Darmverschlingung beim Pferd: Die unsichtbare Gefahr

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Achtung: untypisches Verhalten genau beobachten. (© Martin Schlemm - www.pixelio.de)

Eine Darmverschlingung löst Bauchschmerzen und Koliksymptome aus. Sie ist eine Sonderform der Koliken und kann lebensgefährlich sein, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt und behandelt bzw. operiert wird.

Er ist wahnsinnig lang, zwischen 25 und 39 Meter, mal gluckert er still vor sich hin, mal macht er laut und irgendwie anrüchig auf sich aufmerksam. Erst geht es durch dünn, dann durch dick, mal links herum und dann um 180 Grad rechts herum: Der Aufbau und die Lage des Darms führen immer wieder zu Problemen. Die Darmverschlingung ist eine Störung des Magen-Darm-Traktes und ist dabei zu Recht eine gefürchtete Form der Kolik. Hier bedarf es unbedingt schneller, meist operativer Hilfe.

Darmverschlingung durch Krämpfe und Verstopfung

Drei enge Krümmungen im großen Kolon, die 180-Grad-Krümmung an der Beckenflexur und Engstellen, wenn sich der Darmdurchmesser verringert – dies sind die Hauptorte, an denen es zu Verstopfungskoliken kommen kann. „Häufig sind die Probleme fütterungsbedingt“, weiß Dr. Albrecht Uhlig von der Tierklinik der Universität Leipzig. Zu viel Kraftfutter ist eine häufige Ursache, aber auch eine gestörte Darmmotorik z.B. durch Stress ist möglich. Die Darmverschlingung kann an diesen Punkten beispielsweise aus einer ursprünglichen Verstopfungskolik entstehen oder auch genauso sich aus einer ersten Krampfkolik heraus entwickeln.

Die Darmverschlingung ist von außen nicht ersichtlich. Sie äußert sich lediglich durch typische Koliksymptome, so dass man schnell handeln und die Ursache abklären sollte, da eventuell auch ein Magengeschwür beteiligt sein kann. Wenn bei einer Verstopfungs- oder Krampfkolik rechtzeitig erfolgreich behandelt wird, lässt sich damit auch das Risiko einer folgenden Darmverschlingung mindern. Wichtig ist die genaue Abklärung und aufmerksame Behandlung, damit eine schon vorliegende Darmverschlingung nicht übersehen wird.

Eine Darmverschlingung kann an verschiedenen Stellen des Darms auftreten: es gibt Verschlingungen im Dünndarm oder auch im Dickdarm.

Die Darmverlagerungen, Darmverdrehungen und Darmverschlingungen gehören zu den Arten der Darmkolik. Die Formen sind jeweils sind unterschiedlich, haben aber alle ihren Ursprung im Darm.

„Vorstufe“ Darmverlagerung

In manchen Fällen können sich Areale des Dickdarms über das sogenannte Milz-Nierenband legen, wodurch eine Darmverlagerung entsteht. In einigen spezialisierten Kiniken gibt es dann die Option die Pferde mit einer bestimmten Technik manuell zu wälzen und so den Dickdarm wieder in die richtige Lage zurück zu bringen. Beispielsweise in der Pferdeklinik Seester, wo Fachtierarzt Dr. Gertjan Zeeuw als Partner und Teil der Klinikleitung, bereits mit dieser Methode Erfahrung und Erfolg hat. Allerdings kommt es auch hier darauf an, dass das Pferd so schnell wie möglich in der Klinik ankommt. Dazu müssen der Allgemeinzustand entsprechend gut sein und die Verlagerung darf noch nicht so lange andauern.

Wenn allerdings die Darmverlagerung mit dieser Technik nicht zu korrigieren ist, bleibt die Kolikoperation die letzte Rettungschance.

Folge einer anatomischen Fehlkonstruktion?

Eine weitere Schwachstelle des Darms ist die lockere Befestigung des großen Kolons in der Bauchhöhle: Diese ermöglicht eine hohe Beweglichkeit und eine Verlagerung in viele Richtungen, sogar eine Längsachsendrehung ist möglich. Ist der Darm anatomisch gesehen also eine Fehlkonstruktion? „Das hängt vom Blickwinkel ab“, meint Dr. Uhlig. „Von der Evolution her gesehen hat es einen Grund, dass Pferde so sind. Sie sind nämlich Weide- und Fluchttiere. Und wir müssen diesem Aspekt Genüge tun. Ein freilaufendes Pferd frisst etwa drei Viertel des Tages und bewegt sich ständig. Das entspricht nicht dem, wie wir sie halten. Deswegen haben wir mit Verdauungsproblemen zu kämpfen.“ Da im akuten Fall jede Minute zählt, sollten Pferdebesitzer und Stallpersonal nach Ansicht des Tierarztes immer auf mögliche Kolik-Symptome achten.

„Die Anatomie des Magen-Darm-Trakts und das ernährungsphysiologische Konzept des Pferdes sind nicht auf die Verdauung großer Mengen Getreide (und damit Stärke) ausgerichtet“, erklärt auch Tierärztin und Privatdozentin Dr. Wein der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.

Disbalance der Bakterien und Gaskolik

Durch diese lockere Befestigung kann der Darm auch nach oben steigen, wenn er „aufgast“. Zu diesen „aufgegasten“ Darmbereichen können dann noch schwere Darmteile kommen, in denen sich jetzt deutlich mehr Futter befindet. Die schweren Bereiche sinken hingegen abwärts, was jetzt eine Darmverschlingung noch einmal begünstigt. Schuld ist in diesem Falle häufig eine Disbalance der „guten“ und „schlechten“ Bakterien im Darm.

Diese Disbalance resultiert ihrerseits wiederum meistens aus Fütterugsfehlern wie qualitativ minderwertigem Futter (besonders bei Heulage und Silage muss man aufgrund der Gärprozesse und der beteiligten Bakterien und Hefen auf beste Qualität achten) oder einer nicht ausreichend vorbereiteten Futterumstellung. Das Futter beeinflusst die Zusammensetzung der Darmflora. Kommen plötzlich große Mengen eines anderen Futters an, sind keine entsprechenden Bakterien zur Zerkleinerung vorhanden. Jede Futterumstellung sollte daher langsam erfolgen.

Klinikbesuch dringend empfohlen

Bei einer Darmverschlingung sollte man das Pferd dringend in eine Klinik fahren, um es dort zügig fachgerecht zu behandeln. In einer spezialisierten Pferdeklinik können die dortigen Fachtierärzte viele moderne Möglichkeiten zur genauen Diagnose, der Therapie oder auch für eine Operation nutzen.

Der Dickdarm kann sich sogar mehrfach um selbst drehen und damit förmlich strangulieren. Dadurch werden dann Darmteile nicht mehr richtig durchblutet und sterben ab. Diese abgestorbenen Darmteile müssen in der Operation entfernt werden und fehlen dem Pferd nachher im Verdauungsprozess bei der Nährstoffverwertung. Zusätzlich erhöht sich hier auch das OP-Risiko und die Heilungschancen verringen sich.

Die notwendige OP bei einer Darmverschlingung zielt also zum einen darauf ab die verschlungenen Darmteile zu entwirren und wieder in die richtige Position zu bringen. Zum anderen müssen dabei gegebenenfalls bereits abgestorbene Darmteile entfernt werden, um die Funktion und gesamte Durchblutung des Darms wieder herzustellen.

Wird das Pferd nicht rechtzeitig behandelt oder auch operiert, so bedeutet das normalerweise den Tod des Pferdes.

 

© Info: Verwendung von Texten der Autorin Kerstin Wackermann

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