Schön zu lesen: Zu Besuch beim Weltcupfinale 2016 in Göteborg

Weltcupfinale 2016_Siegerehrung

Hoch soll er leben! Steve Guerdat ist der alte und nun auch der neue Weltcupsieger – sehr zu seiner eigenen Überraschung. (© von Hardenberg)

Hjärtligt välkomna i Göteborg! In diesem Jahr nicht wegen Corona, sondern wegen Herpes vereitelt, bescherte das Weltcupfinale 2016 in Göteborg, Schweden, St.GEORG-Redakteurin Dominique Wehrmann ein besonderes Osterwochenende. Eine Reportage über denkwürdige Tage mit neuen und alten Siegern, grandioser Stimmung und überraschenden Erkenntnissen aus dem Jahr 2016.

Pauline (von Hardenberg, Fotografin) und ich (Dominique Wehrmann, Redakteurin) haben beschlossen, dass unsere Wecker um fünf Uhr früh unser Osterwochenende einläuten sollen. Heute ist Karfreitag, der Tag des Weltcupauftaktes mit Grand Prix und Zeitspringen. Ab sechs Uhr dürfen die Reiter in die Halle zum Morgentraining. Das wollen wir nicht verpassen. Das sind die Stunden, wenn all die Großkopferten sich mit noch kleinen Augen verschlafen an ihren Kaffeebechern festhalten, während die Pferde sich mit gespitzten Ohren und erwartungsvollem Blick über die Abwechslung zu früher Stunde freuen. Fast alle nutzen diese Chance, sich mit dem Scandinavium anzufreunden. Die Dressurreiter in der Haupthalle, die Springreiter auf dem Abreiteplatz.

Dort wo jetzt auf sicher 150 Quadratmetern eine 40 Zentimeter dicke Reitbodenschicht liegt, dreschen sonst die Frölunda Indians den Puck aufs Tor. Es handelt sich um das umfunktionierte Eishockeyspielfeld. Sehen tut man davon nichts mehr, aber spüren. Unter dem Reitsand befindet sich noch das Eis, dementsprechend kalt ist es in dem Gewölbe, das man durch lange Gänge neben dem Scandinavium erreicht. Die Reiter stört das nicht und die Pferde schon gar nicht. Die zweibeinigen Athleten schätzen den Platz, der ihnen hier geboten wird, die Pferde die frische Luft. Aber Vorsicht: Wer hier beim Abspringen die Stangen zu hoch zieht, riskiert, sich an der eher niedrigen Decke der Heimat der Frölunda Indians klebend wiederzufinden. Solche Gedanken kommen mir aber erst später.

Im Augenblick sind wir sehr angetan von dem Programm, das uns hier von den Springreitern geboten wird. Um acht Uhr in der Früh werden alle Pferde auf Trense, ohne Schlauf-oder sonstige Hilfszügel dressurmäßig gearbeitet. Christian Ahlmann trabt Taloubet Z am hingegebenen Zügel locker ab. Rich Fellers’ 20-jähriger (!) Cruising-Sohn Flexible, Weltcupsieger von 2012, hoppelt etwas steif, dafür umso eifriger den Hufschlag entlang. Kevin Staut übt sich in Distanztrockenübungen über Stangen auf dem Boden. Sein Landsmann Patrice Delaveau und der Weltranglistenerste Simon Delestre galoppieren ihre Pferde im leichten Sitz, nehmen sie auf, lassen sie wieder nach vorne, testen, ob „Gas und Bremse“ funktionieren, dasselbe bei Penelope Leprevost. Das, was die Franzosen Dressurreiten nennen, würde vielleicht keinen Stilpreis bekommen, aber die Pferde fühlen sich offensichtlich wohl. Wir sehen sie in den kommenden Tagen noch häufiger auf diese Weise. Das unreiterliche Verhalten von Penelope Leprevost beim Abreiten vor dem letzten Springen am Ostermontag, welches später noch den Weltreiterverband, den Veranstalter, uns als Medien und die Social Media-Kanäle beschäftigen wird, ist in diesen Momenten noch sehr weit weg. Ich habe keine Ahnung, wieso Leprevost an diesem Tag so überreagiert. Ich habe die Szene selbst nur auf Video gesehen. Aber uns scheint das eher nicht die Regel zu sein.

Der Weg zum Weltcup-Titel der Springreiter führt über drei Prüfungen, ein Zeitspringen am Freitag, ein Springen mit Stechen am Samstag und das Finale mit zwei Umläufen am Ostermontag. Vom ersten Tag an begeistern uns die deutschen Springreiter in Göteborg: Niklas Krieg auf Carella, Marco Kutscher mit Chaccorina, Marcus Ehning auf Cornado und Daniel Deußer mit Cornet d’Amour. Sie alle bleiben fehlerfrei im ersten Zeitspringen für die Weltcupwertung. Wobei Marcus Ehning an diesem Abend eigentlich anderes im Kopf hat. Direkt nach seiner souveränen Runde mit Cornado hält er uns sein Smartphone unter die Nase. Wir sehen das Foto eines Fohlens mit breiter Blesse. „Guckt mal, Küches Fohlen von Plot Blue, Eltern Weltcupsieger, Kind geboren zum Weltcupfinale!“, freut sich Ehning. Kurz: Alle sind guter Dinge. Alle, bis auf einen. Christian Ahlmann, ausgerechnet der große Favorit, hat an diesem Freitag aufs falsche Pferd gesetzt. Um seinem Taloubet Z eine Prüfung zu ersparen, hat er Colorit gesattelt. Der Württemberger Sieger im Großen Preis von Braunschweig und German Master von Stuttgart räumt jedoch zwei Stangen ab und macht die Hoffnungen seines Reiters damit quasi zunichte. In Führung gehen am ersten Tag Penelope Leprevost und Simon Delestre.

von Hardenberg

Corbinian, Cornado und hier Cornet d‘Amour unter Daniel Deußer, drei Cornet Obolensky-Söhne an der Spitze des Weltcups – wow! (© von Hardenberg)

Ahlmann‘s Aufholjagd

Gab es am ersten Tag noch eine ganze Menge Null-Fehler-Ritte, ist schon die zweite Qualifikation ein Heldensterben. Es dauert lange, bis statt „Neiiijjj!“ endlich wieder das Jingle für einen Null-Fehler-Ritt ertönt. Man sieht: Wir haben schon Schwedisch gelernt! Wenn bei uns ein kollektives „Oooooh!“ nach einem Fehler laut wird, heißt es bei den Schweden „Neeeiiiijjj!“ Übersetzt: „Neeeiiiinnnn!“ Und wenn ein Reiter fehlerlos gesprungen ist, spielt Musiklegende Günther Alberding einen Jingle ein, der für Partylaune sorgt (Der Mann kennt sich damit aus, ehe er sich der Beschallung der größten Pferdesportevents rund um den Globus verschrieb, hatte er jahrelang eine weit über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannte Disco und stand selbst hinter dem Mischpult).

Der erste, der als Nuller gefeiert wird, ist Christian Ahlmann auf dem fantastischen Taloubet Z. Er gewinnt dieses Springen schließlich auch dank eines Stechritts wie aus dem Lehrbuch – ohne sich abzuhetzen, nehmen die beiden Wendungen, an die sich kein anderer wagt. Kein Wunder, die fahren ja auch keinen Ferrari wie Taloubet, meint Christian Ahlmann anschließend. Solche Linien könne man nur mit einem Pferd wie diesem 16-jährigen KWPN-Hengst reiten, der „aus jeder Lebenslage noch einen Sprung“ entwickeln kann. Nach der zweiten Qualifikation hat er sich immerhin auf Rang zehn vorgearbeitet.

von Hardenberg

Familienbild nach Ahlmanns Sieg im zweiten Springen. Vor ihm im Sattel von Taloubet Z: Sohn Leon. An seiner Seite: Judy-Ann
Melchior. (© von Hardenberg)

Finale

Ostermontag, Finale des Springreiterweltcups. Die beiden Finalrunden haben es besonders in sich und verlangen nach Meistern im Sattel mit mutigen und geschickten Pferden. So erklärt es uns Medienvertretern jedenfalls der Technische Delegierte. Ich persönlich finde ja, dieser Dschungel – dieses Bild drängt sich angesichts der Blumenfülle der Göteborger Parcours einfach auf – mit mehr als einem Dutzend Häusern drin verlangt eher nach – Leitern? einem Superman-Umhang? einem Propeller? Jedenfalls nach Hilfestellung beim Überwinden.

Schon im ersten Umlauf des Finales hatte Parcoursdesigner Santiago Varela aus Spanien die Reiter vor Herausforderungen gestellt. Nachdem er aber den Parcours für die zweite Runde abgegangen ist, meint der bis dato drittplatzierte Daniel Deußer zum Führenden Steve Guerdat: „Wenn ich nach dem Springen noch auf dem Treppchen stehe, bin ich glücklich.“ Steve Guerdats trockene Antwort: „Ich auch.“

Die Arena des Scandinaviums in Göteborg ist gesteckt voll. 11.000 Zuschauer, die den Hallenweltmeister feiern wollen. Wir sind schon in den Vortagen reichlich mit Hundeshows, Gesangseinlagen, Mounted Games usw. unterhalten worden. Aber heute brodelt es im Scandinavium. Die Halle tobt, das Publikum hüpft im Takt auf den Sitzen, Sprechchöre erschallen von der einen und der anderen Seite, La Ola-Wellen schlagen durch das Rund. Parcoursumbau? Ein Erlebnis! Kaum droht Langeweile aufzukommen, stehen Animateure zur Bespaßung bereit. Fast wie im Cluburlaub. Und ich muss gestehen: Auch ich ertappe meine Füße beim Wippen. Das Schöne: Musikchef Alberding weiß ganz genau, Pferde stehen eher weniger auf lautes TamTam. Darum spielt er, wenn ein Pferd in der Bahn ist, die Musik nur ganz kurz ein, heizt die Zuschauer an und dreht dann sofort wieder herunter. Schließlich sollen die vierbeinigen Helden nicht das Gefühl haben, für ihre Nullrunde bestraft zu werden. Die abzuliefern ist hier ohnehin schwierig genug.

Ein Ausnahmepferd, kein Jedermannpferd

Rund eine Stunde später hat der Schweizer Olympiasieger es geschafft. Ohne übernatürliche Kräfte. Steve Guerdat ist selbst überrascht: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich hier heute als Sieger vor Ihnen stehen würde“, erklärt er uns erfrischend ehrlich, nachdem er sich bei der Siegerehrung von den Kollegen auf dem Treppchen, Harrie Smolders (NED) und Daniel Deußer, hat hochleben lassen. Guerdats Corbinian ist ein Ausnahmetalent, aber kein Jedermannpferd. „Wir haben nicht direkt miteinander gekämpft. Aber uns immer ein wenig gesucht.“ Seit Mitte 2014 hat Guerdat den Westfalen unter dem Sattel. Bis Göteborg hat der Durchbruch auf sich warten lassen. Der Sieg? „Ein absoluter Teamerfolg!“ Dabei hatte Guerdat sich für dieses Weltcupfinale vor allem vorgenommen zu zeigen, dass er „definitiv besser reiten kann“ als in der Endrunde von Las Vegas, wo seine Paille sich mit einem gewagten Sprung quasi durchs Hindernis ins Ziel rettete, Guerdat aber trotzdem Weltcupsieger wurde, weil die anderen Reiter ebenfalls Probleme mit dem damals zuständigen Parcourschef hatten. „So etwas vergisst man nicht“, gibt Guerdat zu. Ob er wisse, wieviel Geld er bei diesem Turnier verdient hat? „Interessiert mich nicht!“ Falls es Sie interessiert: Es sind gut 230.000 Euro.

Den Silberteller für den Zweitplatzierten hält der Niederländer Harrie Smolders in der Hand. Er hatte den Diamant de Semilly-Sohn Emerald mit dabei, seinen „Aston Martin“.

Er sprang so gut, dass ich mich zwischendurch echt festhalten musste,

schwärmt Smolders von den Runden des Hengstes. Er und Daniel Deußer haben am Ende exakt dieselbe Fehlerpunktzahl auf dem Konto. Aber da Smolders ein wenig schneller unterwegs war, gebührt ihm der zweite Platz vor dem Sieger von 2014. Marcus Ehning wird zum zweiten Mal mit Cornado Vierter. Marco Kutscher hat mit der zehnjährigen Chaccorina v. Chacco-Blue ein Weltpferd unter dem Sattel, dem im letzten Springen ein wenig die Kraft ausgeht, Rang zwölf.

Maximale Präzision

Tief enttäuscht ist am Ende Niklas Krieg. Dabei hatte er so gut angefangen. Wir hatten ja schon befürchtet, der Star von Leipzig müsse in Boxershorts reiten, weil sein neues Sponsorenoutfit nicht rechtzeitig fertig geworden war und schließlich von Pauline und mir im Auto mit nach Göteborg genommen werden musste. Was, wenn wir einen Unfall bauen? Aber wie sagt der Rheinländer? Et hät noch immer jot jejange. Die neuen weißen Hosen bringen Niklas in der ersten Wertung Glück, null Fehler. Aber wie auch vielen wesentlich erfahreneren Kollegen, wird ihm im zweiten Wertungsspringen die Schlusslinie zum Verhängnis. Das Ergebnis: zwei Abwürfe. Zwei Tage später, im ersten Umlauf des Finales, werden es drei. Wir leiden mit ihm. Zumal er wirklich gut geritten ist und eigentlich kein bisschen überfordert wirkte. Am letzten Springen nimmt der 22-Jährige nicht mehr teil. „Niklas hat hier einen sehr guten Job gemacht“, tröstet Bundestrainer Otto Becker. „Er ist viel besser geritten, als sich das Ergebnis liest. Mit dieser Präzision, mit der die anderen das hier geritten sind, das kann so ein junger Kerl einfach noch nicht.“ Er sieht ihn trotzdem dieses Jahr in einer Nationenpreismannschaft.

Und der große Favorit? Christian Ahlmann kämpft sich dank zweier weiterer fehlerfreier Umläufe im Finale bis auf Rang sechs vor. Wenn die Fehler im Zeitspringen nicht gewesen wären … Ahlmann trägt es mit Fassung: „Lässt man Tag eins weg, ist mein Fazit sehr gut. Es überwiegt die Freude, wie gut Taloubet hier gesprungen ist.“ Und nicht nur der. Bundestrainer Otto Becker kann optimistisch auf die olympische Saison schauen: „Wie die geritten sind und wie die Pferde gesprungen sind, das macht mich wirklich glücklich!“ Fazit: Weitermachen!

Die Dressur

mit gemischten Gefühlen. Nach diversen Absagen der „Big Names“ gibt es zwei heiße Anwärter auf den Titel: Jessica von Bredow-Werndl, die im vergangenen Jahr ja bereits Dritte geworden war, und Hans Peter Minderhoud, der vor dem Finale hinter Isabell Werth Zweiter der Weltcup-Gesamtwertung war. Minderhoud bringt die Situation auf den Punkt: „Ich weiß, wenn ich einmal in meinem Leben den Weltcup gewinnen will, dann ist das hier meine Chance!“ Der Mann ist Realist. Es fehlen Charlotte Dujardin, Isabell Werth, Edward Gal und Beatriz Ferrer-Salat. Sie alle haben im Vorfeld abgesagt. Und wenn sie angetreten wären, dann ohnehin nicht mit ihren besten Pferden. Das ist schade für den Veranstalter, für die Zuschauer und auch für die Sponsorin, die New Yorker Houte Couture-Designerin Reem Acra, die gerade erst den Sponsorenvertrag verlängert hat. Es entwertet das ganze Turnier.

Ich persönlich freue mich trotzdem auf die Dressurprüfungen! Schon allein, um bei der Morgenarbeit zuschauen zu können. Ich liebe diese ruhige Arbeitsatmosphäre! Göteborg macht da keine Ausnahme. Ich empfinde es wirklich als ein Privileg meines Jobs, einer Fabienne Lütkemeier zuschauen zu können, wie sie früh morgens mit ihrem D’Agostino – „Daggi“ – am Halfter und Strick durchs Viereck tapert, ihn an jedem Buchstaben schnuppern lässt und es ganz ruhig angehen lässt, während um sie herum die Kollegen mit ihren Pferden beschäftigt sind. Wer übt noch einmal intensiv Lektionen (z.B. die Schwedin Emelie Nyreröd)? Wer reitet nur Schritt oder nur locker und sorgt für gute Laune (z.B. Jessica von Bredow-Werndl, Hans Peter Minderhoud, Marcela Krinke-Susmelj)? Hier sieht man es.

Grand Prix für Minderhoud

Einige Stunden später geht’s los. Grand Prix-Tag! Am Ende ist es mit Hans Peter Minderhoud auf seinem Florestan-Sohn Flirt tatsächlich einer der Favoriten, der den Sieg davon trägt, vor den beiden Schweden Tinne Vilhelmson-Silfvén und Patrik Kittel. Minderhoud ist nicht nur hinsichtlich der Einschätzung seiner Chancen mit einem gesunden Realitätssinn ausgestattet. Auch von seinem Pferd sagt er: „Als ich ihn bekam, dachte ich: ,Ein gutes Grand Prix-Pferd. Aber kein Sieger’.“ Man versteht, was er meint. Wäre Flirt ein Mensch, wäre er wahrscheinlich für die Personalausweisverlängerungen auf dem Amt zuständig – keiner der unnötig Energie verschwendet, aber eben auch zuverlässig und korrekt seinen Job macht. Letzteres soll sich dieses Jahr als der entscheidende Trumpf entpuppen, denn Flirt verschenkte schon im Grand Prix keinen Punkt.

Anders Tinne Vilhelmson-Silfvéns Don Auriello. Er steht nicht bei der ersten Grußaufstellung, macht dann aber seinen Job. Patrik Kittels Scandic zeigt eine super Prüfung mit Höhepunkten in der Piaffe-Passage-Tour. „Da kann ich auf Autopilot schalten“, witzelt Kittel. Jessica von Bredow-Werndl wird Vierte, nachdem Unee BB im versammelten Schritt einmal angezackelt ist und ihr die Einerwechsel vorweg genommen hat, die dadurch mit hoher Kruppe gesprungen waren. Teure Fehler.

Wahrscheinlich hatte ich noch nie ein so gutes Reitgefühl!

sagt Jessica später, etwas enttäuscht. Macht nichts, trösten wir sie. Um die Wurst bzw. den Platz auf dem Treppchen geht es doch erst Sonntag. Aber Jessica von Bredow-Werndl weiß: „Der Grand Prix ist die Visitenkarte.“

Fabi Superstar

Sonntag ist Weltcuptag für die Dressurreiter. Als Fabienne Lütkemeier und D’Agostino nach dem Gruß antraben, hängt Anspannung in der Luft. Doch die weicht immer mehr einer allgemein spürbaren Begeisterung. Fabienne und D’Agostino zelebrieren die vielleicht beste Kür ihres Lebens. Gar nicht so sehr, weil diese so spektakulär schwierig ist (wobei Fabienne spontan beschließt, ein Experiment zu wagen und auf der Mittellinie aus den Zweierwechseln in die Einer überzugehen, was hervorragend gelingt). Nein, es ist die Freude, die Reiterin und Pferd ausstrahlen, welche das Publikum mitreißt. D’Agostinos Ohren sind gespitzt. Er ist hellwach, lauscht aber zugleich auf das leiseste Signal seiner Reiterin. Er scheint selbst einen Riesenspaß dabei zu haben, seine Stärken voll auszuspielen. Sicher, man wünschte dem De Niro-Sohn etwas mehr Talent für die versammelten Lektionen wie Piaffen und Pirouetten, die ja auch noch doppelt zählen. Aber alles was nach vorne geht, das kann D‘Agostino. Und seine Reiterin weiß seine Vorzüge in Szene zu setzen.

Als Fabienne zum letzten Mal auf die Mittellinie abbiegt, schleicht sich ein Grinsen in ihr Gesicht, das mit jedem Meter auf die Richter zu breiter wird. Ab X heben die Zuschauer ihre Hände, als Fabienne zum Halten kommt, donnert der Applaus. Fabienne fällt ihrem D’Agostino um den Hals und winkt begeistert den ekstatisch applaudierenden Zuschauern zu.

Das müssen doch jetzt mindestens 79 Prozent sein

jubelt der Co-Bundestrainer der Springreiter, Heinrich-Hermann Engemann, hinter den Kulissen. Die Richter sind offenbar anderer Meinung, nur gut 78 Prozent. Fabienne kann das nicht wirklich schocken. Sie sei gerade nur glücklich, egal, was am Ende dabei herauskommt. Es ist Platz sechs.

von Hardenberg

Man beachte D‘Agostinos Gesichtsausdruck. So sieht der viel beschriebene Happy Athlete wirklich aus. (© von Hardenberg)

Nationalhelden

Wer Leistung bringt, wird beklatscht, egal ob Schwede oder nicht. Wobei die Schweden, Patrik Kittel mit Scandic und Tinne Vilhelmson-Silfvén mit Don Auriello, schon Applaus bekommen, noch ehe sie überhaupt die Startklingel gehört haben. Die ausländische Publikumspresse kann sich gar nicht genug darüber freuen, dass Kittel und seine australische Frau Lyndal Oatley zusammen in einer Prüfung reiten. Rosenkrieg auf dem Dressurviereck? Naja, mit ungleichen Waffen vielleicht. Kittel wird Vierter (trotz nicht gezeigter Schritttour und permanenter Spannung), Oatley Elfte. Mit viel Wohlwollen seitens der Richter.

Und unsere Weltcuphoffnung? Jessica von Bredow-Werndl wiederholt ihren Vorjahreserfolg. Ein bittersüßer dritter Platz für die Bayerin: „Ich bin angetreten, um zu gewinnen. Ich hatte zwei dicke Patzer und das ist verdammt schade. Aber das zweite Mal auf dem Podium zu stehen, ist super!“ Das erste Mal ist es für Hans Peter Minderhoud, der sich noch vor Lokalmatadorin Tinne Vilhelmson-Silfvén behaupten kann – mit einigen Ausbildungsmängeln seines Flirts wie fester Oberlinie, fehlender Rahmenerweiterung und vor allem deutlich ungleichen Tritten in der Passage. Was in Minderhouds Augen besonders erfreulich an der Sache ist: „Es ist gut für mein Verhältnis zu Edward, dass ich die Trophäe gewonnen habe.“ Aha, interessant … Wir packen jetzt unsere Koffer und machen uns auf den Heimweg. Göteborg, jetzt kannst Du was von uns lernen: In Hamburg sagt man Tschüss!

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