Isabell Werth: „Ich habe keine Sorge, mich unbeliebt zu machen“

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Isabell Werth, neue Präsidentin des Internationalen Dressurreiter Clubs (IDRC), steigt in die Sportpolitik ein. Aber die sechsfache Olympiasiegerin stellt auch klar: „Ich strebe kein Amt bei der FN an, da können sich alle entspannen. Es gibt ja auch international reizvolle Aufgaben.“ Dafür zu sorgen, dass die Dressurreiter von der FEI ernster genommen werden als bisher, dürfte die erste sein.

So schnell vergeht Isabell Werth das Lachen nicht. Die Aussicht, dass den Sportlern vom Organisationskomitee der Olympischen Spielen in Tokio empfohlen wird, nicht zu laut zu sprechen und zu viel zu lachen – wegen der Aerosole – entlockt der sechsfachen Olympiasiegerin nur eine neue Salve. „Ich sehe schon, wir werden uns nur in Ganzkörperkondomen mit eingebauten Masken bewegen müssen“, sagt sie. „Dann kann nichts passieren.“ Aber jetzt mal im Ernst, ob die Spiele stattfinden, weiß die 51-Jährige natürlich genauso wenig wie wir alle. Das wissen nur das Virus und seine Mutationen. „Es wird ohne ausländische Zuschauer stattfinden und nur mit geimpften Japanern“, vermutet Werth.

Zur Zeit bereitet sich die Weltranglisten-Erste (mit Bella Rose) und -zweite (mit Weihegold) auf ihren Start bei der Weltcup-Qualifikation in Salzburg vor. Heute rollt der LKW mit Weihegold und Quantaz Richtung Salzburg, nur Werth und eine Pflegerin fahren mit. Zuschauer werden keine vor Ort sein, aber das kennt man ja schon. Als Weltcup-Titelverteidigerin muss sich Isabell Werth nicht neu qualifizieren, aber wenigstens zweimal in einem CDI auf Grand Prix Level gestartet sein, was in der Saison der abgesagten Turniere ja nicht einfach ist. Von elf westeuropäischen Qualifikationen wurden acht Corona-bedingt gestrichen. Es blieben nur Aarhus, Salzburg und im März ’s-Hertogenbosch, um einen Platz für das Finale in Göteborg (31. März. bis 5. April) zu ergattern.

Besonders ärgerlich angesichts der Terminausfälle findet Werth deswegen, dass die Weltreiterverband FEI bereits jetzt Regeln verändert hat, etwa keine Wild Cards mehr für das Gastland und die Nationen, die keiner Liga angehören, vergibt. „Es macht doch keinen Sinn, Regeln zu verändern, mitten in einer Saison, von der kein Mensch weiß, wie sie am Ende aussehen wird“, sagt Isabell Werth.

Es gibt viel zu tun

Auf jeden Fall werden die Reiter aus den Überseeländern benachteiligt. Und das in einer Zeit, in der sich die FEI gerne mit der weltweite Verbreitung ihres Sports brüstet. Die Information über die Änderungen kam darüber hinaus spät und spärlich. Das alles war mit ein Grund, warum Isabell nicht nein sagte, als ihr das Amt der Präsidentin des Internationalen Dressage Riders Club (IDRC) angetragen wurde. Ihre Vorgängerinnen waren die inzwischen verstorbene Margit Otto-Crépin und Kyra Kyrklund, die jetzt als Vizepräsidentin agiert. Mit Klaus Roeser, zugleich Vorsitzender des DOKR-Dressurausschusses, hat sie einen Geschäftsführer an der Seite, mit dem die Zusammenarbeit „auf Zuruf“ bestens klappt, wie sie sagt. Schriftführer ist Michael Klimke. Die Sorge, dass der Reiterclub sehr „deutsch-lastig“ ist, habe es nicht gegeben. „Die waren alle froh, dass wir das machen,“ sagt sie.

Zu tun gibt es genug, denn nicht nur Isabell Werth ist der Ansicht, dass die Belange der aktiven Dressurreiter zu wenig wahrgenommen werden. Anders steht das Pendant im Springreiten, der International Jumping Riders Club (IJRC), da. Hier werden ständig aktuelle Themen diskutiert, Forderungen formuliert, dem Weltverband auf die Finger geschaut und die Medien darüber informiert. „Die sind unser leuchtendes Vorbild “, sagt Isabell Werth.

Zunächst müssten viel mehr Mitglieder geworben werden. Von den internationalen 987 Dressurreitern, die auf der FEI-Weltrangliste aufgeführt werden, sind zur Zeit nur 40 Mitglied im IDRC. Alle internationalen Reiter können sich für einen Mitgliederbeitrag von 100 Euro im Jahr akkreditieren. „Wir sind nicht gut genug präsent, wurden nie in Diskussionen einbezogen, ob es nun um den Wegfall der Fußnoten ging, die Schulung der Richter oder das Verbot des Zylinders. Das muss sich ändern.“

Eine Zukunft in der Politik?

Probt hier eine den Einstieg in die Sportpolitik, ein Perspektive nach der aktiven Karriere? „Darüber, oder über ein spezielles Amt habe ich noch gar nicht nachgedacht“, sagt Werth. „Ich schließe es allerdings auch nicht aus, aber neben dem Job mit Reiten, Kind, Familie und Schülern wird es schwierig.“ Die Sportpolitik interessiere sie schon. „Und ich habe auch keine Sorge, mich unbeliebt zu machen.“ Aber sie muss noch schnell was klar stellen: „Ich strebe kein Amt bei der FN an, da können sich alle entspannen.“ Oder bedauern, dass jemand, der dem Sport soviel geben könnte, sich anders orientiert. „Es gibt ja auch international reizvolle Aufgaben“, sagt Isabell, „und Sportpolitik heißt ja nicht unbedingt Reitsport-Politik.“

Aber das ist erst mal Schnee von morgen. „Ein paar Tage reiten wir noch, jetzt kommt erstmal die grüne Saison.“ So Corona es will …