Erhofft, aber nicht wirklich erwartet: Zwei Goldmedaillen für die deutschen Buschis

Michael Jung und das
deutsche Team sind Olympiasieger, Sandra Auffahrt gewann auch noch eine
Bronzemedaille: Das waren die erfolgreichsten Olympischen Spiele aller
Zeiten für die deutschen Vielseitigkeitsreiter.

Man kann es Herzschlagfinale nennen oder den Krimi von Greenwich oder wie auch immer: Die deutschen Vielseitigkeitsreiter haben sich in London mal wieder als die Besten der Welt erwiesen. Nach Hongkong 2008, eigentlich natürlich schon seit Athen 2004. Michael Jung ist jetzt im wahrsten Sinne des Wortes Meister aller Klassen: Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und nicht zu vergessen auch deutscher Meister. Für die deutschen Vielseitigkeitsreiter ist es das vierte Mannschaftsgold und Jung ist nach Ludwig Stubbendorff (1936) und Hinrich Romeike (2008) der dritte deutsche Olympiasieger in der Vielseitigkeit.

Die Mannschaftsmedaillen wurden im ersten Springen entschieden, die Einzelmedaillen in einem zweiten für die 25 Besten. Das deutsche Team ging mit knapper Führung, etwas mehr als einem Springfehler, nach dem Gelände ins Rennen, verfolgt von Briten und Schweden. Bei der morgendlichen Verfassungsprüfung waren alle fünf deutschen Pferde locker und gelassen, die britischen Pferde sehr frisch. Peter Thomsen auf Barny als erster Reiter kassierte acht Punkte, das war zwar ärgerlich, aber doch besser, als wenn es einen anderen, vor ihm liegenden deutschen Reiter getroffen hätte. Am Ende standen für ihn 71,70 Punkte zu Buche, eines der beiden Streichergebnisse. Dirk Schrade blieb mit einer sehr sicheren professionellen Runde auf King Artus abwurffrei, der Holsteiner galoppierte mühelos über den Kurs. Es blieb bei 50, 60 Punkten, das war Platz zehn in diesem Springen. Sandra Auffarth ritt mit Opgun Luovo eine der schönsten Runden des Tages, das Pferd sicher an den Hilfen, überlegt und ohne Hektik, aufmerksam und ohne einen bangen Moment. Reif fürs Lehrvideo! Wieder Null. Die Szene vor Ort genauso wie die Fans zuhause fingen an zu rechnen: Wenn Michi Jung jetzt auch noch Null bleibt, dann, ja dann kann mit den Punkten von Dirk Schrade Ingrid Klimke reiten wie sie will – das Gold ist sicher.

Michael Jung ritt Null, aber es klapperten doch die ersten Sprünge, bis Sam begriffen hatte, dass heute einfach kein Fehler gemacht werden durfte. Alles blieb liegen, genauso übrigens wie bei der Britin Mary King mit Imperial Cavalier, bei der die Stangen noch viel mehr in den Auflagen gewackelt hatten. Zara Phillips hingegen kassierte vor den Augen der royalen Verwandtschaft sieben Punkte, und hat damit letzlich das Gold versiebt, denn auch Kristina Cook auf Miners Frolic blieb ohne Abwurf.

Die Schweden konnte ihre Form nicht halten, bekamen Abwürfe, bis auf Sara Altgotsson-Ostholt. Ihre Schimmelstute Wega sah aus, als ob sie an diesem Tag keinen Fehler mehr machen würde, sprang deutlich über jedes Hindernis, sauber, wie ein richtiges Springpferd, eine tolle Runde. Ingrid Klimke als letzte Reiterin galoppierte mit Abraxxas bereits als Olympiasiegerin ins Stadion, befreit von allem Druck. Braxxi ließ es bei zwei Abwürfen bewenden, wenig für seine Verhältnisse, aber die waren nach Zaras Fehlern auch egal. Klimke war damit Achte, drittbeste deutsche Reiterin und noch für das Einzelspringen qualifiziert. Doch schon beim Herausreiten beschloss sie, ihren Startplatz an Schrade, vorläufig Platz zehn, abzutreten. Dirk hatte noch eine Chance auf einen zweiten fehlerfreien Parcours, ich nicht. Mein Pferd hat genug getan. Doch diese sportliche Haltung wurde nicht belohnt. Zwar lässt die IOC-Regel zu, dass ein Sportler im Endkampf durch einen anderen derselben Nation getauscht werden kann, aber der Weltreiterverband FEI verhindert dies durch eine Sonderregel, die nur für die Vielseitigkeit gilt und deren Sinn gestern nicht nur Dirk Schrade, der bereits den Kurs abgegangen war, vergebens suchte. So starteten im Einzelspringen nur noch die beiden Deutschen Michael Jung und Sandra Auffarth, in Führung lag Sara Algotsson-Ostholt. Auffahrth und Jung wiederholten ihre makellose Runde und Michi Jung nahm bereits die Glückwünsche zur Silbermedaille entgegen, als bei Sara Algotsson-Ostholt die letzte Stange fiel, Jung war Olympiasieger. Im ersten Moment sei die Enttäuschung riesig gewesen, sagte Saras Ehemann Frank Ostholt, aber nur kurz. Dann habe man über Silber gejubelt. Ostholt, 2008 Olympiasieger mit der deutschen Mannschaft und für London nicht nominiert, betreute in London im schwedischen Dress seine Frau.

Stolz stand Bundestrainer Hans Melzer vor den Kameras, Mikrophonen und Notizblöcken. Als jemand fragte, wie man sich fühlt, das heißersehnte erste deutsche Gold gewonnen zu haben, da nahm er geradezu Haltung an. Wir werden heute abend ganz stolz durchs olympische Dorf marschieren, sagte er. Falls wir da noch hinkommen. Feiern werden wir woanders, im Dorf gibt es nämlich nur Wasser und Limonade. Und schon morgen muss Melzer seine Akkreditierung an Springreiter-Bundestrainer Otto Becker abgeben. Man spürt in jeder Phase, dass dies ein tolles Team ist, sagte der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, von den Vielseitigkeitsreitern, das sind nicht nur fünf einzelne Sportler. Er war nach Greenwich in der Hoffnung gekommen, die erste Goldmedaille für das deutsche Team mitzuerleben. Die Fahrt in Londons Südosten hat sich gelohnt. Die Reiter jubelten und fielen sich in die Arme, und die Funktionäre des Deutschen Olympischen Sportbundes atmeten sichtlich erleichtert auf. Vesper versprach sich gestern vom Erfolg der Buschreiter eine Initialzündung, die auf die anderen deutschen Olympiasportler übergreifen würde.

Die Mannschaftsbronzemedaille ging nach Neuseeland. Doppelolympiasieger Mark Todd, 28 Jahre nach seinem ersten Olympiasieg wieder auf dem Treppchen, freute sich darüber, gab aber zu, dass ihm eine andere Metallfarbe noch besser gefallen hätte. Sein Hannoveraner Campino kassierte im ersten Springen sieben, im zweiten acht Fehler, wirkte nach dem Gelände etwas müde. So wurde aus der möglichen Einzelbronzemedaille Platz 12. Noch immer haderte Andrew Nicholson, einzeln auf Platz vier, mit den Dressurrichtern, die ihm eine bessere Note und damit letztlich vielleicht eine Einzelmedaille vermasselt hatten. Kurz vor seinem Einritt war die Prüfung wegen Regens unterbrochen worden, sein Pferd Nereo ging anschließend unter Form. Ich kann bei Regen, Blitz und Donner reiten, sagte Nicholson, was macht das schon. Nur fünf Pferde blieben in beiden Springprüfungen ohne Abwurf. Dazu gehörte auch Mr. Medicott von Karen OConnor, der 2008 noch unter Frank Ostholt zum deutschen Sieg beigetragen hatte.

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