Der Kappzaum – Das sollte man wissen

kappzaum

Vielseitiger Kappzaum - hier mit anatomischem Genickriemen und eingeschnalltem Gebiss (© www.slawik.com)

Der Kappzaum, der auf das Nasenbein des Pferdes und nicht über das Maul einwirkt, kann nicht nur zum Longieren und der Arbeit mit der Doppellonge, sondern auch zu geführten Übungen, zur lösenden als auch versammelnden Arbeit an der Hand und sogar zum Reiten eingesetzt werden.

„Der Kappzaum wirkt im Gegensatz zu einem Gebiss auf den Oberkiefer des Pferdes ein“, sagt Kirsten Jung, Autorin des Buches „Rückentraining mit dem Kappzaum“.

Buch zur Arbeit mit dem Kappzaum (© Kosmos Verlag)

„Daher können bei korrekter Anwendung das Genick und in der Folge die Wirbelsäule sowie die Hüfte des Pferdes erreicht und auch gearbeitet werden, ohne dabei Gefahr zu laufen, dass der Unterkiefer und dadurch die Unterhalsmuskeln versteifen.“ Deshalb sei der Kappzaum besonders dazu geeignet, das Genick zu öffnen und dadurch Dehnung, Stellung und Biegung zu erarbeiten und das Pferd damit auch gebisslos zu gymnastizieren.

Ebenso leistet der Kappzaum beim Anreiten junger Pferde, die dazu neigen, sich auf die Einwirkung eines Mundstücks hin zu verkriechen, wertvolle Dienste. Dazu werden Zügel am Kappzaum eingeschnallt und richtungsweisend eingesetzt. Allmählich kann der Trensenzügel unterstützend hinzugenommen werden. Natürlich ist das Reiten mit vier Zügeln auch im weiteren Laufe der Ausbildung möglich.

Zudem kann der gebisslose Zaum nach Maulverletzungen, Zahnbehandlungen und in der Rehabilitation eingesetzt werden.

Ob ein Pferd dabei erst drei, sieben oder schon fünfzehn Jahre alt ist, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass der Kappzaum und die Art der Arbeit auf das jeweilige Pferd individuell abgestimmt sind.

Die Geschichte des Kappzaums

Der Kappzaum hat eine lange Tradition: Bereits in der Bronzezeit und in der nachfolgenden Zeit der Kelten, dürfte es ihn insbesondere in Spanien und Nordafrika gegeben haben. Oft geht man davon aus, dass er vermutlich aus den gebisslosen Zäumungen für Esel und Kamele entwickelt wurde.

Seine Hochzeit hatte der Kappzaum in der Reitkunst der Renaissance und des Barocks. Viele der alten europäischen Reitmeister erkannten den Vorteil des Kappzaums als maulschonendes Werkzeug. Federigo Griso, genannt Grisone (1507 bis 1570), der als Begründer der 1532 gegründeten Reitakademie in Neapel gilt, beschreibt Kappzäume aus Seil.

Ebenfalls kamen im 16. Jahrhundert Modelle mit Naseneisen aus verschiedenen Metallvaraianten zur Verwendung. Antoine de la Baume Pluvinel (1555 bis 1620), Reitlehrer von Ludwig XIII und Erfinder der Pilaren, nutzte sowohl den Kappzaum aus Seil als auch scharfe Varianten aus Eisen, die der Spanischen Serreta ähnelten.

Die Serreta – Der spanische Kappzaum

„Bei der Spanischen Serreta besteht das Naseneisen aus einem in der Form der Pferdenase bedingt anpassbaren, an der Innenseite häufig gezähnten Stahlbügel“, erklärt Kirsten Jung. „Da sich das Naseneisen beim Longieren oder Führen am Ring nicht verdrehen kann, ist hier kein Ganaschenriemen erforderlich.“ Ohne Lederummantelung oder Unterlage wirkt die Serreta extrem scharf auf den empfindlichen Nasenrücken. „Die Serreta ist der am schärfsten wirkende Kappzaum und gehört daher in erfahrene, feinfühlige Hände“, betont die Expertin.

„In groben oder unerfahrenen Händen kann die Serreta starke Verletzungen verursachen.“ Solche Narben am Nasenrücken sind nicht selten bei aus Spanien oder Portugal importierten Pferden zu sehen. Kirsten Jung weist auch darauf hin, dass originale Serretas für die schmalen Köpfe iberischer Pferde bemessen und in der Regel für viele Pferde der Warmblüter unpassend seien.

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In der Tradition des Barock wird der Kappzaum zur Arbeit an der Hand sehr geschätzt. Hier mit extra Gel-Polsterung am Nasenstück. (© www.slawik.com)

Das Cavecon (Caveçon)

Auch in der französischen Tradition gibt es einen Kappzaum: das Cavecon bzw. Caveçon. Meist besteht es aus einem gut gepolsterten, weichen Nasenteil, seitlichen Backenriemen und einem Ganaschenriemen, der das Verrutschen verhindern soll.

„Ein Qualitätsmerkmal sind Schutzpolsterungen aus Leder, die auch metallische Verbindungsstücke abpolstern, so dass kein Druck auf die Backenzähne entsteht“, sagt Kirsten Jung. „Der Nasenriemen besteht aus einer mit Leder ummantelten Kette, die sich individuell der Pferdenase anpasst.“ Scharfe Varianten des Caveçons, bei denen blanke Fahrrad- oder Motorradketten verwendet werden, seien abzulehnen. Auch die ummantelten Caveçons sollten nur von feinfühligen, erfahrenen Ausbildern verwendet werden.

Das Caveçon ist leicht und passt sich meist gut der Pferdenase an. Es eignet sich eher für die Arbeit des Pferdes an der Hand.

Der Pluvinel-Kappzaum

Eine weniger bekannte Variante des Caveçons ist das Pluvinel, benannt nach dem Reitmeister Antoine de la Baume Pluvinel. Dieses kommt mit einem rein ledernen Nasenriemen aus, in den die üblichen drei Ringe eingenietet sind und gilt laut der Expertin als Kappzaum mit der sanftesten Wirkung. Es gebe jedoch häufig das Problem, dass sich der obere Ring beim Longieren zur Seite verdrehe, wenn der Kinnriemen nicht stark genug vergeschnallt sei.

Gepolsterter, schwerer Kappzaum aus Leder

In Deutschland wird oft der sogenannte schwere Kappzaum verwendet. Er besteht aus einem fest verschnallten, gepolsterten Naseneisen, das gut am Nasenrücken des Pferdes aufliegen soll. Meist sei, so Kirsten Jung, das Naseneisen aus drei scharnierartig miteinander verbundenen Stahlbändern zusammengesetzt.

„Liegt der Kappzaum aufgrund der Stahlbänder und der dicken Polsterung nicht optimal an, dann wird die Einwirkung auf das Pferd eher ungenau und schwammig“, so die Ausbilderin. „Um eine sichere und deutliche Führung zu ermöglichen und um ein Aufscheuern des Nasenrückens zu vermeiden, muss dieser Kappzaumtyp entsprechend eng verschnallt werden, was jedoch ein Kauen und Entspannen des Unterkiefers erschweren kann.“

Wiener Kappzaum

Einer der hierzulande bekanntesten Kappzäume ist der Wiener Kappzaum. Dessen Kernstück ist das Kappzaumeisen, welches der Form des Nasenrückens entspricht. „Diese Variante ist in der Regel dick gepolstert. Sofern er an der Pferdenase gut anliegt, erlaubt er eine präzise Einwirkung. Bei weniger sensiblen Pferden kann er aber durch die gute Polsterung zu ungenau wirken“, bemerkt Kirsten Jung. Ein Vorteil: Der mittlere Teil dieses Naseneisens kann eigens für ein Pferd an dessen Nasenrücken angepasst werden, um eine optimale Passform zu gewährleisten.

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Kappzaumeinsatz bei der Arbeit an der Longe mit Cavalettis. (© www.toffi-images.de)

Ringe zum Glück

Üblicherweise sind Kappzäume mit drei Ringen ausgestattet. Die Ringe sollten so angebracht sein, dass die Longe oder die Zügel, die daran befestigt sind, störungsfrei geführt werden können. Ringe, die dem Pferd ständig auf die Nase klappern oder sich drehen, stören und verhindern eine präzise Einwirkung. „Möchte man die seitlichen Ringe zum Einschnallen von Zügeln verwenden, also zum Reiten, sollten diese nicht allzu weit vorne angebracht sein“, sagt die Expertin.

„Das gilt auch, wenn der Kappzaum zum Longieren mit der Doppellonge verwendet wird, da sonst die Longen am Kopf des Pferdes scheuern können.“

Einen passenden Kappzaum finden

Heute gibt es zahlreiche Modelle und Ausführungen im Reitsporthandel. Wer überlegt sich einen Kappzaum zu kaufen, der sollte dabei beachten, dass der am besten gepolsterte, weichste Kappzaum jedoch nicht unbedingt der pferdefreundlichste sein muss und die Suche nach einem passenden Zaum sich manchmal schwierig gestaltet. Denn damit der Kappzaum seinem Ruf als schonendes, präzises Ausbildungsinstrument gerecht wird, muss er auch perfekt sitzen.

Bei Nylonmodellen ist Vorsicht geboten. Sie sehen zwar „harmloser“ aus als ein rustikaler Lederkappzaum, sind aber in Sachen Passform nicht unbedingt zu empfehlen, da sie oft verrutschen. „Gegen einen gut sitzenden, stark gepolsterten Kappzaum ist meines Erachtens nichts einzuwenden, wenn das Pferd ihn gut annimmt“, betont Kirsten Jung.

„Ein schwammig sitzender Kappzaum dagegen verleitet das Pferd zu ebenso unpräzisen Reaktionen – ähnlich wie elastische Stricke oder Halfter mit Gummizug.“ In einer feinfühligen Hand könne jedoch auch ein sensibles Pferd mit einem präziseren Kappzaum gearbeitet werden.

Wie ein Gebiss sei ein gut sitzender Kappzaum immer so hart oder so fein wie die Hand, die ihn führt.

Praxistipp:

Selbsttest Wirkungsweise: Legen Sie sich das Nasenteil des Kappzaums um Ihr Schienbein und drücken Sie es fest an. Bewegen Sie den Kappzaum seitlich hin und her, mal mit mehr, mal mit weniger Druck. Testen und vergleichen Sie schmale Varianten, gut gepolsterte und feste Naseneisen, sehr weiches Leder und normales, sowie etwas rustikaleres Ledermaterial. Man sollte darauf achten, dass auch die Verarbeitung des Kappzaums auf der Innenseite, besonders an den Stellen, an denen die Ringe angebracht sind, einwandfrei ist.

Nehmen Sie sich ausreichend Zeit, Ihr Pferd an den Kappzaum zu gewöhnen und ihm diesen Ausrüstungsgegenstand verständlich zu machen. Seien Sie geduldig und erklären Sie Ihrem Pferd was Sie von ihm damit möchten. Zeigt ein Pferd eine deutliche Abneigung gegen den Kappzaum, sollten Sie gesundheitliche Einschränkungen in Betracht ziehen: So können Zahn- und Kieferprobleme, Beschwerden der Nebenhöhlen oder Schmerzen im Bereich der Gesichtsnerven dafür verantwortlich sein, dass es sich gegen den Kappzaum wehrt.

Im Zweifel ist es daher besser, einen Tierarzt zu Rate zu ziehen und gesundheitliche Probleme abzuklären.

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Gut sitzender Kappzaum, mit 2 Nasenriemenringen, Gebiss und eingeschnallten Ausbindern. Die Longe ist am inneren Kappzaumring befestigt. (© www.toffi-images.de)

Passform und Material: Worauf man achten sollte

  • Stellen Sie zunächst die Höhe des Kappzaums ein: Das Nasenteil sollte etwa zwei Finger breit unterhalb des Jochbeinknochens sitzen. Ein zu hoch verschnallter Kappzaum, der zu nah an den Jochbeinen sitzt, drückt auf empfindliche Punkte, an denen Gesichtsnerven austreten. Ein zu tief verschnallter Kappzaum drückt auf den weichen Nasenknorpel, was die Atmung des Pferdes erschweren kann.
  • Das Nasenstück muss gut anliegen. Achten Sie auf mögliche Lücken seitlich der Nase oder ein Dreieck über dem Nasenrücken. Das darf nicht sein.
  • Der Kappzaum darf nicht an den Ohransätzen drücken. Hier liegen viele Akupunkturpunkte.
  • Der Stirnriemen muss weit genug sein und darf nicht drücken.

Achten Sie auf das Material und die Verarbeitung. Schnallen dürfen nicht am Pferdekopf scheuern. Eine 
gute Verstellbarkeit muss gewährleistet sein.

Verschnallung des Kappzaums

  • Schließen Sie zuerst den Ganaschenriemen und anschließend den Nasenriemen, um einen zu großen Druck im Genick zu verhindern.
  • Der Ganaschenriemen verhindert, dass die Backenstücke in die Augen rutschen. Er muss fest genug sitzen und sollte aus einem durchgehenden Lederriemen bestehen.
  • Auch der Nasenriemen muss fest genug verschnallt werden, so dass das Nasenstück nicht verrutscht.
  • Manche Modelle haben einen Kehlriemen, der keine Funktion hat. Dieser muss so locker verschnallt sein, dass eine Faust zwischen Kehle und Riemen passt.
  • Wenn alle Riemen verschnallt sind, überprüfen Sie noch einmal, ob nichts rutscht. Bedenken Sie, dass Sie in der Regel immer nur eine Seite des Pferdes sehen und so nicht bemerken, was beim Longieren auf der äußeren Seite passiert und ob beispielsweise das äußere Backenstück ins Auge rutscht.
  • Kappzäume sollten jedoch nie so eng verschnallt werden, dass ein Kauen beziehungsweise das Entspannen des Unterkiefers verhindert wird.

 

„Ein guter Kappzaum macht eine präzise und genaue Einwirkung möglich“, sagt Kirsten Jung und weist darauf hin, dass ein Kappzaum sehr individuell für das jeweilige Pferd und die Arbeit ausgewählt werden müsse.

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