Blog 2 vom Weltcup-Finale in Paris: Dressurfreude und Springratlosigkeit

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St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer berichtet vom Geschehen hinter den Kulissen beim Weltcup-Finale 2018 in Paris. (© von Hardenberg)

Freude bei den Dressurreitern und eine Wiedergutmachung im Parcours. St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammers Eindrücke am Morgen des Abschlusstages beim Weltcup-Finale in Paris.

Heute morgen, Sonntag, letzter Tag des Weltcupfinales. Die Dressurreiter sind schon weg, konnten aber auch erst heute morgen fliegen, weil es gestern keinen Flug mehr gab. Isabell Werth feierte mit Familie, also mit Eltern, Sohn Frederick und natürlich Madeleine Schulze-Winter ihren Weltcupsieg. Wir gingen zum ersten Mal gemütlich essen, der Charme unseres Pressekantine ist eher etwas spröde. Wobei wir natürlich sehr dankbar sind, dass wir überhaupt was zu essen kriegen, und dazu noch Rot- und Weißwein. Da wollen wir nicht meckern!

Es ist jetzt hier genauso, wie man sich Paris im Frühling vorstellt: Blauer Himmel, in dem kleine Park, durch den wir zur Halle gehen, singen die Vögel und duften die Frühblüher, alles ist schon grün. Wunderbar!

Eine Art Wiedergutmachung gelang Daniel Deusser gestern Abend mit seinem Sieg im Großen Preis mit Cornet. Heute werden er und Marcus Ehning die Aktion Rufreparatur vornehmen, starten im Finale als 15., aber können zeigen, dass es Freitag einfach nur ganz dumm gelaufen ist. Vorgestern war bei den Springreitern erst mal Trauer angesagt. Diesen Absturz vom zweiten bzw. vierten auf den 15. Platz und damit aus allen Podiumsrängen, konnte sich keiner erklären, nicht die beiden Reiter Daniel Deußer und Marcus Ehning, von Bundestrainer Otto Becker ganz zu schweigen. Oder sagen wir mal, eine einleuchtende Erklärung fiel schwer. „Das waren Reiterfehler“, sagt Michael Rüping, Mitglied im DOKR_Springausschuss, der fast vollständig an die Seine gepilgert ist. „Die kann man sich auf diesem hohen Niveau nicht mehr leisten, nicht den kleinsten.“

Keinerlei Reiterfehler ließen sich unsere drei Dressurdamen gestern zuschulden kommen, am Ende Erste (Isabell Werth), Dritte (Jessica von Bredow-Werndl) und Fünfte (Dorothee Schneider). „Ich war voll geflasht“ jubelte Bundestrainerin Monica Theoderescu, bevor sie sich auf die Autobahn Richtung Heimat stürzte. Isabell Werth ließ nach ihrem Sieg die Champagnerkorken knallen, dass es eine Freude war, vergaß  niemanden, auch nicht ihre Mit-Podiumsbewohner. US-Konkurrentin Laura Graves musste, ob sie wollte oder nicht, den prickelnden Saft des Sieges schlucken, auch wenn es nicht wie erhofft der eigene Triumph war. Die Hoffnung, dass es irgendwann gelingen werde, Isabell vom obersten Treppchen zu stoßen, stand ihr ins Gesicht geschrieben. Ist ja auch in Ordnung. Wenn Jessica strahlt, geht ohnehin die Sonne auf, und heute ganz besonders. Platz drei auf dem Podium, obwohl sich Unée so sehr zusammen reißen musste angesichts der düsteren Umgebung, alles rabenschwarz bis auf den hellen Vierecksand – da brach ihm der Schweiß aus. Auf eine Ehrenrunde zu Pferde verzichtete Jessica, weil Unée „schwer verliebt ist in Weihegold.“ Dann kann man für nämlich nichts mehr garantieren. „Bei der Siegerehrung zum Grand Prix habe ich richtig Angst bekommen“, sagte Jessica. Leider wird dieser Pferdeliebe kein Raum gegeben. Isabell Werths Pferd Weihegold geht zwar in den nächsten Monaten in eine Art Mutterschaftspause, das heißt sie wird besamt, aber leider nicht von Unée sondern von einem Hengst, über den noch nachgedacht wird. Die Embryos tragen dann andere Stuten aus. Ich habe meinen Kollegen Jan Tönjes im Beratungsgespräch mit Weihegold-Besitzerin Christine Arns-Krogmann gesehen, sie werden’s schon richten. Madeleine Winter-Schulze, die gute Fee hinter Isabell wie auch hinter Ludger Beerbaum, hat die Stute für zwei weitere Jahre „gemietet“, das heißt auf jeden Fall bis nach den Olympischen Spielen in Tokio 2020. Jung genug ist sie mit ihren heute 13 Jahren dafür allemal.

Heute geht es also im Springen weiter, sieht alles nach einem Spaziergang für Beezie Madden aus. Es wird wohl heute keinen Schampus für einen deutschen Sieger geben. Aber es gibt genug tolle Pferde zu sehen und tolle Leistungen. Etwa die der US-Amazone Jamie Barge, bei deren Einritt das Publikum auf Bitte der Sprecherin nicht klatscht, sondern mit offenen Handflächen winkt. Die Reiterin ist nämlich taub und hätte das Klatschen nicht gehört. Auch im toughen Profisport menschelt es halt gewaltig.


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