Moment Mal! Gedanken zu einem ausgehenden Jahrzehnt

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Moment mal! Die Kolumne von St.GEORG Herausgeberin Gabriele Pochhammer (© Foto Bugtrup/Montage: www.st-georg.de)

St.GEORG-Herausgeberin Gabriele Pochhammer hat sich Gedanken gemacht über die letzten zehn Jahre Pferdesport.

Schon alle Weihnachtseinkäufe gemacht? Alle Päckchen zur Post gebracht? Die Weihnachtsfeiern ohne Kater durchgestanden? Dann kann das Fest ja kommen. Und man darf sich zurücklehnen und unterm Weihnachtsbaum überlegen, was eigentlich wichtig war im letzten Jahr.

Wer sich für den Sport interessiert, für den sind es natürlich die internationalen Erfolge der deutschen Reiter, diesmal bei den Europameisterschaften: Gold in der Vielseitigkeit für Ingrid Klimke und das Team in Luhmühlen, dreimal Gold für Isabell Werth plus Teamgold auf dem Dressurviereck, Silber für das Springteam in Rotterdam – das ist nur die Spitze des Eisbergs, denn erfolgreich geritten und gefahren wurde in allen Disziplinen, in allen Altersklassen.

(Wer noch ein Geschenk sucht oder selber lesen und schauen  möchte, dem seien die beiden wirklich sehr schönen Fotobände von Stefan Lafrentz und Dr. Tanja Becker empfohlen: „Rotterdam 2019 Incl. Fahrer EM in Donaueschingen“ und  „Luhmühlen 2019“, je 19,80 €, zu beziehen über equi-la-shop.de)

Dass ein deutsch gezogener Vollblüter in deutschem Besitz den Prix de L’Arc de Triomphe gewinnt, immer noch das Rennen, an dem alle anderen gemessen werden, kommt auch nicht jedes Jahr vor. Diesmal gelang es Waldgeist von Dietrich von Boetticher und Andreas Jacobs.

Reiter des Jahrzehnts – Michael Jung

Aber es neigt sich ja auch eine Dekade ihrem Ende zu. Wen würden wir als „Reiter des Jahrzehnts“ bezeichnen? Für mich sind es Michael Jung und Isabell Werth, die in diesen Jahren alle Lorbeeren pflückten, die der Reitsport für seine Helden bereit hält.

Michi Jung wurde zweimal Einzel-Olympiasieger, einmal Weltmeister und dreimal Europameister. Das sind nur die Einzeltitel, zu denen sich etliche Teamgoldmedaillen gesellten. Nicht zu vergessen der Grand Slam, also die Siege in den Vier-Sterne-Prüfungen (heute Fünf-Sterne-) von Kentucky, Badminton und Burghley in Folge. Jung ist erst der zweite Reiter, dem das gelang. Den Baden-Württemberger und seinen Dreiviertelblüter Sam wird man vielleicht eines Tages als das Paar des Jahrhunderts bezeichnen.

Aber er ist nicht der Erste, der zu spüren bekam, dass es ohne das geniale Ausnahmepferd nicht nahtlos so weiter geht. Jung ist nach Sams Pensionierung gewissermaßen ins Glied zurückgetreten, aber einer wie er hat gute Chancen, irgendwann einen neuen Überflieger im Stall zu haben. Bis dahin reicht die reiterliche Klasse, um vorne dran zu bleiben.

Drei Jahrzehnte Weltspitze

Da kann ihn Dressurkönigin Isabell Werth trösten. Neben großen Erfolgen hat sie Durststrecken und Rückschläge einstecken müssen, hat alles durchgestanden und sich nach oben gekämpft, wo sie wieder residiert. Neun verschiedene Pferde hat Werth auf Championaten geritten, da kann niemand in der Geschichte der Dressur mithalten. Und die Story von Werth und ihrer kapriziösen Bella Rose, die nach dreijähriger Verletzungspause ein glamouröses Comeback feierte, ist sowieso der Stoff, aus dem sentimentale Mädchenromane gestrickt werden.

Der Reitsport verändert sich

Das sind einige der großen Namen, die uns bewegt haben. Auch sonst ist viel passiert im Pferdesport. Die Turnierlandschaft hat sich verändert bis hinunter an die Basis. Das klassische Vereinsturnier ist ein Auslaufmodell. An seine Stelle treten kommerzielle Veranstalter, wie in unserem Nachbarland Holland, wo in großen Zentren jede Woche Reiter und Pferde antreten – unbürokratischer, flexibler und deswegen bei Profis wie Amateuren beliebt. In Warendorf wird über „Das Turnier der Zukunft“ nachgedacht. Zeit wird’s, wenn man den Zug nicht verpassen will. International ist er längst unterwegs, sein Motor heißt Geld, Geld und nochmals Geld.

Großsponsoren diktieren den Sport, allen voran das Unternehmen Longines, dem, so hat man inzwischen den Eindruck, die FEI zu gehören schein. Longines mischt in der Global Champions Tour und League, im Weltcup und bei den großen Championaten mit und diktiert die Regeln der Nationenpreisserie. Wieviel genau der Uhrenhersteller dem Weltreiterverband zahlt, ist geheim und schafft Raum für Spekulationen. Mit Geld können sich Reiter in die Global Champions Tour einkaufen. Schamgrenzen sind längst gefallen, wie auch die Vergabe des Weltcup-Finales 2024 in Saudi-Arabiens Metropole Riad zeigt, ein Land, in dem die Menschenrechte den Machthabern so verbindlich sind wie die Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Was wirklich zählt

Doch was soll’s? Die Reiter im Lande, die Züchter und Pferdefreunde, tangieren andere Dinge. Etwa die Pferdesteuer, die allmählich in der Versenkung zu verschwinden scheint, dort wo sie hingehört. Schleswig-Holstein hat sie verboten, andere Gemeinden haben sie wieder abgeschafft, weil sie außer Verwaltungsaufwand nichts, aber auch gar nicht bringt, aber dafür bereits einige Existenzen ruiniert hat.

Auch die Richtlinien für den Tierschutz im Pferdesport gehen alle an, sie wurden nochmal strenger formuliert, etwa das Recht des Pferdes auf freie Bewegung. Die meisten Ställe sind inzwischen von Koppeln und Weiden umgeben, auf denen es sich Pferde gut gehen lassen können.  Die besten Pferdeschützer sind immer noch wir selbst. Wer weiß, was er seinem vierbeinigen Partner schuldet, braucht keine ministeriellen Richtlinien. Und die anderen sollten lieber Motorrad fahren. Frohe Weihnachten!


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