Blog 2 aus Luhmühlen: Bettina Hoy: Furioses Comeback

WEB-17-LUH-ESP-Farras-2580

Der Spanier Albert Hermoso Farras mit Nereo CP wird in der CIC3* Meßmer Trophy in Luhmühlen 2017 von einem Schäferhund verfolgt. (© Libby Law Photography)

Luhmühlen Tag 3: sonnige Entspannung und Bettinas Comeback. „Ich bin da, wo ich immer sein wollte!“

Entspannter Sonntag in Luhmühlen, alle gut gelaunt und zuversichtlich fürs Springen. Lediglich ein Pferd wurde aus der Verfassungsprüfung herausgenommen, What a Catch der Britin Libby Seed. Offensichtlich wurde der Fuchs morgens noch ausgiebig geritten. Die Schweißflecken nur notdürftig weggerubbelt. Er musste erst in die Holding Box, was viele Zuschauer eigentlich überflüssig fanden, so klar war es, dass es im gestern ein bisschen zu viel geworden war.

Verfassung: früher eine Parade der Kriegsveteranen

Sechs Pferde erschienen nicht, darunter Tactic von Nicolai Aldinger und Tiberius von Beeke Jankowski. Rocana von Michael Jung und Corvette von Andreas Ostholt mussten zweimal vortraben, aber ansonsten sah man meist fröhliche Pferdegesichter. Das ist doch ein anderes Bild als zu den Zeiten, als die Military noch ein Härtetest über vier Phasen war, inklusive Rennbahn und zwei Wegestrecken. Da mutierte die Verfassungsprüfung zuweilen zu einer Parade von vierbeinigen Kriegsveteranen. Ein paar der alten Haudegen sind vor Ort. Harry Klugmann, der über seine Aufnahme in den Hall of Fame am Donnerstag so gerührt war, dass er vor Schluchzen keine Rede halten konnte, und Karl Schultz, Olympiadritter von Montreal, der Michi Jung erklärte, wieviel mehr damals von ihnen verlangt wurde. Michi grinste nur, ihm wären sie auch vor 30 Jahren schon hinterhergeritten, das muss er gar nicht sagen. Darauf hingewiesen, dass etwa die Dressuraufgabe deutlich schwerer ist als in alten Zeiten, sagte Kalle Schultz: „Wozu muss ein Militarypferd fliegende Wechsel auf dem Dressurviereck können? Das ist doch eine schwule Aufgabe!“ Sprach’s, drehte sich um und ging weg.

Vom Hund verfolgt

Für Aufregung sorgte gestern ein Schäferhund, der den spanischen Reiter Albert Hermoso Fernandez und Nereo über den ganzen Platz verfolgte und sogar nach seinen Hinterfesseln schnappte, er hechtete noch über den nächsten Sprung und konnte dann erst aufgehalten werden. Der Besitzer sollte sich im Turnierbüro melden, hat er natürlich nicht. Hätte ich auch nicht, sondern wäre schleunigst mitsamt meinem Hund von der Bildfläche verschwunden. (Aber so was hätte meine Filly natürlich nie gemacht, wäre natürlich auch, wie die meisten Zuschauerhunde brav an der Leine getrottet.)

Bettinas zweiter Frühling

Egal, wie das Springen ausgeht, für Bettina Hoy ist Luhmühlen ein Highlight ihrer späten Karriere. „Sie erlebt ja einen zweiten Frühling“, sagt Hans Melzer. „Ich war ja nie ganz weg“, kontert Bettina, „aber wenn man ein, zwei Jahre nicht die richtigen Pferde hat, dauert es wieder eine Zeit, bis man wieder oben ist.“ Inzwischen nimmt sie wieder Kurs auf ein Championat, die EM in Strzegom. Sie hat sogar zwei Pferde, Designer und Seigneur Medicott, der bekanntlich zum Verkauf steht. Im Prinzip, denn Hans Melzer hat gestern dem Besitzer Hans Hermann Horst das Versprechen abgeknöpft, den Wallach mindestens bis zur EM zu behalten. „Natürlich würde ich Micky gerne weiterreiten“, sagt Bettina, „aber es war von Anfang an so abgemacht, dafür habe ich volles Verständnis.“ Designer kann ihr niemand wegnehmen, der gehört ihr selbst.

1978 hat sie hier zum ersten Mal geritten, jetzt mit  54 Jahren erlebt sie nochmal einen Höhenflug. „Ich bin jetzt, wo ich immer hin wollte“, sagt sie. „Ich habe alles erreicht.“ Wir vergessen mal die beiden am Grünen Tisch verlorenen Olympia-Goldmedaillen von 2004 und denken an die Bronzemedaille von Los Angeles, an drei Medaillen bei Welt- und Europameisterschaften.

Sprachkurse und Medientraining

Es hat sich vieles geändert. Seit der unfriedlichen Trennung vom australischen Vielseitigkeitsreiter Andrew Hoy hat sie sich quasi neu erfunden: Haare nicht mehr lang und blond, sondern brünett und kurz. Der Ex-Mann ist derweilen eher erfolglos unterwegs, ist wieder verheiratet und wird demnächst Vater. Man spricht kein Wort mehr miteinander. Als Bettina in England von Kollegen angesprochen wurde, Andrew doch mal zu überreden, mit dem Sport aufzuhören, konnte sie sagen: „Ist einfach nicht meine Baustelle.“ Ihr selbst soll es nie so gehen, hat sie sich geschworen. „Ich möchte aufhören, wenn ich noch gut bin“, sagt sie. Ihr Kollege Dirk Schrade hat ihr in die Hand versprechen müssen, ihr zu sagen, wenn es soweit ist . Das wird dann auch kein Absturz. Seit einem Jahr ist Bettina Hoy Nationaltrainerin der Niederländer. „Die haben viel getan für mich, ein toller Verband“, sagt sie. Schickten sie zum Medientraining (Ob sie das nötig hatte, bezweifele ich), und zum Sprachkurs, Niederländisch intensiv. „Die erste Zeit hatte ich fürchterliche Halsschmerzen“, sagt sie, „aber inzwischen geht es.“ Ihr Vorbild ist Chris Bartle, der als deutscher Honorartrainer Ruckzuck deutsch lernte, was allseits bewundert wurde.

Fester Job, entspanntes Reiten

Im Moment macht Bettina noch den Dreierspagat zwischen Warendorf, wo ihre Pferde stehen, zwischen dem Zuhause in Rheine, wo sie zusammen mit ihrem Bruder die alten Eltern betreut, und verschiedenen Reitanlagen in Holland, wo sie ihre Schüler trainiert. Finanzielle Unterstützung vom deutschen Verband bekommt sie kaum noch, Gelder werden nur an die jungen Reiter der Perspektivgruppen gegeben, nicht an so Alte wie sie, hat man ihr bedeutet. Ihr holländischer Vollzeitjob gibt ihr finanzielle Sicherheit. „Dann reitet man auch entspannter“, sagt sie. Man merkt’s ihr an.



Schreibe einen neuen Kommentar