CHIO Aachen: Fahrer starten mit angezogener Handbremse

Archiv: Michael Brauchle EM Aachen 2015

Lange Gesichter nach der Dressur im deutschen Fahrerlager: Platz fünf für das Team (Brauchle, von Stein, Sandmann) nach der ersten Teilprüfung für den Nationenpreis ist mehr als enttäuschend.

Zwar ist man seit Jahren daran gewöhnt, dass die Niederländer hier in Führung gehen (81,46 Punkte), aber mit dem diesjährigen Ergebnis von 108,72 Punkten sogar hinter den USA (95,27), Ungarn (101,29) und Belgien (103,23) zu landen war ein untrüglicher Hinweis, dass an den Leistungen in der Dressur dringend gearbeitet werden muss. Schließlich soll es bei den Weltmeisterschaften der Vierspänner im September im niederländischen Breda zu einer Medaille reichen. Sorgenfalten deshalb auf der Stirn bei Bundestrainer Karl-Heinz Geiger, der die Ursache für das schlechte Abschneiden seiner deutschen Fahrer in erster Linie auf die häufigen Taktfehler der Pferde zurückführte, insbesondere im Schritt. „Wenn ein Pferd von Hause aus nicht so viel Raumgriff im Schritt hat, trotzdem aber mit den anderen Schritt halten möchte im wahrsten Sinne des Wortes, wird es zunächst zu eilig und zackelt dann an, um mitzuhalten. Schon ist die Note in dieser Lektion für das ganze Gespann im Keller, Taktfehler sind nun einmal schwere Fehler, die auch entsprechend geahndet werden“, erklärt er die Bewertung der deutschen Fahrer.

Das beste Ergebnis fuhr Georg von Stein ein, mit 53,92 Punkten landete er auf Platz zehn. Das gab keinen Anlass zum Jubel, aber auch nicht zum Hadern, hatte er sich doch im Vergleich zu der Einlaufprüfung am Mittwoch sowohl nach eigenem Urteil sowie der Bewertung durch die Richter verbessert. Nicht so Christoph Sandmann, dessen Pferde nicht zur erwünschten Losgelassenheit fanden. Platz zwölf mit 54,80 Punkten ist ein ganz schwieriger Ausgangspunkt für eine gute Platzierung in der kombinierten Prüfung. Dabei hatte der siebte Platz mit 51,46 Punkten in der Einlaufprüfung (einer vorgeschalteten Dressuraufgabe, in der es lediglich um die Einzelwertung geht) auf Verbesserung hoffen lassen. Noch schlimmer erwischte es Michael Brauchle, der hier in Aachen im vorigen Jahr überraschend Europameister geworden war. Eigentlich hat sein jetziges Gespann, im Gegensatz zu den Vorgängern, das Potenzial für eine ordentliche Dressurprüfung. Heute aber fing es just bei seiner Vorstellung an zu regnen und zu stürmen. Das ließ auch die an sich sturmerprobten Fahrpferde nicht ungerührt. In der gesamten Schritttour zackelten seine Pferde an, drehten sich gegen den Regen und waren alles andere als bei der Sache. Die Quittung waren 58,58 Strafpunkte auf Platz 18. Auch den beiden deutschen Einzelfahrern ging es nicht besser, Rainer Duen fuhr 60,17 Strafpunkte auf Platz 21 ein, Rene Poensgen mit 63,00 Strafpunkten auf Platz 22.

„Wir schauen jetzt nach vorn“, beschloss Georg von Stein nach Bekanntgabe des desaströsen Ergebnisses. „Morgen absolviert erst mal jeder für sich ein schneidiges Hindernisfahren, am Samstag geben wir im Gelände alles für das Team. Abgerechnet wird bekanntlich zum Schluss“. Und das ist erst am Sonntag nach dem abschließenden Hindernisfahren, in dem die Sieger sowohl im Nationenpreis als auch in der kombinierten Einzelwertung ermittelt werden.

Die größten Hoffnungen auf den Einzeltitel kann sich (wieder einmal) der Australier Boyd Exell machen, der sich zum sechsten Mal in die Siegerliste eintragen möchte. Er gewann sowohl die Einlaufprüfung am Mittwoch (34,05 Punkte) wie auch die erste Wertungsprüfung für die kombinierte Einzelwertung (34,86 Punkte) mit Weile. Seine Vorstellung bestach durch Losgelassenheit und Schwung der Pferde, die Akkuratesse der gefahrenen Hufschlagfiguren. Nicht zuletzt durch das Gespann an sich, das mit vier bunten Rappen ein echter Hingucker ist. Beeindruckend, wenn die vier in den Trabverstärkungen so richtig loslegen. Ebenso beeindruckend, wenn sie sich dann gehorsam und geschmeidig wieder aufnehmen lassen.

Der US Amerikaner Chester Weber ist ihm seit Jahren auf den Fersen, er konnte 2014 die kombinierte Einzelwertung für sich entscheiden. Darauf kann er sich mit 38,34 Punkten aus der Dressur durchaus noch Hoffnung machen, jedoch wirkten seine Pferde nicht ganz so frisch und unternehmungslustig wie die des amtierenden Weltmeisters Boyd Exell. Weber hat also noch ein schweres Stück Arbeit vor sich. Ein ganz heißer Bewerber um den Sieg ist auch der Niederländer Isbrand Chardon, Dritter nach der Dressur mit 39,05 Punkten. Der mehrfache Aachen-Sieger ist sowohl im Marathon als auch im Kegelfahren stark, er ist der dritte heiße Kandidat für einen Gesamtsieg.