozess hinweist“, erklärt Dr. Rüdiger Brems von der tierärztlichen Pferdeklinik Wolfesing.

Kommt es im weiteren Verlauf der Gelenkentzündung zu degenerativen Gelenkveränderungen, entwickelt sich die anfängliche Arthritis zu einer Arthrose.

Athritis, Synovialitis und Kapsulitis

Eine akute Arthritis, bei der die Innenauskleidung der Gelenkkapsel entzündet ist, nennt man Synovialitis. Ist die gesamte Gelenkkapsel betroffen, spricht man von Kapsulitis. „Abhängig von der Stärke der Verletzung (Trauma) kann es sein, dass auch andere wichtige Strukturen wie Bänder und Knorpel in Mitleidenschaft gezogen worden sind“, berichtet der Tierarzt aus seiner langjährigen Erfahrung.

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Plötzliche Auffälligkeiten können unterschiedliche Ursachen haben – missmutig oder vielleicht unglücklich vertreten? (© www.slawik.com)

Symptome einer Gelenkentzündung des Pferdes

„Oft bemerkt der Reiter eine Gelenkentzündung nur daran, dass das Pferd lahmt“, so Dr. Friedrich Appelbaum. „Das kann zwischen sehr gering bis hochgradig ausgeprägt sein.“

Prinzipiell ist eine Entzündung immer verbunden mit Rötung, Wärme, Schwellung, Schmerz, Bewegungsbeeinträchtigung. Allerdings ist die Rötung an einem Pferdebein nicht zu sehen, Wärme wird immer subjektiv empfunden, die Schwellung kann durchaus gering sein und am Ende weist wieder nur die Lahmheit darauf hin, dass offenbar „irgendetwas nicht stimmt“.

Je nachdem wie stark das Gelenk entzündet ist, kann es auch geschwollen sein: Bei einer Fesselgelenksentzündung ist dann der Fesselkopf dick, beim Hufgelenk sieht man eine vermehrte Füllung teilweise durch einen erhöhten Kronrand. Beim Sprunggelenk oder auch Vorderfußwurzelgelenk kann der Tierarzt eine vermehrte Füllung des Gelenkes ertasten, beim Krongelenk sieht man in aller Regel nichts.

Wenn die Gelenkentzündung im unteren Gliedmaßenbereich liegt, lässt sich eventuell auch eine vermehrte Pulsation ertasten. Um eine systematische Lahmheitsuntersuchung kommt man allerdings nicht herum.

Diagnose der Gelenkentzündung

Um herauszufinden, welches Gelenk betroffen ist bzw. ob die Ursache der Lahmheit und der möglichen Schwellung und Wärme nicht ganz woanders zu suchen ist, wird der Tierarzt das betroffene Pferdebein systematisch untersuchen.

Röntgenbild und Leitungsanästhesie

„Als erstes wird im Regelfall ein Röntgenbild angefertigt, damit zum Beispiel eine Fraktur oder ein Haarriss ausgeschlossen werden können. Dann wird das Bein Stück für Stück von unten nach oben betäubt und danach das Pferd immer wieder vorgetrabt, um den Bereich zu bestimmen, in dem die Ursache für die Lahmheit zu suchen ist“, schildert Dr. Friedrich Appelbaum das Vorgehen des Tierarztes.

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Besteht der Verdacht auf eine Arthritis, schließt das Röntgenbild zunächst Frakturen und Haarrisse aus. (© www.slawik.com)

Beugeprobe

Im Rahmen der Lahmheitsuntersuchung werden auch Beugeproben gemacht. Das Gelenk, das im ermittelten Bereich liegt, wird dann in der Regel am Folgetag direkt anästhesiert (das Pferd muss nach den zuerst durchgeführten Leitungsanästhesien wieder lahm sein).

„Das macht man deshalb nicht gleich, weil jede Injektion in ein Gelenk immer ein gewisses Infektionsrisiko beinhaltet“, erklärt der Tierarzt. Wenn diese Gelenkanästhesie dann positiv ist, ist klar, dass die Lahmheitsursache dort zu suchen ist.

Das Gelenk des Pferdes punktieren

Schon bei der Gelenkpunktion gewinnt der Tierarzt wertvolle Informationen. Wie viel Gelenkflüssigkeit fließt spontan ab, welche Farbe und Viskosität hat die Gelenkflüssigkeit? Zudem kann man die gewonnene Flüssigkeit noch weiter in einem Labor untersuchen lassen, wie z.B. auf Knorpelabrieb oder den Gehalt an Blutkörperchen.

Keine klare Diagnose?

Mit dem Ultraschall werden Weichteile wie Sehnen untersucht, mit dem Röntgengerät die Knochen – pauschal lässt sich das so sagen, dennoch können Gelenkprobleme nicht immer nur mit Röntgen diagnostiziert werden.

„Ursache dafür ist zunächst der Aufbau eines Gelenks: Es besteht nicht nur aus Knochen, sondern auch aus weicherem Knorpel oder zum Beispiel der Synovialis, also der Auskleidung der Gelenkkapsel“, erklärt Prof. Walter Brehm von der Veterinärmedizinischen Fakultät und Klinik für Pferde der Universität Leipzig. Liegt hier zum Beispiel eine Entzündung vor, wird auf einem Röntgenbild nichts zu sehen sein. Das Pferd aber zeigt deutlich Schmerzen, denn vor allem in der Synovialis liegen sehr viele Schmerzrezeptoren.

Schmerzrezeptoren an Knochen und Gelenk

„Man hat in Studien herausgefunden, dass die Gelenkkapsel und die Synovialis sehr dicht mit Schmerzrezeptoren besetzt sind“ berichtet Prof. Brehm. „Am Knochen sitzen ebenfalls sensible Rezeptoren, aber nicht mehr so dicht wie in den Weichteilen des Gelenks. Und im Knorpel sind keine Rezeptoren zu finden.“ Aber auch Veränderungen im Inneren eines Knochens oder Probleme, die noch nicht hochgradig sondern erst im Entstehen sind, lassen sich mittels Röntgen nicht immer aufdecken.

„Eventuell kann dann eine Szintigrafie helfen, um das Problem zu orten. Sicher erkennen kann man es jedoch nur im Magnetresonanztomografen (MRT)“, weiß der Tierarzt.

Therapie einer Gelenkentzündung des Pferdes

„Grundsätzlich kann auf zwei Wegen die lahmheitsverursachende Entzündung therapiert werden. Zum einen können dem Patienten entzündungshemmende Medikamente per Injektion und/oder über das Futter verabreicht werden, zum anderen ist eine direkte Medikamentengabe in das betroffene Gelenk möglich“, erläutert Dr. Appelbaum.

Die Standardtherapie bei Gelenkentzündungen ist eine Gelenkinjektion mit Kortison als Entzündungshemmer oder eine Kombination von Hyaluronsäure und Kortison. Die Hyaluronsäure hat hierbei sowohl eine ernährende als auch eine entzündungshemmende Funktion, um die „Gleitfähigkeit“ der Gelenkflüssigkeit wieder herzustellen.

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In der Behandlung einer Gelenkentzündung gibt es verschiedene Ansätze. (© www.slawik.com)

Vorsicht bei Kortison

Je nach Krankheitsverlauf kann eine solche Gelenkinjektion in angemessenen Abständen auch mehrmals durchgeführt werden. Eine zu häufige Anwendung von Kortison im Gelenk ist in der Therapie aber umstritten, weil es nicht nur die Entzündung unterdrückt, sondern auch schädliche Effekte auf den Gelenkknorpel ausüben kann.

„Wird Kortison zu hoch dosiert und zu oft injiziert, stimuliert es die Knorpelzellen dazu, bestimmte Enzyme zu produzieren, die das Gerüst des Knorpels zerstören. Der Knorpel wird geschwächt und beschädigt“, erklärt Tierarzt Prof. Brehm. „Dennoch ist Kortison ein hervorragendes Medikament, um akute Gelenkentzündungen mit Schwellungen und Schmerzen zu behandeln, wenn man es niedrig dosiert. Denn wenn die Entzündung zu lange dauert, schädigt das auf jeden Fall den Knorpel.“

Wenn der Knorpel bereits geschädigt ist

Kann ein Tierarzt erkennen, dass der Knorpel bereits geschädigt ist, sollte sicherheitshalber auf eine Therapie ohne Kortison zurückgegriffen werden, wie z.B. auf Hyaluronsäure, IRAP, PRP oder eine Stammzellentherapie. Leider lässt sich meist nur im aufwändigen und teuren MRT feststellen, wie der Knorpel aussieht. Nur selten kann man es mittels Ultraschalles erkennen.

„Für eine erste Diagnose ist dies viel Aufwand. Am besten ist es, sich auf die Erfahrungen des Tierarztes zu verlassen, der das Pferd kennt und berücksichtigt, dass zu hohe Kortisondosierungen ungünstig sind“, rät Prof. Brehm.

Im Vordergrund der Therapie steht, den Teufelskreis der Entzündung zu durchbrechen, zu hoffen, dass der Heilungsprozess überwiegt und die Ausheilung zu fördern, indem man die Belastung des betroffenen Gelenks verringert.

Fragen Sie deshalb Ihren Tierarzt auch, wie Sie Ihr Pferd bewegen sollten bzw. dürfen und ob ein orthopädischer Beschlag zusätzlich helfen könnte.

Nachsorge und Reha eines betroffenen Pferdes

Nach der Gelenkinjektion ist kontrolliertes Schrittgehen angesagt. Ein- bis zweimal am Tag eine halbe Stunde bis Stunde Schritt reiten oder führen sind die Regel. Über zwei bis drei Wochen sollte das Pferd nicht unkontrolliert auf der Weide toben und keine engen Wendungen gehen. Nach drei Wochen wird der Tierarzt den Heilungsverlauf kontrollieren. Ist das Pferd lahmfrei, kann das Bewegungsprogramm langsam über weitere drei Wochen gesteigert werden.

Grünlippmuschel, Hyaloronsäure und Schwefel können unterstützen

Dazu begleitend können bestimmte Nährstoffe wie z.B. Glukosamine (Grünlippenmuschelextrakt), Hyaluronsäure oder Schwefelverbindungen zugefüttert werden. „Wissenschaftlich ist es schwer abzubilden, dass diese Produkte immer positiv wirken. Aber man hört immer wieder von Tierärzten oder Pferdebesitzern, dass sie gute Erfahrungen damit gemacht haben. Schaden werden sie sicherlich selten. Also am besten den eigenen Tierarzt fragen, welche Erfahrungen er mit den unterschiedlichen Produkten gemacht hat und was er empfehlen kann,“ rät Prof. Walter Brehm.

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