Moment mal! Die Arroganz der Ahnungslosen – Hengstkörungen im Visier der Obrigkeit

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

Bei den Verantwortlichen der diesjährigen Hengstkörungen liegen die Nerven blank, zumindest in Schleswig-Holstein. Dort lässt das Kreisveterinäramt Neumünster die Muskeln spielen und griff bei den Trakehnern und Holsteinern massiv in den Ablauf der Körveranstaltungen ein. Und das im letzten Jahr, in dem noch nach dem alten Modell gekört wird, denn im nächsten Jahr wird ohnehin alles anders, die Leitlinien „Tierschutz im Pferdesport“ lassen grüßen. Es ging also nur um eine Übergangslösung.

Es ist gut, dass Tierschutz keine Privatangelegenheit des Pferdebesitzers ist und es ist gut, dass sich die obersten Stellen bis hin in Bundesministerien darüber Gedanken machen, wie man Pferde vor den sportlichen und finanziellen Ambitionen ihrer Reiter und Besitzer schützt. Dafür wurden die Leitlinien Tierschutz im Pferdesport erfunden, sie wurden im Jahr 2020 aktualisiert, alle Interessenverbände waren daran beteiligt, auch der Reitsport und die Pferdezucht, also die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN), und die Tierschutzverbände. Was gut für ein Pferd ist, zwischen diesen Meinungen liegen bei den Genannten freilich oft Welten. Bei der letzten Neuerung ging es unter anderem um den Trainingsbeginn des jungen Pferdes.

Während der Vollblutverband Deutscher Galopp dank glänzender Beziehungen des Präsidenten zur Politik eine Ausnahmeregelung heraushandeln konnte, dürfen, wie St.GEORG-online mehrfach berichtete (siehe auch Ausgabe 6/2019), Reitpferde erst mit 30 Monaten in Arbeit genommen werden, just zu dem Zeitpunkt, an dem die jungen Hengste zum ersten großen Wettbewerb ihres Lebens antreten, der Körung. Gelackt und bemuskelt stehen sie dann da, sichtbar vorbereitet auf den großen Tag. Die Frage ist nur wie? Ob das Vortraben an der Trense und Freispringen den natürlichen Anlagen gemäß geübt wurde, oder über einen längeren Zeitraum ausgebunden longiert plus fragwürdiger „Nachhilfen“ beim Springen, sieht man ihnen nicht unbedingt an. Während junge Vollblüter nach wie vor mit 18 Monaten die Box im Trainerstall beziehen dürfen, willigten die FN und die Zuchtverbände zähneknirschend ein, die Körung um bis zu sechs Monaten zu verschieben. Das stellt für einige Verbände allein aus Termingründen ein Problem dar. „Wir bekommen einfach keinen Frühjahrstermin in der Holstenhalle“, sagt Trakehner Zuchtleiter Lars Gehrmann und plant 2022 nun eine „Adventskörung“. Die Holsteiner sind besser dran, sie können auf den Februartermin der Hengstvorführung ausweichen.

Amtliches Muskelspiel

Das Jahr 2021 ist ein Übergangsjahr, in dem noch die alten Regeln gelten. Aber gerade jetzt ließen die Veterinärbehörden ihr Muskeln spielen, mehr von bürokratischem Eifer als von Sachkenntnis getrieben. Mit einem Zollstock maßen die Vertreter des Kreisveterinäramtes die Freispringhindernisse bei der Trakehnerkörung in der Holstenhalle nach und markierten die erlaubte Höchstmarke von 1,30 Meter. Sie prüften alle Papiere penibel, verlangten vom Amtstierarzt ausgestellte Bescheinigungen über physische und psychische Reife von Köraspiranten, die im Mai geboren wurden. Ich würde gerne mal wissen, wie ein Amtstierarzt, der mehr mit Schweinen, Hühnern und Kühen zu tun hat, erkennen will, ob ein Junghengst „psychisch reif“ ist? Er kann ihn ja nicht wie der Schulpsychologe vor der Einschulung kleine Kreise malen lassen. Dass dieses Attest nicht der behandelnde Pferdefachtierarzt ausstellen durfte, sondern nur ein Amtstierarzt, sorgte für Empörung. Denn es klang durch, dass die Haustierärzte ja ohnehin korrupt seien.

Junihengste raus

Zwar hatte es zu Jahresbeginn ein Gespräch mit den Vertretern des Kreisveterinäramtes und der beiden Zuchtverbände gegeben, aber letztlich ohne einen befriedigenden Kompromiss. Alle Hengste, die nach dem 1. Juni geboren wurden, sollten von der Hauptkörung im Oktober ausgeschlossen und zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden. Das betraf bei den Trakehnern fünf Hengste, bei den Holsteinern zehn und bedeutete für die Besitzer dieser Hengste erhebliche Nachteile bei der Vermarktung und auch einen Imageschaden, denn Siegerhengst kann der ohne Publikum nachgekörte Youngster nicht mehr werden.

Während sich die Trakehner nolens volens darauf einstellten, im Dezember in Elmshorn nachzukören, drohte der Holsteiner Verband mit gerichtlichen Schritten und erreichte einen Kompromiss: die Verschiebung der Deadline auf den 15. Juni. Jetzt sind nur noch drei Hengste betroffen, von denen einer am 16. Juni geboren ist, ein schlechter Witz also, über den der Besitzer des Hengstes wohl kaum lachen wird.

„Es geht ja zu wie bei einem orientalischen Basar“, sagt Dr. Annette Wyrwoll, die Tierschutzbeauftragte des Trakehner Verbandes, zu dem „Terminhandel“. Sie war mit zwei Kolleginnen in Neumünster vor Ort und hielt in einem Bericht die Maßnahmen fest, die sie zum Schutz der Pferde ergriffen hat: Glocken-, Gamaschen-, Bandagen- und Peitschenkontrollen, nächtliche Patrouillen durch die Ställe, ob wirklich alle schlafen und nicht noch irgendwo auf der Stallgasse „nachexerziert“ wird, auch das soll bei Turnieren schon vorgekommen sein. Alle Pferde und Menschen waren brav in Box oder Bett. „Keine Auffälligkeiten“, konstatierte Dr. Annette Wyrwoll.

Nur noch gestellte Gamaschen?

Mit verstärkten Kontrollen müssen nun auch die Holsteiner Hengstaussteller in dieser Woche rechnen. Stewards, schon seit Jahren vor Ort, werden genauer hingucken, im Stall und in der Abreitehalle. Die Hindernisse dürfen auch hier nicht höher als 1,30 Meter sein. „Bei der Vorauswahl waren es sogar nur 1,20 Meter“, sagt Dr. Thomas Nissen. Der ehemalige Zuchtleiter ist jetzt der Tierschutzbeauftragte des Holsteiner Verbandes. „Auch unnatürliches Springen wird besonders kritisch beobachtet, das ist nicht neu, wir haben ja immer schon ‚rote Karten‘ verteilt, wenn einer übertrieben in die Luft sprang,“ so Nissen.

Noch dürfen die Holsteiner eigene Gamaschen auflegen, andere Zuchtverbände gehen dazu über, Gamaschen zur Verfügung zu stellen, die dann alle gleich und von erlaubter Machart sind. Auch in Elmshorn liegen schon 80 Paare bereit, vorläufig sei noch nicht geplant, sie zu verteilen, so Vermarktungsleiter Roland Metz. Als ob bei einer Körung mit Auktion nicht schon genug zu tun ist, muss er sich auch noch einen unguten Befehlston in den Emails aus dem Veterinämt gefallen lassen. Da hat wohl mancher vergessen, dass Beamte nicht die Vorgesetzten der Bürger sind, sondern deren Bedienstete, denn wir alle bezahlen ihre Gehälter. „Was zuviel ist, ist zuviel“, sagt Metz frustriert. Aber auch er wird wissen, dass die Wurzel des Übels woanders liegt: bei denjenigen, die immer wieder versuchen, zu tricksen und Pferde zu „präparieren“, damit sie ein bisschen besser springen als die anderen. Und deren Phantasie dabei offenbar keine Grenzen gesetzt ist. Erst sie ermöglichen den Bürokraten, sich als Tierschützer aufzuspielen.

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