Aus Kindern werden Leute

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Eine neue Generation Buschreiter wächst heran. In Luhmühlen machten sie ihren Altvorderen bereits erfolgreich Konkurrenz.

Es ist Mode geworden, auf das Alleinstellungsmerkmal hinzuweisen, dass man hat, als Verband, als Marke oder auch als Einzelperson. Die Reiterei hat davon gleich mehrere; eines ist die gemeinsame Leistung, die Pferd und Reiter, Tier und Mensch, erbringen müssen, ein weiteres ist die absolute Chancengleichheit zwischen Männern und Frauen, Jungen und Mädchen. Pferde unterscheiden nicht nach Geschlechtern, sie wünschen sich einen gefühlvollen, ausbalancierten, gleichwohl konsequenten Reiter, der ihnen Vertrauen gibt und nicht mehr verlangt, als sie leisten können. Und in keinem anderen Sport ist die Chance so groß, dass Väter und Mütter mit ihren eigenen Kindern aktiv sind, manchmal sogar in derselben Prüfung. Das gibt es in allen Disziplinen, vielleicht besonders häufig in der Vielseitigkeit.

Augenfällig war das am vergangenen Wochenende bei den Deutschen Meisterschaften in Luhmühlen. Und es fing bei Greta Busacker, der Tochter von Ingrid Klimke, an. Mutter und Tochter fuhren mit fünf Pferden zum Turnier und beide mit einem Titel nach Hause, die eine bei den Junioren, die andere bei den Senioren, und das genau 60 Jahre, nachdem Reiner Klimke, Ingrids Vater und Gretas Großvater, in Münster mit Fortunat Deutscher Vielseitigkeitsmeister geworden war.

Die nächste Generation

Die 18-jährige Greta hat gerade ein tolles Abitur mit der Durchschnittsnote 1,5 hingelegt und will Richtung Marketing studieren. Zusammen mit ihren Eltern hat sie sich mögliche Studienorte angesehen, die Niederlande kommen infrage, aber auch in Münster könne man schließlich gut studieren, sagt sie. Und da sind ihre Pferde schließlich nicht weit. Auslandspläne mussten wie bei so vielen jungen Leuten Corona-bedingt jetzt erst einmal verschoben werden. Auf die Frage, was sie von ihrer Mutter gelernt habe, sagt Greta: „Disziplin, Perfektion und Durchhaltevermögen.“ Ingrid hat ihr noch einen Rat gegeben: „Hör auf dein Bauchgefühl, das ist wichtiger, als Galoppsprünge zu zählen.“

Alina Dibowski, die Tochter von Kaderreiter Andreas Dibowski, schrammte auf dem in Polen gezogenen Barbados knapp an einer Medaille vorbei, wurde Vierte mit weniger als einem Springfehler Abstand in der DM der Jungen Reiter, also der Altersklasse zwischen 19 und 21. Sie hat sich schon ganz der Reiterei verschrieben, macht eine Ausbildung zur Pferdewirtin.

Kaya Thomsen, die 17-jährige Bronzemedallistin bei den Junioren, konnte sogar ihren Vater im CCI2* schlagen, Peter Thomsen, designierter Nachfolger von Bundestrainer Hans Melzer, wurde Fünfter mit der siebenjährigen Casquadetto-Tochter Fleure. Kaya hatte zwei Eisen im Feuer, außer Medaillenpferd Das bin ich v. Diarado auch den 18-jährigen Professor Barny v. Barnaul. Der war einst als Vierjähriger zur Familie Thomsen in Großenwiehe gekommen, verhalf Peter Thomsen zu olympischem Mannschaftsgold und Kaya zu ersten Erfolgserlebnissen im Busch. Auch in Luhmühlen lieferte er noch mal eine makellose Nullrunde im Gelände ab, 14. Platz am Ende. Kayas nächstes Ziel ist das Abitur, dann wird man weitersehen, auch im Sport. „Kaya ist eine ganz coole Socke, wie ihr Vater“, sagt Mutter Kirsten Thomsen. Das ist ja schon mal eine gute Voraussetzung.

Pferde in den Genen

Mathies Rüder ist erst 15, hat bereits das Goldene Reiterabzeichen in der Tasche und vor einigen Wochen auch bei der deutschen Jugendmeisterschaft Springen mitgemacht. Auch er ist Sohn und Enkel von Luhmühlen-Reitern, Vater Kai Rüder ist ebenso ein erfahrener Championatsreiter wie sein Großvater Thomas Rüder, der zu seiner Zeit den klassischen ländlichen Reiter verkörperte und als Highlight an der Weltmeisterschaft 1982 in Luhmühlen teilnahm. Wenn man ihn auf seinen Enkel anspricht, dann gerät er ins Schwärmen. „Entweder man kann reiten oder man kann’s nicht“, sagt er. Mathies kann’s. „Das ist angeboren“, sagt Thomas Rüder. Da würde ihm Hans Melzer wohl zustimmen. „Ich wünsche Mathies, dass er jetzt mal ein Pferd sechs Jahre lang behalten kann,“ sagt er.

Das ist die andere Seite, wenn man in eine Profi-Pferdefamilie hineingeboren wird, da werden Pferde auch mal verkauft und der Junior muss reiten, was man ihm unter den Sattel schiebt. Thomas Rüder hat klare Prioritäten, die auch für den Enkel gelten. „An erster Stelle steht die Familie, dann kommt der Betrieb und dann die Reiterei“, sagt er. „Und glauben Sie mir, es reitet sich sehr gut, wenn die Finanzen stimmen.“ Wenn Mathies neben dem Reittalent auch den Realitätssinn seiner Vorfahren geerbt dann, dann muss man keine Angst haben, dass er über hohen Sprüngen die Bodenhaftung verliert.